Ausgabe 
13.3.1936
 
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roarm entgegen, erregt und wM>: starke Luft, tn der es brodelte und gut roch, gut, süß vom klebrigen Harz der Knospen und bitter von Erde, die übersatt getränkt war von Saft und durchwebt mit aufrührerisch ge­strafftem, hungrigem Wurzelwerk, gedrängt von platzend geschwelltem Samen und durchsickert von den gärenden Flüssen der Auflösung,

Der Mann ging voran. Zwischen Haus und Stall fiel ihn der Sturm hart an, er muhte sich abkehren und stehen bleiben, es preßte ihm den Atem vom Munde. Doch dann wendete er sich zu, er fühlte den Anprall der Sturmstöße auf der Haut, wie sie sich überstürzten, er schmeckte sie und roch; sie fuhren herab von den Hügeln, verfingen sich im Ufer- aebüsch des Flusses, platzten am Boden auf oder barsten ans Haus. Die Luft aus den Wäldern hatte den Geruch bitter vergehenden Laubes, was von der Niederung heranschauerte, hatte den Duft von Säst und Ge- zweige der Weiden und war kühl vom Wasser. Und zwischen den Wind­fällen war die erregte Nacht voll von feinem Knistern; den Lauten der Erde, des schweren, trächtigen, fruchtbaren Breies, in dem es gärte und quoll, auftrieb und stöhnte und strömte. Dann brauste es wieder auf, im Garten brach ein Ast, es tat Emke weh, er hörte einen Schrei, der Wind zerriß ihn, und Stöhnen; neue schüttelnde Schauer, Dachziegel klappern in rasender Hast, der Fensterladen schlägt und kreischt, es orgelt dahin.

Hält das Dach, denkt der Mann, ich habe es nicht gedeckt, wer weiß, ob es gut gemacht ist. Er ging in den Stall und machte Licht, dabei hörte er, es war die Kuh, die stöhnte; die weiche Schnauze der Stute tastete nach seiner Hand, und dann schrie es neben ihm.

Er lief zurück ins Haus.Oleitje!" rief er, feine Stimme war heiser, setz Wasser auf", daß ich das Feuer löschen mußte, dachte er voll Aerger und rannte zurück in den Stall.

Oleitje, ihre Füße wollten sie nicht tragen und ihre Hände mußten nach Stützen suchen; als das Feuer brannte, kam sie aus dem Knien nicht mehr hoch. Aber der Kessel mußte eingehenkt und Maß für Maß gefüllt werden, ab und zu verschüttete sie das Wasser, daß die Flammen zischten und sich am Boden spiegelten; Oleitjes Hände zitterten, und sie mußte stch niederbeugen und stöhnen unter den Wellen des Schmerzes. Sie lüftete sich zurück zur Kammer, es war ein langer Weg.

Emke trug das Wasser fort, sie hörte seine eiligen Schritte und konnte nicht rufen. Der Sturm draußen öffnete den Boden bis tief hinab, sprengte die Knospen und weckte das Leben; es war ja schon spät im Äahre, das junge Kommende hatte lange warten müssen, nun wollte alles zugleich herauf und drängte und brach mit Wildheit hervor es war schon Über die Zeit.

Sie legte den Kopf in die Kissen und überließ sich der Gewalt.

Es dämmerte, und die Laterne in Emkes Hand gab nur noch blassen «Schein, als er zurück in das Haus kam.Ein Hengstfohlen", fagte er, und ein Kuhkalb", aber Oleitje hatte das Antlitz zur Wand gewendet, wielleicht wollte sie nicht, daß er es jetzt sah.

3a", sagte sie, aber es wurde ein Wort ohne Ende, es wuchs und ffchwoll an, zitterte und stieg, immer lauter, ihre Kehle schrie, ihr Leib, iihre Not, und sie konnte nicht dawider.

Emke lief durch die Finsternis. Es schmatzte und klatschte unter feinen Füßen, sog und klebte sich an ihn, er lief gegen den Sturm, glitt, stol­perte, stürzte, hinter sich den Schrei. Unten am Fluß kam ihm eine Frau «entgegen: Oleitjes Mutter.Es konnte nicht anders sein", sagte sie, junges Leben will nicht zur Winterzeit Herkommen. Es hat seine Weile ggeroartet, nun mit der Wärme ist seine Stunde da."

Die Nacht schrie und zitterte unter dem Sturme, die lange, schwere Macht...

Als der Bauer im späten Morgen in den Stall kam, sprach er mit Öen Muttertieren, lachte auch und ließ seine Hände lange auf ihnen ruhen. Er trieb die Schafe hinaus auf die Weide, und auf dem Rück­wege pfiff er. Am Abend, als er sie heimholen wollte, blieb er stumm am Zaune stehen. Der Widder lies ihm entgegen, dahinter die Iungschafe. Langsam zogen ihnen die vier Muttertiere nach, und zwischen ihren wolligen, breiten Leibern sprangen auf ungelenken Beinen fünf schnee­weiße Lämmer. Sie füllten den Stall mit ihren gleichmütigen Rufen, Vie Mütter antworteten; im Schweinekoben quiefte es und verstummte, tn dem plötzlichen Schweigen war ein vielfältiges Saugen vernehmbar; es waren elf winzige Ferkel.

Ein Kuhkalb, ein Hengstfohlen, fünf Lämmer und elf Ferkel. Emke ging um den Stall herum und sah zu. wo er anbauen konnte.

Dann kamen stille, sonnige Tage. Die Wiesen grünten auf, und aus Der abgetrockneten Schlammschicht über den Aeckem drangen die Triebe »er schon aufgegebenen Wintersaat.

fm Oftermorgen, als Emke über den Hof zum Hühnergehege ging, woher ihm fröhliches Gackern nach der langen Zeit der Stummheit ent­gegenschall, kam ihm aus der Scheune eine Henne mit acht Kücken ent­gegen. Emke lachte, er hatte die Henne nicht brüten sehen. Er lachte auch noch, als er mit einem Korb voller Eier aus dem Hühnerstall kam: große, bräunliche Eier. Er setzte den Korb nieder und sah sich um.

Das Haus glanzte und leuchtete in strahlendem Weiß, sogar für den Stall hatte der Kalk gereicht, lieber den Büschen des Gartens lag ein I c rüner Schimmer und ein violetter über dem Walde der Hügel. Die Sonne schien so fröhlich und wärmte. Born Fluß kam das Schnattern > - er Enten und Gänse durch die stille und klare Luft, die Tauben gurrten behaglich im Schlage, ein Schwarm blitzte im Fluge über die Wiesen iwhin, die voll waren und bunt von Himmelsschlüsseln, Veilchen, Gänse­blumen und Huflattich. Am Waldrande stäubten die Kätzchen, unter !.en silbrigen Buchen blühten in dichten Teppichen Buschwindröschen, I Hungerblumen, Märzbecher, Lerchensporn und die Milchsterne. Wehte ein Windhauch herüber, war er roarm und süß von Duft.

Oleitjes Mutter kam mit dem Milcheimer aus der Stalltüre. Sie ging | ins Haus. Und dann trat langsamen Schrittes an ihrem Arme aus dem ; Dunkel der Diele Oleitje hervor, blinzelte in das Licht und lächelte dahin, wo sie Emke stehen wußte.

Sie wendete den Kopf nach rückwärts. 3m Hause meinte der Sohn.

Oer affe Gesell und die Bäume.

Von Oskar Karich.

Es klopfte dreimal an die Tür.Mit Verlaub! Glück Herr in! Gott grüß ein ehrbar Handwerk, Meister und Gesellen!" Dumpf knarrte der Spruch in die hell erleuchtete Werkstatt. Die Gesellen hörten auf zu klopfen, der Lehrling trat neugierig näher, und der Böttchermeister Wilhelm Hennig ging dem Ankömmling erstaunt entgegen:Grüß Gott! Woher so spät?"Grad aus der Stadt, roos keine Arbeit hat." Was für ein Landsmann?"Schlesier." Der Meister betrachtete den alten baumlangen Gesellen. Zwei Füzhüte saßen übereinanbergeftülpt auf dem wirren grauen Haar. Aus struppigem Vollbart, der das faltige Gesicht umrahmte und weit auf die Brust herabreichte, ragte eine mäch­tige, brillenverzierte Nase. Die dicke 3oppe berührte fast die Knie und an den Händen, die einen derben Knotenstock umspannten, steckten über und über geflickte Fausthandschuhe, denn draußen pfiff ein kalter No- vemberwind durch die Straßen. Schwere Holzschuhe schützten des alten Gesellen Füße vor den aufgeweichten Landstraßen.

Der Meister verlangte die Papiere und las:3ockel ßempe ... So, so, 3ockel, du bist also oierundsiebzig 3ahre alt?"3awohl, Meister." Und bann mit einem Räuspern:Warum trägt der 3ockel zwei Hüte auf seinem Kops?" lieber bas bärtige Gesicht ging ein verschmitztes Lächeln:Drei, Meister, drei sind es." Damit nahm er den Hut­turm vorsichtig vom Haupte und schälte die drei Exemplare auseinander, den mittleren besonders zart befühlend.Man muß fürsorglich sein, Meister. Verdirbt der auswendige von außen und der inwendige von innen, der in der Mitte bleibt bestimmt heil." Die Gesellen und Lehr­linge grinsten, doch der Meister warf ihnen einen unmutigen Blick zu.

Kann 3ockel auf gespaltenem Holz arbeiten?" Södels Augen funkelten mißbilligend durch die runden Brillengläser:Meister, solch alter Knabe wie ich kann immer auf gespaltenem arbeiten." Bedächtig zog er die Soppe aus, streifte die Handschuhe ab, nahm bas Schnitz- messer in die Faust, die Brustdaube in den Gürtel und setzte sich auf die Schneidebank. Das Schnitzmesser zitterte ein wenig, doch die knöcheren, braunen Hände führten es sicher über das krumm gespaltene Holz und eine gradlinig geschnittene Daube mit glatten Fugen fiel zur linken Seite in die Späne. Der Meister hob sie auf und reichte sie dem Lehrbuben:Da 3unge, nimm dir ein Beispiel."

Es wurde Feierabend gemacht, und der alte Gesell erzählte.

Das Wandern und Fechten saß ihm schon feit frühester Sagend im Blute. Sm Frühjahr, wenn die ersten Stare pfiffen, mußte er hin­aus. Er mußte. Es war, als wenn ihn die langen Beine einfach fort trügen. Er erzählte schmunzelnd von guten, fettenStrichen" mit einem Taler Tageseinnahmen. Und manchmal noch mehr.Ein Frühstück unter einem Saum, das lob ich mir. Und bann der Länge lang ins Gras legen. Sn die Blätter gucken, bis die Augen zufallen."Und bis der Gendarm kommt", meinte der Meister. Sockel sagte, seineFleppen" seien in Ordnung, der Gendarm könnte jede Stunde kommen, und die Bäume sind nun einmal seine besten Freunde. Sie schützen vor Sonne und Regen und spenden auch rounberfeine Menüs, lieber Herbergs- Erlebniffe, Austritte in Gehöften und Kämpfe mit Hunden berichtete Sockel. Er erzählte mit Feuer und Beweglichkeit, um die Aufmerksam­keit seines Publikums recht lange zu fesseln. Bis der Meister sagte: Nun los zum Abendessen!" und im Weggehen: Für den Winter kann Sockel bableiben."

Der Winter war lang und der alte Gesell arbeitete unverdrossen von früh bis spät, so gut es eben in seinem Alter ging. Er rechnete es Meister Hennig hoch an, daß er ihm im Winter, bei knapper Arbeit ein Unter» kommen gewährte. Es war wunderbar, wenn der Werkstattofen wohlige Wärme ausftrahlte und man feine Hände über die heißen Platten halten konnte. Und doch wurmte es ihn, daß er bei der Arbeit mit den jungen Gesellen nicht mehr so recht mitkam, wie er gern wollte. Wie sollte Sockel nur die Freundlichkeit, mit der ihn Meister Hennig immer be­handelte, belohnen? Sowohl belohnen Sockel hatte eben solch einen gönnerhaften Zug in sich. Die enorme Körperlänge und der große Voll­bart mochten wohl zur Stärkung seines Selbstbewußtseins beitragen.

Als im März die ersten Schneeglöckchen zur Sonne drängten, stand Sockel an dem kleinen Bächlein, bas burch des Meisters Garten plät­scherte und schaute sehnsüchtig den Wellchen nach, die das vom Hoch­wasser zerrissene Ufer bespülten.Meister", sagte er eines Tages,in meinen Beinen zwickt es. Sch muß fort. Aendern kann ich's nicht. Aber zuvor möchte ich noch an das Bachufer in Eurem Garten Weiden pflanzen."Weiden pflanzen?"Sowohl, mit Obstbäumen ist dort nichts zu machen. Sedoch das Ufer muß befestigt werden, und Weiden wachsen schnell und geben obendrein noch feine Reifen."Meinet­wegen", brummte der Meister vor sich hin und ging mit Kopfschütteln wieder an die Arbeit.

Sockel besorgte kerzengrade Stecklinge und pflanzte sie sorgfältig am Bachufer ein. Er behandelte jeden Steckling so zart und so behut­sam, als wenn es kostbare Orchideen wären.

Dann trat er reisefertig vor den Meister, nahm ihn geheimnisvoll beiseite, nestelte die Hutpyramide auseinander und hielt ihm den mitt­leren Hut vor das Gesicht. Sn dessen Snneren waren zwei Lose der Landeslotterie mit Stecknadeln aufgespießt.Meister", sprach Sockel mit feierlicher Stimme,wie Shr seht, bekomme ich eine kleine Rente. Dafür kaufe ich mir stets zwei Lotterielose und hoffe bestimmt einmal zu ge­winnen. Wißt Shr, dann kaufe ich mir ein Grundstück, möglichst mit Bäumen. Sind keine Bäume da, dann nflanze ich sie. Zuerst Weiden, die wachsen am schnellsten. Die dort am Bachrand pflanzte ich zur Probe. Sch sehe sie mir nächstes Sohr an, wenn Shr gestattet. Die Losnummern habe ich hier zu Eurer Kontrolle an die Werkstattwand geschrieben. Shr erhaltet auch einen Teil vom Gewinn." Damit stülpte er die Hüte zusammen, schwenkte sie in einem eleganten Bogen gegen die Gesellen und stapfte zum Hofe hinaus.