Ausgabe 
13.3.1936
 
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Ich war noch einmal an der Mordstelle", hob er an, dabei sah er auf das duftende Beet, als lese er dort seine Sätze ab.Es liegen am Wegkreuz runde, mäßig große Kieselsteine herum. Wenn man daraus achät, kann ihre Zahl stutzig machen. Sie sind alle verhältnismäßig sauber, ungesähr gleich groß und bitte, beachten Sie das zur Halste oder auch dreiviertel in die Erde eingebohrt. Aber diese Steine stecken nicht in der Erde, als habe ein Regen sie freigewaschen oder der Wind sie bloßgelegt. Wenn man mehrere von ihnen betrachtet, kommt man zu der sonderbaren Ausfassung, daß sie dorthin geworfen wurden, und es läßt die Art, wie sie im Sande stecken, erkennen, aus welcher Richtung sie geschleudert wurden. Sie müssen aus der Richtung des Wegkreuzes gekommen sein. Eine gerade Linie, gezogen von der Stelle, wo man den toten Alwien fand, über das Wegkreuz hinweg, würde in der Ver­längerung auf den Pfenningshof und auch auf Glahns Rügen Hoff weisen.

Hier machen Sie bitte einen Gedankensprung mit

Haben Sie in den letzten Tagen die nordwestdeitfchen Zeitungen gelesen, Hamburger, Bremer und hannoversche Blätter? Nicht? Nun, Sie wären sonst auf gewisse Meldungen gestoßen, die, je nach Art des Blattes, das sie brachte, mehr oder weniger sensationell gehalten ver­kündeten, daß in der hiesigen Heidegegend neue Erdölvorkommen fest­gestellt worden sind. Auf diese Zeitungsnotizen baute ich meinen neuen Plan, noch einmal bei Professor Pfenningshof einzudringen."

Frau v. Blinkburg schüttelte ungläubig und verwundert den Kopf.

Aber was suchten Sie bei dem Professor? Ich wollte Sie vorhin schon fragen, was veranlaßte Sie, festzustellen, daß eine etwa gezogene Linie MordstelleWegkreuz in der Ferne dann auf den Pfenningshof weist? Glauben Sie, daß der Täter geradenwegs aus der Richtung der beiden Güter gekommen ist und feine Steine geworfen hat? Er kann ebensogut von unserem Hotel aufgebrochen sein und hat einen Bogen gemacht."

Sie schrak zusammen. Die Sätze waren chr so herausgefahren. Sie sah, daß Steyer erblaßte. Er fuhr mit der Hand an den Kragenrand, eine vollkommen sinnlose Gebärde.

Es war einen Augenblick still. Frau v. Blinkburg überfiel eine Angst. Was hatte sie mit ihren Worten angerichtet? Was hatte sie auf­geweckt und Wiedererstehen lassen. Sie sprach rasch etwas; sie wollte selber nicht zur Besinnung kommen. Es war recht kindlich, hier anzu­fügen:

,Zch meine das nur so ..."

Der Schriftsteller faßte sich rascher.

Gewiß", gab er zu,auch solche Möglichkeit besteht; jede Möglichkeit besteht, solange wir nichts Genaues wiffen. Aber ich habe mir gedacht, daß man an die Geschichte nur mit einer vorgefaßten Meinung Heran­gehen darf. Sonst läuft man im Kreis. Ich habe mir infolgedessen eine Theorie zurechtgelegt. Es ist leicht möglich, daß sie irrig ist. Immerhin ist sie ein Weg und bringt uns vorwärts. Aber hören Sie:

Im Pfenningshof traf ich den Verwalter Lilius; er hielt mich auf; er erkannte mich wieder. Die Herrschaften, der Professor und Fräulein Glascha seien ausgeritten, sagte er mir. Da kam ich denn mit dem Alten ins Gespräch, und was sich anfangs als ein Mißgeschick anlassen wollte, daß ich weder den Professor noch Glascha antraf, stellte sich als ein günstiger Zufall heraus. Ich bekam von Lilius einige Auskünfte und von ihm unbeabsichtigte Auftchlüsie, die mir niemand der Familie Psenningshof gegeben haben würde.

Sie werden sich erinnern, daß mein erster Besuch mich bei dem Pro­fessor als eine Art Allerweltsmann eingeführt hatte Mit technischem Wissen hatte ich geglänzt und daneben meine Eigenschaft als Bericht­erstatter durchblicken lassen. Es war nicht schwer, jetzt den Verwalter Lilius glauben zu machen, daß ich Ingenieur sei. Hinter mir stehe ein Zeitungskonzern, sagte ich, und ich sei ausgeschickt, Näheres über die Oelvorkommen in dieser Gegend festzustellen.

Lilius wußte natürlich von diesen Petroleumfunden. Wir kamen sogleich ins Gespräch. Ich zog einige jener kleineren Steine, die ich an der Mordstelle zu mir gesteckt hatte, aus der Tasche und zeigte sie ihm. Solche Steine seien wohl hier in der Gegend des Pfenningshofes nicht zu finden?

Lilius sah sie sich an. Er vermochte nicht genau zu sagen, ob es diese Kiesel auf den Pfenningshofschen Feldern gebe. Aber das sei anzunehmen. Professor Psenningshof habe ebenfalls danach gesucht. Ob gerade nach eben solchen Steinen, wisse er freilich nicht. Aber nach Steinen. Der Professor habe einen kleinen Sack voll persönlich ausgesammelt und mit ins Haus genommen.

Steine dieser Art?

Das weiß ich eben nicht, Herr. Steine jedenfalls, runde Steine. Er ging neulich abends, gerade als auch ich im Blatt über die Oelvorkommen in unserer Heide gelesen hatte, noch einmal aus. Ich wunderte mich, das war sonst nicht des Profesiors Art. Don meinem Fenster aus, ich wohne in dem großen Haus dort, dem Herrenhaus gegenüber, sah ich ihn mit einem kleinen Sack auf die Felder gehen.

Dann wird der Profesior an jenem Abend auch sicherlich solche Oel- steine gesucht haben I

Das vermute ich auch; aber zur Gewißheit will ich ihn selber danach fragen.

Ich verließ Lilius eilig, denn ich konnte nicht länger einem Gespräch folgen, das nun gleichgültig werden mußte. Meine Gedanken hasteten. Was hatte ich da erfahren? Der Profesior sammelte an einem dem Mord vorangehenden Abend Steine auf, runde, glatte Kieselsteine, genau solche Steine, wie sie sich do an der Mordstelle sanden!

Ich war so tief in meinen Gedanken, daß ich weder den Huftchlag gehört hatte, noch die Annäherung der Dame zu Pferde gewahr ge­worden war. Als Fräulein Glascha Psenningshof vor mir stand, erschien sie mir wie aus dem Boden gestampft. Ich muß sie wohl recht erschrocken angesehen haben, denn ihr kühles, bewegungsloses Gesicht überflog für eine Sekunde so etwas wie ein Lächeln. Als ich grüßte, dankte sie kalt.

(Fortsetzung folgt)

Oie Heimat.

Don Friedrich Hölderlin.

Froh kehrt der Schifter heim an den stillen Strom, Bon Inseln fernher, wenn er geerntet hat;

So täm auch ich zur Heimat, hätt ich

Güter so viele, wie Leid, geerntet

Ihr feuern Ufer, die mich erzogen einst. Stillt ihr der Liebe Leiden, versprecht ihr mir, Ihr Wälder meiner Jugend, wenn ich Komme, die Ruhe noch einmal wieder?

Am kühlen Bach, wo ich der Wellen Spiel, Am Strome, wo ich gleiten die Schifte sah. Dort bin ich bald; euch traute Berge, Die mich behüteten einst, der Heimat

Verehrte sichre Grenzen, der Mutter Haus Und liebender Geschwister Umarmung Begrüßt ich bald und ihr umschließt mich, Daß, wie in Banden, das Herz mir heile,

Ihr treugebliebnen! aber ich weiß, ich weiß, Der Liebe Leid, dies heilet so bald mir nicht. Dies singt kein Wiegensang, den tröstend Sterbliche fingen, mir aus dem Busen.

Denn sie, die uns das himmlische Feuer leihn. Die Götter schenken heiliges Leid uns auch, Drum bleibe dies. Ein Sohn der Erde Schein ich; zu lieben gemacht, zu leiden.

Ende und Anfang.

Don Görge SperoogeL

Görge Spervogel, von dem wir früher schon des öfteren an dieser Stelle kleine Erzählungen brachten, wurde, wie bereits gemeldet, beim Wettbewerb um den diesjährigen Erzählerpreis der Zeiftchrift ,chie neue linie" preisgekrönt.

(Ernte hob den Kopf und besah sein Haus. Es war grau und ver­waschen von den Herbstregen, grau wie der Himmel, grau wie die Wälder auf den geduckten Hügeln, grau wie der stille Fluß, wie die Wiesen und Aecker, über denen der Schlamm lag, den das Hochwasser hinausgebracht hatte.

Welch ein Jahr war das!

Im Januar hatte die Sonne das Wort, der Roggen spitzte auf, die Knospen schwollen, der Seidelbast blühte. Im Februar kam die Flut, flaute sich und verlief über Nacht; aber die Helder und Weiden waren nicht mehr grün, der Schlamm lag darüber. Der März brachte Frost, der April Schnee. Ein Weststurm nahm ihn fort, aber die Nächte blieben sternklar und kalt, ein eisiger Mond, frostig rot im Aufgang, fahl, krank und riesig im Niederschwinden, herrschte mächtiger als das Tagesgestirn, das zu matt war, um die schweren Bodennebel der Frühe zu sich herauf­zusaugen und den grauen Tag zu durchdringen.

Kein Ende der Winterzeit, und ein schlechter Anfang für Emke. Es war nicht schlimm, solange Dleitje fröhlich war und leichtfüßig; nun ging sie schwer und faßte oft nach dem Herzen. Keine gute Zeit ... selbst die Tiere merkten es. Das Geflügel kam nicht aus der Mauser; die weißen Schar, n der Hühner und Gänse, die blauen der Tauben, die braunen der Guten, sie sraßen von den Borräten, sie fraßen, die Dorräte schwan­den die Nester aber blieben leer. Das war der Strich durch Emkes Rechnung.

Denn Eier kann man in alles verwandeln, in Saatgut, Geräte und Futter für alles, das auf dem kleinen Hofe lebt: die Kuh, das Pferd, die Schweine, die Schafe, die Langhaarkaninchen und den Hund. Selbst die Scheunenmäuse spüren es bitter, daß die Eier ausgeblieben sind. So steht das Vieh im Stall, die Wiesen sind noch tot ober von der Flut verdorben, kaum daß die Schafe ein kümmerliches Auskommen darauf finden; und die Kuh, das Pferd und die Sau, sie müßten auf das Beste gefüttert werden, denn ihre Leiber sind prall und sollen starkes, gesundes Geben bringen.

Nicht daß in dieser Zeit der Not jemand hätte kommen können und sagen, Emkes und Oleitjes Rechnung sei falsch oder leichtsinnig gewesen, nichts davon. Sie konnten den fieinen Hof wohl übernehmen ohne darum Schulden zu machen, und sie hatten im Herbst einen guten Anfang. Junges, kräftiges Vieh, Wintersaatgut, Vorräte genug und nun, nun ging der Plan nicht mehr. Wer kann gegen einen Winter, der an Ostern den Boden noch hart gefroren hält? Nein, mochte das Haus grau bleiben, wenn die Wiesen, die Aecker, der Wald und der Himmel grau, trübe und düster waren.

Es begann in der Nacht.

Emke fuhr auf, und er hörte an Oleitjes Atem, daß sie wach war. Die Luft in der Kammer war warm. Eine lose Scheibe flirrte und bebte, ein Fensterladen schlug hastig und hart, kreischte in den Angeln, schlug, kreischte, schlug. Dann erzitterte bas Haus, es brüllte unb bröhnte über ben Dachfirst dahin, verfing sich in den Bäumen im Garten, schüttelte und schauerte, zerrte, riß, sog und jaulte dahin: Sturm. In der Diele glaste die Herdglut unter der Asche aus, (Ernte löschte sie hastig. Im Gebälk knirschte und knisterte es, die Wände knackten, und nachher riefelte es lange.

Emke spürte die Unruhe in den Ställen. Er schlug einen Mantel um unb ging hinaus. Als er bte Kleintüre öffnete, prallte es ihm feucht unb