Nummer 79
Montag, den 12. Oktober
Jahrgang 1956
in die Küche kam: er möge sich nur heute abend mit den beiden der Königin entqeqenstellen, die nähme sie dann sicher in ihrem eigenen Wagen mit und seinen Kindskopf endlich dazu. Demütig ging der Pfarrer schließlich zu seiner Patronesse, der Marquise von Boulainvilliers, den sonderbaren Umstand zu berichten. Die hörte kaum den Namen, als sie auch schon in Eifer geriet, die Mädchen anzusehen. Wie sie mit seidenen Rocken und duftend in ihre Kammer kam — sie war gebrechlich dürr und fchwach von Alter doch putzte sie sich jung — da lag die Große zwar noch unbeweglich, doch folgten ihre Augen der Marquise unverwandt. Und als die Kleine sich durch die Zweifel und Fragen nicht einschüchtern ließ, sondern fest bet dem Namen blieb und daß sie in Paris Urkunden hätten, ihre Abstam- munq aus dem Königshause der Valois zu beweisen, und nur deshalb sich auf den Weg begeben hätten: half sie ihr nach mit eingeworfenen Worten und erzählte schließlich zwar mit kranker Stimn-.e doch aufs klarste ihre Geschichte- Sie wären drei Geschwister und in Foutette bei Bar-sur-Aube im Elend aufgewachsen, weil der Vater alles vertrunken hätte. Der wäre später nach Paris gezogen und da gestorben. Sie wären von fremden Leiten übel behandelt worden und endlich fortgelaufen bet der Nachricht, daß von ihrem Vater bei einem Gläubiger in Paris wichtige Urkunden verpfändet lägen. Sie hätten im Vertrauen auf die heilige Jungfrau und au edle Menschen den Weg gewagt, indessen der Bruder nach Toulon sei um da als Schiffsjunge einzutreten. Sie wußte auch den Namen des Gläubigers und brachte schließlich ein Papier hervor, das die Geschichte zu bestätigen schien. .... ™ .
Die Marquise war keine Närrin, doch hatte sie nicht ohne Nutzen durch ihren Mann, der ein Neffe des bekannten Stammbuchforschers gewesen war besten berühmte Bibliothek geerbt. Abkömmlinge aus dem Königshaus der Valois zu finden und nachzuweisen, schien ihr ein seltenes Sammler- alück Sie nahm nach einigem Bedenken die Mädchen gleich mit tn ihren Wagen, worüber der Turm vor Schrecken und Verwunderung fast um- qefallen wäre, und suhr am selben Tag noch nach Paris, den Gläubiger zu suchen. Er fand sich auch mit aller Richtigkeit in Saint-Germain, und zwar als Wirt, bei dem der Saint-Remy zuletzt getrunken hatte. Der war an einem bösen Leiden im Krankenhaus gestorben und hatte die Urkunden nicht wieder eingelöst. Die Trinkschuld war nicht einmal hoch: so kam die Boulainvilliers am Abend schon vergnügt mit ihren Urkunden an; entschlossen, die Erziehung dieser verlaufenen Königskinder vorläufig zu besorgen, in der Sicherheit, daß sie ihr einmal von höherer Stelle mit Dank und Ehre abgenommen würde. Als ihr Wagen in der letzten Dämmerung aus dem Wäldchen gegen das Haus anfuhr, war die dicke Ma- rianne schon am Schlafen: die Blasse aber saß noch auf und kam ihr in der Tür entgegen: sie hätte nicht vermocht zu schlafen. Sie bewegte sich vollkommen in den geliehenen Kleidern, und bcift der Kerzenschein chr schmales Gesicht noch blasser machte: entzückte die Marquise und nahm ihr auch den letzten Zweifel, ob diese Sache mißlingen könnte.
Zwar gäben die Urkunden, wie sie in den nächsten Tagen einsehen mußte noch keinen Stammbaum her: es waren Reste, gleichsam bei einer Feuersbrunst sinnlos gegriffen, wobei das Wichtigste verbrannte. Doch weil sie wußte, daß für den Forscher gerade die schwierige Feststellung erst den Reiz hergibt, so blieb sie für ein paar Wochen mit Eifer dabei trotz ihrem schwächlichen Körper, bis sie den Ursprung des Stammbaums bei einem Heinrich v. Saint-Remy, wahrscheinlich einem natürlichen Sohn Heinrichs II und einem Fräulein v. Saint-Remy, gefunden hatte. Zwar fehlte ihr noch mancherlei: auch fand sie eine Nachricht, daß einem Samt- Remy vor hundert Jahren die Adelsprobe nicht gelungen wäre: doch schlug sie das nicht an. Sie brachte ihre Forschungen in sauberer Niederschrift mit Frauenstolz dem Wappenrichter Hozier, der sich beeilte, der Trägerin eines so berühmten Namens, aus deren Bibliothek er häufig angewiesen war dienstbar zu fein. Es gelang ihm in der kürzesten Frist, jenes Fräulein von Saint-Remy als eine Nicolette von Savigny und unzweifelhafte Geliebte des Königs Heinrich II. festzuftellen: auch machten ihm die Lücken, die in zwei Jahrhunderten einem Geschlecht passieren können, wenn seine Träger sich auf allen Straßen durchschlagen müssen, keine Schwierigkeiten. Bei einem Essen, das die Boulainvilliers in ihrem Stadthaus den Genealogen gab, überreichte er die anerkannte Ahnentafel, durch welche ihren Schützlingen als nachgewiefenen Valois die Zukunft gesichert wurde, und als er damit einen Trmkfpruch auf die willkommene Fachgenoffin mit dem berühmten Namen verband, ausgehend von dem Sprichwort: „Lügt wie ein Genealogift , und mit Humor und Witz die Würde feiner Wissenschaft verteidigte: da erlebte die Marquise einen Triumph ihrer mühsamen Gelehrsamkeit, von dem sie noch nm selben Abend, von zwei Vorreitern mit Fackeln begleitet, nach Hauie fuhr, weil sie es nicht erwarten konnte, auch vor den Mädchen so >m @f°Sie 3fanbe t>ie blonde Marianne nach ihrer Art im dicken Schlaf aus dem sie nicht zu wecken war: das Bett der Jeanne war leer: erst als ne scheltend das Haus absuchen ließ, erschien sie aus dem
Wind und heiß gelaufen: Sie habe ihr Schicksal nicht der ischwes <
Die Halsbandgeschichte
Erzählt von Wilhelm Schäfer
Copyright by Albert Langen/Georg Müller Verlag, München
Die Gräfin de la Motte.
I.
Wenn die Kutsche der Marie Antoinette von Paris zurückfuhr nach Versailles, was zuzeiten täglich gegen Abend geschah, überholte sie auf der Straße bei Auteuil den alten Pfarrer dieses Ortes, der dann mit seinem Hut demütig in der Hand zur Seite in den Graben trat und seine Königin vorüber ließ. Einmal an einem warmen 3ruhlingsabenb hatte sie ihm fröhlich zugenickt, wie man einen JBaum in Bluten oder einen Weidenstumps bei Regenwetter im Vorbeifahren grüßt. Sonst wußte sie nichts von diesem Pfarrer, hatte niemals em Wort an ihn gerichtet und hätte ihn an einem andern Ort als unter den Pappeln dieser Straße kaum erkannt. Doch war der Greis, der hier m Demut sein geistliches Amt verrichtete, vom Schicksal ausgesucht, der Königin von Frankreich die Natter aufzuheben, die ihr schon lange vor der Guillotine den Todesbiß beibringen sollte.
Denn als einmal im Herbst die Tage schon so kurz waren, daß aus der nahgeregneten Straße das Abendrot in schwarzen Schallen um den königlichen Wogen blinkte, sah der Pfarrer zwei, Bettelmadcheni, die schon lange an den Pappelstämmen herumgelungert hatten den Pferden sich entgegenstürzen, wie wenn sie überfahren werden wollten. Der Vorreiter warf sie zwar zurück, und im schlanken Bogen fuhr der königliche Wagen der vor den regnerischen Lüften verschlossen war, um sie herum; doch sah der Pfarrer, als er mit dem Hut in der Hand aus dem nassen Graben kletterte, daß sie im Schmutz dalagen, und ging hinzu, so rasch er mit seinem Asthma konnte. Es war im halben Dunkel nicht mehr zu erkennen ob ihnen etwas geschehen war; doch wimmerte die Kleine sehr, und die Große lag mit ausgebreiteten Armen aus dem Rucken, rote wenn sie ohnmächtig wäre. Es machte sich, daß zur Seite ein Heillgenhauschen stand mit einer Bank davor: da schleppte er die Mädchen hin und wartete den Wagen eines Winzers ab, der vor einer halben Stunde an ihm vorbei »um Futterschneiden gefahren war. Dem luden sie die spate Beute auf das nasse Kraut und brachten sie ins Pastorat. Darüber war es dunkle Rocht Aordenundals dieSchwester von dem Pfarrer, eine Witwe von großem Leibesumfang, mit der Kerze aus dem Torweg leuchtete: trugen sie die Große noch immer wie eine Tote in das Haus, wahrend die Kleine^inter- her schlich. Es sah nicht aus wie Herrenkinder, was ihr der Bruder Pfarrer auf der Straße aufgelefen hatte: doch war die Blasst in ihrer durch die Lumpen kaum bedeckten Blöße zierlich und wohlgewachsery und die Blonde zeigte sich trotz ihrer Jugend schwesterlich besorgt um sie. So spektakelte die Witwe zwar auf ihren Bruder Kindskopf, der ihr das saubere Pastorat am liebsten wie ein Siechenhaus bevölkern möchte, brachte aber die beiden Mädchen in eine Kammer, wo sie von ihr gewaschen wurden und die Nacht auf frischem Stroh zubringen konnten.
Sie hätte sie trotzdem am andern Morgen auf die Straße getan, doch lag das blaffe Mädchen mit offenen Augen unbeweglich auf dem Rucken im Stroh, wie wenn ihr innen etwas zerbrochen wäre. Und ob ine Witwe es mit Räsonieren versuchte und der Pfarrer m,ld zuredete: sic: fah die beiden gleich verdreht aus ihren weißen Augäpfeln an unb gab kein Wort von sich, während ihre Schwester, an solche Zustände scheinbar gewohnt, gleichmütig durch das enge Fenster in den dicken Regen sah. Da ftano der Pfarrer von Auteuil vor seiner Schwester, dem Turm, wie sie die Bauern nach ihrer Dicke nannten, mit seiner großen Nase wirklich wie em Kindskopf: und als sie endlich mit der Drohung hinunterging, die Stratzen- brut nicht eine Stunde länger mehr zu dulden, blieb er kleinmütig bei den Mädchen in der Kammer und fragte mit Seufzen die Kleine, die etwa vierzehnjährig war, woher sie kämen:
Von Bar-sur-Aube.
Wohin sie wollten?
Nach Paris.
Ob sie noch Eltern hätten?
Nein.
Wie sie denn hießen? . ..
Marianne de Luz de Saint-Remy de Valois und ihre Schwester Jeanne! ,
Das Mädchen sagte diese Kette von Namen auswendig her: der Pfarrer mußte sie noch zweimal wiederholen lasten, so wirblig wurde ihm sein schwacher Kopf vor Staunen. So freilich pflegten Prinzessinnen über Land zu reifen, höhnte ihn die Schwester, als er mit seiner Neuigkeit hinunter
GiehenerZaMeMätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger


