Ausgabe 
13.1.1936
 
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nur

gesund sein, sie anzuhören.

Ich bin auf der Schweizer Seite drüben, also in der .Großstadt' ge­boren, hinten, wo die Gärten ins Freie stießen, und habe hier meine Kindheit verbracht, so gsund, frei, heiter und reich, wie es eigentlich nur in kleinen Städten möglich ist, wo die Familien seit hundert Jahren in denselben Häusern sitzen, in denselben Gärten ihr Obst und Gemüse ziehen, in denselben natürlichen Bedingungen die Lust und Gefahr des

jenen Rufer und sagte:

.Halt! Still, Ihr Mannen! Da ist ein Unrecht geschehen, das Sühne verlangt. Hier diesen Jüngling, der unter meinem Schutze steht, habt Ihr .Sauschwab' geheißen, und er ist doch ein so echter .Schwizerkaib wie Ihr Das ist eine Schmach für Euch wie für ihn! Damit die eidgenössische Ehre wiederhergestellt wird, schlage ich vor, daß der Verleumder dem Verleumdeten dreimal .Schwizerkaib' ins Gesicht schreit!

Das Komische war, daß er in unverdächttgem Ernste sprach und es sedenfalls ganz ernst meinte. Die Hollauer starrten uns einen Moment verblüfft an, dann fielen sie aufs neue über uns her, ich bekam diesmal mehr Prügel als vordem, nach kurzem flogen wir wieder zum Tempel hinaus, und unsere Hüte hinterdrein. Albiez hob den (einigen auf und drehte ihn im Mondlicht hin und her, fuhr reinigend immer wieder mit dem Aermel drüber und setzte ihn mit hochmütig nachlässiger Gebärde auf, blickte kurz nach den erleuchteten Fenstern zurück und trat den Weg zum Bahnhof an.

(Fortsetzung folgt.)

schimpfen sie .freie Schweizer"

Sie haben" sagte der alte Herr nachdenklich, die Menschen haben Sie vergessen bei Ihrer Sündflut."

Ja. Aber wenn ich sie auch nicht vergessen hätte, würde ich nicht viel mehr über sie zu sagen gehabt haben. Dieses Wasser hier verfährt so blitzschnell mit ihnen, daß sie nicht einmal Zeit zu einem Hilfeschrei haben, den man übrigens in dem Getöse auch nicht hören würde.

, Ich hab' es einmal erlebt. Ich wohnte ja da drüben gerade über dem Saufen in dem vorspringenden Eckhaus in einem Eckzimmer. Wenn ich aus dem Seitenfenster steil hinabschaute, so sah ich in die Felsbucht, die man .Tote Waag' nennt, und in der sich beim Flößen immer einzelne vom Talweg abirrende Stämme verfingen. Eines Morgens bei der Arbeit hörte oder fühlte ich wieder einmal öfter den Anprall der herüderge- fchleuderten Bäume an den Felsen unter dem Hause, legte mich schließ­lich ins Fenster und sah rauchend zu, wie ein Floßknecht in hohen Stieseln auf den Felsen und Hölzern hin- und herturnte und mit seiner Stange ober auch mit dem Fuße die einzelnen Stämme in den Strom hinausstieß. Und es gefiel mir sehr, wie er im

und in wasferglänzenden Stiefeln sich waghalsig an den braunen Wanden der schattigen Bucht bewegte. Nun stand er auf zwei nebeneinander liegenden Stämmen und reckte sich, um einem ferneren Balken den Abstoß zu geben, glitt aus, bekam das Uebergewicht, war verschwunden. Es geschah schneller, als Ich es fassen konnte, ich sog noch an meiner Zigarre und suchte mit den Augen umher, wo der Flößer geblieben sei, und erst als ich ihn nicht fand und er nicht mehr auftauchen wollte, überfiel mich der Schrecken. Ich eilte hinunter und rief Leute herbei. Die zuckten aber nur mit den Achseln und sagten: ,Dem tut kein Zahn mehr tt>ef)l standen ein Weilchen und guckten mit in das Wasser, dann gingen sie zurück an ihre Arbeit. Und der Strom gab ihn nicht wieder heraus."

Ja den einen will er", sagte der alte Herr mit halber Stimme und setzte mit Nachdruck hinzu:Den andern will er nicht!" Er drehte sich rasch um, blieb noch einen Augenblick mit nachdenklich gesenktem Kopfe stehen, sagte bann:Kommen Sie!" unb ging mir voran. Wir schlängelten uns ein Pfädchen hinab zum Strom. Auf einem warm- besonnten Felsen, an bem bas Wasser vorbeischäumte, setzte mein Führer sich unb sprach:Hier sinb wir ungestört."

Unb wirklich, bas Brausen in ber Lust war so groß, daß ich ihn nur eben noch verstehen konnte. Manchmal wehte ein Schleier zarten Wasser­staubes erfrischend über uns her.

,Lch will Ihnen erzählen, wieso der Laufen mich rettete oder ver­schonte ober nicht haben wollte. Niemanb weiß es außer mir. Unser Gespräch hat mich roieber einmal so tief in bie (Erinnerung hineinge- brängt, daß ich mich ohnehin nur langsam und den Verlauf wieder genau durchlebend aus ihr herausarbeiten kann: so will ich es einmal mit lauten Worten tun. Es ist eine einfache, harte Geschichte, und es mag

gleich auskachte und Narren hieß, weil wir nicht viel von d-m geheiligten Status quo hielten, nichts vom Karrieremachen und Nichts von dem schwungvollen Detailgeschäft in Recht und Ordnung, Religion und Wi - enkbaft; daß Sie uns rufftg gelten ließen und uns gelegentlich mit Psychologie absührten. Danach hatte ich ja keinen Anlaß mehr "gend- einen Bürger über Sie auszuholen, oder vielmehr, ich hat e Grund nicht über Sie zu reden. So wird es gekommen sein, daß ich von Ihrer Rettung nie gehört habe."

Dann müssen Sie es sich einmal erzählen lassen.

Ich werde warten, bis Sie es mir selbst erzählen.

Er schüttelte leicht den Kopf und verwandte den ernftgefpannten Blick nicht von bem Silbe zu unfern Füßen. Auch meine Augen kehrten zu der Stromschnelle unb ben beiben Userstäbtchen zurück.

Hat sich die Gewalt des Elementes", fing ich nach einer Pause an, wohl noch einmal irgendwo ein so wildes und schönes Sinnbild ge­schaffen? Der Rheinfall bei Schaffhausen ist ein Naturschauspiel; hier aber ist Urgeschichte, die immer wieder Geschichte von heute sein wird. Vom ersten Maie an kommt mir immer wieder, wie bie Erinnerung einer Sage, ber Eindruck, vorzeiten, ja, vor Jahren noch ei bas eine einzige sonnige Stabt gewesen. Drüben von ber Burg herab behüte sie sich in sanfter Senkung über das ganze Teil herüber und flieg diesseits bis zur Kirche hinauf, und nur der Andelsdach riefelte friedlich zwischen den untersten Häusern hin. Eines Frühlings aber zerrte der Föhn den Schnee so jählings von den Alpen herab, daß dem Rhein b<e alte Rinne nicht mehr genügte und er mit ungeheuren Massen ins bestellte Land durchbrach. Dort oberhalb der Stabt trieb in weitem Bogen ber Wasser­schwall heran, gelb unb mit unzähligen Tatzen vorwärtshastenb Wie em Rachen sich auftut, so flieg es manchmal mit einer breiter», hohlen Woge hoch auf warf sich über die Gärten unb Mauern her unb brückte sie zu Boben, unterwühlte sie, überrannte sie, riß im Sturmlauf die Stabt auseinanber unb warf sie rechts unb links auf die Uferhöhen zurück. Das Hochwasser verlief, ber Rhein blieb da unb kämpft und tobt bis heule, als wäre der Widerstand der überfallenen Stabt noch nicht gebrochen. Das Stück gebetfter Brücke aber, bas auf biejem Ufer unb dem Pfeiler im Strom aufliegt, dieses Dach war das einzige im Tal unten, bas von ben Fluten nicht gestürzt würbe, unb so hängt es noch ba über bem Verberben, uralt, hinterhältig-lustig, etwas spöttisch. Unb feit dem Tage sind es zwei Städte, zwei Länder, zwei Völker. Die Leute hüben unb drüben sind vom gleichen Stamme, sind verschwistert und verschwägert; aber sie denken verschieden, sie schwören auf anderes, sie sterben für anderes: die drüben schimpfen uns .deutsche Fürstenknechte', und wir

Lebens lernen und, da alle einander kennen, alles mit persönlichem An­teil erleben. Dann war ich in Aarau auf der Schule, und nun wollte ich Medizin studieren. Teils um mich über mein Vorhaben genauer zu unter- richten teils auch nur, um meinen stolzeren Verkehrsansprüchen Genüge zu tun machte ich eines Tages in Klein-Laufenburg einem Medizin- ftubenten ber vor dem letzten Examen stand, meinen Besuch. Ich kannte ihn natürlich, wie sich alle kannten; da er aber vier Jahre alter als ich war und von zurückhaltendem Wesen, so hatte ich mich bisher nicht naher an ihn gewagt. Er wohnte in (einem Ellernhause etwas oberhalb der Brücke, in einem Zimmer auf den Rhein hinaus, zwei Treppen hoch.

Vor der Türe hörte ich, wie er innen auf. und abfchreilend englische Verse las jedenfalls Byron, der damals immer auf feinem Tische lag. Ich wartete eine Pause ab, ehe ich klopfte und eintrat. In dunklen Hosen und knapper Mililärdrillichjacke stand er mitten im Zimmer, drehte ben Oberkörper unb sah verwunberl nach ber Türe her. Die einfache Kleibung, bie energisch bewegte Haltung seines wohlgebauten Körpers, bie niedrige, behagliche Stube, deren Decke er mit feinem dichten braunen Haar fast streifte, all das ließ ihn mir noch größer und vornehmer er­scheinen als sonst, ich wurde befangen und sand Nicht gleich das Wort. Er legte bas Buch weg, begrüßte mich mit einer freundschaftlichen Höf­lichkeit ich saß auf dem Sofa und hatte Zigarellenpapler und -tabak vor mir, ehe ich nur ein paar Worte hatte sagen können. Je liebens­würdiger nun der (Empfang war, um so wichtiger erschien es mir, meinen Besuch zu rechtfertigen, ich erhob mich plötzlich wieder und sagte her, was mich zu ihm führte. Ich stand jedenfalls sehr schulbubenhaft und komisch vor ihm, er schaute mich aber mit gänzlich unberührtem Ernst an, hörte aufmerksam zu und antwortete. Er lachte überhaupt se'ten unb über bas obenhin Lächerliche wohl nie. Er gab mir nur Den Rat, meine ersten Semester nicht, wie üblich, zu verbummeln, sondern sofort richtig zu arbeiten, wenn nicht in ben mebizinischen Fachern, Dann irgenbeine Liebhaberei, Geschichte, Geologie was es fei. Nur gleich bie freigeworbene Hanb auf bie Welt legen, nur gleich bie (Eroberung beginnen! Hätte mir ein anderer das gejagt, fo wurde ich ipn aus= gelacht unb crnnbert haben: .Im Gegenteil! Für eine gute Weile ist genug geochst; jetzt wollen wir trinken und raufen und die Mädchen küssen!' Albiez aber verleitete mich burch sein leidenschaftliches Beispiel. Er nahm mich auf Exkursionen mit unb machte aus mir ben Botaniker, ber ich heule noch bin; wir klopften alle Steinbrüche, Sanbgruben unb Felsschluchten ab; wir suchten alle Sammler heim vom Bodensee bis Basel, ob sie nun Schmetterlinge, Steinbeile ober Bi ber Jammelten, ich empfanb auf einmal, bah bie Wissenschaft nicht eine Last fei, unter ber man von Examen zu Examen keucht, sonbern eine umworbene, be- glückenbe Macht, ber bie verschiedensten Menschen ber verschiedensten Berufe ihre, wenn auch nicht meisten, fo doch innigsten Stunden wid- bcten Albiez, dem ich in meiner leichteren Art besonders behagen mochte, nahm sich meiner wie eines jüngeren Bruders an, immer gleich sicher und ruhig, geduldig und unnachgiebig.

(Einmal aber in diesen Ferien überraschte mich sein Wesen doch. In der Sauserzeit machten wir eine Weinreise in die Hallauer Gegend. Schließlich blieben wir gegen Abend im .Hirschen' in Unterhallau hangen und waren nun bei einem Maß von Wein angekommen, das auch bem geeichten Weintrinker fühlbar wirb, und da merkte ich auf einmal, daß ber gute Albiez einen bösen Wein zu trinken scheine. Wahrend er sonst nur seine eigenen Worte peinlich genau nahm unb gegen anbere Nach­sicht zeigte, selten mit einem Zusatz mitleibiger Geringschätzung, legte er nun plötzlich jegliches Wort, bas am Tische fiel, auf die Goldwaage, halb inbem er es nur mit scharfer Betonung wieberholte, halb tnbem er es heftig kritisierte unb zurückwies. Da ich selbst entroeber als fein Schutz- | ling Schonung genoß ober in meiner Verehrung unb Rücksicht gegen ihn

Haltung, ber böse Blick von unten auf unb die kurze, heftige Art, wie er feinen Zigarrenrauch von sich paffte, allzu ersichtlich gezeigt batte, daß es noch 'anders kommen müßte. Er sprach mit völliger Klarheit, Schärfe und Sicherheit des Wortes; nur an der hitzigen Streitsucht merkte man den Wein. Also plötzlich, aber nicht unerwartet, auf eine grobe Widerrede hin beugte sich Freund Albiez über den Tisch hinüber, packte ben Sprechenben am Kragen und schlug auf ihn los. Und da war natürlich keiner unter uns, der sich die schöne Gelegenheit, draufzuhauen, hätte entgehen lassen, unb schließlich fielen bie Hiebe und Tritte so dicht daß es auf Freund unb Feinb ging. Inbessen würben wir beide nach' unb nach zur Türe gebrängt, zum Hause hinaus unb über bie Staffel hinabgeftoßen. Nun wäre ja alles in schönster Drbnung gewesen, da fiel es aber bem letzten ber Sieger, ber roieber zur Ture hineinging, ein, über die Schulter noch einmal zurückzurufen: .Ihr verfluchte Sau­schwaben ihr verfluchte!' Und da tarn denn noch das Luftigste. Sllbiej war mit einem Satz wieder im Haus (wohin ich ihm folgte), stellte