Das Messer.
Eine vorarlbergische Volkssage, nachgedichtet von Joses Friedrich Perkonig.
Da hat im Schröcker Alpele ein Bauer zu seinen Hausleuten noch einige Burschen und Mädchen aufgeboten, es ist ein warmer Tag, und was die Mannsleute am Morgen mit der Sense niedergeworfen haben, das wenden die Mägde zu Mittag mit den Holzgabeln, und am Abend tft es ^°De?^Bauer ist allen voran, seine Sense hat den weitesten Schwung. Immer wenn er sich die Stirn mit der Hand trocknet, schaut er hinauf zu den Bergen, ob dort wohl nicht aus dem Dunst eine weihe Wolke geworden ist, und aus der weihen Wolke ein Unwetter. So ist das hier im Gebirg manchmal im Sommer: Hast auf die Sense acht, ob sie nocy schneidet, wunderst dich ein wenig über das steife Gras, gehst nut 6em Kumpf zum Brunnen, leierst ein wenig Wasser hinein, und schon schlagen ein paar Hagelkörner auf deine Haut. Schwarz steht ein Wetter über der Alp und es wird das schöne Heu nässen. Deswegen rastet der Bauer öfter als es der Leib verlangt, und lugt hinaus zu dem Berg.
Es zeigt sich am hohen Mittag droben über dem Kamm richtig ein Wölklein. Da sagt der Bauer zu den Burschen:
„Laht die Sensen und nehmt die Gabelnl"
Das Heu möchte er noch einbringen vor dem Guß, die letzte Wiese soll noch stehen bis zum nächsten Morgen, Regen und Tau werden das Halmach schmeidiger machen. Jetzt schasst ein Bursch für zwei, und d.e Mägde glühen im Gesicht; es möcht keine von ihnen eine üble Nachred I)Qb®ie sie gerat) den letzten Wagen volladen, fällt ein arger Wind auf die Alp nieder, der kommt von der weißen Wolke droben und ist schnell wie ein Habicht. Er reiht an den Burschen, aber es steht jeder fest wie em Baum, nur eine dürre Magd drückt er an den Heuberg. Em Sausen ist in der Luft, da ruhen mit einemmal alle Gabeln. Die Männer legen den Kopf in das Genick, zu schauen, was für ein merkwürdiger Ton das ist, die Weiber ducken den Kopf zur Brust. . .. ...
Da sehen denn Bauer und Knecht den Wirbel, wie er über die Alm herangebraust kommt, ist eine dunkle Säule, gewunden hoch Hinauf, wie links und rechts von dem Altar der rote Stein, nur bleibt er nicht an einem Ort macht feine verrückten Wege auf der Wiese hin und her, wie ein Geist, der aus dem Alpele etwas sucht, reiht ein Schüppel Heu m die Luft hinauf und ein paar Schritte weiter eine Heugabel, braust rund um den Heuwagen herum und rührt doch an keinen Menschen, als hatte der ^'iWer^mag sich darin verzaubert haben?, denkt ein Heuer, ist ein junger Knecht mit einem adlerscharfen Aug. Der glaubt nicht an die schnelle Lust, der meint in dem Wind etwas zu sehen, dem er keinen Namen geben kann Er zieht aus dem Knickertaschel sein Messer, und wie der Wirbel wieder hinter dem gegupsten Heuwagen vorkomint, da wirft er das Messer hinein ins dunkle Gebraus. Ist es nur Luft, wird ihm der Knicker nicht schaden, ist es etwas anderes, so hat es den gebührenden Gruh.
Alle Männer haben die Klinge blitzen sehen, auf die Wiese fallt sie nicht mehr zurück. Es suchen Männer und Weiber das Messer, sie schauen sich die Augen aus nach ihm; einen rostigen Fingerhut klauben sie auf, ein Kettenglied, ein paar Nägel, aber keinen Knicker.
Da haben sie wohl alle ihre Meinung, reden am Abend auch leise von der dunklen Luft, und sie lachen, weil der Tannberger Bursch fern Brot brechen muß, anstatt es zu schneiden, aber in der Heuzeit dauert so ein Verwundern nicht lang. Da muh ein Mensch heuen und schlafen und kann nicht träumen. Und später deckt das Jahr und alles merkwürdige Geschehen darin der Schnee zu.
Im Frühjahr dann wollen ein paar Burschen in die Welt hinausschmecken, und der Tannenberger ist auch unter ihnen. Es steckt ihm in der hirschledernen Hose längst wieder ein Knicker, er denkt nicht mehr daran, wie er den letzten losgeworden ist. Die Burschen mögen in diesem Jahr nicht mehr mit dem Vieh auf der Alp übersömmern, mögen nicht die Wiesen niedersensen und das Heu werfen, auch die Holzarbeit verlockt sie nicht, so lustig und frei ein Holzhackerleben auch ist. Einige sind Steinhauer und Maurer, und die verführen die bäurischen Leute. Ist em leichtes Brot in der Fremde, heißt es einen Winter lang, mußt nicht deine Seel herausschinden wie auf dem Acker und im Wald; so etwas aber hört ein junges Blut immer gern. ,
Die Burschen wandern in fremdes Land hinein, der Himmel ist blau wie daheim, die Straße staubt wie daheim. Und da steht ein großmächtiges Wirtshaus an dem Weg, eben zu der Stund, da der Hals völlig trocken geworden ist. Beim Haustor geht es weit in einen kühlen Schatten hinein, jeder Schritt, jedes Wort hallt unter dem Gewölb, und es riecht nach einem warmen Herdfeuer.
Abendlied.
Von Willy Arndt.
Acker ruht und Wiesengrund, kühler Halm und müdes Blatt. Stille singt mit leisem Mund, was der Lärm verschwiegen hat.
Schließ die Augen, lausche du, wie die Stimme zu dir weht, und im Dunkel auf dich zu sanft der Atem Gottes geht.
Schlafe, fchwebe auf im Raum, Löse dich in Licht und Klang — Mondhorn tönt in deinen Traum und der Sterne Lobgefang.
Die Burschen rufen den Wirt und streifen in der Hauslaube herum, da hängen Bilder an der Wand von Negern und Indianern, von Elefanten und Antllopen, und auf einem Fenstersims liegt ein Messer. Der Tannberger hat es mit einem einzigen Blick eräugt und mit dem nächsten erkannt. Diesen Beingriff mit der geperlten Rose von einem starken Sechserbock kann nur sein Messer haben; ja, das ist sein Knicker, wie kommt der in dieses fremde Land und in dieses Wirtshaus?
Er wiegt es noch auf der Hand, da ist der Wirt neben ihn getreten; ist ein breitschultriger Mann mit schwarzem Haar im roten Gesicht.
„Kennst du das Messer?", erkundigt er sich.
Dem Tannberger will die kalte Frag und das glühende Aug nicht gefallen. Wirft der Wirt vielleicht ein Netz aus?
„Ich kenne es nicht", sagt der Bursch zurück.
„Warum schaust du es so lang an?"
„Den Griff hab ich geschätzt. Ist ein schönes Stück. Warum liegt es so
frei herum?"
„Vielleicht kommt einmal der vorüber, dem es gehört.
„Es kann leicht sein. Wirst es ihm dann zurückgeben?"
„Früher muß ich mit ihm abrechnen."
„Hat er eine Schuld bei dir?"
„Ich bei ihm."
„Ist es möglich, daß ein Wirt einem Gast etwas auszahlt?
Ich rede nicht gern davon, sollst es aber wissen. Meme Tochter ist im vorigen Sommer auf die freie Kunst ausgefahren. Magst so einem jungen Weibsbild widerraten wie du willst, es geht doch nach seinem Willen. Weiß Gott, was sie getrieben hat, mit diesem Messer im Leib ist sie heimgekommen und hat sich in der nämlichen Stund zum Sterben hingelegt. Jetzt such ich seinen Herrn, wird sich wohl einmal verraten, wenn er es ba ^Wi" man nur so ein Messer werfen kann?", wundert sich der Tann- berger, und es brennt ihm dann der Most im Hals.
„Gehen mir!", treibt er die säumigen Burschen bald an. „Wir haben noch einen weiten Weg vor uns."
Abend in Rheinsberg.
Von S. D r o st e - H ü l s h o f f.
Hinter den hohen Fichtenstämmen, die den kleinen See von Rheinsberg umgeben, schimmert der Himmel in dem blassen Rot, das die letzten Strahlen der untergehenden Sonne über den Horizont senden Es ist ein lauer, schöner Spätsommerabend. Unter den dichten, (ajatngen Bäumen des Parks dämmert es bereits und im Schloß, dessen nach dem Garten führende Fenster weit geöffnet sind, haben die Lakaien langst die zahllosen vielarmigen Wandleuchter und Kerzenluster entzündet Fast der ganze säulengeschmückte Bau mit den weit vorspringenden Flügeln strahlt hell erleuchtet zum abendlichen Fest. „Frederico tranquilhtatem colenti“ (dem der Ruhe pflegenden Friedrich) steht über dem Schloß- portal von Rheinsberg, das aus seinem langjährigen Dornröschenschlaf erwacht ist, feit Knobelsdorsfs Umbau es seiner Verwahrlosung entrissen und der preußische Kronprinz Friedrich mit feiner jungen Gemahlin Elisabeth Christine Einzug gehalten hat. Nun steht das märkische Landschloß reges Leben. Geistvolle Männer und schöne Frauen gehen aus und ein. Man vertreibt sich die Zeit mit der Aufführung von Theaterstücken und unterhält sich bei Musik, Bällen und Maskeraden
Auch an diesem Abend hat man zunächst nach Herzenslust getanzt und die Musik der Flöten und Geigen hat mehrere Stunden lang in den dämmernden Park hinausgeklungen. Nun ist die Gesellschaft der Tänzer und Tänzerinnen müde geworden. Man sitzt im großen Saal in heiteren Gruppen beisammen, erfrischt sich an allerlei Leckereien, die von den Lakaien präsentiert werden, und unterhält sich in ungezwungener Weise Der Kronprinz wandert gemächlich durch den Saal Es ist ein Abend nach seinem Geschmack; da und dort bleibt er eine Weile bei einer Gruppe stehen, Bonmots, geistreiche Bemerkungen oder scharfe Witzworte fliegen hin und her. Nur an einer der Wandnischen geht er stets vorüber, ohne den Schritt zu hemmen. Dort sitzt die junge Kronprinzessin mit ihren Damen und ihrem Kammerherrn, dem Grafen Lehnsdorff. Sie sieht ehr hübsch aus an diesem Abend, die blaßgrüne Brokatrobe kleidet sie gut und hebt die zarten Farben ihres Gesichts und ihr gepudertes Haar schimmert seidig im weichen Schein der vielen Kerzen. Ihr Blick folgt unentwegt der schlanken Gestalt des Kronprinzen, doch dieser scheint davon nichts zu bemerken. Er sieht immer an der Nische vorbei und weiß ein Gespräch mit seiner Gemahlin geschickt zu vermeiden.
Man ist dieses Verhalten in Rheinsberg längst gewohnt. Man kennt das wenig herzliche Verhältnis des Kronprinzen zu seiner Gattm, weiß, daß er stets nur ungern und zögernd an sie — deren Sprachfehler eine Unterhaltung allerdings oft sehr erschwert — das Wort zu richten pflegt, und niemand achtet mehr sonderlich daraus. Am großen Kamin, wo einige junge Offiziere Platz genommen haben, hat man em lustiges Spiel ausgeheckt. Man schreibt kleine, zärtliche, scherzhafte Brieschen, auf schmale Papierftreifen immer nur ein paar Worte, die aber meist sehr inhaltsreich sind. Diese Billetts müssen die Pagen als kleine Postillons d’amour zu den Damen tragen, denen man etwas zu sagen hat, das von der übrigen Gesellschaft nicht gehört werden soll. Die kleine Tändelei findet großen Anklang und die Pagen haben alle Mühe, die hin und her gesandten Briefchen richtig zu bestellen. Auch dem Kronprinzen gefallt tue Sache. Drüben am Fenster lehnt die junge bildhübsche brünette Komtesse Finette Tettau. Ihr braunen Augen lachen herüber, und der Kronprinz ergreift rasch den Federkiel, schreibt in seiner zierlichen Handschrift einige zärtliche huldiaende Worte auf einen Papierstreifen, faltet ihn und übergibt dem Pagen das Billett. Doch dieser scheint den ihm erteilten Befehl falsch verstanden zu haben. Er läuft quer durch den Saat — aber nicht zum Fenster, wo Finette Tettau steht, sondern zu der daneben liegenden Nische, in der sich die Kronprinzessin befindet und halt dieser das Briefchen entgegen. .
Die Kronprinzessin hat den Vorgang genau verfolgt, ein freudiges Rot färbt ihre Wangen, sie greift hastig nach dem Blast Do verdunkelt


