Ausgabe 
13.3.1936
 
Einzelbild herunterladen

Geheim Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1936 Zeitag. den 15. März Kummer 2\

eheimnis der Heide

ROMAN VON FRANK F. BRAUN

(8. Fortsetzung.)

Adalbert Steyer sah sein Gegenüber an. .

Was sagen Sie nun, liebe Gnädige? Sollen mir lernen, wieder an ^PU,9Benn9 der Schneidermeister recht behältl Welch eine glückliche Lösung in allem Unglück!" .. . ..

Er hat aber leider nicht recht. Zweifellos hat er uns bte Wahrheit gesagt, was sein Erlebnis angeht. Seine Mutmaßung jedoch ist irrig. Nicht Meteorsteine haben ihn hingestreckt. Meteorsteine waren es nicht, die da beim Wegkreuz, wo Alwien lag, in der Erde staken. Ich erzählte es Ihnen, es waren runde Kieselsteine. Den wichtigsten zeigte ich Ihnen. Alle diese Steine waren schon einmal ausgegraben und gesäubert ro°^Xber was ist dann um Himmels willen denn nun ihre Ansicht?"

Adalbert Steyer beherrschte fid); so konnte er den Satz lediglich ge­faßt und ohne das zu erwartende Pathos bringen:

Jemand hat Alwien mit einem Stein geworfen, hat ihn totge- worfen. Und den Schneider wird ein Stein getroffen haben, der ihm nicht galt, ein Stein, der fein Ziel verfehlte."

Frau von Blinkburg sann angestrengt nach: man sah es ihrem Ge­sicht an. Ihre Frage stand am Schluß einer Gedankenreihe.

Wer vermag, selber unsichtbar, so zu werfen?"

Steyer zuckte die Achseln.

Das ist der schwache Punkt dieser Annahme, die als solche dennoch bestehen bleiben muh. Kann man mutmaßen, daß jemand vom Boden aus warf, vielleicht geduckt hinter Ginstergesträuch, das überall dort wächst? Aber wenn diese Person ihr Opfer zum Zielen genau sieht, wie kann sie sich irren und auch den falschen, den wandernden Schneider, niederstrecken? Es ist kaum möglich, hier an einen Fehlwurf zu glauben, der vorbei ging und zufällig den Schneider noch traf.

Sie sahen sich an. Frau v. Blinkburg rief:

Und der Hund Alwiens? Hätte er nicht einen Menschen, der sich versteckt hält, hinter Büschen, aufgespürt und verbellt?" Langsam senkte Steyer den Blick.Rätselhaft", rief Frau o. Blinkburg und dann sehr zögernd, als fürchte sie die Lächerlichkeit:Doch vom Himmel ... Alte heidnische Sagen reden von Wotans Donnerkeilen? .. Etwas ist immer Wahres daran." ,

Adalbert Steyer lächelte nicht einmal. Er sagte nur:

Wir schweifen so weit ab." Dann versank er wieder m inniges 64Unb9Dieaeid)t trug Frau v. Blinkburg biefer kleinen Zurechtweisung Rechnung. Sie gab Wotan und Heibesagen enbgültig auf. Naherliegenbes

War'vielleicht eine Sprengung in ber Nähe?" fragte sie.Kann es sich um falsch berechnete auffliegenbe Steine gehanbelt haben?

Steyer schüttelte ben Kopf. ,

Das ist ausgeschlossen", versicherte er.Die Heibe liegt in biefer Gegenb eben, weit hinaus: man hätte bie arbeitenben Leute tags ge­sehen. Zudem, Sie werden sich erinnern, wir haben an jenem Abend nicht die leiseste Detonation gehört."

Dann weiß ich es nicht", gestand Frau v. Blinkburg mutlos.

Jetzt hob Steyer den Kopf wieder, sah ihr ms Gesicht und erklärte ehrlich und kurz:

Ich auch nicht, liebe Gnädige."

Dann stand er auf und lief mit em paar entschuldigenden Worten zum Hotel hinüber, denn der Kellner mar auf die Freitreppe getreten und begann gerade in dieser Minute einen Gong zu schlagen, das Zeichen für die' Hotelgäste, sich zum Mittagessen einzufinden.

Adalbert Steyer nahm die Treppe mit drei Sprüngen. Er hatte es plötzlich eilig. Denn so, im bestaubten Reifeanzug konnte er sich Frau d ißriT'f'burq nicht gegenüberfetjen. Mit ihr aber noch zu speisen war sein Wunsch ja, 'feine feste Absicht. Bei Tisch würde man bann ja wohl endlich für eine Weile von dein unglücklichen Krirninalfall abkommen und ein paar persönliche Worte anbringen können Es drängte ihn sehr dazu.

Frau v. Blinkburg blieb noch eine Weile auf der Bank sigen. Him aufgehen, sich umziehen? Sie war plötzlich mübe^ Sie mürbe ja doch allein bei Tisch sitzen: nebenan das Fräulein aus Hamburg: drüben bav ältliche Ehepaar. Wozu sich umziehen? Diese Reise hierher war eine Enttäuschung. Sie wäre nett -"worben: alles hat sich Jo gut

Mußte Herr Alwien sterben? Nun war alles anbers. Unb ba erschrak

sie. Ihr fiel ein, baß eine brohenbe Wolke noch am Himmel hing. Hatte sie sich nicht vorgenommen, ben Schriftsteller zu warnen. Gewiß war er nicht schulbig, bas schien ihr nun ganz gewiß. Aber es war sicherlich trotzbem besser, er reifte ab. ehe bie Schlinge sich über ihn zuzog. Denn, baß ba eine Schlinge, ein Netz geknüpft war, und daß Steyer es sein würde, der sich darin verstrickte, schien ihr mit traumwandlerischer Ahnung gewiß. ...... .

Was sollte sie tun? Selber abretfen? Sie war nicht feige. Vielleicht kam es hier eines Tages auf sie an, auf sie ganz allein?

Ich bleibe, sagte sie: aber er muß fort. Und zwar rasch!

Sie erhob sich. Der Kellner läutete zum zweiten Male nut feinem Blechteller.

9. Kapitel.

Adalbert Steyer war unter Mittag recht zerstreut gewesen-, wort­karg unb unaufmerksam; ein schlechter Unterhalter und Tischherr. Er hätte sich selber ohrfeigen mögen, aber er kam nicht mit sich zurecht.

Frau v. Blinkburg hatte ihm biefe Art nicht übelgenommen, sie glaubte ihn zu verstehen. Aber bas half ihm nicht weiter.

So tat er bas Klügste unb lief sich unb ihr gleich nach bem Essen

davon. , . .. .

Ich habe eine Idee. Sie brennt mich: sie brennt auch nur, nämlich hinter ber Stirn. Aber biesmal bleibe ich höchstens eine Stunbe weg. Aus nachher, liebste gnäbige Frau!"

Frau v Blinkburg hatte (ädjelnb biefe Worte hmgenommen. Sie blickte ihm nach. Wie sicher biefe Männer stets finb; ober ist es Ein­genommenheit von sich selbst? Er tröstete sie bereits. Ich bin halb zurück^ Also nahm er an, bah er für ihren Nachmittag von Bebeutung sei? War ich ungeschickt, habe ich Gefühle verraten, über bte ich selber noch nicht einmal rechte Klarheit besitze? Unb ihr Lächeln verstärkte sich.

Wohin lief er benn nun in bie Heibe hinein? Zu Pfenmngshof? Oder wollte er ben Pächter Glahn noch einmal aufsuchen? Mochte er bas boch nicht tun! Dieser Glahn war gefährlich. Ueberhaupt, warum mischte biefer wagemutige Mann sich immer mteber in Angelegenheiten, die ohne sein Zutun längst zur Ruhe gekommen wären?

Sie blieb nicht im Hotelsaal, sondern ging auf ihr Zimmer. An ihrem Abendkleid war neulich die Schulterblume abgerissen: den kleinen Schaden galt es zu beseitigen. Und bann war noch einiges zu erlebigen. Es würbe so viel Zeit in Anspruch nehmen, bis Steyer Zurück war.

Lieber Gott, es ist also wirklich so, daß biefer frembe Mann meine Zeiteinteilung beeinflußt!?

Frau v. Blinkburg sah ihn, diesmal tatsächlich zufällig, vom tfenfter ihres Zimmers aus. Sie verzichtete darauf, nun etwa an diesem Tlacf) mittaa gerade unsichtbar zu bleiben. Sie war auch zu begierig, vteues zu erfahren, benn sicherlich hing Siegers Ausflug mit seinen Nach­forschungen zusammen.

Als sie binunterging, ihm also gerabe entgegen, kam sie sich vor wie ein Mensch, ber im Begriff ist, eine gute Tat zu tun. Sie hie» ihre Hanblasche geöffnet im Arm. Als niemand in der Halle war, durch­schritt sie diesen Raum. Sie hatte begründete Veranlassung, darauf zu achten, eine Minute allein in der Halle zu fein.

Im Vorraum sah sie sich in einem der großen Spiegel! War sie er­rötet? Kaum. Also war sie schon eine geübte Intrigantin geworden in diesen Tagen? Der Umgang, nicht wahr, bas Leben in einem Kriminal­roman . unb sie vermochte zu lächeln. Ihr Spiel war beenbet. Sie batte Herz-As ausgefpielt, verdeckte Karte freilich, aber einmal klar er­kenntlich; bald gewiß. .,, .. , .. r,

So schritt sie dem Schriftsteller entgegen. Und nicht die leiseste Ahnung warnte sie, nicht Das zaghafteste Gefühl flüsterte ihr zu, daß gerade m dieser Stunde das Spiel eine entscheidende gefährliche Wendung nahm.

Er sah sie kommen, und sein Gesicht schien überstrahlt. Vor andert­halb Stunden, oder waren gar zwei vergangen?, hatten sie sich zuletzt gesehen aber er gab ihr die Hand und nahm ihre Finger, druckte sic als handele es sich um ein Wiedersehen nach Wochen.

Frau v Blinkburg fand das alles reizend. Vielleicht war die Werbc- zeit des Hauptmanns v. Blinkburg damals anders verlaufen. Sie blühte auf. Ihr Händedruck wies keineswegs zurück. ,

Als sie sich anfdjauten, hatten beide das Gefühl, es sei auf un­erklärliche, aber wundervolle Art eine Gemeinschaft zustande gekommen Aber dieses Neben- und Miteinander war noch neu. Rührte man nicht i ,u heftig daran. Möglicherweise war es noch zu jung und trug noch nicht i Die Bank stand vor dem Rosenrondell. Bienen summten. Die Sonne ! (aa ausge -hättet und machte die Luft flimmern. Sie waren allein.

®ar es nun wirklich nötig, daß Steyer von fernem Ausflug an­fangen muhte? Fand ein gewitzter Mann wie er feine anderen besser I angebrachten Worte? Ach, Steyer war kein Lyriker; er verfaßte Krimi­nalromane. Das rächte sich hier. , . . ___,

I Daß er trotzdem Frau v. Blinkburgs Ausmerksamkcit fand, erg-'b 1 sich nur durch die Besonderheit des Falles und entschuldig! ihn nicht.