gleich Im Bett erschlafen können, ihr erwartungsvolles Herz hätte sie hinausgetrieben unter die Bäume der stürmischen Herbstnacht. Sie bekam zwar schließlich den Stammbaum doch noch zu sehen; aber während sie das Blatt zwischen zwei Kerzen hielt, die ihr das hochmütige Gesicht mit den dunstig erregten schwarzen Augen beleuchteten, fielen der Marquise vor Verdruß, vom Wein und von der Müdigkeit der Nachtfahrt, im Sitzen die Augen zu, so daß sie um den Schlußeffekt des Abends betrogen wurde.
Am andern Morgen erfuhr sie durch den Kutscher, daß die Jeanne in der Nacht mit ihrem Hausmeister zusammen gewesen war. Da merkte die Marquise, daß nach dem Stammbaum auch die Erziehung der Mädchen zu reparieren wäre, und daß sie den Erfolg von ihrer Wissenschaft nun als zwei halbwüchsige Mädchen da' hatte, die ihr noch üble Tage bereiten konnten. Wei! sie das ihrem schwächlichen Körper nicht zumuten konnte, ließ sie fortab die Dame im Zimmer mit ihnen schlafen und versuchte, durch ein paar Fahrten nach Versailles bei „Madame", Gräfin von Provence und Schwägerin des Königs, mit ihrem neuentdeckten Stammbaum anzukommen, um die Mädchen als königliches Eigentum los zu werden. Mit ihrem Namen und Einfluß gelang ihr das; und im November konnte der Jeanne eröffnen, daß ihrem Bruder eine königliche Pension von tausend Livres und ihnen beiden je achthundert Livres jährlich bewilligt wären.. Der Bruder erhielt eine Freistelle in der Marineschule, sie selber sollten in der Abtei Longchamp mit anderen adeligen Damen erzogen werden.
Die Jeanne bedeckte ihre Äugen mit züchtigen Lidern und sagte geziemend und schon wie eine Dame sich verneigend: sie müßten allen Segen des Himmels auf die Marquise hernieder flehen, daß sie ihren Bruder aus der Unwürdigkeit erlöst habe! So daß die Marquise, indessen das zierliche Persönchen leicht federnd fortging, es ihrer Schwester anzusagen, sich wundern mußte, warum die Jeanne nicht von sich selber gesprochen hatte.
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In jedem Monat einmal pflegte die Marquise später, als sie im Kloster waren, nach Longchamp hinzufahren. Nicht, daß sie Sehnsucht nach den Mädchen hatte; doch sprach sie gern mit der Aebtissin von Erziehungssachen, wie sie damals durch Rousseau in Mode waren, und erntete die Finderfreude, daß ihr Schützling in Longchamp bewundert wurde. Die Marianne freilich war gut und dumm; ihr blonder Strubelkopf vermochte wenig zu fassen und noch weniger zu halten. Doch von der Jeanne pflegte die Aebtissin zu bemerken, daß sie mit den Augen lerne: was sie nur einmal sähe, das könne sie auch schon. „Nur leidet sie, Madame, am heißen Blut der Valois." Die Mädchen selber durften dann zuletzt auch ins Kapitel kommen zur Begrüßung ihrer Wohltäterin; und jedesmal fuhr die Marquise mit dem Vergnügen nach Hause, wie respektvoll die Jeanne ihr angesichts der Oberin die Dankbarkeit bezeugte. Das ging ein paar Jahre gemächlich weiter; die Marquise wurde gebrechlicher, und aus der Jeanne erwuchs ein zierliches Persönchen zu einer Dame mit braunem Haar wie Haselnüsse und einer leuchtend weißen Haut, das zwar nicht schön für olle Leute, doch für den Mann von Geist bezaubernd war, wenn sich im Gespräch, das sie gewandter beherrschte als es sonst junge Mädchen können, ihre blauen Augen belebten und der etwas zu große Bauernmund die ebenmäßige Perlenkette der Zähne sehen ließ. So hätte sich die Boulainvilliers selber fast betören lassen, als sie ihr eines Tages mit Erlaubnis der Aebtissin auf einem Ausgang gestand: daß, nun sie fertig und als Dame erzogen fei, sie nichts mehr hindern könne, dem ungestümen Herzensdrang zu folgen und ihrer Retterin durch treue Dienste in ihrem Hause die tiefste Dankbarkeit zu zeigen. Doch fiel ihr gleich der Hausmeister ein, um sich der Rührung zu erwehren. Sie sagte mit bewegter Stimme, daß sie „Madame" darüber erst befragen müsse; und als sie wiederkam nach einem Monat, war es zu ihrem Schrecken — wie sie ihr noch versichern konnte — von oben her bestimmt, daß sie mit ihrer Schwester zur Nonne erzogen werden sollte.
Nun zeigte Jeanne de Luz de Saint - Remy de Valois, daß sie wahrhaftig als Dame fertig war; sie wurde weder blaß noch trotzig, sagte nur in Wehmut, die ihr gut stand: wie traurig es für sie sei, durch einen höheren Spruch in der Erfüllung ihrer kindlichen Pflicht behindert zu werden. Sie könne nun allein im innigen Gebet für sie ihre Dantes» schh.ld ablösen So treuherzig faltete sie die Hände, gleichsam im Vorgefühl solcher Gebete, daß sich die Boulainvilliers verwirrt empfahl und nicht mehr wiederkam nach Longchamp. Ihr neugepflanzter Stamm» bum war lebendig und grün geworden und sie fing an, vor seinen Blüten Furcht zu haben. Einmal sandte sie noch den Pfarrer hin und ließ sich von ihm berichten: daß die Aebtissin die Haltung der Novize vortrefflich sande, wie wenn sie freien Willens und nicht gezwungen worden wäre Durch diese Anspielung verdrossen, die ihr der alte Pfarrer arglos wieder- otacme, fanbte sie nun keine Botschaft mehr; sie machte gleichsam unter ote Geschichte dieses Stammbaums einen Schlußstrich und gab sich mehr als früher dem Lesen hin und den romantischen Schicksalen, die sie in Buchern über alles liebte und mit Betrachtungen des Lebens nach Belieben unterbrechen konnte. Sie wurde darin auch nicht sonderlich gestört, als ihr nach einem halben Jahr der Pfarrer doch noch eine Botschaft sagen mußte: daß die Novizen und Fräulein Luz de Valois in einer Nacht über die Klostermauer davongegangen wären.
II.
3n Bar-fur-Alibe hielt damals eine Frau von Surmont offenes paus, darin die adelige Jugend der ganzen Gegend sich mit Theater- |p|el unöJEanj und Gartenfesten täglich vergnügen konnte. Ihr Mann, der Präsident und Staatsrat, ließ sie gern gewähren, weil der Landsitz Raum genug für solche Dinge hatte und weil ihm selber, der rot und schwer vom guten Trinken wurde, ein Pfänderspiel mit jungen Damen norf) m^t zuwider war. Da wurden eines Nachmittags ein Fräulein oon Valois und eins von Saint-Remy gemeldet; und als die Präsidentin m den Salon hinunterkam, faß da verstaubt und immer noch in Novizen- "acht d,e Scanne mit ihrer blonden Schwester und war nach Bar-sur-
Aube gekommen, um das Besitztum der Famili« in Foutette neu zu erwerben, wozu die Frau von Surmont helfen sollte. Die sah nun freilich lächelnd, daß hier fürs erste etwas anders fehlte, und weil sie fröhlichen Herzens und ohne eigene Kinder war: bot sie den jungen Damen für ein paar Tage Unterkunft, die ohne Widerrede und artig dankend angenommen wurde. Dem Präsidenten war es fatal, doch als die Jeanne ihm abends die Bescheinigung der königlichen Pension vorzeigte und er das zierliche Persönchen mit ihren großen Blauaugen schmeicheln sah, schien es ihm gleichfalls recht, den Flüchtlingen zu helfen. Damit sie :ür den andern Tag aus ihrer Klostertracht herauskämen, gab seine Frau den beiden weiße Kleider mit ins Zimmer, am andern Morgen vorläufig anzuziehen, mit einem Scherz auf ihre eigene Dicke, daß sie wohl in der Taille nicht völlig sitzen würden.
Als sie sich aber nicht einmal spät erhoben hatte, fand sie den Präsidenten schon im Garten beim Frühstück, und rechts und links ein weißes Dämchen, das eine schlank und zierlich, das andere etwas runder, doch beide in Gewändern von tadellosem Sitz. Sie hatten die halbe Nacht geschneidert, der Präsidentin ihre beiden Kleider sich auf den Leib ge- schnitten und dauernd neu vernäht. Die gleiche Fähigkeit, sich einzupassen, verstanden sie auch sonst; der Staatsrat hatte sich seit langem den Kopf nicht mehr so rot gelacht wie zu den Scherzen Jeannes; aus ein paar Tagen der Unterkunft wurden Wochen, und schließlich spazierten die Novizen von Longchamp zu Bar-sur-Aube im Park der Frau Sur- mont, wie wenn sie da in Kinderschuhen gegangen wären. Fast roar’s, wie wenn das Eidechschen, wie der Staatsrat das zierliche Figürchen nannte, im täglichen Kreis der Gäste viel mehr der Mittelpunkt geworden wäre, als es die Hausfrau vordem war; so daß die Präsidentin einen Bodensatz von bitterem Groll ansetzte, darauf die rosige Fröhlichkeit noch wie dünnes Wasser schwamm.
Das ging ein wenig besser, jedoch nicht lange, als dem Staatsrat zum Aerger im Herbst mit seiner Schwesterwitwe deren Sohn, der Nicolas de la Motte, auf Urlaub kam. Er stand in Luncville als Gendarm des Königs und sah in seiner scharlachroten Uniform mit Silberlitzen nicht übel aus, obwohl er blaß und sommersprossig, wenn auch ein starker Kerl war. Er spielte mit dem Fräulein von Valois Theater, und weil sie beide gleichviel Begabung zeigten, konnten sie im bunten Fall der Blatter noch manches Schäferspiel reizend darstellen, zum heiteren Vergnügen der Gesellschaft. Als alle Blätter gefallen waren und schon der erste Winter die spöttischen Flocken tänzeln ließ, mußte der Leutnant wieder fort. Der Staatsrat fand, daß sie ihn rasch vergaß, und freute ftch darüber an manchem Abend, wo sie zu seinen Füßen am Knister- feuer saß mit einem Buch, das seine Augen bei Licht nicht mehr gut lesen konnten; indessen seine Hausfrau mit der Marianne sich bei den Mägden nützlich machte und nur manchmal etwas zu holen für einen Sprung ins Zimmer kam. Er trank in diesen Wochen mehr Wein aktz sonst, weil ihn das rote Gefunkel vor dem Kamin erfreute; und als er llch beim Glatteis den Fuß verstauchte, er war ein großer und schwerer Mann, da hatte er sich an die Stimme der Jeanne gewöhnt, die wie ein Waldbach rieseln konnte, so daß sie manche schlaflose Nacht mit einem amüsanten Buch dem alten Herrn verkürzen mußte.
Darüber kam das zarte Fräulein von Valois zu Schaden; und als der März mit frühem Föhnsturm brausend durch die Bäume und sausend um die Dächer wühlte, war sie so blutleer, daß ihr die Augen groß wie bei einem Kmde wurden. Das ging dem Präsidenten nahe; man sah ihn weist in Sorgen und Gedanken an feinem Stock im Park; und weil die Präsidentin, von dem Befinden ihres Gatten angesteckt, auch feiten eine andere Laune morgens ergriff, als eine schlechte: so mußten sich die alten Baume im Park der Surmonts durch dieses Frühjahr wundern, warum die Sonne nicht wie sonst durch ihre Zweige auf helle Kleider und fröhliche Gesellschaft traf. Am Ende fuhr der Staatsrat und Präsident nach Luneville und brachte nach drei Tagen dem Fräulein Valois zur Aufheiterung den Neffen und Gendarm des Königs mit. Er lieft den Nicolas als ihren Partner im Theaterfpiel nicht wieder fort, bis der als angetrauter Ehemann ein Auge auf ihren Zustand hatte, der sich nach einem Monat mit Zwillingen entfaltete, was die Witzbolde der Bekanntschaft doppelt verständlich sanden.
Das wurde freilich der braven Staatsrätin zu viel Besuch; sie tat tue junge Mutter de la Motte hinaus, deren Kinder nur zwei Tage lebten, behielt das blonde Fräulein von Saint-Remy im Hause und schickte ihren Präsidenten zur Erholung nach Paris, wo er bei ihrer Mutter wohnen mußte. Die Jeanne verhielt sich noch zwei Wochen bei einer Frau de la Tour, der Schwester ihres Mannes; dann holte sie der Nicolas nach Luneville, wo er sich von den Kameraden um seine zierliche und bläßlich kokette Frau beneiden ließ. So lange bis sich zeigte daß der Ehe die wirtschaftlichen Gründe fehlten: sie hatte nur die kleine Pension, die sie sogleich verpfänden mußte, den kleinen Hausstand ein» zurichten, und er stak schon in Junggesellenschulden. Da fing die flinke Jeanne den Faden wieder an zu spinnen, mit dem sie aus Longchamp geflohen war und den sie bei den Surmonts fast vergeßen hatte: daß die Foutette, das Pachtgut und was ihr Vater sonst besaß, auch wieder an sich bringen mußte, wie sie den Namen der Valois gerettet hatte. Es schien ihr nun die rechte Zeit, mit ihrem Beschützer zur Frau von Boulainvilliers zurückzukehren. Sie trieb den Nicolas, Abschied in Lune- oille zu nehmen; er war auch gleich dazu bereit, nur konnte er kein Dienstzcugnis bekommen, weil er die Schulden vorher bezahlen mußte.
So schien der Wagen ihres jungen Glücks in Luneville schon festgefahren; jedoch die Jeanne war nach den Folgen des Wochenbettes bald wieder kühn und sicher; sie ließ die Kameraden des Nicolas rasch merken, daß sie der Scherze ihrer kleinen Garnison sehr überdrüssig wäre, und schrieb dem Pfarrer von Auteuil einen langen Brief: daß sie sich der Marquise zu Füßen werfen wolle, wozu sie seiner Fürsprache benötigt fei. Und nun begann auch schon ihr Glück, indem die Eilpost kaum nach einer Woche eine Nachricht in Demut und Ergebenheit mitbrachte, daß die Marquise zur Zeit beim Kardinal Rohan in Zobern auf Besuch abwesend wäre. (Fortsetzung folgt.)


