Eichener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Nummer 55
Montag, den 13. Juli
Jahrgang 1956
Oie Fahrt nach öer Ahnfrau
Erzählung von Paul Fechter
„Die Reise von Königsberg nach
^sprach nicht. Der Pfarrer aber fuhr halb für sich twas Besonderes um dieses Leben und die Fügung.
hieß: Was nun?
Der Pfarrer Mallett« lächelte: Danzig hättest du dir sparen können.
Der Doktor nüber' '
fort: „Es ist schon etwas Besonderes um dieses Leben und die Fügung. Er will die Missetat der Väter Heimsuchen an den Kindern bis ins dritte . ' -- - «- «- -----t ver-
und vierte Glied — und hilft dann selber, den Fluch in Segen zu wandeln Er will wirklich nicht noch einmal im Enkel die still oder laut redenden Züge des Ahnherrn sehn. Einen von euch muß er sehr lieben — aber ich glaube, du bist es nicht." .
„Es ist wirklich merkwürdig", sagte der Doktor, leerte fern Glas und sah von neuem in die Blätter.
„Ja — es könnte der Bericht von deiner, sagen mir, Uebereiltheit sein, wcnn's nicht von deinem Urgroßvater handelte."
„Daß die auch Regina hieß", sagte kopfschüttelnd Georg Ebener und suchte den Anfang der Geschichte. „Es ist beinahe unheimlich — solch
„Es gibt in diesen Dingen keinen Zufall, mein Lieber", sagte der Pfarrer und steckte sich eine neue Zigarre an; „hier spricht zur Hälfte Schicksal und zur Hälfte Gnade. Schicksal ist, daß in dir der Ahnherr wieder aufbricht, der alte Danziger Kaufherr und Reeder Johann Benedikt Ebener, der genau so hastig und unüberlegt in seinen Gefühlen war, wie du es wieder bist, und genau so sinn- und grundlos in das Leben einer Frau einbrach, wie du es beinahe wörtlich ebenso getan hättest. Gnade ist, daß Gott mich zur rechten Zeit in diesen Ablauf des Lebens eingeschaltet hat. Als ich dir da den Bericht schickte von dem Fund unter den Brautbriefen meiner Urgroßmutter, da war ich noch im Zweifel, ob der wirklich von deinem Urgroßvater handelte; denn der Name ist nicht ausgeschrieben, und es hat viele Johann Benedikts in jener Zeit gegeben. Jetzt, da ich dich so vor mir sehe, bin ich mir völlig im klaren. Das Leben muß alles Falsche offenbar so lange wiederholen, das Verkehrte muß so lange immer von neuem gelebt werden, bis es einmal von einem etwas erleuchteteren Träger des Schicksals richtig gelebt und damit aufgehoben werden kann. Du bist wahrlich kein Erleuchteter, aber Gott will offenbar durch dich dies Erbgreuel eures Hauses aus der Welt
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9. Fortsetzung.
Er ließ sie nicht aufkommen, stellte die Erinnerung an das nächtliche Zwiegespräch dagegen und sah doch wieder eine blauschimmernde Gestalt über den Gischt der Wellen fliegen, hörte einen jubelnden Schrei, der an allem schuld war, und wußte nicht, wie er aus alledem herauskommen ^Dann kam der Pfarrer Malletke. Er hatte bereits gegessen, billigte aber den gewählten Rotwein und beteiligte sich an ihm. Er betrachtete sein Gegenüber mit den kritischen Augen des erfahrenen Seelsorgers, und als sie die zweite Flasche bestellt hatten, faßte er sich em Herz und fragte den einstigen Schulbankgefährten, was ihm denn eigentlich wäre. Denn ihm wäre doch etwas.
Dem Doktor Ebener war noch nicht nach Beichten zumute. Aber im weiteren Verlauf des Abends und des Weines erzählte er Stuck für Stück die Geschichte seiner Ahnenreise und berichtete zuletzt, wenn auch in knappen Andeutungen, sogar die Ereignisse von der Kurischen Nehrung.
Der Pfarrer Malletke hörte schweigend und rauchend zu. Dann sah er sein Gegenüber scharf an. „Hast du meinen Brief nach Königsberg nicht bekommen?" , „ , ,, ,,
Georg Ebener faßte nach seiner Brusttasche. „Den hab ich ganz vergessen — hier ist er. Uneröffnet." _ „ „
Der Pfarrer zuckte die Achseln und lachld kurz. „Gott meint es gut m Und als der andere ihn erstaunt ansah, fuhr er fort: „Weil er mich heute abend zufällig zu Hause sein ließ, als du anriefst. Jetzt lies den
2)er Doktor machte ein noch erstaunteres Gesicht. „Hat das nicht Zeit bis nachher?" „
Aber der Pfarrer Malletke sagte kurz und sachlich: „Nein.
Da öffnete der Doktor das Schreiben und las es.
Es war ein langer Brief; der Pfarrer leerte, während der andere Blatt um Blatt beiseite legte, langsam und bedächtig sein frisch gefülltes Glas Der Doktor Ebener vergaß das Trinken, und als er das letzte Blatt senkte, atmete er tief und sah den andern mit einem Blick an, der
schaffen und den armen Reginas Ruhe vor euren ungezähmten Gefühlen verschaffen."
Der Doktor sah vor sich hin. „Ohne jeden Grund ist der Kerl aus-
gerissen", sagte er.
„Meinst du dich oder deinen Urgroßvater?" fragte Malletke.
„Ihn, ihn", erwiderte der Doktor. Aber der Pfarrer sagte: „Du bist um nichts besser und hast genau so im Garten der Liebe gehaust wie der. Er hatte sogar noch die Entschuldigung eines strengeren Jahrhunderts: er sah, als er heimkam, seine Frau durch die Glastür mit einem fremden Mann Hand in Hand vor dem Spiegel stehen, machte kehrt und ging und kam nicht heim, bis sie das Haus verlassen hatte. Er nahm keinen Brief an — selbst das hast du von ihm geerbt; du hast meinen auch ungelesen in die Tasche gesteckt. Es hat keiner gewagt, ihm zu sagen, daß der Fremde ein Bruder von ihr war, der als Junge nicht gut getan hatte, nach Schweden gegangen war und für wenige Stunden von seinem Kriegsschiff Urlaub nach Danzig bekommen hatte. Wenn es ihm einer gesagt hätte, hätte er’s natürlich auch nicht geglaubt, und als er's glaubte und sie zurückrufen wollte, war es zu spät: da lag sie in Marienburg auf dem Friedhof." .
Der Doktor fühlte, wie sein Herz plötzlich aussetzte. An die Wirkungen seiner plötzlichen Abreise auf das ahnungslose Opfer seiner Eifersucht hatte er noch gar nicht gedacht.
Der Pfarrer schien zu fühlen, was in ihm vorging. „So schlimm wird es nicht fein. Wir sind nicht mehr, wie die Leute von damals waren, wenn wir sie auch noch alle in uns haben. Und dann sollst du wohl eben den Ahnherrn in dir erlösen, an einer anderen Regina gutmachen, was der Vorfahr an der seinen gesündigt hat. Sonst hätte ich nicht drei Tage vor deiner Dummheit" — jetzt sagte er ruhig Dummheit, die zweite Flasche war teer — „das Bedürfnis gespürt, die alten Briefe endlich einmal zu lesen; ich hätte nicht den Bericht über das seltsame Ereignis
gesunden, das damals offenbar die Herzen der Danziger stark bewegt
hat; dann hätte Er mich überhaupt nicht mit allem so in dein Dasein
verwoben, wenn ich nicht helfen sollte, diese Wirrnis zu lösen und mit
zuarbeiten daran, daß dieses alte Schicksal endlich aus der Welt hinausgelebt wird."
Der Doktor winkte dem Küfer und bestellte eine neue Flasche. Der Pfarrer schüttelte den Kopf: „Es ist eigentlich genug; aber dich hat er heute an Dinge stoßen lassen, von denen viele ihr Leben lang nichts ahnen, und wenn die Angst vor der Tiefe kommt, dann hilft euch wohl nur der tröstliche Wein."
„Euch?" fragte der Doktor.
Der Pfarrer nickte. „Ihr wollt ,a von alledem sonst nichts wissen. Höchstens naturwissenschaftlich verdünnt, als Erbgut, und so laßt ihr s gerade noch gelten. Was wir (eben, darüber lächelt ihr — selbst wenn es euch einmal so zu sich hinllberzieht wie dich jetzt diese Erfahrung. Es schadet auch nichts. Die Hauptsache ist, daß es überhaupt noch Menschen gibt, die darum wissen."
Er leerte sein Glas. „Und was nun?"
Der Doktor machte ein verzweifeltes Gesicht und zuckte die Achseln.
„Das ist leicht", sagte der Pfarrer Malletke. „Es mutz aber etwas geschehen. Stell dir mal die zwei Tage für das Mädchen vor. Wie willst du das wieder gutmachen?"
„Beichten", sagte der Doktor dumpf. „
Sehr bequem", lachte der andere, „und sie soll dich lossprechen. Hinfahren", steigerte sich Georg Ebener.
Wenn ich sie wäre, würde ich dich gar nicht empfangen , meinte
iicr Pfarrer
Der Doktor zuckte wieder die Achseln. Er hatte mit verunglückten Seelen weniger Erfahrung als mit verunglückten Körpern.
Das beste ist", sagte Malletke, „du schreibst ihr sofort nach Insterburg.
Der Doktor zuckte wiec Seelen weniger Erfahrung
Das beste ist" fagte ,,— , - . -
Entschuldigst deine plötzliche Abreise mit irgendeiner Nachricht, die du vorgefunden hättest und die dich nach Danzig trieb. Meinetwegen sage, es war ein Brief von mir."
7,Dani?fährst du hin und bringst die Sache in Ordnung."
Georg Ebener saß plötzlich wieder verbissen da und sah sein Gegenüber beinahe zornig an. „Und wenn sie nicht will?"
Der Pfarrer lachte: „Dann mußt du es auch hinnehmen. Aber sie “’^Der^andere behielt sein verbissenes Gesicht: „Und der junge Mann?
„Welcher junge Mann?" .
Der da unter ihrem Fenster stand und rief?
Der Pfarrer Malletke sah seinen einstigen Schulkameraden eine Weile schweigend an. „Nun bist du glücklich wieder da angekommen, wo wir anfinqen. Nach zwei Stunden. Du Narr — traust du dir so wenig zu daß du vor einem Knaben flüchtest, von dem du nicht einmal weißt, ob es nicht auch ein Bruder Reginas ist?" ,,
Der Doktor lächelte spöttisch: „Deine Parallele geht etwas zu weit.


