GietzenerZamilienblälter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1936
Montag, den 13. Januar
Nummer 4
Der Laufen.
Erzählung von Emil Strauß
Copyright 1930 by Albert Langen / Georg Müller Verlag, München
Seit man damit umgeht, die Stromschnellen von Laufenburg in Kraftanlagen zu verwandeln und so die wilde, fast fremde Schönheit dieses Stromstadtbildes zu zerstören, seitdem treibt es mich oft plötzlich hin, zu sehen, ob die Felsen dem Wasser noch den Weg wehren, ob der Laufen noch tobt um die unbegreiflich feste Rote Fluh. Meinen ersten freien Iugendsommer hab' ich dort mit einem Freunde durchschwärmt und durcharbeitet, und der grüne kämpfende Rhein, die umschäumten rötlichen Felsen, die enggedrängten alten Häuser darauf sind mir eine Heimat geblieben.
Wieder einmal war ich vom Hotzenwald herniedergestiegen und hielt unterhalb der Stromschnelle auf dem hohen Ufer und sah. Als wären sie vor dem grünen Ungetüm, das in der Enge unten schäumt, entsetzt zurückgeschreckt, so standen die altersgrauen Häuser aneinandergedrückt auf den sicheren Felsen der Ufer in der Sonne, durch diese seltsame halbgedeckte Brücke verbunden. Oberhalb aber kam es im Bogen von rechts breit und grün und sonnig dahergeströmt zwischen umbuschten Ufern. An der Brücke plötzlich aufgestaut durch den von der anderen Seite herüberdrängenden Felsenriegel, macht es wie eine aufgescheuchte Schlange noch eine jähe Wendung und drängt sich erregt unter dem bedeckten Drittel der Brücke durch, unheimlich glatt und wölbig wie ein Glasfluß, am Rande schaumtreibend, mit stillen ziehenden Wirbeln. Gedrängt, gezerrt, aus irgendeiner Tiefe angesogen, schießt es im verengten Bette herab, sich klemmend, über riesige Stufen schwellend und zusammenbrechend auf den breiten Pfeiler der Roten Fluh los, zerprasselt in zwei schaumschleudernde Ströme, die jäh in unbekannte Abgründe stürzen. Vereint kocht es wieder empor als runder weißer Wasserberg, den andere Wasserberge erdrücken, aufdampfend, mit unendlichem Tosen, um dann ein unerschöpfliches Spiel einander überschneidender, verdrängender, überholender Schaumkreise vor sich her zu schleudern, nach rechts und links in die ausgewaschenen Felsbuchten hinein und stromabwärts, wo sie immer weiter und dünner und zarter fließen und rieseln und sich endlich in einem frischen Wellengetümmel zwischen umbuschten Ufern verlieren.
Ich sah und überließ mich der Gewalt des Bildes.
Dann kamen Erinnerungen längstvergangener Anblicke. Ich sah die Stämme von Flößen, die oberhalb der Strombiegung aufgebunden worden waren, einzeln und im Gedränge unter der Brücke durchschießen, wie Pfeile durch den Schaum fliegen, wie Uhrzeiger sich auf den Wellen drehen, wie Streichhölzer zerknicken oder auch in den pressenden Wogen aufgerichtet und festgeklemmt wie Mastbäume aufrecht durch die Stromschnelle hinabeilen.
Ich sah Gewitterwolken wie eine ungeheure Decke verfinsternd sich über das Tal legen: die Dächer wurden dunkler: die Häuserwände wurden bleicher, das klare Grün des Stromes wurde stumpf und undurchsichtig und flackerte fern in bleiernen Lichtern auf, der Schaum des Laufen quoll grell und kalt aus dem Wellendunkel, die Blitze peitschten in die Stromschnelle, der Donner aber schien kaum leise zu brummen: nur die härtsten Schläge knatterten bezwingend über das Tosen des Wassers hinweg.
Und ich sah, wenn auf den Bergen der Schnee schmolz, den Strom wachsen, sich dehnen, in unheimlich steter Steigerung mächtiger werden und hinaufverlangen auf die zerklüftete Felsmasse, die unter der Brücke sonst wie ein Damm die Strömung aufhält und auf die rechte Seite herüberdrängt: über Nacht ist dieses Trümmerfeld von unzähligen, hastigen, blitzenden Wasseradern durchronnen, die dunklen Fugen und Risse in dem rötlichen Porphyrgestein leuchten von Wasser und Schaum, füllen sich und werden breiter, die Rinnsale werden Bäche, die Felsinseln werden kleiner, und plötzlich hat. die Flut den Damm erstürmt, rollt mit breitem Schwall über die Trümmerterrasse nieder und erfüllt das ganze Felsental mit kämpfenden, gelben Wogen, mit siedendem Schaume, mit allesverschlingendem Brausen und Dröhnen: der Pfeiler der Roten Fluh ist unter einem wechselnden Wasserhügel begraben, und dumpfe Stoße erschüttern die häusertragenden Felsen, als wären auch diese nicht mehr sicher.
Während ich so stand, hatte ich wohl einmal nahende Schritte gehört, aber nicht beachtet und wurde nun dadurch überrascht, daß jemand von hinten neben mich trat. Ich vermutete einen bekannten Lachsfischer, wollte ihm seinen Scherz zurückgeben, blieb also, ohne etwas merken zu lassen, ruhig stehen und prüfte seinen Schatten, der breit
vor mir neben dem meinigen lag. Aber es war keiner von der Riesenfamilie der Laufenburger Fischer; Hut und Rock waren auch von städtischem Schnitte. Etwas befremdet wandte ich mich um und begegnete einem herzlichen Blick aus freundlich zuwartendem, weißbärtigem Gesichte. Ich erstaunte. Es war ein schöner, bejahrter Herr, dessen längliches, ernstgeschnittenes Antlitz von noch vollem weißem Haar und starkem, eckigem Bart umgeben war; als ich ihn zuletzt gesehen hatte — vor fast zwanzig Jahren —, war dieser Bart und dieses Haar braun gewesen, das helle Auge aber hatte ernster und schwerer aus dem sonnverbrannten Gesicht herausgeschaut.
„Grüß' Gott, Herr Doktor!" sagte ich; „sind Sie wieder im Land?" „Grüß' Gott!" erwiderte er, mir die Hand reichend; „und Sie gehen an mir vorbei und kennen mich nicht!"
„Ich habe Sie nicht gesehen; erkannt hätte ich Sie gewiß!"
„Dann war's also, wie wir Botaniker manchmal eine Pflanze dicht vor unserer Nase nicht sehen, weil uns festfteht, daß sie in der Gegend nicht vorkomme!" Er lächelte und nickte nochmals zum Gruße.
„Und doch", entgegnete ich, „würde ich nachher zu Ihrem Hause hinaufgegangen sein und nach Ihnen gefragt haben, — wie jedesmal, wenn ich hier war in diesen zwei Jahrzehnten."
„Ich weiß es", sprach er nickend und schaute einen Augenblick beifeit in die Ferne, ehe er fortfuhr: „Und ich habe seinerzeit nach der ersten Meldung Ihres Besuches meinen Diener angewiesen. Ihnen und Ihrem Freunde stets das Gastzimmer zu richten und das Haus zur Verfügung zu stellen. Aber die deutschen Diener taugen entweder gar nichts oder sie sind schatzhütende Drachen, und so wollte es dem Tröndle halt nicht in seinen harten Hotzenschädel hinein, daß Sie, in meiner Abwesenheit, an meinem Tische sitzen und etwa gar in meinen Büchern blättern sollten, und er hat Sie halt nicht hineingelassen. Man nennt das treu wie Gold."
„Sie waren in jenem Sommer von so großer Freundlichkeit gegen uns unvergorene Springer, daß uns dieser neue Beweis Ihrer Güte nicht überrascht haben würde. Aber es gab doch Zeiten, wo wir recht vereinsamt dasahen, verbogen und zerschlagen, und wo es uns eine gründliche Erquickung gewesen wäre, zu erfahren, daß hinter irgendeinem Weltmeer ein Mann unser gedächte, nicht aus bekümmerter Verwandtschaft oder Gewohnheit, sondern aus dem guten Glauben eines erfahrenen Herzens heraus." Ich drückte ihm die Hand, was er ein wenig befangen hinnahm. „Uebrigens haben wir immer wieder von Ihnen gesprochen, und manches ruhige Wort, das Sie damals in unser Phantasieren hineinwarfen, ist uns nach Jahren eingefallen oder ausgegangen. Und unsere Nachfrage droben in Ihrem Hause sollte Ihnen ja beweisen, daß wir unser Teil an Ihnen nicht aufzugeben gedächten."
Er nickte mehrmals mit einem etwas beschämten und hilflosen Lächeln, drum fuhr ich rasch fort:
„Ader — feit wann sind Sie denn wieder hiesig?"
„Schon seit einem Jahr. Und nun halt' ich es hoffentlich auch noch vollends hier aus. Damals — wissen Sie — war die Ruhe verfrüht. Die ersten Jahre mit dem Hausbau, dem Garten hatten mir wohl behagt; dann aber genügten mir die Obst- und Rosenbäume und das Botanisieren doch nicht. Meine Knochen waren noch zu jung und mein Blut zu unruhig. Kein Wind konnte wehen, ohne daß ich an Seefahrt dachte. Das Meer wiegte mich in meinen Träumen, und all die ungerittenen Pferde und Wege störten meinen Schlaf. Da mußt' ich eben noch einmal hinaus und mich weiter verbrauchen. Zum Zuschauen ist wohl jetzt noch Zeit."
„Zuschauen, — wie der Laufen dressiert wird, Blech zu walzen und Gingang zu weben! Können denn auch Sie ihn nicht retten?"
„Sie meinen, — weil er mich einmal gerettet hat —?" erwiderte er und blickte ernster in den rasenden Strom hinab. „Ich halte nichts vom Retten."
„Der Laufen — hat Sie einmal — gerettet?" fragte ich erstaunt.
„Oder verschont oder — wie man will. Hat man's Ihnen nie erzählt?" „Nie! Ich glaube allerdings, ich habe auch niemals mit einem Hiesigen viel über Sie gesprochen —
„Wir wußten ja noch gar nichts van Ihnen, als Sie damals im Walde droben zu uns traten, auf die Mensurmütze deuteten, die ich schwergefüllt wie einen Sack in der Hand trug, und mich fragten, ob ich Pilze gesucht hätte. Und wir merkten sofort, daß Sie weit her seien, weil Sie nicht hinauslachten wie alle andern, als ich Ihnen die Eier in der Mütze zeigte und erzählte, daß wir sie in einem Hof auf dem. Walde zu holen pflegten. Und dann gingen wir ja zusammen weiter, und Sie luden uns schließlich ein. Wir saßen bis in die Nacht hinein bei Ihnen auf der Veranda und produzierten uns auf unferm hohen Seil. Und fo unreif Ihnen alles oorgefommen fein muß. Sie waren ein fo teilnehmender Zuhörer, daß wir geradezu glücklich heimgingen und zur großen Beunruhigung der Grenzaufseher noch stundenlang auf der Brücke hin- und Herzogen und redeten. Es hatte uns wunderbar wohlgetan und imponiert, daß auch einmal ein erfahrener Odyffeus una nicht


