Ausgabe 
13.1.1936
 
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Wer einsam ist...

Von Wilhelm Busch.

Wer einsam ist, der hat es gut. Weil keiner da, der ihm was tut. Ihn stört in seinem Lustrevier Kein Tier, kein Mensch und kein Klavier, Und niemand gibt ihm weise Lehren, Die gut gemeint und bös zu hören. Der Welt entronnen, geht er still In Filzpantoffeln, wann er will. Sogar im Schlafrock wandelt er Bequem den ganzen Tag umher. Er kennt kein weibliches Verbot, Drum raucht und dampft er wie ein Schlot. Geschützt vor fremden Späherblicken, Kann er sich selbst die Hose sticken.

Liebt er Musik, so darf er flöten. Um angenehm die Zeit zu töten. Und laut und kräftig darf er prusten, Und ohne Rücksicht darf er husten. Und allgemach vergißt man seiner. Nur allerhöchstens fragt mal einer: Was, lebt er noch? Ei, Schwerenot, Ich dachte längst, er wäre tot. Kurz, abgesehen vom Steuerzahlen, Läßt sich das Glück nicht schöner malen. Worauf denn auch der Satz beruht: Wer einsam ist, der hat es gut.

Wer war Lichtenberg?

Von Eduard Thorn.

Nietzsche nannte Lichtenbergs Schrifteneines der erregend­sten und zugleich amüsantesten Bücher der Welt"; Tolstoi sagte nach ihrer Lektüre:Ich begreife nicht, daß die heutigen Deutschen bte|en Schriftsteller so sehr vernachlässigen", und die lebenden Lichtenberg-Ver­ehrer wundern sich, daß er noch immer vernachlässigt wird, obwohl es seit Nietzsches und Tolstois Tagen hübsche billige Neuausgaben seiner Schriften gegeben hat.

Wer war nun dieser Mann, den zwei der besten Geister fo sehr zu rühmen wußten?

Er war das achtzehnte Kind eines Darmstädter Geistlichen, der starb, als dieser sein jüngster Sohn in das Gymnasium ausgenommen wurde. In jenen Jahren, etwa 1750, trat eine rhachitische Wirbelsäulenverkrüm­mung des Knaben auf, die ihn zum buckligen Zwerg machte. Er hat trotz­dem einen geraden aufrechten Weg durchs Leben genommen. Nach Ab­solvierung des Gymnasiums wurde dem hochbegabten jungen Mann durch ein Stipendium das Studium der Mathematik und Physik ermög­licht. Er bezog die neugegründete, durch hervorragende Gelehrte schnell berühmt gewordene Universität Göttingen, aus deren Mauern er, zuerst als Student, später als Professor, dauernd nicht wieder herausgefun­den hat.

Göttingen gehörte zum Kurfürstentum Hannover, dessen Herrscherhaus seit 1714 den englischen Königsthron innehatte. So war Englands König Lichtenbergs Landesfürst geworden und die hierdurch ermöglichte Be­rührung mit der weltweiten englischen Kultur trug viel dazu bei, Lichten­berg zu einem vorurteilslosen, weltaufgeschlosfenen Philosophen zu machen.

König Georg III. blieb der unter seinem Vater gegründeten Universi­tät Göttingen ein gnädiger Gönner. Auch Lichtenberg bekam es zu spüren. Zweimal, in den Jahren 1770 und 1774/75, hielt er sich längere Zett in London aus und beide Male wurde er durch den König, die englische Hocharistokratie, Gelehrte und Künstler ausgezeichnet.

In Göttingen erregte er als Physikprofessor Aufsehen. Sein Kolleg über Experimentalphysik war volkstümlich wie ein Ringelstechen, obwohl die Elekrisiermaschine im entscheidenden Augenblick zu versagen pflegte. Das störte wenig, denn des Professors Katze war immer zur Hand. Sie besaß ein geduldiges Fell. Lichtenberg rieb es und entzog ihm Funken, mit denen sich eine Pistole abfeuern oder Spiritus entzünden ließ.

Glücklicher noch als feine wissenschaftlichen Erfolge machte ihn die Liebe zu einem Blumenmädchen. Sie hieß Maria Dorothea S t e ch a r d und war ihm durch ihre Schönheit aufgefallen. Er nahm sie zu sich ins Haus, um sie vor den Gefahren der Straße zu bewahren. Dorothea erwies sich als ein kluges, bildungsfähiges Mädchen, das bald in seinem physikalischen Kabinett Mitarbeiten konnte und ihrem Wohltäter von Herzen so zugetan war, daß sie sich nichts Besseres in der Welt wünschte als ihn und seine Apparate.

Lichtenberg wollte das schöne Mädchen heiraten. Dorothea sprach gern von ihrem künftigen Glück. Da erkrankte sie an der Rose und starb, kurz nach ihrem siebzehnten Geburtstag. Ihr Tod schien alle Lebensfreude von dem zurückgezogen lebenden Lichtenberg nehmen zu wollen.

Einige Monate später hatte er eine neue Haushälterin. Sie hieß Mar­garete Kellner, war eine Weißbinderstochter, dreiundzwanzig Jahre alt, und im Wesen die vollkommene Doppelgängerin Maria Dorotheas. Kein Zufall, daß Lichtenberg sie fand. Der Himmel hat ihn für die Er­kenntnis der reinen Natur bestimmt.

Nach sechsjährigem Zusammenleben heiratete er seine Margarete in einem Augenblick, als sein altes asthmatisches Leiden ihn mit großer Heftigkeit befiel. Die liebevolle Pflege seiner Frau rettete ihn. Margarete hat ihm sieben Kinder und lange Jahre voll ungetrübten ehelichen Glücks geschenkt. Lichtenberg mietete vor der Stadt ein Gartenhaus mit Blüten, Nachtigallengesang, Lerchenklang, einem Himmel voll Raum für den Lärm der Kinder, frische Luft und Frühlingsgeruch für die eingeengten Lungen des Vaters. Er hat Göttingen und fein Gartenparadies nicht mehr verlafsen. Arm an äußeren, reich an inneren Erlebnissen verbrachte er seine letzte Erdenzeit im Kreis seiner Familie. Er starb im achtund­fünfzigsten Jahr seines Lebens, im letzten des großen achtzehnten Jahr­hunderts, zu dessen vorzüglichsten Männern er gehörte.

Bei seinem Tod war er bekannt als Verfasser von Zeitsatiren. Das neunzehnte Jahrhundert schätzte vor allem seineErklärung der Hogacthschen Kupferstich e", in denen er seine Kenntnis des englischen Volkslebens auf eine elegante, witzige Art verwertete. Seit dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wissen wir, daß Lichten­bergs Genie am kräftigsten in seinen Aphorismen hervortritt; durch sie ist er ein Vorläufer Nietzsches geworden.

Gleich dem Einsiedler von Silz Maria war der Göttinger Professor kein systematischer, wohl aber ein tiefsinniger Denker. Für beide steht der Mensch im Mittelpunkt ihrer Untersuchungen, deren Grundlage eine unbestechliche Selbstbeobachtung bildet.Wer sich selbst recht kennt, kann sehr bald alle andern Menschen kennenlernen. Es ist alles zurück­strahlend", sagt Lichtenberg. Er ist nicht nur hierin Nietzsches Vor­läufer gewesen. Man höre z. B., wie er über das Mitleid urteilt:Mir ist es eine sehr unangenehme Empfindung, wenn jemand Mitleid mit mir hat, so wie man das Wort gemeiniglich nimmt. Deswegen brauchen auch die Menschen, wenn sie recht böse auf jemand sind, die Redensart: mit einem solchen muß man Mitleid haben. Diese Art Mitleiden ist ein Almosen, und Almosen setzt Dürftigkeit von der einen und Uebersluß von der andern Seite voraus. Es gibt aber ein weit uneigennützigeres Mitleiden, das wahrhaften Anteil nimmt, das schnell zur Tat und Rettung schreitet und selten von empfindsamer Schwermütelei be­gleitet wird."

Das sind Worte, die in Nietzsches Ohren geklungen haben müssen, als er seine eigene Mitleidslehre schuf.

Lichtenberg lebte in einem Jahrhundert, das geistig um die Pole Empfindsamkeit und Rationalismus kreiste. Er trat entschloßen auf die Seite der Rationalisten, der Vernünftler, wodurch sich sein Versagen in den Fragen der Kunst und Religion nicht weniger erklärt als die beglückende Zielsicherheit seiner Gedanken bezüglich aller nur psycho­logischen Erscheinungen des menschlichen Lebens. Er und Nietzsche sind die größten deutschen Psychologen gewesen.

Es ist nicht möglich, auf engem Raum eine Vorstellung von dem reichen Inhalt der Aphorismen Lichtenbergs zu geben. Beherrscht werden sie von der Einsicht, daß die wahre Welt in ihrem innersten Gehalt uns stets verschlossen bleiben muß, ein Gedanke, der sich bei zunehmendem Alter Lichtenbergs zum skeptischen Mißtrauen gegen alles menschliche Wissen steigert. Immerhin gelangt er durch die Kraft seines regen Geistes an die Grenze dessen, was der Mensch zu erkennen ver­mag, und er ist sich seiner Fähigkeit mit Stolz bewußt. Woher nähme er sonst den Mut, immer wieder Wert und Unwert des menschlichen Charakters ergründen zu wollen, denn um diese Frage geht es ihm vor allem andern. Er weiß, daß die menschlichen Charaktereigenschaften in alles hineinspielen, was wir gesellschaftliches Leben nennen, und er glaubt an eine schrittweise Besserung der gesellschaftlichen Zustände. Dabei wird alles aus die Persönlichkeit der Führer eines Volkes und die Qualität des Volkes selber ankommen. Die beste Gesetzgebung kann nicht wirksam sein ohne Menschen, die sie in richtiger Weise ausüben.Liebe und Treue gegen einen rechtschaffenen Mann ist dem Menschen viel verständlicher als die gegen das beste Gesetz."

So kann er nur durch den Fortschritt unserer Vollkommenheit, nur durch Selbsterziehung, das Zusammenleben der Menschen gebessert wer­den. Das Humanitätsideal der Vervollkommnung des Menschen ist Lichtenbergs eigenes, und zu diesem Ziel vermögen uns heute noch wenige Bücher so gut wie seine Aphorismen hinzuführen. Darum sei zum Schluß eine kleine Probe aus diesem großen Schatz an Wahrheiten geboten:

Wovon das Herz nicht voll ist, davon geht der Mund über, habe ich öfters wahr gefunden als den entgegengesetzten Satz. Bei den meisten Menschen gründet sich der Unglaube in einer Sache auf blinden Glauben in einer andern. lieber nichts wird flüchtiger geurteilt als über die Charaktere der Menschen. Ich habe immer gefunden, die so­genannten schlechten Leute gewinnen, wenn man sie näher kennenlernt und die guten verlieren. Ich glaube, daß die Quelle des meisten menschlichen Elends in Indolenz und Weichlichkeit liegt. Die Nation, die die meiste Spannkraft hatte, war auch allezeit die freieste und glück­lichste. Die Indolenz rächt nichts, sondern läßt sich den größten Schimpf und die größte Unterdrückung abkaufen. Es ist ein großer Unterschied zwischen etwas noch glauben und es wieder glauben. Noch glauben, daß der Mond auf die Pflanze wirkt, verrät Dummheit und Aberglauben, aber es wieder glauben, zeigt von Philosophie und Nachdenken. Die allgemeinen Meinungen und was jedermann für ausgemacht hält, ver­dient oft am meisten untersucht zu werden. Wenn unfern Pädagogen ihre Absicht gelingt, daß sich die Kinder ganz unter ihrem Einfluß bilden, so werden wir keinen einzigen recht großen Mann mehr bekommen. Das Brauchbarste in unserem Leben hat uns gemeiniglich niemand gelehrt.

Beranlwortltch- Dr. Hans Thyriot. Druck und Berlag: Brühl'lche LlniversitätS-Buch. und Stetndruckerei, A. Lange, Gieße«.