Ausgabe 
12.10.1936
 
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Schön-Rohtraut.

Von Eduard Mörike.

Wie heitzt König Ringangs Töchterlein? Rohtraut, Schön-Rohtraut.

Was tut sie denn den ganzen Tag,

Da sie wohl nicht spinnen und nähen mag? Tut fischen und jagen.

O bah ich doch ihr Jäger wär!

Fischen und Jagen freute mich sehr. Schweig stille, mein Herze!

Und über eine kleine Weil, Rohtraut, Schön-Rohtraut.

So dient der Knab auf Ringangs Schloß

In Jägertracht und hat ein Roh, Mit Rohtraut zu jagen.

O daß ich doch ein Königssohn wär!

Rohtraut, Schön-Rohtraut lieb ich so sehr. Schweig stille, mein Herze!

Einsmals sie ruhten am Eichenbaum, Da lacht Schön-Rohtraut:

Was siehst mich an so wunniglich?

Wenn du das Herz hast, küsse mich!

Ach! erschrak der Knabe!

Doch denket er: mir ist's vergunnt, Und küsset Schön-Rohtraut aus den Mund. Schweig stille, mein Herze!

Daraus sie ritten schweigend heim, Rohtraut, Schön-Rohtraut;

Es jauchzt der Knab in seinem Sinn:

Und würdst du heute Kaiserin,

Mich sollt'- nicht kränken:

Ihr tausend Blätter im Walde wißt,

Ich hab Schön-Rohtrauts Mund geküßt!

Schweig stille, mein Herze!

Wilhelmine von Preußen und Bayreu p

Line Erinnerung zu ihrem Todestag am 14. Oklol-rr.

Von Mally Behler.

ein-

Wer zu den Festspielen nach Bayreuth fährt. wird aelanaen von der Welt Richard Wagners, vom Bayreuth des 19. Jahr­hunderts __ daß ihm kaum noch dis ungeteilte innere Aufnahmefahlg-

kcit bleibt für das andere Bayreuth. In diesem anderen Bayreuth des 18 Jahrunderts steht Friederike Wilhelmine Sophie, die Komg-- tochter aus Preußen, die Lieblingsschwefter des Groß«en aus bemS)ause Hohenzollern, im Mittelpunkt. Ihr ausgiebiger Briefwechstl und ihre Memoiren" lassen sie als eine der bedeutendsten fraulichen Erschei­nungen ihrer Zeit erkennen. Aber auch hier, an der Statte ihres i reich bewegten Lebens, wo sie von 1731 an bis zu ihrem Tode am 14. Oktober 1758 ihr Dasein nach ihren Gesetzen zu formen suchte, ist sie der inneren Aussprache ganz nah, und es bedeutet eine wirkt che Bereicherung, von hier aus einmal den Weg zum Herzen und zum Geist dieser eigenartigen Frau zu suchen.

Wie sehr sie ganz Kind ihrer Zeit war, erfüllt von der zierlichen Aesthetik des galanten Zeitalters, beweist schon das Opernhaus im Mittelpunkt der Stadt, das nach ihrem Geschmack ausgestattet wurde und zu den leider zu wenig beachteten Sehenswürdigkeiten Bayreuths gehört. (Hat denn Bayreuth auch noch em Opernhaus? ist die fast ltereotnv wiederkehrende Frage.) In den letzten Jahren hat die Stadt­verwaltung es in seiner ursprünglichen Farbenschonhett wieder heraus- vuüen lassen und nach der Bestimmung des Führers soll es als bauliches Ehrendenkmal nur zu besonders festlichen Anlassen benutzt werden. Eigenartig, daß keine Straße in Bayreuth, nicht einmal diese, an der die Oper steht, nach ihr benannt wurde ...

Tiefer bringen wir in die Persönlichkeit dieser gekrönten Philosophin ein, wenn wir ihreEremitage" auisuchen. Diese architektonische wie landschaftliche und gärtnerische 'Kostbarkeit liegt, eingebettet in einen wundervollen großen Park mit hohen alten Buchen und Eichen, etwa «ine Wegstunbe von Bayreuth entfernt. Eine breite schatttge Landstraße führt zu ihr hin, an der poetischenRollwenzelei" vorbei, wo Jean Paul, den Blick aufs weite, bergumsäumte Frankenland gerichtet, feine Tiefsinnigkeiten und feine romantischen Schnörkeleien schrieb.

Am sanft abgleitenden Hang zum roten Main hin gelegen, leuchtet der graue Tuffstein dieses einzig schönen deutschen Rokoko-Idylls aus dem Baumgrün hervor. In den hohen Baumkronen, im dichten Ge­büsch zirpt und lockt das gleiche Vogelgezwitscher wie vor 200 Jahren, als die junge Markgräfin hier mit ihren Baumeistern, Bildhauern, Malern, Handwerkern an der Ausweitung und Verfchönerung der Ere- mttage schaffte und den berühmten Meistern ihres Fachs gegenüber genau wie ihr großer Bruder in Sanssouci ihren Geschmack als einzige Bauregel durchsetzte. Kurz nach seinem Regierungsantritt hatte sie die Eremitage von ihrem Gatten als Geschenk bekommen und sie

hat bis zu ihrem Tode nicht aufgehört, ihren Lieblingsausenthalk fv kostbar wie möglich auszustatten. Hier.schien ihr der geeignete Hinter­grund für ihre königliche Herkunft gegeben, auf die le Zeit ihres Lebens so stolz, oft genug anmaßend stolz gewesen ist, so daß sie mit ihren Rangschwierigkeiten, selbst der Kaiserin Maria Theresia gegen- über __ als typisches Gesellschastswesen des adeligen 18. Jahrhundert,

ihrer Umgebung häufig Kopfzerbrechen gemacht hat. Manche glückliche Stunde hat sie hier mit ihrem Gatten, den sie nach ihren eigenen oft wiederholten Worten leidenschaftlich liebte, trotz der ursprünglich aufge- zwunqenen Heirat, in der grünen Stille ober der festlich belebten Ere­mitage gelebt. Hier empfing sie ihre liebsten Freunde, ihren Bruder, Voltaire und manche Geistesgrößen ihrer Zeit. Hier schrieb sie in ihrem Arbeitszimmer ihre Briese, die wenigen glücklichen, die vielen leibvollen und verbitterten an den in seinen Launen unberechenbaren Vater, an die unnahbare adelsstolze Mutter, an den einzigen geliebten Bruder. Hier entstanden auch ihreMemoiren", ihre ergreifenden Lebens- und Erlebnisbekenntnisse. Hier erholt sie sich von den De° mütiqungen ihres Berliner Aufenthaltes, als man es ihr ipoter un* tonfequenterroeife peinlichst zu spüren gegeben hatte, daß sie doch nur einen armenBettelprinzen" mit einemNarren von Vater ge° ^Ntan^muß langsam durch ihre Räume gehen. Die Bilder, die Möbel, die Stuckarbeiten, die Wandmalereien, sie alle sprechen von ihr, benn eine Wanderung durch diese Räume ist wie eine Wanderung durch ihr schweres Leden, schwer aus äußeren und ans inneren Gründen. Vom prunkvollen Marmorsaal der alten Eremitage führt eine Linkswendung in ihr Zimmer mit den vielen Familienbildniffen, darunter die Bildnisse des Vaters, der Mutter, der Kaiferin Maria Theresia, deren Sitten- strenge sie so stark anzog, daß ihre Neigung zeitweilig sogar zu einem ernsten Zerwürfnis mit ihrem Bruder führte. Im anstoßenden Audienz- zimmer es leitet den von ihr erbauten neuen Teil ein hangt das bekannte Jugendbildnis ihres Bruders, wahrscheinlich von dem Berliner Hofmaler A. P e s n e und ihr eigenes Porträt. Den großen stamm- spiegel schmückt die Königskrone als das ihrer markgräflichen Umgebung qeqenübet geführte Aeichen ihrerhöheren Herkunft. Ihre gelegentlich bis ins Bizarre, modisch launische gesteigerte Eigenwilligkeit offenbart basJapanische Kabinett", bas in einem Teil seiner Vertafelung em Geschenk ihres Brubers ist. Die fehlenden Stücke hat sie mit eigener Hand ergänzt. Hierüber berichtet sie in ihren Memoiren allerdings nichts, möglicherweise um das Ganze als echt durchgehen zu lassen. Es ist er­staunlich, bis zu welchem Grade ihr diese Kunstfertigkeit gelungen ist. Und nun ihr Musikzimmer! Welch anderer, reinerer Geist weht hier! Nichts von Ueberstiegenheiten, alles zeigt künstlerischen Ernst, kulti­vierten Schönheitssinn, Verständnis für das Zurücktretenmussen von Aeußerlichkeiten, wo Musik im kleinen Kreis zum Herzen sprechen soll. Dieser schöne Raum ist oft ihre Zuflucht gewesen. Hier war es auch, wo Kronprinz Friedrich ihr Vorwürfe machte über ihre zu anspruchs­volle Hofhaltung.Ich fetzte mich an das Spinett und benetzte es mit Tränen." Unter den zehn vornehmen Frauenbildniffen, die diesen Raum schmücken, bemerkt man besonders bas ihrer Hofbame Albertine von Marwitz, bis so grausam in ihre Ehe einbrach und ihr die größte Enttäuschiing ihres Lebens bereitete. Niemand wird je sagen können, wie schwer die Stunden gewesen sind, die die stolze Fürstin, die liebende Gattin und treue Freundin um dies« Frau gelitten hat. Selbst ihre Memoiren" schweigen ...

Ihr Geist geht um, lebt in dem kapriziösenChinesischen Spiegel­kabinett" das eher der Laune einer vom Luxus verwöhnten Dame als einer ernsten, vom Leben geprüften Philosophin entspricht, lebt im neuen Schloß in feiner klastischen Schönheit, im weiträumigen Park mit feinen herrlich großzügigen, gärtnerischen Anlagen in den im olitzernden Sonnenlicht temperamentvoll sprühende Kaskaden, in den Plastiken der Dichter und Philosophen, ja, lebt im Grabmal ihres Bologneser Hündchens Folichon, für dessen Treue sie so warme Worte in ihrenMemoiren" findet, in der fenHmental imitierten Ruine des Theaters, wo sie selbst führende Rollen aus den Dramen ihres hochver­ehrten Voltaire spielte .. . ,

Ja sie war ein ganzer Mensch, diese Frau mit dem ewig schwachen Körper, dem klugen Geist und dem stolzen Herzen, eine Aristokratin von Geblüt mit einem instinktiven Sinn für alles moralisch ober gesell­schaftlich Unechte. Ihre Treue ben Menschen gegenüber, denen sie sich einmal ergeben hatte, verblutete sich eher, als daß sie sie, selbst nach den bittersten Erfahrungen, aufgab. Gewiß, wir würden biefe eigen- betonte Frau in vielen Auffassungen, besonders in den gesellschaftlichen und sozialen, nicht mehr verstehen. Aber wir werden immer ergriffen (ein von dem Schicksal, das sie, die mit ihrer Erscheinung wie mit ihren Geistesgaben einen europäischen Thron von weltweitem Ansehen ge­schmückt hätte, in dies kleine, abgelegene, von ewigen Geldsorgen ge­quälte Bayreuth verschlug, so daß sie sich nicht als die leuchtende Ganzheit abrunden konnte, die chr selbst das Ideal des Lebens, der Sinn der Persönlichkett war.

Im langsamen Heimgehen legt der dunkle Wald seine grünen Arme um die einsame Besucherin. Das Bild Wilhelminens geht mit ihr, schon- heitsdurstig. leidverklärt, aber den Blick zu ben höchsten Höhen des Lebens hin geweitet. Noch jetzt, nachdem Tage um Tage feit dieser stillenAudienz" in der Eremitage vergangen sind, spricht es zu tbr, unb scheint in dieser Herbheit und in seiner Einmaligkeit in ihren Alltag hinein ... Bor ihr liegen soeben die Briefe Friedrichs an feine geliebte Schwester. Die Glut dieser Liebe, die Wärme und Größe dieses Ver­trauens ist von einer einzigen Schönheit, und nun rundet sich lang- sam ihr Bild doch zu einer Ganzheit von wunderbarem Glanz, in dem die dichterischen Worte bes großen Brubers bekenntnisstark leuchtenWie könnte ich Deiner Freundschaft je vergessen! Du standest fest Du Herz an meiner Seite, Du sahst nach Hilfe aus, zur Tat entschlossen Du warst mein Trost in meinem tiefen Leide, die einzige Zuflucht und der Port, wo Ruh und Hoffnung winkte, mein Afyl warst du! .. (Zitiert nach der Ausgabe der Memoiren im Verlag Barsdorf, Berlin.)