Ausgabe 
12.6.1936
 
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Syazlnkyen.

Von Theodor Storm

Fern hallt Musik; doch hier ist stille Nacht, Mit Schlummerdust anhauchen mich die Pflanzen; Ich habe immer, immer dein gedacht, *

Ich möchte schlafen; aber du mußt tanzen.

Es hört nicht auf, es rast ohne Unterlaß;

Die Kerzen brennen und die Geigen schreien, Es teilen und es schließen sich die Reihen, Und alle glühen; aber du bist blaß. .

Und du mußt tanzen; fremde Arme schmiegen

Sich an dein Herz; o leide nicht GewaltI Ich seh dein weißes Kleid vorüberfliegen Und deine leichte, zärtliche Gestalt.

Und süßer strömend quillt der Duft der Nacht

Und träumerischer aus dem Kelch der Pflanzen.

Ich habe immer, immer dein gedacht;

Ich möchte schlafen; aber du mußt tanzen.

Königin Elisabeth von England.

Bon Gertrud Kühl-Claaßen.

Die Gestalt der großenjungfräulichen" Königin von England, die dem elisabethanischen Zeitalter seinen Namen gegeben hat, steht tnmer noch heiß umstritten in der geschichtlichen Forschung. Ihr Wirken m das Zeitgeschehen hinein hat die vielfältigsten Deutungen erfahren, und die Darstellung ihres Charakterbildes weist eine Reihe von widerspruchs­vollen Zügen auf, die sich zu einem einheitlichen Gesamteindnickkaum zufammenschließen. Neuerdings ist es nun dem englischen Ge chichts- schreiber I. E. N e a l e gelungen, aus der verwirrenden Fülle des vorliegenden Materials heraus das weit gespannte Wesen dieser be­deutenden Frau inmitten einer leidenschaftlich erregten Umwelt m einem einprägsamen klaren Umriß einzufangen. Das groß angelegte fesselnd geschriebene Werk, das in deutscher Uebersetzung unter dem Titel 9ßö nigin Elisabeth" im Verlag von $). Goverts in Hamburg erschien, kann als die erste wirklich umfassende und em eindrucksvolles Bild schaffende Lebensgeschichte der großen Königin angesehen werden.

Elisabeths reiche Natur zeigt eine ganz seltene Berbindung von ge­radezu souveräner Geistigkeit und Schlagfertigkeit, durch die sie Freunde und Feinde in Erstaunen setzte, mit einer echt weiblichen Einfühlungs­gabe und großzügiger Menschlichkeit, die ihr die Herzen gewann. Sie, die als echte Humanistin ihrer Zeit über eine vielseitige Sprachkenntnis verfügte und daher die schwierigsten diplomatischen Verhandlungen mit den ausländischen Gesandten ohne Vermittlung ihrer Staatsrate allem zu führen befähigt war, bezauberte zugleich ihre Umgebung durch chre natürliche Ungezwungenheit, mit der sie auch die einfachsten Menschen zu sich heranzog.Wenn je ein Mensch", so hecht es in einer zeit­genössischen Schilderung ihrer Krönungsfeier,die Gabe oder Fähig­keit besaß, das Herz des Volkes zu gewinnen, dann war es diese Königin ... Den einen bedauerte sie, den anderen lobte sie, dem einen dankte sie, mit anderen scherzte sie lustig und wchig. memanden ver­achtete sie, keine Pslicht versäumte sie und verteilte ihr Lächeln, ihre Blicke und ihre Anmut so kunstvoll, daß daraufhin das Volk seine Freude noch stürmischer äußerte und später m den höchsten Tonen das Lob seiner Fürstin fang."

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Einen großen Anteil an ihrer Volkstümlichkeit hatten die jährlichen Reisen, die Elisabeth unternahm, um auch außerhalb der Grenzen Lon­dons mit ihren Untertanen in persönliche Fühlung zu kommen. Sie betrachtete diese Reisen, die bei schlechtem Wetter und schlechten Wegen keineswegs ein Vergnügen waren, als ihren Sommerurlaub. Weder die Mahnung ihres Staatsrats, in kritisch erregter Zeit an ihre eigene Sicherheit zu denken, noch späterhin die Beschwerden des Mtters konnten sie dazu bringen, auf eine solche Reise zu verzichten. Noch in ihrem 67. Lebensjahr erklärte sie ihren Höflingen, die über einelange Reife unwillig waren,die Alten sollten zu Hause bleiben, die Jungen und Rüstigen aber ihre Königin begleiten."

Der Jubel und die Freude des vom Lande herbeiströmenden Vol­kes entschädigte sie reichlich für alle Strapazen. Die Königin reiste entweder zu Pferde ober in einer offenen Sänfte, damit alle sie sehen konnten, sie nahm die Bittschriften eigenhändig in Empfang und hatte für jeden ein freundliches Wort. Einen schüchternen Stadtschoffen, der eine Willkommensrede halten muhte, beruhigte sie mit den Worten Sie hatten nicht so viel Angst vor mir wie ich vor Ihnen, und zu einem aufgeregten Lehrer, der feine lateinische Rede nur mühsam fertig brachte, sagte sie mit herzgewinnender Liebenswürdigkeit:Es ist die beste Rede, die ich je gehört habe. Sie dürfen mir die Hand küssen."

In der freundlichsten Weise suchte sie sich für alle ihr entgegenge­brachten Gaben und für die aus Anlaß ihres Besuches veranstalteten Festlichkeiten dankbar zu erweisen. Das ging so weit, daß sie bei »nem von Beamtenfrauen khr zu Ehren gegebenen Bankett, bestehend aus 180 Gerichten, die damals allgemein übliche Vorsichtsmaßnahme gegen

Vergiftung völlig außer Acht ließ und sorglos und trank, ohne vorher Kostproben machen zu lassen, ein Beweis ihres Vertrauens, den die Hausfrauen besonders zu schätzen wußten.

Elisabeth wußte jeder Situation gerecht zu werden, und ihre Un­erschrockenheit und Geistesgegenwart, die sie bei unvorhergesehenen Zwischenfällen bewies, ihrunnachahmbar königliches Berhalten" fand begeisterten Widerhall in zahlreichen, als Flugschriften im Volk ver­breiteten Berichten, die dieRomanze" ihrer Werbe-Reisen in hellstes Licht stellten und in weiteste Kreise trugen.

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Die Kunst, die Volksstimmung für sich zu gewinnen und einen romantischen Hintergrund um sich zu schaffen, gehört zweifellos zum Geheimnis von Elisabeths Erfolg. Weit ungewöhnlicher aber bei einer weiblichen Herrscherin ist die Gabe, durch ihre politische Klugheit die Feinde desungeheuerlichen Weiberregiments" zum Schweigen zu bringen, gegen das der schottische Reformator John Knox feine be­kanntenTrompetenstöße" am Beginn ihrer Regierung in die Welt ge­schickt hatte. Auch ihre politischen Gegner konnten sich der Wirkung ihrer Staatskunst nicht entziehen, die in einer lavierenden, behutsamen und oft im Gegensatz zu ihren Ratgebern den radikalen Entscheidungen ab­geneigten Haltung von Erfolg zu Erfolg schritt und mit einerent­schlossenen aufreizenden Sparsamkeit" die bedrohlichsten Finanzschwierig­keiten ihres Reiches zu bewältigen wußte. Selbst Papst Sixtus V., der an sich der protestantischen Herrscherin nicht wohlgesinnt war, kam zu dem anerkennenden UrteilSie ist bestimmt eine Königin ... Sie ist nur eine Frau, nur die Herrscherin über die Hälfte einer Insel, und doch fürchten sie alle, Spanien, Frankreich und das Reich." Und der fran­zösische König Heinrich IV. rief, zur Bewunderung hingerissen, aus:Sie allein ist wahrhaft ein König. Sie allein versteht zu regieren."

Freilich brachte die Königin in der Undurchsichtigkeit ihrer Entschlüsse ihre Staatsräte sehr oft zur Verzweiflung, aber was erst nur als Laune ober Sprunghaftigkeit angesehen werden konnte, erwies sich meist als wohlüberlegter Weg zu ihrem Ziel. Schon in ihren ersten Regierungs­jahren zeigte sie sich als Meisterin im diplomatischen Spiel. Scheinbar ging sie liebenswürdig scherzend auf die Argumente ihrer Verhandlungs­partner ein, um bald darauf mit großer geistiger Schärfe das Gegenteil zu beweisen. Diese in allen Farben schillernde Taktik entlockte dem völlig verärgerten Gesandten Philipps II. von Spanien einmal die drastische Aeußerung:Kurzum, ich kann Eurer Majestät nur mitteilen, daß dieses Land in die Hände einer Frau, die eine Tochter des Teufels ist, geraten ist."

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Unter der Unberechenbarkeit von Elisabeths Entschließungen hatten besonders die fürstlichen Bewerber zu leiden, die sichdie weit und breit in Europa beste Partie" nicht entgehen lassen wollten. In Elisabeths politischen Berechnungen bildeten sie die Schachfiguren, mit denen sie operierte, je nachdem ein Hinhalten der Werbung ihr für die Interessen ihres Reiches als günstig erschien. Um die Annäherung von Frankreich und Schottland zu verhindern, hielt sie die Verhandlungen mit Katharina von Medici aufrecht, obwohl sie gar nicht daran dachte, Katharinas Sohn, den noch kaum erwachsenen König von Frankreich, Karl IX., zu heiraten. Gleichzeitig verzichtete sie keineswegs auf das Prestige, das ihr die Wer­bung des Erzherzogs Karl verlieh, denn eine Verbindung mit den Habs­burgern konnte die englische Machtposition in einer Weise stärken, die anderen europäischen Herrschern recht unbequem war. Meisterhaft verstand es Elisabeth, immer wieder Hoffnungen zu erwecken und durch Aufstellung neuer Bedingungen die Angelegenheit zu verschleppen. Ihre zahlreichen Heiratsprojekte gaben ihr eben die Möglichkeit, nach dem politischen Grundsatz zu verfahren:Wenn dir von einem Staate Gefahr droht, spiele den andern gegen ihn aus!".

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Elisabeth war keineswegs nur die kühle berechnende Diplomatin, wie sie in dem politischen Spiel mit ihren Bewerbern erscheinen könnte ober gar die eitle tugendstolze Frau, wie S ch i l l e r sie der in allen Irrtümern heroischen und leidenschaftlichen Maria Stuart gegenüberftetlt Das Herz der , jungfräulichen" Königin war leicht entflammt, aber ihr Heldentum bestand darin, die Wünsche ihres Herzens zurückzustellen, wenn die Rück­sicht auf innerpolitische Strömungen es erforderte oder das Wohl ihres Reiches ihr durch eine unkluge Heirat gefährdet erschien. So bedeutete z. B. das jahrelange Hinziehen der Werbung des Herzogs von Alanxon, durch das sie Spanien in Schach zu halten suchte, und mehr noch die enbgiiHme Absage ein persönliches Opfer, bas sie ber Volksstimmung brachte. V,:e Erschütterungen und Enttäuschungen bebrängten sie bis in die letzte Lebenszeit hinein, in die ber Verrat ihres letzten Gunstlmgs, bes Grafen Essex, so tragisch hineinspielte,Die Liebe ist falsch", in dieser Aeußerung, bie sie auf einem Maskenfest an eine sie zum Tanz bittenbe Darstellerin ber Liebe" richtete, ist alle persönliche Bitterkeit ihrer Erfahrungen in ber Liebe zusammengepreßt. Alles aber, bie Ehelosigkeit, ben Verzicht auf Nachkommenschaft, bie letzte Einsamkeit unb Verlassenheit konnte sie auf sich nehmen weil bie leibenschaftliche Liebe zu ihrem Vaterlanbe unb zu ihrem Volke ihrem Leben bie eigentliche Erfüllung unb seinen großen Sinn gegeben hatte. Mit vollem Recht konnte sie in ihrer berühmtenGolbenen Rebe" ihrer letzten Ansprache an bie Slbgeorbneten bes Unterhauses, von sich sagenKeinen Augenblick hing je mein Herz an irdischen Gütern, stets war ich allein auf bas Wohl meiner Untertanen bebacht!".

Als nach 45iäf)riger glanzvoller Herrschaft ihre Tage sich bem Ende näherten, ba geschah es, baß ihr Krönungsring durchgefeilt werben mußte, weil er ins Fleisch gewachsen war. Ihre Voraussicht, baß bies symbolisch bie batbiqe Lösung ihrer Ehe mit bem Reich bebeute, traf ein. Wenige Wochen später, am 24. März 1603, im 69.Lebensjahr verschieb bie Königin. Wie auch bie strahlenbste Sonne zuletzt in einer westlichen Wolke unter­geht."

Deroalwortlich: vr. Hans ThhUot. - Druck und Derlag: Brühl'lche Universitäts-Duch. und Steindr uckerei, D. Lange, Gießen.