Ausgabe 
13.1.1936
 
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An die Nacht.

Von E. G. Kolbenheyer.

Das Licht ist all versunken

In dir, du tiefe Nacht.

Du hast es eingetrunken.

Perlend bricht es aus deinem Schoß, vertausendfacht.

Was auch der Tag verschwendet, Buntspielend, wesensfern, Und all dein Aug geblendet, Klar strahlt es durch die Ewigkeit, nun Stern bei Stern.

Nimm auf die Sehnsucht meine, Die heiß im Herzen brennt, Daß sie mir widerscheine, Sternhell in deiner tiefen Nuh vom Firmament!

Oer Häuptling und seine zehn Krieger.

Von Cherry Kearton.

Den Literarischen Flugblättern des Verlages I. Engelhorns Nachf., Stuttgart, entnehmen wir den folgenden Abschnitt aus dem letzten Buche des bekannten englischen Weltreisenden und Tierfreundes Cherry Kearton,Das Tier im Feuer­berg. Schicksal eines Negerdorfes". (Kart. 3,50 Mark, Leinen 4,80 Mark.)

Die ganze Nacht hindurch saß Oomba mit seinen auserwählten Krie­gern im Zauberkreis, den Jngonga am Abend zuvor auf dem Boden in der Mitte des Dorfes gezogen hatte. Es war dies eine fromme Hand­lung, die sie vor jedem wichtigen Unternehmen zu vollziehen pflegten. Der Zauberer war zweimal im Kreis um sie herumgeschritten, hatte singende Geister angerufen und einen Feuerbecher geschwungen, aus dem Rauch qualmte, und so war es denn nicht nur gewiß, daß nichts Böses in den Kreis eindringen werde, sondern daß sie am Morgen auch mit dem beruhigenden Gefühl aufbrechen konnten, alles fei getan worden, um ihr Handeln ersprießlich zu machen.

Als aber die Sonne aufging und es Zeit wurde für die übliche Schlußzeremonie, ließ Jngonga sich nicht blicken. Der Brauch wollte, daß der Zauberer, nachdem er die Männer in den Kreis gebannt und dann für die Dauer der Nacht sich selbst überlassen hatte, in der frühen Däm­merung sich wieder einstellte, um den Kreis zu öffnen und die Einge- schlossenen aus dem Bann zu entlassen. Es war verpönt, den geweihten Ring eigenmächtig zu Überschreiten. Die Zeit verging, eine Minute folgte der andern, Jngonga erschien nicht. Oomba und seine Krieger wurden immer unruhiger und besorgter. Endlich rief der Häuptling ein Weib an, das aus feiner Hütte kam, und befahl ihr, den Zauberer zu holen.

Nach kurzer Zeit kehrte die Ausgesandte mit dem Bescheid zurück, der Alte sei nicht in seiner Hütte, und es deute nichts darauf hin, daß er die Nacht dort zugebracht habe. Auch sonst sei er nirgends zu finden.

Inzwischen hatte sich einiges Volk angesammelt und ängstliches Ge­murmel ging um. Einige erklärten, Jngonga sei auf Veranlassung der erzürnten Geister verschwunden, die sich beleidigt fühlten, daß man diesen ganzen Aufwand gebraucht habe, anstatt ihren Mitteilungen von vorn­herein Glauben zu schenken. Andre meinten wieder, die bösen Geister hätten ihn entführt; denn da er falsch gesprochen hatte, mußte er ihr Diener sein, und sie hatten ihn nun der Rache des Volkes entziehen wollen. Viele baten Oomba, von seinem Vorhaben abzustehen, das unter solch ungünstigem Stern begonnen werde. Wieder andre drangen darauf, daß er es unbedingt ausführe; denn man müsse doch Genaues darüber erfahren, ob dem Dorf wirklich Gefahr drohe oder nicht.

Für Oomba selbst stand es fest die Erkundung mußte gemacht werden. Er als Häuptling hatte über das Wohl des Volkes zu wachen und Geister abzuwenden. Es war feine Pflicht, sich Gewißheit zu ver­schaffen, was ihnen bevorstand. Obgleich das geheimnisvolle Verschwinden Jngongas gewiß nichts Gutes bedeutete, war es um so nötiger, der Wahrheit der Dinge auf den Grund zu gehen, die Jnguti beobachtet haben wollte. Da er sich nicht anders zu helfen wußte, trat er jetzt mit den zehn Männern aus dem Kreis heraus und verließ mit ihnen das Dorf.

Unterdessen war die Sonne hoher gestiegen. Das verminderte die Ge­fahr, die ihnen unterwegs von bösen Geistern drohte. Immerhin waren noch die Raubtiere zu fürchten, wenn diese sich überhaupt an einen so großen Menschentrupp heranwagten.

An allem war zu sehen, daß die geschäftigen Stunden der afrikanischen Nacht schon vorüber waren. Durch den Nebel, der über dem Busch lagerte, huschten Hyänen und Schakale heimwärts zu ihren Schlupfwinkeln; sie tarnen vom Fräße. Geier, Milane und Marabus bevölkerten den Himmel. Antilopen- und Gazellenherden ästen jetzt, da sie den Löwen nach nächt­lichem Riß in Ruhe wußten, im trocknen Grafe zwischen Akazien. Affen waren wach und schnatterten in den Zweigen. In der Ferne tauchte die häßliche Gestalt eines Nashorns auf, das aber auf so großen Abstand die daherkommenden Menschen nicht sehen konnte.

Diese liefen, von Unruhe getrieben, weiter. Das rätselhafte Verschwin­den des Zauderers, das eigenmächtige Ueberschreiten des Zauberkreises waren böfe Vorbedeutungen. Einmal gebot Oomba Halt und blieb selbst regungslos stehen, als in einiger (Entfernung ein Löwe vor ihnen über den Weg wechselte; er war neben dem Riß eingeschlafen und strebte nun wieder seiner Behausung zu. Ein andermal schlugen sie einen Bogen, um zwei Nashörner aus dem Weg zu gehen, die unter einer Akazie standen. 1

Ohne dann noch auf weitere Gefahren zu stoßen, kamen sie endlich am Fuß der äußersten Vorhügel an.

Plötzlich blieb der an der Spitze gehende Krieger mit überragtem Ausruf stehen. Er hatte zufällig einen Blick zum Gipfel des großen Bergs hinübergeschickt, und was sie nun alle sahen, war dies: über dem Fels­gebilde, jenem Ebenbild eines Löwen, schien ein mächtiger Baum mit weitausladenden Aesten emporzuwachsen. Während die Männer noch standen und starrten, wohl wissend, daß auf dem kahlen Gestein kein Baum Wurzel schlagen konnte, schienen die Aeste zu schwinden, um, an anderen Stellen plötzlich wieder hervorzukommen. Nach einer Minute wuchs ein zweiter Baum neben dem ersten aus dem Boden, um bald daraus wieder zu vergehen. Doch der erste wuchs schnell, wurde größer als alle Bäume, die je ein Menschenauge erblickt hat, wurde so hoch, daß sein Wipfel sich in eine graue geballte Wolke verlor, die plötzlich rasch zu sinken begann.

Erschreckt und verwundert zugleich blickten die Männer auf diese Er­scheinung und kehrten dann ihre Gesichter einander zu. Der Verzagteste wäre gern davongelaufen. Oomba aber versammelte die drei erfahrensten Krieger um sich und hielt Rat. Keiner wußte, was dies Zeichen zu be­deuten hatte. Nur einer hätte es ihnen sagen können Jngonga! Zwei der Männer sprachen dafür, ins Dorf zurückzueilen. Der dritte erklärte mutig, daß es Kriegerpflicht fei, vorwärts zu gehen wenn hinein in Gefahr, bann um so besser. Ja, wenn nötig, wollte er sogar zum Gipfel hinauf und feststellen, welche Bewandtnis es mit diesem Baum hatte, der seine Gestalt wechselte wie Rauch. Dann konnten sie mit klarem Bescheid zum Dorf zurückkehren.

Oomba gab, wie es ihm als Häuptling anftanb, feine Zustimmung. Entschlossen machte er sich auf den Weg. Einige feiner Gefolgschaft hielten sich dicht an feiner Seite, voll Begier, das Unbekannte näher zu er­forschen. Andre folgten zögernd, furchtsam, auf dem Sprung, jeden Augen­blick umzukehren.

Jetzt brach unter zuckenden Blitzen und dröhnenden Donnerschlägen Regen los, strömender Regen, der Mengen von Asche mit sich führte.

Plötzlich er hatte eben die Höhe eines der zahlreichen Hügel er­reicht, die dem See vorgelagert waren machte Oomba Halt. Die nächste vor ihm liegende Kuppe, sonst nur kahler Stein unter einer geringen Schicht ausgetrockneter Erde, war jetzt mit grauschwarzer Asche bedeckt, die sich unter den Regenströmen in Schlamm verwandelte. Wie Oomba und seine Krieger bemerkten, war dieser Schlamm in Bewegung, als wenn die Erde darunter ins Schwanken geraten fei. Und als die Männer emporblickten, sahen sie, daß sich ein breiter Schlammstrom lang­sam die Berglehne herunterwälzte. Als ihr besorgter Blick bann noch weiter hinanfichweiste, hatten sie ben Eindruck, bah der Strom, ber sich schwarz gegen ben braunen Untergrunb abhob, vom Hauptgipfel komme. An seinem Kopfenbe mochte er acht Speerlängen breit sein, unb während er langsam vorrückte, schien er sich noch weiter auszubreiten, als wolle er ben ganzen Berghang zubecken.

Bei diesem Anblick wäre nun auch ber Tapferste gern auf unb bavon- gegangen. Ader Oomba, wenn auch mit bebenber Hanb, wies gerabeaus auf ben zum See sührenben Pfab. Der See lag rechter Hand vom nahen- ben Lavastrom. Da es gegen ben Willen bes Häuptlings keine Auflehnung gab, fo folgten ihm bie Zehn.

Unablässig prasselte ber Regen auf sie nieder. Die Luft war dumpf unb schwül. Von ber Höhe bes letzten Vorhügels blickte eine kleine Schar von Männern hinab auf ben See unb sah, was Jnguti vor ihnen gesehen hatte: bas Wasser wallte unb brobelte, unb flache Wellen eilten über ben Seefpiegel.

Es tat nicht mehr not, ans Ufer hinabzusteigen. Niemanb zweifelte mehr an Jngutis Behauptung, baß bas Wasser heiß sei, daß tote Fische an seiner Oberfläche trieben unb bumpfer Donner aus ber Tiefe bes Sees bringe. Stumm roanbte Oomba sich ab unb trat ben Heimweg an.

Am Himmel tauchten buntle Wolken auf unb verfinsterten bie Sonne. Ein Sturm machte auf, heftiger als jener vorher, grelle Blitze zerrissen bas Düster, bas wie eine Nacht ohne Monb war. Donner rollten. Plötz­lich ein Krachen zu nah, um Donner zu fein, entfetzenerregenb, un­erklärlich! Von Schrecken gelähmt sahen sich die Menschen an. Dann jagten sie wie wild geworben baoon, glitten in ber Hast aus, prallten gegen Steinblöde unb waren bann roieber gezwungen, ben Winbungen bes Psabes langsamer zu folgen, ba sonst ein jeber seinem Vorbermann in ben Rücken gestürzt wäre unb ihn im Fallen mit sich gerissen hätte. So waren sie noch nicht lange unterwegs, als aus dem Donnergedröhn abermals ein eigentümliches Krachen herauszuhören war. Zuerst kam es von weither, aus ber Richtung bes Bergs in ihrem Rücken. Dann wieder­holte es sich, schon etwas näher, unb roieber und wieder hallte es, jedes­mal aus geringerer Entfernung. Als ein Blitzstrahl das Dunkel aufhellte, sahen bie Männer einen mächtigen Steinblock burch bie Luft sausen, der mit Krachen aufschlug, roieber yochsprang und ben Abhang weiter her­unterpolterte. Immer näher und näher kam er. Die Männer blieben in ihrem Entsetzen wie gebannt stehen, als wollten sie ihn erwarten. Jetzt schlug er nicht weit von ihnen an felsiger Stelle auf. Ein scharfes Spreng­stück, bas von einer Kante abspritzte, fuhr einem ber Krieger in bie Brust. Die anbern brängten sich um ben am Boben ßiegenben unb neigten sich über ihn. In ihrer Angst unb betäubt von dem Donnergetöse ringsum, achteten sie kaum auf bas Krachen eines zweiten nachsolgenben Stein­blocks. Es hätte ihnen auch roeniß gefrommt; benn hier zu Füßen des Bergs gab es keinen Platz, wo sie besser geschützt gewesen wären, gab es keinen Winkel unb keine Höhle, in bie sie sich hätten verkriechen können. Nur bie nackte Erbe war ba, an bie sie sich krallen, die steinernen Wänbe, an bie sie ihre Leider pressen konnten. Sie rückten eng zusammen unb legten bie Hänbe schützenb über bie gesenkten Köpfe. Da stürzte ein un­geheurer Felsblack auf bas Menschenhäuflein zu, begrub Oomba unb seine zehn Krieger unter sich unb zermalmte sie alle in einem einzigen Augenblick.