ein Schatten die kleine Nische. Kronprinz Friedrich ist mit wenigen Schritten herübergeeilt, steht vor der Kronprinzessin. Seine großen blauen Augen flammen vor Erregung, er stößt den Pagen derb zur Seite, reißt das Briefchen aus den Händen seiner Gemahlin und übergibt es der Komtesse Tettau. Die Kronprinzessin weicht erschrocken zurück, sie ist ganz blaß geworden und zittert und ihre leeren Hände sinken herab. Finette Tettau aber springt empört auf, reißt den Brief des Kronprinzen ungeöffnet in kleine Fetzen, wirft ihm diese kurzerhand vor die Füße und wendet sich verächtlich ab.
Auf das Gefolge und die Gäste wirkt die Szene wie ein Donnerschlag. Alle verstummten, es ist so still, daß man eine Nadel fallen hären könnte. Dem Kronprinzen kommt sein brutales, ungehöriges Benehmen plötzlich zum Bewußtsein, er beißt sich heftig auf die Lippen und verbeugt sich tief vor seiner Gemahlin: „Madame, ich bitte um Verzeihung ..."
Für eine Sekunde begegnen seine Augen den ihren, die voll Tränen stehen, in Scheu und Verlegenheit. Doch die junge Kronprinzessin sagt nichts. Sie kämpft ihre Aufregung tapfer nieder und neigt nur lächelnd das Haupt. Und den Kronprinzen, der sich seines Unrechts sehr wohl bewußt ist, flößt ihre Haltung unwillkürlich Achtung ein und die Verneigung, mit der er zurücktritt, fällt viel tiefer aus, als er beabsichtigt hat.
Er geht wieder zu den Offizieren hinüber, doch die heitere Stimmung ist gestört. Die unbekümmerte Fröhlichkeit von vorhin will nicht mehr aufkommen und nach einigen steifen, gezwungenen Sätzen schreitet der Kronprinz allein aus dem Saal und hinaus in den Park. Bald darauf erhebt sich auch die Kronprinzessin, um sich in ihre Gemächer zu begeben und dies ist auch für die Gäste das Zeichen, sich zurückzuziehen. In kurzer Zeit sind die strahlenden Gemächer leer und die Dienerschaft verlöscht die Lichter.
Der Kronprinz beobachtet vom Park aus, wie ein Fenster nach dem anderen dunkel wird. Langsam durchmißt er die sandbestreuten Parkwege. Es ist völlige Nacht, Grillen zirpen und der Schein des halben Mondes, der am Himmel steht, zeichnet scharf abgegrenzte, tiefschwarze Schatten auf den hellen Kies. Tief int Park befindet sich nicht weit vom See ein kleiner Tempel. Er ist der Freundschaft gewidmet und mit Sprüchen geziert. Das Mondlicht läßt deutlich einen der Verse erkennen: „... l’amour est le fils de la folie-et l’amitie kille de la raison ..." Der Blick des Kronprinzen gleitet über die Zeilen. „Die Liebe ist ein Kind der Tollheit und die Freundschaft die Tochter der Vernunft" — er zuckt leicht die Achseln, wendet sich ab und geht den Weg zurück, den er gekommen ist. Seine Gedanken kreisen unausgesetzt um seine Gemahlin. Biel Bitterkeit und Anklagen gegen alle jene, die seine verfehlte Ehe zustandegebracht und ihn mit allen Mitteln dazu gezwungen haben, sich gegen seinen Willen mit Elisabeth Christine zu verbinden, erfüllen diese Gedanken. Wohl erkennt er die vielen guten Eigenschaften seiner jungen Gemahlin. Aber seine leidenschaftliche Abneigung gegen allen Zwang und alle Bevormundung läßt ihn feine Ehe wie eine drückende Fessel empfinden, sie vergröbert und verzerrt in seinen Augen manche kleinen Mängel und Ungeschicklichkeiten der jungen Prinzessin und macht ihn reizbar, ungerecht und unduldsam. Der Kronprinz seufzt leise. Er läßt sich auf eine Steinbank unweit des Schlosses nieder und blickt lange hinüber auf den int Mondsicht schimmernden See.
Am Fenster ihres Gemaches lehnt int Dunkeln die junge Kronprinzessin. Sie sieht den Kronprinzen auf der Bank sitzen und verfolgt mit brennenden Augen jede seiner Bewegungen. Ihr Frauengefühl verrät ihr, daß der Mann da unten mit einer Entscheidung ringt. Nun erhebt er sich und begibt sich ins Schloß. Die Kronprinzessin lauscht hinter der geschlossenen Tür. Sie hört seine raschen, leichten Schritte am Ende des Ganges, die Absätze der Schnallenschuhe klappen leise auf den steinernen Fliesen. Die Schritte kommen näher, werden langsam — zögernd. Dicht vor der Tür, die zum Gemach seiner Gemahlin führt, verhält der Kronprinz den Schritt. Der lauschenden Frau hinter der Tür klopft das Herz zum Zerspringen, heftig preßt sie beide Hände gegen die Brust. Zwei, drei Sekunden vergehen. Dann ertönt wieder der leichte Schritt, er entfernt sich von der Tür, zuerst zögernd, dann schttell — wie auf der Flucht. Da läßt Elisabeth Christine müde die Hände sinken. Sie weiß nun mit unumstößlicher Gewißheit, daß Kronprinz Friedrich nie im Leben den Weg zu ihr finden wird.
O:e deutsche Stadt der Bronzezeit.
Von Dr. R. F r a n c 6.
Wenn man von Pfahlbaudörfern hört, glaubt man sich im allerersten Frühdämmer jeder Kultur zu befinden. Man denkt an Halbmenschen. Kannibalen, an ein düsteres, unsäglich primitives Dasein, das von dem unseren entfernt ist wie Nacht von dem strahlenden Tag. Aber wer solches glaubt, der weiß von einem wunderbaren Kreis prachtvoller Forschungen nichts, die in den letzten Jahren das Bild der deutschen Vorgeschichte gründlich änderten.
Die deutschen Pfahlbaudörfer der Bronzezeit, wie sie zum Beispiel am Bodensee, in der Schweiz, am Hallstätter- und im Salzkammergut erhalten sind, darf man sich nach ihnen nicht mehr primitiv vorstellen. Cs gab da welche, die auf trockenem Boden angelegt, sich zu Städten mit wahren Gassen zusammenschlossen und, mit Wällen umgeben, nichts anderes als das Vorbild der mittelalterlichen Stadt sind.
In solchen Städten lebten Menschen, die sich körperlich von den Deutschen des Mittelalters nicht unterfdjieben. Nicht einmal in ihrer Kleidung waren sie wesentlich anders. In dänischen Eichensärgen sind uns die Wollkleider dieser Bevölkerung erhalten geblieben; die Männer trugen Manteljacken, die bis zum Knie reichten und durch einen Gürtel mit Endquasten zusammen gehalten wurden. Sie trugen einen mit Fransen verzierten Schal um den Hals und hatten runde Kappen oder hohe Mützen. Die Frauen der Bronzezeit hatten das kleidsame Kostüm von
Rock und Jacke bereits erfunden; die Haare bargen sie in einem zierlichen Haarnetz, und an Schmuck scheinen die meisten von ihnen reicher gewesen zu sein als die Frauen von heute. Spiralfingerringe, Armbänder, Hals- ringe, Schmuck als Gürtelbesitz, Diademe, breite Anhänger aus lauterem Gold, Bernsteinketten genau in der heutigen Form, alles das trug eine Herrin aus dem zweiten oder dritten Jahrtausend vor unserer Zeit- rechnung. Auch Glas, namentlich farbige Glasperlen, kannte man schon und als Kostbarstes Eisenringe, denn Eisen war damals selten wie heute Diamanten.
Diese Bürger und Bauern der Bronzezeit fuhren bereits in Wagen, und es mutet aus manchem an, als fei das Rad gerade damals die letzte Erfindung gewesen. Denn Wagenabbildungen kehren sehr häupg aus bronzezeitlichen Felszeichnungen wieder, und dies damals zuerst auf- tretende Hakenkreuz, als Sonnenrad und hohes religiöses Symbol, deutet auf besondere Wertschätzung des Rades. Vielleicht der merkwürdigste Wagen der ganzen Kulturgeschichte ist das ein Drittel Meter lange Bronzewägelchen, das man bei Judenburg in der Steiermark gefunden hat. Prachtvoll modelliert ist darauf eine ganze Gesellschaft von Kriegern und Jägern, die ihre Beile schwingen und offenbar eine Opferschale beschützen.
In der Stadt der Bronzezeit gab es bereits allerhand Gewerbe. Heimische „Bronzegieher" standen sicher in höchstem Ansehen und waren wohlhabend, denn in ihren heimlich vergrabenen Lagern findet man oft mehrere hundert Bronzeschwerter und sonstige Geräte, auch ganze Goldschätze. Weberei, Töpferei, alle einfachen Gewerbe sind bereits ausgebildet; es fehlte nicht einmal an Musikanten. Zu Kopenhagen kann man heute noch Konzerten von Lusenbläsern beiwohnen, die dasselbe Schallhorn handhaben, das besonderen Wohllaut und Tonfülle in sich einigt, das man fast in gleicher Gestalt in nordischen Bronzegräbern findet.
Besonders ausgedehnt war Verkehr und Handel zur Bronzezeit. Von Ort zu Ort, von Land zu Land zogen wohlgebaute Straßen in ganz Deutschland. Man findet überall Gegenstände, die nur von weither durch den Handel dorthin gelangt fein können. Es fehlt an den Küsten nicht an Ruderbooten, die mit ihren hohen Steven und ihrer zahlreichen Besatzung auf weite Fahrten schließen lassen. Merkwürdigerweise scheint das Segel in diesem altnordischen Kulturkreis unbekannt gewesen zu sein. In den Schweizer Pfahlbauten hat man auch das erste Geld gefunden, dessen sich der Europäer bediente; es hat kennzeichnenderweise die Gestalt von bronzenen Doppelbeilen. Später nahm es die praktischere Gestalt von Bronzeringen an, die auf besonderen Schlüsselhaken angereiht wurden. Was wurde mit diesem Geld erkauft? Vor allem immer wieder Bronze, die deutsch Erz genannt wurde, indem wir etwas, was als besonders ausgezeichnet, freilich auch als uralt hingestellt werden soll, mit dem alten Wert für Bronze bezeichnen. Die Erzväter und Erzengel der biblischen Geschichte, das „Erzhaus Oesterreichs" mit feinen Crz- herzögen, hat so keine Beziehungen zur Urgeschichte der Menschheit, freilich auch die befremdlichen Bezeichnungen eines Erzlügners und Erzschelms.
Wichtige Handelsgegenstände waren auch Gold, der hochgeschätzte geheimnisvolle Schmuck des Bernsteins und das Salz. Salz war so wichtig, daß gerade um die reichen Salzlagerstätten in den Alpen die Bronzekultur aufblühte, namentlich im oberösterreichischen Salzorte Hallstatt.
Dort, wo heute am ernsten, düsteren Hallstätter See sich nur eine kleine Siedlung drängt, begann vor dreitausend Jahren die Glanzzeit einer gewaltigen trefflich befestigten Stadt, von der uns freilich nicht mehr erhalten ist, als ein stundenweit ausgedehntes Gräberfeld, die Stellen eines vorgeschichtlichen Salzbergwerkes und an 25 000 Fundstücke, die uns erzählen, daß jene Stadt ein Leben voll Luxus und Reichtum führte, in dem aber langsam das Eisen an die Stelle der Bronze trat.
Man fand in den Ländern rings um Hallstatt Prunkeimer mit eingravierten Darstellungen aus dem Hallstattleben, die uns häusliche und Straßenszenen vorführen, die ebenso gut in Athen oder Sidon, in manchem sogar in einer heutigen Stadt sich abspielen könnten. Da wanderten Krieger mit Helm, Speer und Schild, wie sie Homer beschreibt; in zweirädrigen Karren, nach Art der antiken Streitwagen, kutschieren Herren und lenken prächtig angeschirrte Pferde. Der Diener steht auf dem Trittbrett hinten wie auf einer Prachtkarosse der Rokokozeit. Würdige Männer mit langem Mantel und breitkrempigem Hut schreiten dahin wie zu einer Gerichtssitzung, und einer trägt ein mächtiges Schwert, einen wahren Doppelhänder, als wäre er der Henker. Frauen mit wallenden Schleiern, deren größte Schönheit allerdings in ihrer ßangnäfigteit besteht, tragen Urnen und Körbe auf dem Kopfe. In einer drolligen Gruppe wirft ein wie ein Priester gekleideter Mann Räucherwerk in eine mächtige Urne, und ein Zuschauer hält sich pietätlos die Nase zu. In behaglichem Lehnstuhl überwacht ein Besitzer die Tätigkeit seiner Arbeiter. Der Bauer, den Pflug über den Rücken geschultert, treibt das Vieh heimwärts; Jäger, begleitet von gewaltigen Hunden, tragen an langen Stangen die Beute nach Haufe, und so spricht aus hundert Szenen zu uns ein behäbiges und reiches bürgerliches Leben, dem es besonderes Kolorit verleiht, daß seine Träger' in namenloser Urzeit ruhen und keine Geschichtsangabe außer ihren eigenen Werken und Gebeinen mehr von ihnen zeugt.
Diese Hallstattmenschen sind teils weggewandert, teils mit Kelten und Germanen verschmolzen, ihre Kultur ist auf sie und durch sie auf uns und die Gegenwart übergegangen. Es ist ein und dieselbe Linie, die da von den Urzeiten zu uns herüberreicht. Die Bronzezeit gehört so wie die Halbeisenzeit der Hallstattmenschen zu unserer Kultur, und alle großen Kulturbegriffe haben dort ihren Anfang genommen. Es ist eigentlich ein wunderbarer Zusammenhang, und man kann die Gegenwart nicht ridjtig verstehen, wenn man nicht von diesen ältesten Zusammenhängen weiß.
verantwortlich: Or. HansThyriot. — Druck und 2) erlag: Drühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, 2d. Lange, Gießen.


