Geheim ZamilienblStter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1956 Freitag, den [2. Juni Nummer^

Oie ^ahrt nach der Ahnfrau

Erzählung von Paul Fechter

Copyright 1935 by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart

Nein", sagte der Leutnant Ebener,das stimmt nicht; die Frau von Heinrich Gottlieb ist eine geborene Krause."

Falsch", sagte der Doktor Ebener,das ist die Frau von Johann Gottlieb, und zwar die zweite; die erste ist eine geborene Müller, Berta Regina Müller."

Irrtum", protestierte der Leutnant,das ist seine Schwägerin, die Frau seines Stiefbruders. Unsere Urgroßmutter heißt wo.ist denn wieder der Auszug?"'

Er kramte zwischen den Papieren, die in Menge auf dem Tisch Herum­logen.Hier, da steht's: Laut Kirchenbuch von Sankt Katharinen in Danzig: Regina Katharina Müller"

Aber gerade die fehlt unter den Kindern der Ururgroßmutter", schrie der Doktor,Hier: Gustav, Berta, Karl aus! Weder Regina noch Katharina. Und gestorben ist sie auch nicht."

Das sage ich ja", behauptete der Leutnant,unsere Ahnfrau muß eine andere Regina sein, aus einer andern Familie stammen, die die guten Leute dort übersehen haben."

Der Doktor Ebener schlug mit der Faust auf den Tisch.Du machst einen völlig verdreht mit deinem Widersprechen. Ich hatte alles so schön beieinander, den ganzen Stammbaum ..."

Bloß er stimmte nicht", grjnste der Jüngere,und was hilft mir ein Stammbaum mit falscher Wurzel?"

Die Wurzel ist richtig", schrie der Doktor.

Sie ist falsch , lächelte der Leutnant.Die Sache stimmt bis zum Großvater, und dann sind auf einmal mehrere Urgroßmütter da. Mehrere Urgroßväter kann man sich ja vorstellen; aber mehrere Urgroßmütter da stimmt was nicht. Zumal man auch sagen kann, es sei keine da."

Der Doktor breitete melancholisch die Papiere aus dem großen Tisch seines Arbeitszimmers aus, an dem sie sahen.Kann man die falsche nicht nachträglich ausrotten?" fragte er versonnen.

Der jüngere Bruder zuckte die Achseln.Und wenn du's tust ahnst du, wohin du mit der übrigbleibenden gerätst? Plötzlich taucht irgendwo ein würdiger Rabbi als dein Ahnherr auf."

Ein Rabbiner heißt niemals Müller", sagte der Doktor verächtlich, und dann in unserer Familie ausgeschlossen."

Gar nicht ausgeschlossen", erwiderte der Leutnant,bei dem Libera­lismus, der im achtzehnten Jahrhundert grassierte, vor allem in den west- preußischen Gebieten da ist alles möglich."

Vielleicht entdeckt man irgendwo noch eine ungeahnte Erbschaft, träumte der Arzt vor sich hin.

Wahnsinnigen soll man nie widersprechen", sagte der Bruder.Aber viel wahrscheinlicher ist, daß irgendein Kollege, der dich nicht leiden kann, eines Tages deine Zugehörigkeit zur nichtarischen Rasse behauptet und daraus peinliche Folgerungen zieht."

Der Doktor sah das Brüderchen nachdenklich an:Dann mußt du deinen bunten Rock ausziehen", lächelte er freundlich.

Du aber bekommst keine Kassen mehr, mein Lieber, und freiwillig kommt doch niemand zu dir", lächelte der andere.Es wird dir nichts übr'-'k'lüben; du wirst hinmüssen."

,' '3 werde ich?" fragte der Arzt erbittert.

^müssen", wiederholte der Jüngling sanft.Hinauf müssen; gen Ostl 'd wirst du reiten."

Was soll ich dort, du Idiot?" fragte der Aeltere.

Ahnen suchen, mein Lieber, der geheimnisvollen Regina Katharina Ebener nachgehen, die entweder einmal oder zweimal oder keinmal da war, und die wir doch brauchen, um unfern Volksgenossen zu beweisen, daß wir Rechtens mit ihnen den Sonntag am Sonntag feiern und ihn nicht schon am Sonnabend begehen müssen."

Fahr du doch", knurrte der Doktor.

Ich weih, was sich schickt", freute sich der Leutnant.Meine Mama hat mir immer eingeschärft, ich sollte Rücksicht auf dein höheres Alter nehmen."

. Ob unsere gute Mutter nicht Bescheid weiß?" sagte mit aufflackernder Hoffnung im Blick der Aeltere.

Regina Ebener heißt die Gesuchte, mein Teurer", höhnte der Jüngere. Deine Mutter ist eine geborene Bölke, von welcher ehrenwerten Familie eher Fäden zu dem sagenhaften schwedischen Königsmörder^ Bjelke führen sollen als zu der verschwundenen Ahnfrau Regina Ebener."

Ich habe keinen Vertreter", sagte tief und resigniert der Doktor.

Such dir einen", riet der Jüngere, sich behaglich zurücklehnend.Ich weiß gar nicht, warum du dich so sträubst. Es ist Frühling, es ist herr­liches Wetter; du warst meines Wissens seit zwanzig Jahren nicht in der teuren Heimat unseres ruhmvollen Geschlechts."

Der Arzt sah nachdenklich durch das geöffnete Fenster auf die Wipfel der Bäume des Vorgartens, die licht und blank in der Morgensonne funkelten, und schien zum erstenmal den Amselruf zu bemerken, der lockend und sehnsüchtig vom Dachfirst des Hauses auf der anderen Straßenseite herllberklang.

Dann schob er die Papiere ordnend zusammen.Ich will's heut abend ohne deine raffinierte brüderliche Störung noch einmal versuchen. Viel­leicht bekomme ich doch noch Ordnung in die Sache."

Aber er bekam sie nicht, auch nicht, als er am Abend allein von neuem an die Arbeit ging. Es blieb dabei: bei der Urahne Regina Katharina Müller bekam die bis dahin lückenlose Reihe der Kirchenbuchauszüge ein Loch. Sie war da, samt ihrem Geburts- und Heiratsdatum; aber wo kam sie her wo blieb sie? Wessen Tochter war sie? Warum riß bei ihr mit einemmal die Kette ab? Hatte sich beim Abschreiben ein Fehler ein- geschlichen? Waren Vornamen verwechselt worden? Eine Berta Regina Müller gab es ja; sie hatte auch einen Vater, einen Großvater; aber [ein Urgroßvater war laut Ehestandsregister von Sankt Katharinen mit Regina Katharina Müller verheiratet gewesen, und von der meldete kein Lied, kein Heldenbuch.

Der Arzt blätterte in den Papieren umher, suchte hier, suchte dort; der Bruder hatte recht. Mißmutig schob er die Formulare beiseite und überlegte, ob er nicht mit der ganzen Ahnensuche aufhören sollte. Der Urgroßvater genügte ja für alle praktischen Zwecke; was dahinter kam, war Geschichte, ging niemand mehr etwas an.

Aber dann hörte er wieder die Einwände des Jüngeren und sah in das Dunkel hinter dem eigenen Leben. Gewiß: er konnte sich begnügen; aber zuletzt trug er selber den Nachhall des ferne abreißenden Daseins in sich, hörte mit dem Wissen um sich selber auf, wo er mit dem Wissen um die Vorfahren endete. Ganz abgesehen von den Blößen, die er viel­leicht einmal dem äußeren Leben bot. Der Kleine hatte recht: er mußte es versuchen, Klarheit zu schaffen. Ein paar Tage im Osten waren am Ende auch nicht zu verachten: seit den Durchreisen zur Front und zum Urlaub hatte er von der heimatlichen Welt nichts mehr gesehen. Das mit dem Vertreter war nur Ausrede gewesen, mehr nicht.

Acht Tage später fuhr er ab. Ein kühler, strahlender Junitag lag über dem Stettiner Bahnhof. Der Zug war leer das Land glitt draußen vorüber mit dem unwahrscheinlichen Reichtum jungen Grüns, wie ihn um diese Zeit nur die Mark Brandenburg besitzt. Birkenstämme leuchteten weiß unter dem feinen, hängenden Mädchenhaar ihres Laubes; hinter ihnen schwebten ferne Höhenzüge sehnsüchtig im lichten Blau über der grünen Welt der Nähe. Duft von blühendem Hollunder kam zuweilen mit dem leichten Wind in fein Abteil; er sog ihn tief ein und mußte ein bißchen über sich lachen. Er kam sich mit seinen fünfundvierzig Jahren wie ein Junge vor, der auf Ferien fährt.

Seen blinkten auf, hell im frühen Nachmittagslicht funkelnd. Dörfer, kleine Städte mit großen, alten Kirchen glitten vorüber; das Licht wurde stiller, und auf einmal war weites Wasser zur Rechten, zur Linken, lang­same, melancholisch braune Segel über dem Glanz der weiten Fläche das Haff. Er dachte dem Wort nach, und ferne Bilder fliegen auf. Endlos schimmerndes Wasser mit fernen, abendlichen Schiffen, Einsam­keit mit großen Augen, ein ferner schmaler Streifen Land hinter der Weite, leises Glucksen des Wassers am Boot eine plötzliche Sehnsucht war in ihm noch den Gegenden seiner jungen Jahre, und er freute sich, das alles wieder einmal zu sehen. Das Suchen nach der Ahnfrau würde ja nicht allzulange dauern; dann konnte er ruhig ein paar Tage seine eigene Vergangenheit suchen gehen.

Am Bahnhof Swinemünde blieb er im Wagen sitzen, der dann gemächlich durch die kleine Stadt zum Hafen rollte. Niedrige Häuser, Sand, helle Luft, die schon nach See und Wasser roch: bann ragte auf einmal weiß und hoch über dem besonnten Bollwerk der Rumpf eines Sroßen Dampfers auf. Gepäckträger tarnen, Kinder schrien, junge Wander- haren mit ihren Fähnlein standen wartend am Ufer; luftig blau funkelte bas Wasser der Doktor Ebener begann, als er den Laufsteg empor­schritt, seinen Bruder und mehr noch den eigenen Entschluß zu segnen.

Seine Außenkabine hatte er wunschgemäß auf der Steuerborbseite bekommen, weil er den Blick zum ßanbe hin haben wollte. Er verstaute rasch sein Gepäck in bem schwimmenben Schlafwagenabteil, wusch sich bie Hände und stand bald wieder oben auf dem Verdeck, den schönen großen Blick über den Hafen mit den alten Bäumen und die bunte, luftige kleine Stadt genießend. Irgendwer hatte hier mal gelebt, ein be­kannter Schriftsteller, der auch ein Buch darüber geschrieben hatte. Der Name fiel ihm aber nicht ein. Er nahm sich vor, nach der Rücktehr feinen Freund Emmrich zu fragen; der mußte als Oberlehrer so etwas wissen.