Ausgabe 
12.6.1936
 
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Himmelsnähe.

Von Conrad Ferdinand Meyer.

In meiner Firne feierlichem Kreis Lagr' ich am schmalen Felsengrate hier. Aus einem grünerstarrten Meer von Eis Erhebt die Silberzacke sich vor mir.

Der Schnee, der am Geklüste hing zerstreut, In hundert Rinnen rieselt er davon Und aus der schwarzen Feuchte schimmert heut Der Soldanelle zarte Glocke schon.

Bald nahe tost, bald fern der Wasserfall, Er stäubt und stürzt, nun rechts, nun links verweht Ein tiefes Schweigen und ein steter Schall, Ein Wind, ein Strom, ein Atem, ein Gebeti

Nur neben mir des Murmeltieres Pfiff, Nur über mir des Geiers heisrer Schrei; Ich bin allein auf meinem Felsenriff Und ich empfinde, datz Gott bei mir sei.

Pfeil/ wohin fliegst du?

Von Josef Friedrich Perkoni g.

Dieser Erzählung des Kärntner Dichters liegen Begeben­heiten in einer Grenzstadt vor dem Kriege zugrunde.

Frau Palme, die kleine Frau Palms mit dem messerscharfen Mund­werk, hatte eben den Hausflur mit Seife, Wasser und Bürste reinge- neben, und es freute sie das nasse Holz, das in der warmen Luft schon wieder zu trocknen begann, da blieb ihr plötzlich der Atem vor dem Munde fort, denn dort vor ihr, fast mit der Hand zu erreichen, stelzte ein Hahn über den reinen Boden, er mochte aus irgend einem Staub Herkommen, denn er hinterließ in zierlichen Abständen seine Hahnen­tritte, sie waren auf dem Holze sichtbar wie drei gespreizte Finger, die sich höhnisch gegen Frau Palme richteten. Sie aber wußte, das Mist­vieh gehörte der Frau Leinsieder im Nachbarhaus. Ein Hahn muß ein­gesperrt oder innerhalb eines Zaunes gehalten werden, er darf feine Freiheit nicht auf eigenen Hahnenfuß (steht hier für .eigene Faust') ge­brauchen. So warf sie denn ohne lange Ueberlegung ihre große Reibe­bürste nach dem stolzen weihen Tiere, traf es, wie man ja immer zur unrichtigen Zeit trifft, und das Unglück wollte es, daß sie einen wohl kaum selbst gewollten Erfolg hatte: der Hahn fiel um und war tot.

Nun hätte Frau Palme einen solchen Leichnam irgendwie vertilgen und seine Spur verwischen können und dieses kleine Drama wäre ver­borgen geblieben, doch es verleitete sie ein rechthaberisches Gefühl, ihre Stimme zu erheben, die Familie Leinsieder möge jemand abordnen, der das tote Luder abhole. Nun war der Hahn nicht irgend so ein gewöhn­licher Hahn, man hatte ihn gewissermaßen aus dem Ei gezüchtet, wie andere gemeinsam einen Kaktus betreuen, und er galt den Leinsiedern wie manchen eine Angorakatze oder ein edler Hund. Deshalb machte sich der Familienvater, ein Zettelankleber und Vereinsdiener, der den halben Tag hindurch feiern mußte, persönlich auf und erschien unten ihm Haus­flur, dem Schauplatz des Tiermordes. Er sagte der Frau Palme ein paar so freundliche Worte, daß ihr der Mund offen blieb und ihre Zunge zum erstenmal wie gelähmt war, bann zog er mit der weißen Hahnen- leiche ab.

Der Briefträger Zunk, der am Fenster saß und dieKleine Zeitung" las, hörte den einseitigenWortwechsel", sah die Ohnmacht der Frau Palme, und eines Teils aus Edelmut des ritterlichen Mannes, anderen­teils aus Langeweile, denn ein Briefträger kann nie lange sitzen, ging er hinab und traf den Zettelankleber auf der Stiege. Er fragte ihn, ob er sich nicht schäme, eine arme wehrlose Frau zu überfallen, er nannte ihn kurzerhand einen Lümmel, und es erstarrte nun der Mann mit dem toten Hahn wie früher die Frau.

In so einem Hause von kleinen Leuten, wo sich das Leben in sehr lockeren Scharnieren bewegt, bleibt ein Mensch, wenn ihn die Nachbarn spüren, nicht lange allein auf Stiege ober Gang, es öffnet sich sogleich irgenbmo eine Türe, unb auch hier war ber Gasarbeiter Dauß, ein un­rasierter, nach Branntwein riechenber Mensch zur Stelle. Er blinzelte aus tückischen, halb verschlossenen Augen bem Briefträger nach unb meinte, als er verschwunben war, ber solle nur schön stille fein, sonst konnte es geschehen, baß er bei ber Post hinausfliege. Der mit Gift oollgelabene Leinsieber hätte keinen toten Hahn unter bem Arme haben bürfcn, wenn er nicht nach ber Bewanbtnis solcher Weissagung gefragt hätte. Da sagte benn Dauß, er habe gehört, baß ein anberer Arbeiter im Gaswerk ge­hört habe, ber Briefträger hätte einmal einen Bries geöffnet, ber aus Amerika kam; wahrscheinlich habe er Dollars enthalten. Das sagte er nun nicht etwa leise unb heimlich, seine Stimme war so laut, baß sie auch bie Wäscherin Katharina vernahm, bie ihre Wäsche bügelte und dabei die Tür ihrer Wohnung geöffnet hatte, damit der üble Dunst abziehe.

Am Abend saß sie mit Rummel auf ber Bank im Park, was man an alten grauen Häusern eben so Park heißt, ein paar kümmerliche Bäume stehen ba in trockener Erbe, Papier liegt herum, es ist halb- dunkel, unb es riecht nach Vorstabt. Unb Katharina erzählt Rummel was ber Dauß aus vollem Halse geflüstert hatte, unb Rummel sagte nichts anberes als: Schweinehunb! Der Briefträger hatte einmal an

einem nebeligen Novemberiachmittag an ber Straßenecke mit ihm eine Zigarette geteilt. Wenn ein ehemaliger Matrose wie Rummel zu je» manbem Schweinehunb! sagt unb ber ist zufällig zugegen, bann kommt gleich hinter bem Wort bie Faust. So aber ergrünbe jemanb bas Herz bes Menschen ging er am nächsten Morgen hin unb gab bei ber Polizei an, wenn sie wissen wolle, wer im letzten Winter bie vielen Kohlensäcke auf bem Bahnhof gestohlen unb ein gutes Geschäft bamit gemacht habe, so solle sie sich einmal im Gaswerk bei einem gewissen Dauß ertunbigen.

Die Polizei kam in bas Gaswerk, fragte ben Mann, ber immer noch nach Branntwein roch, um merkwürdige Dinge in einer Weife, bie einen weniger burchgefoktenen Menschen wohl verwirren konnte; er gab seine Antworten, boch sie waren ruhig unb glatt. Unb ba sein Gesicht ruhig war, mußte er keine Angst haben, baß er sich verriet.

Als nun ber gefährliche Besuch roieber quer über ben Hof bes Gas­werks ging, wischte Dauß zunächst einmal mit bem Hanbrücken unter ber Nase burch, bann sah er sich um, als suchte er jemanb. Unb er schien diesen jemand gesunden zu haben, denn nun verweilte sein Auge bei Jumbo, so hießen sie im Werk ben bitten, gutmütigen Heberlin, ber jetzt gemütlich bie schwarzen glänjenben Kohlen von einem Hausen auf ben anberen überschaufelte. Der also hatte feinen Munb nicht gehalten ober vielleicht hatte es bie Polizei sogar von ihm selber erfahren. Das buchte Dauß beshalb, weil Heberlin feit einiger Zeit burch ihn hinburch sah, als wäre er pure Luft. Sie waren einmal auf bem Heimweg wegen einer Frauensperson arg aneinanber geraten. Dem Dicken also verdankte man so ein unbequemes Verhör, unb es konnte ihm noch irgend etwas Böses folgen, wenn der Mann vorhin auch still fortgegangen war. Das kannte man schon, wen bie Polizei einmal zwischen ben Zähnen hatte, ben ließ sie nicht mehr los, es blieb nur bie Frage, wann sie zubiß. Unb je mehr Dauß, benommen von bem Branntwein, erregt von bem Gespräch mit bem gefährlichen Mann zu bem schaufelnden Jumbo hinschielte, befto sicherer würbe er, baß niemand anderer ihm heimlich den Fuß gestellt haben konnte.

Wenn in einem Menschen wie diesem Trinker ber Bobensatz hoch­kommt, bann schlägt er sich nicht so halb roieber, bann vergiftet er auch ben Rest von gutem Saft, der noch in ihm sein mag. Unb von einer tückischen Absicht beraten, um bie er sich zuerst gar nicht sehr anftrengte, bie.eben mit jenem Gifte im Blut auf einmal ba war, machte er sich an Jumbo heran unb sagte ihm, es wäre ihm recht, wenn es zwischen ihnen wieder fein könnte wie früher einmal, unb Jumbo, der dicke, gutmütige Kohlen- schaufler, fragte nicht erst lange um bie Ursache solcher plötzlichen Ein­kehr, friebfertig wie alle Beleibten seiner 2lrt, nickte er und war froh, baß er einem Nachbarn am Kohlenhaufen nicht mehr zu zürnen brauchte.

Dauß wollte auch, baß sie ihre Versöhnung feierten, es wäre ber Anlaß zu einem luftigen Abend, unb am besten wäre es, sie fänben sich nach neun Uhr braußen in Jakobs Gasthaus zusammen, es lag abseits hinter ben Schrebergärten unb bort könnte man später, wenn es sich so geben sollte, auch laut sein, ohne daß man gleich jemand an ben Hals bekäme. Mit allem war Jumbo zusrieben, unb er ließ in seiner Zusage sogar burdjtlingen, vielleicht konnte er Anna mitbringen, eben jene Anna, um bie bamals ber Streit gegangen war.

Der gottverlassene Dauß holte bann um sechs Uhr, als er bie Schaufel an bie Mauer gestellt hatte, in feiner Wohnung das Messer, es war ein Messer mit einer feststehenben breiten Klinge. Als er es betrachtete, ba kam, ohne daß ihn ein Tropfen Branntwein befeuchtet hatte, ein seltsamer Rausch über ihn, unb dieser Rausch entschwand nicht mehr, er wurde eine purpurne Finsternis in dem Herzen des blind und taub Ge­wordenen, ber sich bis nahe zur neunten Stunde betrank. Sein Tun war halb wie bas Tun eines Berauschten, nur in ben Augenblicken, ba er auf die Uhr sah, schien er bei Vernunft zu fein. Er ging wenige Minuten vor neun in die Nacht hinaus unb wartete vor ben totenstillen buntlen Schrebergärten, hier mußte Jumbo vorüberkommen, und er hielt das Messer in der Hand.

Nun wäre Jumbo wahrscheinlich genau um die neunte Stunde er­schienen, benn er war pünktlich, boch es geschah etwas, bas ihn zurück- hielt. Anna kam roeinenb zu ihm, ihre Mutter, bie seit Wochen im Sterben lag, sei unheimlich klaren Verstanbes geworben unb rebe immer­fort. Sie fänbe fein Genüge mehr an bem bumpfen Schweigen ber Tob­kranken, neben bem bie Tochter wohl nächtelang zu wachen vermochte, boch vor ber Rebseligen graue ihr. Da ging benn Jumbo mit ihr, um gemeinsam mit bem Mäbchen ber Aufflackernben ein gebulbiges Ohr zu leihen, bie Versöhnungsfeier konnte ja verschoben werben, bas Sterben ber alten Frau aber nicht. Unb im Fortgehen bat Jumbo ben Sohn feiner Wohnungsa?berin, einen braven jungen Eisenbreher, er möge doch ben Gang zum Gasthaus Jakob tun und bort den Kameraden Dauß vertrösten.

Der gefällige Felix wie weltfern war ber von jenem erschlagenen weißen Hahn ging als Bote in bie Dunkelheit hinein. Er mußte an ben Schrebergärten vorüber, von irgenbrooher fang bas überhubelte (Beigen eines Knaben, unb er rannte, vielleicht war fein Schritt wirklich dem Jumbo ähnlich, ober er klang für bie Ohren bes Berauschten nur so, in das breite Messer hinein. Eine ungeheure Ueberraschung machte den Todwunden stumm, er sank lautlos hin unb war verblutet, noch ehe er recht benten konnte, was ihm geschehen war.

Alles ging bann seinen natürlichen Gang. Dauß flüchtete in biefer Nacht, mürbe bann am nächsten Morgen in einem Dorfe auf einem Bauernwagen schlafenb gefunden, verurteilt, unb fein sinnlos oergeubetes Leben ist zu Enbe.

Doch bas Leben bes braven, jungen Felix, warum bürste es nicht bauern? Welche merfroürbigen Umwege machte fein Schicksal, es schnellte einen Pfeil an einer fernen Bogensehne ab, unb ihn traf er. Daß sich sein früher Tob erfüllte, mußte ein weißer Hahn, ben er nie gesehen hotte, über einen nassen reinen Flurboden stolzieren. Ja, so ist das Leben.