Ausgabe 
13.7.1936
 
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Aber der Pfarrer ließ sich so nicht schlagen.Denk mal nach, mein Lieber, ob du nicht schon einmal beinahe eifersüchtig aus einen Bruder derselben jungen Dame warst. Mir schien es so. Und sie hat wirklich mehrere Brüder. Aber jetzt schreib. Der Bries muh mit dem Zug um elf mit. Wir bringen ihn selber hin."

Dieser klaren Anordnung muhte der Doktor sich fügen. Das Schreiben ging sehr langsam; aber der Psarrer half ihm, und dann brachen sie auf und gingen über den Langen Markt, über dem ein blauer, noch vom letzten Abendlicht durchhellter Himmel hing, durch die Langgasfe am Dominikswall entlang zum Bahnhof und steckten den Bries sorgfältig in den Briefkasten des Postwagens. Der -gelbe Mond schien fahl und bei­nahe noch voll zwischen den elektrischen Bogenlampen hindurch; der Doktor sah ihn nicht gern. Cr erinnerte ihn zu sehr an den einzigen Abend seines Lebens in Nidden.

Am nächsten Morgen faß er wieder im Zug nach Königsberg, nicht ohne sich ein bißchen komisch vorzukommen und einen leichten Zorn gegen den Pfarrer zu empfinden.

Da er Anschluß hatte, fuhr er mit jenem Mut, der ihn zuweilen vor schwierigen Situationen ergriff, nach Insterburg durch obwohl er gleich­zeitig das Wiedersehen gern um mindestens vierundzwanzig Stunden hinausgeschoben hätte. Er wollte Klarheit; so wanderte er vom Bahnhof sofort zur Klinik hinaus, lieh sich beim Professor Stempel melden, wenn es ihm auch leise peinlich war, brachte das Gespräch, wie er glaubte, völlig zwanglos auf die Schwester Regina und erfuhr mit einem Erblassen zum wenigsten seines inneren Menschen, daß sie nicht in Insterburg wäre. Sie wäre, wann war es doch gleich vorgestern von Nidden zurück­gekommen und wäre dann verabredungsgemäß weiter in ihren sommer­lichen Urlaub gereist.

Dem Doktor schien es, als ob der Professor leise lächelte. Er fand ihn hassenswert, bis der andere beiläufig hinzusetzte, sie wäre zu Verwandten aufs Land gefahren, irgendwo in der Gegend von Maldeuten aus ein Gut die genauere Adresse sei ihm entfallen.

Georg Ebener überlegte, ob er weiter fragen könnte, ohne feine Karten vor dem fremden Mann aufzudecken. Er konnte es nicht. Er lenkte das Gespräch auf andere Themen; bann erhob er sich, dankte und ging. Der Professor lächelte jetzt wirklich ein wenig.

Der Doktor aber rief am Abend von Königsberg aus den Pfarrer Malletke telephonisch an und hatte ein längeres Gespräch mit ihm. Er wäre am Ende seiner Weisheit; er könnte doch schließlich nicht von Ort zu Ort hinter einer jungen Barne Herreisen.

Der Pfarrer lachte und meinte, wenn man hinter einer toten Ahnfrau von Berlin nach Danzig und Marienburg und Insterburg fahren könne, bann könne man bas erst recht hinter einer lebenben Schwester, bie erst Ahnfrau werben solle.

Der Doktor grunzte etwas vor sich hin unb entgegnete, bann müsse man aber wenigstens wissen, wohin man sollte. Gegenb von Malbeuten wäre eine zu unsichere Ortsbestimmung.

Der Pfarrer aber behielt seine gute Laune. Da könnte er ihm helfen; bas Gut, wo bie Schwester Regina sicher zu finben wäre, hieße Groß- Wensborf, läge zwischen Malbeuten unb Mohrungen, ber Besitzer heiße Becker. Alte Liebmllhler Familie; er wäre ein Onkel ber Schwester Regina, ein Bruber ihrer Mutter. Dies nur, bamit er nicht roieber auf finstere Vermutungen gerate.

Der Doktor hatte nicht bie geringste Neigung zu neuen Cntbeckungs- reisen im Osten. Aber ber Pfarrer hielt ihn beim Wort. Wenn bas bie einzige Buße feiner Unüberlegtheit bliebe, könne er zufrleben fein. Es wäre überbies gar keine Entbeckungsreise: er könne über Allenstein nach Wäh­rungen fahren ober besser noch über Gülbenboben unb Preußisch-Hollanb nach Malbeuten. Er solle sich anmetben unb getrost fahren; eine so sichere Aufgabe bes Schicksals müsse und werde zu gutem Ende kommen.

Und bann sagte er schnell auf Wieberfehen, was ben Doktor ein bißchen rounberte, unb hängte an.

Georg Ebener aber ging ins Blutgericht, um im tiefen Keller erst einmal feinen Groll hinunterzuspülen unb ßanbtarten unb Kursbuch zu ftubieren.

Am nächsten Morgen fuhr er ab. Er hatte festgestellt, baß Groß-Wens- borf tatsächlich besser von Malbeuten zu erreichen war, unb fuhr über Gülbenboben. Es war eine lange Fahrt, weil er einen Perfonenzug nehmen mußte, wenn auch einen beschleunigten. Aber ber Doktor sah biesmal boch mehr vom Laub als vor brei Tagen, als er nach Danzig floh. Er stellte sich sogar ans offene Fenster, als bei WoUtnik bie Bahn an bas Haff herankam, unb sah hinüber nach Lochstäbt unb Fischhausen unb Pillau. ®r ließ mit bem frischen Winb ben Duft ber Wälber herein unb atmete tief ben Geruch ber ersten blühenben Roggenfelber. Er genoß bie Fahrt, um nicht an bas Ziel benfen zu müssen.

Dann wuchs zur Rechten bas Hockerland auf, bie Höhe vor Elbing auf Rogau zu, unb er mußte umfteigen. Der Zug fuhr halb weiter, wand sich klingelnd bergan ins Oberland, vorüber an Preußisch-Hollanb, bas noch immer wie eine kleine Burg auf feinem Hügel thronte, um bann gemächlich Station für Station zu erlebigen, hier Milchkannen, bort Korn- färfe aufjimehmen, Hungerharken unb Maschinenteile abzulaben, ohne Eile, mit ber schönen Gemächlichkeit gebiegener Arbeit. Der Tag war frisch unb wolkig; selbst um bie Mittagszeit blieb es kühl unb luftig. Zuweilen traf ben fremben Mann, ber aus einem Fenster zweiter Klasse sah, ein fragenber Blick; meist nahm man keine Notiz von ihm. Hier war Lanb er war Stabt.

Dann tarn Walb, roieber Wald, unb bann kam Malbeuten. Allerhanb Nebengeleise verkünbeten einen größeren Kreuzungspunkt: mit schweren, langen Stämmen belabene Güterwagen ftanben in enblosen Zügen an ber Einfahrt entlang: ein paar gefüllte Kohlenwagen brachten einen fremden Inbustrieton in biefe Gegenb ber Lanbwirtschaft.

Der Doktor sah sich mißtrauisch um unb zog noch im Einfahren bas Meßtischblatt hervor, bas er vorsichtshalber aus Königsberg mitgenommen hatte. Jatzt begann bas Wandern.

(Schluß folgt.)

Kinderlied von den grünen Sommervögeln.

Von Friedrich Rückert.

Es tarnen grüne Dögelein Geflogen her vorn Himmel, Und setzten sich im Sonnenschein In fröhlichem Gewimmel All' an des Baumes Aefte, Unb faßen ba so feste. Als ob sie angewachsen fein.

Sie schaukelten in Lüften lau, Auf ihren schwanken Zweigen; Sie aßen Licht unb tranken Tau, Unb wollten auch nicht schweigen, Sie fangen keife, leise Auf ihre stille Weife

Von Sonnenschein unb Himmelblau.

Wenn Wetternacht auf Wolken saß. So schwirrten sie erschrocken;

Sie würben von bem Regen nah, Unb würben roieber trocken;

Die Tropfen rannen nieber Vom grünenben Gefieber, Unb besto grüner würbe bas.

Da kam am Tag ber scharfe Strahl, Ihr grünes Kleib zu sengen, Unb nächtlich kam der Frost einmal, Mit Reif es zu befprengen.

Die armen Vögel froren, Ihr Frohsinn war verloren, Ihr grünes Kleib warb bunt unb fahl.

Da trat ein starker Mann zum Baum Unb hob ihn an zu schütteln, Vom ober» bis zum untern Raum, Mil Schauer zu burchrütteln;

Die bunten Vöglein girrten Und auseinander schwirrten;

Wohin sie flogen, weiß man kaum.

(Ein Ring mit blutrotem Stein.

Von K. H. Waggerl.

Das also ist Eva, der neue Gast. Ein tüchtiges Mädchen, 0 ja, sie ist ein wenig jünger als der kleine Peter, aber schon gut um zwei Finger größer. Er wächst nicht, dieser Knirps. Und eine spannenhohe Masche* trägt diese Eva im Haar. Peter betrachtet das kleine Mädchen eine Weile, unb bann entfernt er sich fdjroeigenb.

Arn nächsten Morgen steht Peter sehr früh auf unb geht auf ben Singer hinüber. Dort setzt er sich hin unb wartet. Es bauert lange, kalt ist es auch, aber bann kommt bie Sonne, und richtig, jetzt erscheint die rote Masche vor dem Haus. Sie kommt näher, Peter springt auf und steigt über ben Zaun, lieber ben Zaun hüpft bie rote Masche nicht, sie macht einen Bogen unb verschwinbet hinter bem Haus. Ohol

Peter läuft am Zaun entlang, bann über ben Garten unb vorn um ben Stall nichts I

Auf ber Tenne? Nein, niemanb.

Er geht in ben Wagenfchuppen, plötzlich fährt er zurück: braußen fckwebt sie vorüber, bie rote Masche! Sie kommt zum Brunnen, bort bleibt sie eine Weile, bann flattert sie um bie Ecke. Peter kriecht aus bem Schuppen unb nimmt feinerseits ben anberen Weg, am Haus vor­bei unb unter ber Dachtraufe durch. Alles leer. Er schleicht bis zur nächsten Ecke, auch da ist nichts Rotes. Aber nun kommt bie lange Rückivanb bes Hauses, bas wirb gefährlich. Er wagt ein paar Schritte, bann kehrt er um.

Er hätte boch nicht umkehren sollen, denn jetzt steht Eva vor ihm. Das ist eben so, die schlimmsten Dinge kommen am schnellsten. Peter wendet sich zur Wand, er findet ba plötzlich etwas zwischen ben Balken, ein Steinchen, ein Schneckenhaus, vielleicht hat er schon viele Tage lang banach gesucht. Er bohrt mit bem Finger im Moos, aber was tut bie rote Masche? Sie schwebt vorüber, sie hat nur eben barauf gewartet, ben Weg frei zu bekommen, gleich wirb sie verschwunben fein.

Hel" sagt Peter.

Die Masche bleibt stehen. Hat Peter wirklich etwas gesagt? Er gräbt noch immer nach bem Schneckenhaus, für ihn ist ba burchaus fein Grund vorhanden.He!" zu sagen. Aber Eva hat sich nun schon einmal umgebrefjt, sie kann jetzt nicht mehr gut so um bie Ecke gehen.

Du bist bumml" ruft sie herüber.

Das ist ein offener Angriff, so viel hat Peter nicht von biefer Masche erwartet, nein, barüber läßt sich reben. Er breht sich um unb betrachtet sich bieses Ding, bissen Waghals mit ber roten Masche.

* So nennen die Oesterreicher eine Haarschleife.