garten wieder (n die Sonnengrelle der weißen Landstraße hinaus. Wunderlich sind die Wege, welche unberechenbares Geschick oft Menschen und Dingen zuerteilt.

Handel und Verkehr zwischen Italien und dem Norden führten früher zum großen Teile durch Klausens Flur — und aus nicht weniger als 71 Römerzügen zogen die Heere der deutschen Kaiser hier vorüber. In Albrecht Dürers Jahrhundert war Klausen den Fürstbischöfen von Brixen untertan und auch noch zur Zeit Maria Annas von Spanien war es so — dann kam es in buntem Wechsel unter die Gewalt der Franzosen, Bayern und Oesterreicher. — Jetzt ist es nun italienisch geworben; aber unberührt rauschen des Eisackflusses grüne Wellen zu Tal, und Jahr für Jahr schüttet der strahlende Südlandssammer seine ganze Pracht über die wunderschöne Gegend, deren heitere Anmut schon vor 400 Jahren das Wohlgefallen des großen Meisters von Nürnberg erweckte.

Richard Wagner in Tribschen.

Erinnerung an einen Besuch von Werner Schumann.

Durch Luzern rauscht der sommerliche Fremdenstrom. Er verliert sich In alle Winkel der wundersamen Stadt, drängt über den schönsten See der Schweiz nach Uri, Schwyz und Unterwalden, überschwemmt das Tell- Dors Küsnacht, die Schneegipfel des Pilatus und Rigi und flutet abends über die lichterstrahlende Seepromenade. Das muß überstanden werden, damit vor dem Abschied nichts mehr den letzten, stillsten und gedanken­vollsten Weg kreuze: den Weg nach Tribschen.

Ich sah es schon vom Dampfer aus, auf der Reise nach Alpnachtsstad, das zweistöckige, helle Haus mit den grünen Fensterläden auf kleinem Hügel, der es einmal über die Bäume ringsum emporhob. Sie haben es längst überflügelt, und die beiden Pappeln, die Wagners Haus wie mächtige Wächter flankieren, überragen den Dachfirst um die volle Höhe des friedlichen Landsitzes. Als sie winzige Bäumchen waren, krakehlten hier Cosimas Kinder im hohen Gras, spazierte der königliche Romantiker Ludwig II. mit dem Äeifter, seinem leidenschaftlich verehrten Freunde, durch den weithin sich dehnenden Park, weinte Friedrich Nietzsche um Richard Wagner, dort hinten am See, über den jetzt die Motorboote mit Hellem Knattern fliegen. Der spätere Wagner-Antipode hatte sich, um Chamberlains Worte zu brauchen, „nach Tribschen hinaus­fahren lassen und saß da abseits am See, scheinbar einzig beschäftigt. Zeichen in den Sand zu graben; als aber feine Schwester sich hinab­bückte, um ihm ins Gesicht zu schauen, da sah sie, wie die Tränen aus feinen Augen strömten". Unvergeßlich blieb ihm das Asyl in Tribschen, auch wenn er den einstigen Freund später — in der Streitschrift „Der Fall Wagner" — maßlos einen „dick umräucherten Dberpriefter" nannte. Der Basler Philosophieprosessor, der just zur Geburt des kleinen Sieg­fried ins Haus geschneit kam und als „unbeschreiblich" rühmte, was alles er dort lernen, schauen und hören durste, der den Geist Goethes, Aeschy- los' und Pindars in den kostbar ausgestatleten Räumen zu verspüren meinte, konnte den tragischen, geistigen Gegensatz zur Entwicklung Wag­ners als Opernschöpfer nicht noch durch Untreue des Herzens verdoppeln, das ihn zur Liebe zwang, ob auch der „Tristan" schon den tiefen Bruch vollzogen hatte. „Ich habe ihn geliebt — und niemanden sonst!" drängt es ihn dennoch und dennoch zu bekennen, ihn, den Unerbittlichen, Harten und Klaren im Denken, dem es im Grunde zuwider war, den Gefühlen ergriffen nachzugeben: „Wie unter lauter Trümmern", klagt er beim Auszug der Familie Wagner aus Tribschen im April des Jahres 1872, als ein Lebens- und Schaffensabschnitt zu Ende ging, ein neuer hoffnungsvoll begonnen wurde, „gingen wir herum; die Rührung lag Überall in der Lust, in den Wolken; der Hund fraß nicht, die Diener- fchaft war, wenn man mit ihr redete, in beständigem Schluchzen. Wir packten die Manuskripte, Briefe und Bücher zusammen, ach, es war trost­los! Tribschen hat nun aufgehört ..."

Ja. so sah es aus: Tribschen schien wirklich ausgehört, sein Leben eingebllßl zu haben. Mieter zogen ein, die ahnungslos waren, in welch erlauchter Stätte sie sich befanden. Lange stand auch das Haus am Vier­waldstätter See leer. Als Richard Strauß, wie man mir in Luzern lächelnd verriet, vor Jahren einmal nach Tribschen kam, sand er ver­schlossene Türen. Keine Stimme lud ihn ein, hereinzutreten, kein Hund blaffte ihn an; und so mag er mit den Wiesen und Parkwegen, der feier­lichen Platanen-Allee, die das Idyll musisch einleitet, fürlieb genommen hoben, eine in sich geschlossene, stadtentrückte und wasserumspülte Land­schaft immerhin, die die Phantasie leicht bevölkern konnte: da plusterten sich die Pfauen Wotan und Fricka wie einst auf, gurrten die Tauben und schlugen die Nachtigallen, wenn der schon ergraute Fünfziger mit feinem Monarchen vorüberwandelte, der schon ein Gezeichneter war; wenn Judith Gautier, die Schriftstellerin, des Meisters Augen, „blau wie der See", auf die Welt der Berge gerichtet sah; ober Cosima, Franz L'sZts geistvoll-zarte Tochter, mit ihren Mäbchen im Schatten bes chine­sischen Gotterbaums spielte unb plauderte. Cosima! Dieser Name voll Klang unb Lockung mürbe bie eigentliche Seele ber schönen Zuflucht. Ob Wagner neue Tapeten unb Möbel fomnten ließ aus Luzern ober Aaris, ob er verschwenderisch immer neue Summen in die Herrichtung des Gartens, in Bilder — bie Cosima ben Büchern entschieden vorzoq! — ober tn sein kleines Vogel-Reich steckte: stets stanb bie geliebte Frau im Hintergrund aller Pläne, sie entfachte fein Schöpfertum, ließ ihn sich emlpmncn, fanatisch einfpinnen in jene asketische Mühsal unb verzicht- forbernbe, harte Leidenschaft des Komponierens, die die Laien sich als angenehmen Rausch vorzustellen leicht geneigt sind. In solchen Wochen blieb Wagner allein, ließ sich das Essen ins Arbeitszimmer reichen und speiste nur Sonntags mit seiner Familie. Glückseligkeit? Auch der Vielbeneidete, ber wie Napoleon auf Helena, wenn auch in einem selbst- geroollten unb beruhigenben Exil lebte, hatte seine Tagesnöte, seine Defi- zlt-Sorge r, er kannte Verzweiflung, Unrast, er schmeckte wohl und viel­

leicht durchdringender als andere Zeitgenossen allen Lebens bittere Würze — ein garstig Lied wäre es, bas feine brave Haushälterin davon zu fingen wüßte! Doch Cosima läßt es erst gar nicht aufkommen, diese engelhafte Frau unb vortreffliche Kameradin, ber Richard Wagners (einziges?) völlig unbekanntes Liebesgedicht „An Dich!" gewidmet ist. Seine Tochter, Frau Eva Chamberlain — sie lebt noch, hochbetagt, unb ist öfters in Tribschen zu Besuch — hat bas seltene Manuskript vor kurzem erst bem Museum geschenkt, wo es nun wohlverwahrt neben Partituren, Briefen unb Widmungen unter Glas liegt. Eine von sechs Strophen möge den dithyrambischen Schwung der bildreich verschleierten Liebeserklärung ahnen lassen:

Bist du es, holder Zauberstern der Liebe, ben meines Lebens Sonne Dort gebannt? Du zögerst sie, baß jäumenb sie noch bliebe, bie schon zum letzten Untergang gewandt? Der Sonnen, der Planeten Urgetriebe, an b.’inem Lächeln fänb es Stilleftanb?

Wie möcht' aus alten, wie aus neuen Mären ich solch erhabenes Wunder mir erklären?

„Ich bin geliebt" — klingt es durch den stolzen Bau der Verse; „ich liebe" bekennt der große, damals schon europäischen Rus genießende Musiker am Ende der romantischen Hymne. Und es bedarf keines be­sonders spürsinnigen Herzens, um das Unvergängliche, in alle Ewigkeit Mündende dieser wie jeder vollkommenen, ja schicksalhaften Liebe noch aus dem Gemäuer des stillen Hauses widertönen zu hören. Die Men­schen nicht mehr, die Weihe blieb.

Weihe liegt auch über dem musealen Charakter der Parterreräume, die die Stadt Luzern in den großen Zügen wenigstens so Herrichten ließ, daß ihre Anordnung, die Farbe und Musterung der Tapeten und die erneuerten Seidenbezüge ber zierlich geschweiften Stühle ungefähr ben damaligen Verhältnissen entsprechen. Ehrfürchtiger wird bie er- tlärenbe Stimme ber Kastellanin, als wir Wagners Arbeitszimmer be­treten, wo fein Erarb-Flügel steht unb barauf, vor bem Hintergrund ber rofa getönten Tapete, feine Totenmaske. War das Antlitz mit ber schönen, kühnen Nase zu Lebzeiten empfindsam wie der Seespiegel, der jeder Laune bes Wetters nachgibt, so atmet bas Abbild bes Tabes erschreckend deutlich ben zunehmenben Schmerz des großen Finale aus. Von ber Unterlippe bis zu ben Rillen ber Biber kann man ihm nach­gehen. Die Arterienkranzverkalkung hat sich in ben letzten Ausdruck bes Sterbenben eingenistet. Leicht, wie zögernd sind die schmalen Lippen geöffnet: wollten sie ein Wort freigeben — tränten sie schon vom un­sichtbaren Kelch des ewigen Lichts? Dank an Augusto Benoenuti, der im Februar 1883 dem Toten die Maske abnahm im Palazzo Vendramin zu Venedig, wo Wagner starb.

Nun hütet noch der Abgeschiedene den Flügel, den keiner mehr an­rührt. Er stand lange im Bayreuther Festspielhaus, bis ihn Frau Winifred Wagner Tribschen lieh. Er klingt noch, aber gründlich ver­stimmt — und gebar doch einst als erstes Instrument bie Melobien bes 2 unb 3. Aktes aus „Tristan unb Jsolbe", ben festlichen Glanz der „Meistersinger" unb bas innig-frohe Siegfried-Idyll, bas am Weihnachts­tage 1870, bem 33. Geburtstage Cosimas, dies glückliche Haus zum erstenmal burchtönte. Die „(Bötterbämmerung" (bis zur 2. Szene bes brüten Aktes) entstaub hier, Cosima Wagner sah sie langsam unb mäch­tig emporwachsen, „ich empfand", schreibt sie, „das Entstehen eines jeden Taktes mit, und mit leidenschaftlicher Hingebung beobachtete ich bas Werben bes ungeheuren Werkes". In ber beruhigenben Symmetrie biefes Zimmer, in bas jetzt bes warmen Sommertages ganze Helligkeit mit bem weiten Wiesengelände unb ber historischen Pappelallee am Stranb hereinströmt, biftierte Wagner seiner Frau ben ersten Banb von „Mein Leben" in bie Feder, schrieb er „lieber bas Dirigieren", den Beethoven-Essay unb bie bekannte „grüne" Flugschrift über bie Auffüh­rung bes Bühnenfestspiels „Der Ring ber Nibelungen". Sechs Jahre Tribschen — sechs Jahre Wachstuben Weltruhms — sechs Jahre ebler Gastlichkeit unb schöpferischen Einsseins mit einer Frau, deren Groß­vater, ein Comte, Page der unglücklichen Marst-Antoinette gewesen war. <5 l e v o g t s Zeichnungen ber 90jährigen — die photographischen Repro­duktionen hängen im Gartensaal — schenken noch das Bild einer Anmut und Grazilität, einer Leichtigkeit bes Geistes, die den grüblerischen, arbeitswütigen, oft überanstrengten Musiker wundervoll ergänzt haben mußten. Auf fast allen Bildern, den freilich noch sehr unvollkommene Photos wie den gemalten, liegt es über Wagners Augen wie Schatten von Müdigkeit. Bis an die Grenze des Physischen nahm er hier freudig die Strapazen des Schaffens auf sich, konnte er sie nur hier auf sich nehmen: „Hier ist meine Welt!", pries er den ftabtfernen, himmelnahen Erbenflecken im Herzen ber Schweiz, „wir gehören nicht mehr unter bie Menschen, wir sind nur glücklich mit uns und bei uns".

„Bei uns" — ein Wort, das wieder Gewicht bekommt unb Leben empfängt in Cosimas Wohnsalon im ersten Stock, wo um den Flügel, bie mit Souvenirs überfüllten Vitrinen, die sinnlos herumstehenden, leicht zerschlissenen Sessel noch Duft von Parfums unb Kaffee zu schweben scheint; wo noch die Koloraturen der Sängerin Mimst Hauk geistern und das Geplauder, Gelächter und Musizieren mancher Abendgesellschaft, in der der Meister sich gern sächselnd entspannte. Hier trafen sich die Verwandten: Frau Maniela T h o d e , die Gräfin Blandine G r a v i n a , Eva Chamberlain, hier hatte sich der langohrige Ruß, Wagners geliebter Neufundländer, hübsch still zu verhalten. Hier endlich wurde ber kleine Siegfrieb getauft. Die Ueberladenheit verwirrt. Wie gut, baß das Fenster offen ist, offen dem aus Dunstschleiern plötzlich aufblenden- ben „Bürgenstock", bem entfernten Klopfen eines Spechtes, bem mit­täglichen Glockengeläut. Alles also hängt zusammen, ist eines — wie vor sieben Jahrzehnten. Eine Stimme, Cosimas Stimme, konnte in ben Garten fjnausrufen, baß es nun Essenszeit sei, rufen nach einem auch beim Spaziergang probuttioen Manne mit dem schwarzen Samt-Barett.

''eroniwortlich: vr. Hans Tbvriot. — Druck und Verlag: Vrühl'iche AniverlitätS-Duch» und Stein drucke»^. X- Bange, Gießen.