„So ist es*, sagte Steyer. „Was hilft hier leugnen. Der gute Herr KIroien würde es Ihnen ja doch verraten." .
firau v. Blintburg war verdutzt. Man muß das verstehen tonnen. Ihr Gatte war als Hauptmann 1918 gefallen 2hr Bater lebte noch, ein Oberst, nun Gutsbesitzer, der doch nicht begriff, daß bie Welt nach 1918 weitergehen konnte. Ein Schriftsteller, oder wie man mit dünnem Lächeln in ihrer Familie sagen würde: ein Dichter, war ihr bisher nicht über den Weg gelaufen. So also sah ein Mann aus, der (oldje rouöen Mordqeschichten ichrieb? Sie vergewisserte sich: „Sind Sie wirklich Herr Steyer, der Verfasser dieses Romans?* und als Steyer mckte, „warum haben Sie das nicht gleich gesagt?* „
„Vielleicht würden Sie um Hilfe gerufen haben.
3um ersten Male lächelte sie ihn an. „Aber ich bin doch erst auf Seite 56*, sagte sie, „da leben noch alle Personen Ihres Buches..
„Richtig*, sagte er, und seufzend: „leider, ich bin zu gutmütig*
Sie klappte das Buch zu und legte es auf den kleinen Tisch neben die Kaffeetasse. Jetzt wünschte sie womöglich gar nicht mehr, daß dieser Mann sich davonmachte? „Warum gehört der Mord an den Anfang? , fragte sie. „Sie forderten bas vorhin. Ist es wichtig?*
Er nickte. „Nicht gerabe an ben Anfang. Aber auf Seite zehn spätestens muh der Mord geschehen. Der Leser muß wissen, woran er ist.
„Aber er soll bas boch gerabe nicht wissen!*
„Er soll wißen, um was es geht Sonst hat er nicht bas richtige Interesse Ein Morb Da steht als nächstes Wort bie Frage: Wer? Nun ist bie Spannung ba, unb Sie bürfen in bie Geschichte so viel Hineingeheimnissen, wie Sie erfinben können. Der getreue Leser wühlt sich hindurch, um am Enbe zu finbcn, baß der Mörder mit der ganzen Geschichte nichts zu tun hatte. Ein Landstreicher, der oor- überging, ein Jäger, der einen unglücklichen Schuß abfeuerte — nun, Sie kennen ja die Geschichten.*
Frau v. Blinkburg nickte erheitert. „Ich weiß immer schon nach ganz kurzer Zeit, wer der Täter war, beziehungsweise, ob er in dem Kreis der handelnden Personen zu suchen ist.*
Steyer legte den Kops schief. „Erlauben Sie, das ist wohl über« trieben. Wir haben fabelhafte Kriminalromane.* Er sprach nicht von sich; sein Berufsehrgeiz opponierte.
„Bringen Sie mir einen Kriminalroman, ich sage Ihnen vor der Mitte des Buches, wer der Täter ist!*
Er lachte unb schwenkte vom Thema ab; unmöglich konnte er ihr seine Romane bringen. Wie hätte bas ausgesehen, nicht wahr. Er sagte: „Haben Sie viel gelesen?"
„Ich bin viel allein", antwortete sie, „ich reise auch viel. Da ist ein Kriminalroman so bequem. Man braucht nicht zu denken."
„Nein, das hat der Autor vor Ihnen bewerkstelligen müßen."
,HH, verzeihen Sie!" Frau v. Blinkburg war aufrichtig erschrocken. Er wehrte ab. „Weshalb! Sie waren nur ehrlich." Er betrachtete sie. Wenn sie nicht so hübsch wäre, dachte er, könnte man sich über sie ärgern. Aber so kommt man nicht dazu. Man muß die Bögen dieses wundervollen Mundes ansehen, wenn sie spricht. Ihre Nasenflügel zittern ein wenig, wenn sie lacht. Sicherlich hat sie sehr viel Temperament; — aber bas steht hier ja keineswegs zur Debatte. Energisch rief er sich selber zurück. „3dj will Sie nicht länger stören, gnäbige Frau", sagte er förmlich, aber in so vertrautem Ton, als spreche er zu einer guten Bekannten. „Sie wollen gewiß Ihr Buch lesen." Er verneigte sich, lächelte herzlich und trat einen Schritt zurück.
Frau v. Blinkburg sah ihn noch einmal an unb entschloß sich bann zu einem Lächeln ihrerseits; während sie bas Buch aufnahm, verab- schiedete sie ben Autor gütig mit einem leichten Neigen bes Kopfes. Steyer ging; er hatte bas untrügliche Gefühl für biefe Minute: jetzt mußte er erst einmal verschwinben; es gatt, auch ben Anschein einer Aufdringlichkeit zu vermeiben bei biefer Frau. Ihr Interesse an seiner Person schien geweckt. Was kann man von ben ersten zehn Minuten einer Bekanntschaft Besseres sagen. So schritt er davon in heiterster Laune. Diese kleine Ausspannung hier im Heibehotel würde vielleicht ganz reizend werben.
Als er oben in (einem Zimmer ftanb — warum war er denn eigentlich vorhin heruntergekommen? Ach ja, Kaffee zu trinken; nun, lassen wir bas — als er sich, wirklich zufällig, im Wanbspiegel ansah, begann auf ber Beranba bie kleine Kapelle — Klavier, Cello unb Geige — zu (crenaben. Sie fanb auf fonberbare Art einen Schlager. Steyer kannte die Melodie, er summte ben Text bazu, diese höchst abrupten Wendungen. Fräulein, parbon — ich glaub’, wir kennen uns schon —. Aber bas glaubt man immer nur. Das p. p Fräulein sorgt bann für lieber« raschungen, so baß man zum Schluß roieber nur sagen kann: Fräulein, parbon.
Bor bem Abenbessen erwischte Herr Alwien die gnädige Frau von Blinkburg an ber Tür zum Speisesaal. Vielleicht sagte sich biefer Ge- schästsführer, baß für bies große Abendkleib — schwarz, unten ein durchsichtiges Tüllgewebe, bis zu ben Knöcheln reichenb — ein Partner am Tisch sitzen müße, ber biefem Kleid unb seiner Trägerin bie ge- dührenbe Bewunderung zollte. Er rebete sie an unb erfunbigte sich dezent, ob es ber gnädigen Frau unangenehm wäre, wenn er Herrn Adalbert Steyer an ihren Tisch setzen würde.
Frau o. Blinkburg fragte nicht: Hat sich Herr Steyer an Sie mit dieser Bitte gewandt? Sie wußte, diese Männer hielten in solchen Fällen zusammen wie Ziehhunde. Sie nickte nur. Enttäuschte ber Herr Steyer bei näherer Bekanntschaft, war wohl immer noch bie Möglichkeit, einen Platzwechsel zu erreichen.
„Herr Steyer ist ein ruhiger, angenehmer Gesellschafter, gnädige Frau, er wird Ihnen nicht lästig fallen."
„Sie kennen Herrn Steyer gut9" Nur um etwas zu erwidern, fragte sie bas.
„Persönlich kaum", antwortete Herr Alwien; „aber ich bürge für seine gesellschaftliche Korrektheit."
Frau d. Blinkburg lächelte. „So war das nicht gemeint", sagte sie und lächelte stärker im Gedanken an die kaum korrekte Art, in der Herr Steyer sich ihr bekannt gemacht hatte.
Der Geschäftsführer Alwien aber geriet in eine Erinnerung, bie noch ftifch war. ,Hch lernte ihn im Zuge kennen", erzählte er, „vorgestern, als Herr Steyer hierherkam, um sie zu informieren. Er fiel mir in Hamburg schon auf. Er erroiberte mit bem Taschentuch aus bem Gang« fenfter des V-Zuges bas Winken einer gewiß kurzsichtigen alten Dame, deren Sohn zu uns in das Abteil gestiegen war, und über der Not« wendigkeit, fein Gepäck unterzubringen, diese kleine Liebespflicht vergeßen hatte. „Es winkte niemand aus dem langen Zug", sagte der Herr Steyer mir wie zur Erklärung, „da tat mir die alte Dame leib.*
Frau v. Blinkburg sah burch Herrn Alwien hinburch. „Das ist hübsch*, meinte sie leise.
„Nicht wahr? Das fanb ich auch. Aber dort kommt Herrn Steyer. Darf ich Sie geleiten, gnädige Frau?"
Er durfte. Unb bann war ber Herr Steyer da, unb es ergab sich, daß Frau v. Blinkburg ihn zum ersten Male bie Hanb gab; zum ersten Male berührten sie einanber. War bas wichtig? Verschlug es beibcn zugleich ben Atem ober wünschten sie in biefem Augenblick keine Unterhaltung? Adalbert Steyer neigte sich stumm über diese Hand. Sein Kuß währte keine Sekunde zu lange. Vielleicht war er doch nicht so wundervoll rasiert, wie er selbst angenommen hatte, und Frau von Blinkburg zuckte zusammen, weil seine Lippenränder ihre Finger stachel- ten? Adalbert Steyer hätte hier in seinem Roman vermutlich von unwägbaren Gefühlsimponderabilien gesprochen; aber das ist auch nur ein Wort und biegt dem Eigentlichen aus. Tatsächlich geschah etwas in dieser Sekunde. Eine uralte Verzauberung fiel vom Himmel. Mehr ist nicht zu sagen.
Nach bem Essen blieben sie noch eine Weile beisammen. Sie saßen in ber Halle, deren Glasscheiben nach der Heide zu offen standen. Ein ältliches Ehepaar blieb im Hintergrund. Das magere Fräulein, das man fast übersehen hatte unb als Angestellte bes Hauses zu nehmen gewillt gewesen war, hatte sich beim Eßen als Gast entpuppt. Es verzog sich in den Schreibraum unb erlebigte sicherlich umfangreiche Sorte- (ponbenj, einzige Rettung, bie Abenbstunden hinzubringen.
„Ich schlage einen kleinen Spaziergang vor", meinte Steyer. „Wir roanbern bis zum Pfenningshof unb zurück. Das macht eine halbe Stunbe. Der Abenb ist warm unb ber Monb scheint. Die Heibe ist also heute nicht gruselig."
Aber firau v. Blinkburg wollte ttotzbem nicht. Sie hätte sich umziehen müssen; mit biefen Schuhen konnte sie unmöglich burch bie Heibe laufen. Männer finb zu merkwürdig. Steyer begriff ihre Weigerung einfach nicht. „So ein schöner Abend , wagte er noch einmal unb brach ab. Er hatte sagen wollen, baß der Geflügelsalat zu viel Mayonnaise enthalten habe; er hatte auf die gute Einwirkung dieses abendlichen Spazierganges Hinweisen wollen, aber er konnte noch ausweichen unb feinem Satz geschickt ein anderes Ende geben. „Ich gehe auf jeden Fall", verkündete er in männlicher Entschlossenheit. „Ich rauche unterwegs eine letzte Zigarre. Finde ich Sie noch unten, wenn ich zurückkomme?"
„Vielleicht. Wenn Sie nur eine halbe Stunde fortbleiben.*
.Höchstens*, versicherte Steyer. Am liebsten wäre er nun überhaupt nicht mehr gegangen; aber das ließ sich nicht machen; man durfte keinesfalls lächerlich werben. Er nahm feinen Stock, es war schon mehr ein Knüppel; er stammte aus Oberbayern unb war für bies filarf)Ianb kaum angebracht. So vorbereitet, schritt er zur Tür.
Frau v. Blinkburg sah ihm vom Fenster aus nach, wie er durch die Heide stampfte. Weshalb ging er querfeldein?
2.
Der Mond schien immer noch. Aber vom Boden dieser weiten Ebene fliegen wohl Dünste ober Nebel auf. Nach einiger Zeit schien es, als sei Abölbert Steyer untergetaucht.
Frau v. Blinkburg sah ihn nicht mehr. Sie blieb am offenen Fenster sitzen. — Die brei Kammermusiker waren wieder soweit. Aber sie nahmen Rücksicht auf bie Stunbe unb fügten sich ihr ein. Ihre Musik war sanft unb betonte getragene Zärtlichkeit. Die Klänge schwebten über die Heide unb verebbten. Hörte auch Steyer sie noch? ...
Frau v. Blinkburg blieb nicht lange allein. Abalbert Steyer hatte seinen Spaziergang wohl bebeutenb abgekürzt. Er kam von ber anberen Seite roieber an das Hotel heran, als sei er im Kreis gelaufen. Sie sah ihm lächelnd entgegen unb war jufrieben, baß er roieber ba war. Sie rounberte sich nicht einmal sehr über biefe Smpfinbung; sie nahm sie einfach hin.
,Hch kann ja morgen ben ganzen Tag da draußen herumlaufen", sagte Steyer unb erklärte sich nicht weiter.
Der Kellner wehte heran, rückte einen Stuhl zurecht. Da mußte Steyer ja einfach wieder am Tisch der Dame Platz nehmen. Seinen Stock schob er beiseite; weit weg; ber paßte hier auch wirklich nicht her.
„Sinb Sie jemanbem begegnet?*
„Nein. Es war, als sei ich ganz allein auf ber Heibe Man kennt als Großstäbter biefe wirkliche Stille gar nicht mehr. Wenn ich so sagen bars, ich empfanb sie gerabe körperlich. Nur ber helle Monbschein rettete mich, solche Lautlosigkeit nicht als Unbehagen zu spüren, als einen Alb ber Angst. Sie wissen boch: Erlkönig — so spät burch Nacht unb Winb — Hören Sie den Hund? Das Heulen klingt ganz unheimlich!"
„Sie beschwören eine Stimmung herauf, bie in Wahrheit hier gar nicht besteht. Es ist nur einen Augenblick Mustkpause. Gleich löst ein sanfter Walzer von Strauß bas Hunbegebell ab."
„Natürlich. Aber hat bies Gebell, haben diese klagenden Töne nicht etwas Unheimliches an sich, das an bie Nerven greift? Spüre nur ich bas so? In meiner Heimat sagt man, wenn ein Hunb so ben Mond anfyult, stirbt ein Mensch."
„Es sterben in jeder Minute zahllose Menschen, Herr Doktor Steyer", sagte sie, „also besteht die Volksweisheit auf jeden Fall zu recht."
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