Ausgabe 
12.6.1936
 
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an diesen

fuhr mit dem langsamen Fahrstuhl hinauf und fana ficy m einem rie]igen hellen Raum mit weitem Blick auf den großen, freien Platz und hinüber auf den Stockturm, der wie ein drohender Schatten in den Himmel ragte. Das Rimmer war sehr grob; aber Georg Ebener war entschlossen, zu allern^ja zu sagen. Er packte aus, badete in dem Hellen Badegemach mit der stolz auf einem Podest stehenden Wanne, zog sich um. frühstückte und ging es war inzwischen saft zehn Uhr geworden in tue Stadt.

(Fortsetzung folgt.)

Mensch in seinem kurzen Leben!

Der Wind von der See und die bewegte Luft beim Fahren streifen kühl und frisch über die Stirn des Doktors. Er hat feinen Hut abge- nommen, fühlt, wie feine Haare flattern, und spürt in sich eine Neugier wie als Junge am Geburtstag.

Wieder Häuser, elektrische Bahnen, Kinder und Frauen aus der Straße. Der Wagen windet sich durch Langsuhr. Dann nimmt ihn Vie Allee auf. Jawohl denkt Georg Ebener, Allee, Halbe Allee, das war doch hier wo ist denn das? Richtig, da drüben liegt es immer noch, das alte Lokal mit dem seltsamen Namen; bloß weniger Häuser standen damals hier au den Höhen und an der Straße. Wann war das doch? Lange vor dem Krieg da war er hier mit dem Bater gewesen; der hatte ihm gezeigt, wo er oben am Hagelsberg 1870 gefangene Franzosen bewacht hatte, die da schanzen mußten. Da war sa schon die Höhe, und nun ging 5 In scharfer Kurve über die Brücke, und die Stadt war erreicht.

Er fuhr zum Danziger Hof, an den er sich noch von früher her er­innerte. Er verlangte ein Zimmer mit Bad, Der alte Portier mit dem freundlich klugen Gesicht sah ihn über die Brille an:Mit Bad ist nur noch eins frei, Herr, Doppelzimmer, nach dem Wall '

So geben Sie mir das Doppelzimmer , sagte der Doktor Ebener, fuhr mit dem langsamen Fahrstuhl hinauf und fand sich in einem riesigen

Abendlich wurde das Licht das Ufer drüben schwebte in zarten I Farben über dem lichten Wasser: da legte diePreußen" ab. Leise klang aus der Tiefe der noch langsame, dunkle Takt der Maschinen heraus; langsam blieb bas Bollwerk mit den kleinen Gestalten der Menschen im Schatten der Bäume zurück: die Fahrt begann.

Der Doktor Georg Ebener stand hoch oben auf dem zweiten Verdeck und blickte hinaus, die breite Wasserstraße entlang, über die hell die See herüberwinkte. Der Himmel mar glasklar und durchsichtig, die Sonne stand noch hoch im Westen über dem breiten Swinemünder Strand, der sich nun jenseits der Mole auftat: die Welt war von einer so leuchtenden Reinheit, wie er sie nie gesehen zu haben glaubte. Der Rauch des Schornsteins blieb hinter dem Dampfer zurück; aus der Tiefe klang das Rauschen des Wassers am Bug des Schiffes, zwischen Sprechen, Lachen und fernem Singen. Ruderboote glitten vorüber. Mädchen winkten her­auf: plötzlich ertappte der Arzt sich dabei, daß er vergnügt wieder­winkte, genau so wie die jungen Menschen neben ihm.

Dann blieb das Land zurück, die See nahm sie auf. Breit spiegelnd lag das Sonnenlicht auf den Wellen; in dunkelrötlichen Farben zog die Küste rodlberbetrönt seitab voraus, dem Osten zu. Blaß hing der zu­nehmende Mond im abendlichen Blau; ein frischer Wind tarn von Norden her über die Wellen, die gleichmütig dunkel heranrollten und verebbten.

Der Doktor Ebener stand lange auf dem Verdeck, rauchte eine Zigarre, wunderte sich, daß zwei Damen daraufhin von seiner rechten Seite nach [einer linken hinüberwechselten; denn er sand die Sorte wirklich nicht schlecht. Dann wurde ihm'kühl; er warf noch einen Blick auf die langsam ins Rötliche hinübergehende Sonne über dem schon schmal verdämmern­den fernen Küstenstreif und begann eine Wanderung durch das Schiff.

Viel junges Volk war an Bord. Wanderscharen, Studenten, Gruppen junger Mädchen, die zusammen reiften. Die einen hatten sich diese, die andern jene Ecke ausgesucht, möglichst im Windschutz; Liegestühle standen überall, Rucksäcke lagen in Haufen herum; ein blankes Automobil, das die Seereise mitmachte, nahm sich seltsam städtisch zwischen alledem aus. Ein paar allere Damen hatten sich in der Nähe der wärmenden Maschinen niedergelassen; sein Jahrgang war, wie es schien, am wenigsten vertreten. Er hatte nichts dagegen einzuwenden; er legte wenig Wert auf Be­kannte und Bekanntschaften.

Als die Sonne sich dem Horizont näherte, suchte er den Speisesaal aus. Er sand einen Tisch für sich und genoß behaglich das Freiheits­gefühl, das das Eröffnungsmahl jeder Reise gibt. Das Essen war gut, die Flasche Wein, die er sich dazu erlaubte, desgleichen; Nachbarn störten ihn nicht: so sah er und sah zu, wie in den runden Fenstern der Horizont sich lautlos hob und senkte, wie heller Himmel und dunkler See sich ab­wechselnd in die Herrschaft im Bilde teilten. Der Himmel brannte in leuchtender Helle; die Sonne sah er nicht, aber die große Glocke über dem Meer strahlte in durchsichtiger Reinheit. Wie in Florenz dachte er und hatte zugleich das Gefühl, daß dies hier eigentlich noch viel leuchtender, transparenter war.

Als er aufbrach, waren draußen auf den Gängen schon die Lichter angezündet. Es war sehr frisch; aber er stieg doch noch einmal zu dem Oberdeck empor. Der Himmel vor ihm und über ihm war ganz dunkel; aber der Mond schwebte mit silberner Klarheit im Blau; ein paar Sterne flimmerten, und drüben zur Linken hing hell und hoch der Schein des versunkenen Tages über der dunkel wogenden See, so daß das Gefühl Nacht gar nicht aufkommen konnte. Vom Lande blinkte ein Leuchtfeuer gleichmäßig aufflammend und versinkend herüber; er hörte das Rauschen des Wassers, eine Fahnenleine schlug irgendwo leise klatschend gegen einen Mast. Von unten tarn mehrstimmiger Gesang: In der Heimat, In der Heimat ...

Langsam schritt er das Verdeck entlang und erschrak beinahe, als sich in der Ecke neben ihm plötzlich zwei engumschlungene Gestalten von­einander lösten und sich bemühten, zwischen ihren nah aneinander ge­schobenen Liegestühlen wieder eine mehr gesellschaftliche Beziehung her- zustellen. Der Doktor Ebener fand das vollkommen überflüssig; im Dunkel des Sommerabends konnte er nicht einmal feststellen, welche der beiden langen Lodenhüllen den männlichen, welche den weiblichen Partner barg. Als diskreter Mann zog er sich unauffällig in die gegenüberliegende, noch freie Ecke zurück. Von dort vertrieb ihn der Wind; so warf er noch einen Blick in die schwebende Helle über dem nördlichen Horizont, dachte .Weihe Nächte' und beschloß, sich zur Ruhe zu begeben. Zwischen schlafenden Ge­stalten in Liegeftühlen, unter Hängematten hindurch, aus denen Wander­stiefel aller Formate baumelten, fand er feinen Weg, erfreute die weiß- beschürzte Hüterin seiner nächtlichen Schwelle, von der er rechtzeitiges Wecken erbat, mit einem geprägten Dokument seiner menschenfreundlichen Stimmung und knipste bald daraus das Licht aus, um noch ein Weilchen auf das nahe Rauschen zu horchen, das durch das halbgeöffnete Kabinen- fenfter drang und bald so sehr über das ferne Stampfen der Motoren siegte, daß er, ehe er stch's versah, eingeschlafen war.

Er mußte sich ein bißchen besinnen, wo er war, als ein freundlich energisches Klopsen ihn weckte. Durch den roten Vorhang vor dem kleinen runden Fenster fiel helles Licht; die Uhr zeigte drei Viertel sechs, das Schiff näherte sich Zoppot. Er öffnete das Fenster: schnelle, kalte Luft drang mit lautem Rauschen herein, ein schmaler Landstrich zog sich dunstig durch das Bild. Der Doktor Ebener kleidete sich rasch an, packte seine Habseligkeiten wieder in feinen Soffer und ging durch bas noch halb schlafende Schiff hinauf zum ersten Deck. Weit und lichtblau, ganz leicht und wie schwebend lag der Kreis des Meeres um ihn. Nur ganz in der Ferne hob sich Uferland darüber, ebenso leicht und zart verschleiert, als wäre es gerade aus dem Meere emporgestiegen. Das Weiß des Schiffes stand blendend im Blau des jungen Tages; der Doktor Ebener hatte nie gewußt, daß die Welt so hell, so weiß, so jung sein konnte. Er kletterte nach oben; da standen Tische, sogar gedeckte, ein Kellner nahm sich seiner an, und bald trug ein Frühstück den letzten Rest der Müdigkeit von ihm und ließ ihn das Abenteuer dieser Fahrt noch der Ahnfrau mit neuer Freude genießen.

Moven folgten mit taumelndem Flug dem Schiff, nach den Brocken haschend, welche di« schon wachen jungen Menschen ihnen zuwarfen. Vor

ihm im Morgenbuft tauchten anmutig schwingende Höhenzüge aus dem Dunst bes jungen Tages. Die See lag leicht bewegt mit kleinen, zärtlichen Wellen, die sich nur ba und dort weiß rauschend brachen.

Zur Rechten hing über dem fernen Ufer eine Rauchwolke. Schiffe strebten klein und grau dorthin.Gdingen", sagte ein Mann neben dem Arzt und hob sein Fernglas,und dort drüben liegt Danzig."

Aber der Doktor Ebener hatte noch wenig Neigung zur Politik. Ihn fröstelte noch ein bißchen. Das strahlend helle Morgenlicht und die Frische der Seeluft ließen ihm alles andere fern und unwirklich werden, wie von weitem aus der verlassenen Stadtwelt herüberklingen.

Näher und näher rückten die Hohen der Bucht. Um den Fuß der Wälder, die sie krönten, schwebte noch zart der Dust der Frühe, aber die Wipfel hoben sich schon dunkler in den Glanz des Lichtes. Das Rot der Dächer begann sich leise aus dem Blau der Ferne zu losen. Der Doktor Georg Ebener sah über die Lehne der Bank gebeugt und starrte wie gebannt in die flimmernde Landschaft, die ihm so neu und ungekannt schon dort entgegenglitt, als hätte er sie nie zuvor gesehen. Der Umriß bes See« ftegs von Zoppot tauchte in ber Ferne auf, bie lange helle Front des Kasinos dahinter trennte sich vom Grund der Hohen bas ßanb begann, bas Meer abzulösen. ,

Gerade wollte der Doktor sich auch erheben und hinabwandern, weil er sah, wie von überallher Fahrgäste nach der Stelle des Aussteigens zusammenstrebten da scholl auf einmal ein Schrei von unten, vom Wasser herauf, ein Helles Jauchzen, das sich über das Rauschen der See und des Morgenwindes schwang wie ein jubelnder Gruß an diesen strahlenden, klaren Tag. Der Doktor fuhr suchend mit dem Kops herum: hinter dem Dampfer hervor glitt ein schmales, gelbes Motorboot, und hinter dem Motorboot, in einigem Abstand von ihm, stand auf den Wellen eine schlanke, blanke Mädchengestalt, die offenbar gerade diesen Hellen Daseinsschrei ausgestoßen hatte. In den Händen hielt sie wie Zugel des Bootes zwei lange Seinen: ihre Füße ruhten auf einem schmalen Brett bas hurtig burch bie Wellen tanzte: ihr Körper, in einem glatten, lichtblauen Babeanzug, glänzte funlelnb in ber Morgensonne, unb bie chneeweihe Kappe über ihrem Haar strahlte wie ein Sommerkronchen. Bon bem Dampfer nahm sie keine Notiz: sie stieß noch einmal ihren jubelnben Schrei in ben Morgen, zugleich bie Arme hoch erhebend, als wollte sie das Boot zu rascherem Tempo antreiben. Der junge Mann in Weiß, der am Steuer saß, senkte denn auch gehorsam den Kops; das Boot verdoppelte seine Fahrt, unb bie schmale Gestalt entschwebte tanzend im Blau ber Wellen. Eine Möwe, bie mit gleitendem Flug über ber silbern cerglimmenben Erscheinung segelte, schien bem Doktor Ebener ganz selbstverständlich dazu zu gehören. Er folgte dem traumhaft entschwebenden Bild wie gebannt mit ben Augen; bas Fernglas des Herrn neben sich fand er taktlos unb ärgerte sich über bie Wirkungslosigkeit seiner ebenso mißbilligenden wie unbeachtet bleibenden Seitenblicke.

Paßkontrolle, diskrete Gepäckftagen, ein langsamer Weg über den langen sonnenbeschienenen Steg, bann strahlendes Aufleuchten von großen Blumenbeeten unb blühenben Büschen, noch einmal ein Blick zuruck auf bie klare Ferne über ber tiefblauen See, der ragende Schatten des riesigen Kurhauses, ein neugieriger Blick auf ein paar wegweisende Schilder: Zum Kasino. Am Ende verstaut ein Chauffeur ben Koffer neben sich, unb bas Auto keines von ben neuesten, aber bafür ein offenes, springt ratternb an. Auf bie vorsichtige Frage bes Doktors, ob er auch Deutsches Gelb in Zahlung nähme, hat ber Waaenlenker ebenso breit wie strahlend ermibert:Aber ja-ah" und mit dieser schönen Zweisilbigkeit des Em- filbigen allerhand neue Erinnerungen in Georg Ebener lebendig gemacht. Nun gleitet fein Wagen durch ben Hellen Tag, zwischen Häusern hindurch, bie hauptsächlich aus Glasveranden zu bestehen scheinen, dann ins Freie, unter lichtgrünen, schattigen Bäumen dahin, zwischen Wiesen und Fel­dern über denen zur Rechten Höhen und Wälder ins Morgenlicht steigen, zur Linken zuweilen noch fern über ebenes Land zwischen neuen Häuserchen ein schmaler, dunkler Streifen Ostsee ausleuchtet.

Ein Park mit ragenden Bäumen, helle, kleine, ländliche Hauser, ein Wasserspiegel ferne (Erinnerung läßt bas Wort Oliva in ber Seele des Doktors aufklingen. Er wendet sich deshalb nach rückwärts herum, um noch etwas zu erhaschen; aber nur flüchtig grüßt, breit hingelagert, ein großes, helles Haus aus dem Grün das Schloß. Friede zu Oliva denkt er, wann war das doch? Alles vergeßen. Wieviel vergißt ber