Eichener Zamilienblättn
Unlerhaltungrbeilage zum Eichener Anzeiger
Nummer 88
Freitag, den 15. November
Jahrgang 1956
Ein Septembertag.
Diese abgelegene Straße
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Ich
und sich
Diese abgelegene Straße war sein Spazierweg, er ging in ihr wie in einer Stube, denn er traf hier niemals jemand. Zu beiden Seiten der Gehsteige waren Garten, in denen Bäume mit rotem und gelbem Laub
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Einige Tage. Nein, nicht lange. Ich muß wieder nach Hause. Ich danke Ihnen dafür, daß ich Sie begrüßen durfte, sagte er. Pause. .
Ja, ich habe mich übrigens hier wohl verirrt, sagte ße wieder wohne im Hause des Kammerherrn; welchen Weg muß ich da gehen?
Ich werde Sie begleiten, wenn ich darf.
Copyright bg Albert Langen^Georg Müller Verlag,München 2. Fortsetzung.
Sie gingen.
Ist Otto daheim? fragte er, um etwas zu sagen.
Ja, er ist daheim, antwortete sie kurz. .
Aus einem Tor kamen ein paar Männer, sie trugen ein Klavier versperrten den Gehsteig, Victoria wich nach links aus, sie lehnte ganz an ihren Begleiter. Johannes sah sie an.
Verzeihung, sagte sie.
Ein Gefühl der Wollust durchfuhr ihn bei dieser Berührung, einen Augenblick lang lag ihr Atem auf feiner Wange.
Ich sehe, Sie tragen einen Ring, sagte er. Und er lächelte und sah gleichgültig aus. Darf ich vielleicht Glück wünschen?
Was würde sie antworten? Er sah sie nicht an, aber er verhielt den Atem.
Und Sie? antwortete Victoria, haben Sie keinen Ring? Nein, nicht? Irgend jemand hat erzählt ... Man hört jetzt so viel von Ihnen in diesen Tagen, es steht in der Zeitung.
Papier heraus. t ~r. ...
Sehen Sie her! sagte sie schwer atmend. Ich habe es ausgeschnitten und aufgehoben. Sie dürfen es gerne erfahren, ich lese es immer abends. Das erstemal zeigte es Papa mir, und ich ging ans Fenster, um es zu lesen Wo ist es denn? ich finde es nicht, sagte ich und drehte die Zeitung um Aber ich fand es leicht und las es bereits, und ich war so froh.
Ein Duft ihres Körpers stieg vom Papier auf; sie entfaltete es selbst und zeigte es ihm, es war eines seiner ersten Gedichte, vier kleine -oerle an sie an die Reiterin auf dem weißen Pferd. Es war das einfältige und heftige Geständnis eines Herzens, ein Ausbruch, der nicht zunm- gehalten werden konnte, sondern aus den Zeilen hervorsprang wie Sterne, wenn sie zu leuchten beginnen.
Alle meine Gedichte sind an Sie gerichtet, nur einige wenige sind es nicht und die sind nicht gedruckt. Aber Sie haben wohl auch die gedruckten nicht gelesen. Jetzt habe ich ein großes Buch angefangen. Ach ja, mein Gott, wie dankbar bin ich Ihnen, denn ich bin so erfüllt von Ihnen, und das ist meine ganze Freude. Stets sah oder hörte ich etwas, das mich an Sie erinnerte, den ganzen Tag, auch in den Nächten. Ich habe Ihren Namen an die Decke geschrieben da liege ich dann und sehe hin; aber das Mädchen, das bei mir aufräümt, .sieht es nicht, ich habe es so klein geschrieben, um es für mich allein zu haben. Das ist eine gewisse Freude für mich.
Sie wandte sich ab, öffnete ihr Kleid auf der Brust und zog em Stuck
fA | A Geschichte einer Liebe
von Knut Hamsun
Weshalb geht Mctoria hier? Wie kann ihr Weg sie hier vorbeiführen? Er irrte sich nicht, sie war es, und vielleicht war ste es auch gewesen, die gestern abend hier vorbeiging, als er aus seinem Fenster sah.
Sein Herz klopfte stark. Er wußte, daß Victoria in der Stadt war, das hatte er gehört; aber sie verkehrte in Kreisen, in die der Sohn des Müllers nicht kam. Auch mit Ditlef hatte er keine Verbindung.
Er nahm sich zusammen und ging der Dame entgegen. Kannte sie ihn nicht? Ernst und gedankenvoll ging sie ihren Weg und trug den Kopf stolz auf ihrem schlanken Hals.
Ich habe ein paar Gedichte geschrieben, antwortete er. Aber Sie haben sie wohl nicht gesehen.
War es nicht ein ganzes Buch? Mir ist so ...
Doch, es war auch ein kleines Buch.
Sie kamen an einen Platz, sie hatte keine Eile, obwohl ste zu der Familie des Kammerherrn sollte, sie setzte sich auf eine Bank. Er blieb vor ihr stehen. _ ... . •
Da reichte sie ihm plötzlich die Hand und sagte: Setzen Sie sich auch.
Und erst, als er sich gesetzt hatte, ließ sie seine Hand los.
Jetzt oder niemals! dachte er. Wieder versuchte er, einen scherzhaften und gleichgültigen Ton anzuschlagen, er lächelte, sah geradeaus in die ^Sost>^Sie sind verlobt und wollen es mir nicht einmal sagen. Mir, der daheim Ihr Nachbar ist.
Sie überlegte.
Das war es nicht gerade, worüber ich heute mit Ihnen sprechen wollte, antwortete sie.
Er wurde aus einmal ernst und sagte leise:
Ja, ja, ich begreife es trotzdem gut.
Pause.
Er fing wieder an: ... , ,,
Natürlich wußte ich die ganze Zeit, daß es mir nichts helfen würde ..., ja, daß nicht ich ... Ich war nur der Sohn des Mullers, und Sie Natürlich ist es so. Und ich verstehe nicht einmal, daß ich letzt hier neben Ihnen zu sitzen und dies anzudeuten wage. Denn ich mußte vor Ihnen stehen, oder ich müßte auf den Knien liegen. Das wäre das Richtige. Aber es ist gleichsam ... Und alle diese Jahre, die ich sort- gewesen bin, haben auch das ihre dazu beigetragen. Es ist gleichsam, als wagte ich jetzt mehr, denn ich weiß ja, daß ich kein Kind mehr bin, und ich weiß auch, daß Sie mich nicht ins Gefängnis werfen können, wenn Sie wollten. Deshalb wage ich das zu sagen. Aber Sie dürfen mir deshalb nicht böse sein; ich will lieber schweigen.'
Nein, reden Sie. Sagen Sie, was Sie sagen wollen.
Darf ich das? Was ich will? Aber dann dürfte auch Ihr Ring mir nichts verbieten.
Nein, antwortete sie leise, der verbietet Ihnen nichts. Nein.
Wie? Ja, aber wieso denn? Gott segne Sie, Victoria, irre ich mich? Er sprang auf und beugte sich vyr, um ihr ins Gesicht zu sehen. Ich meine, bedeutet denn der Ring nichts?
Setzen Sie sich wieder.
Ach, Sie sollten nur wissen, wie ich an Sie gedacht habe; Herrgott, war denn jemals ein anderer kleiner Gedanke in meinem Herzen! Unter allen die ich sah, und unter allen, von denen ich wußte, waren Sie der einzige Mensch auf der Welt. Es war mir nicht möglich, etwas anderes zu denken als: Victoria ist die Schönste und Herrlichste, und sie kenne ich! Fräulein Victoria, dachte ich immer. Zwar wußte ich ja gut, daß niemand Ihnen ferner war als ich; aber ich kannte Sie, — ja, das war durchaus nicht zu wenig für mich —, wußte, daß Sie dort lebten und sich vielleicht manchmal meiner erinnerten Natürlich erinnerten Sie sich meiner nicht: aber an manchem Abend habe ich doch auf meinem Stuhl gesessen und gedacht, daß Sie sich mitunter meiner erinnerten. Und wissen Sie, dann öffnete sich gleichsam der Himmel vor mir, Fräulein Victoria, und dann schrieb ich Gedichte an Sie und kaufte Blumen für Sie für meine ganze Barschaft, und stellte sie zu Hause in ein Glas. “ gerichtet, nur einige wenige sind es
-druckt. Aber Sie haben wohl
Er grüßte.
Guten Tag, antwortete sie ganz leise. .
Sie machte keine Miene stehenzubleiben, und er ging stumm vorbei. Es zuckte in seinen Beinen. Am Ende der kleinen Straße kehrte er um, wie es seine Gewohnheit war. Ich wende meinen Blick nicht vorn Boden und sehe nicht auf, dachte er. Erst nach einigen Schritten sah er auf.
Sie war vor einem Fenster stehengeblieben.
Sollte er sich wegschleichen, in die nächste Straße? Weshalb stand sie da? Das Fenster war ärmlich, es war ein kleines Ladenfenster, in dem einige übereinandergelegte Stangen roter Seife zu sehen waren, Grütze in einem Glas und einige gebrauchte Briefmarken zum Verkauf.
Vielleicht ging er noch ein paar Schritte weiter und kehrte dann um.
Da sah sie ihn an, und plötzlich kommt sie ihm von neuem entgegen. Sie ging rasch, als habe sie sich ein Herz gefaßt, und als sie sprach, hatte sie Mühe, Atem zu holen. Sie lächelte nervös.
Guten Tag. Wie nett, daß ich Sie treffe.
Mein Gott, wie fein Herz kämpfte; es schlug nicht, es bebte. Er wollte etwas sagen, es gelang nicht, nur seine Lippen bewegten sich. Ihr Kleid strömte einen Duft aus, ihr gelbes Kleid, oder vielleicht war es ihr Mund. Er hatte in diesem Augenblick keinen Eindruck von ihrem Gesicht, aber er erkannte ihre seinen Schultern wieder und sah ihre lange schmale Hand auf dem Griff des Schirmes. Es war ihre rechte Hand. Die Hand trug einen Ring. ... , . , ,, „ .
In den ersten Sekunden dachte er nicht darüber nach und hatte kein Gekühl von einem Unglück. Aber ihre Hand war wunderbar hübsch.
Ich bin eine ganze Woche in der Stadt gewesen, suhr sie fort, aber ich habe Sie nicht gesehen. Doch, ich habe Sie einmal auf der Straße gesehen; irgend jemand sagte, daß Sie es seien. Sie sind so groß geworden.
Er murmelte: m , ,.
Ich wußte, daß Sie in der Stadt seien. Werden Ste lange hier-


