Der Pfarrer sah ihn an:Burschen? Wer spricht von «urschen, Herr Obrist? Reiter waren's ... An die dreihundert, hab' ich mir sagen lassen. Wollten alle kopuliert werden, weil beim Regiment der Befehl war, daß nur die Eheliebsten bleiben dürften ..."

Wangler ließ das Glas sinken. Der Mund blieb ihm offen.

Aldringen neigte sich lachend über den Tisch:Die vom Regiment Holstein?"

Der Pfarrer nickte.

Holk hieb sich auf den Schenkel:Obrist Wangler, Euer Gesicht ist ein Herzogtum wert!"

Wieder schmiß der Obrist den Hut, dann knurrte er:Lieber einen Sack voll Flöhe hüten, als ein friedländisch RegimentI"

Wie Korn und Apfel...

Von W i l l y A r n d t.

Muht wie Korn und Apfel reifen, windumsungen, tauverklärt, wenn die Wurzeln gehn und greifen in den schmalen Ackerstreifen, der dein Leben trägt und nährt.

Schlürfe du des dunklen Grundes urgeheimen Seim und Saft!

Laß des Halms und Wipfelgrundes Blatt und Blüte seligen Mundes, trinken Erd- und Himmelskraft!

Duft der Scholle, Glanz der Ferne segnen Aehr und Apfel rot. Krume, Sonne, Mond und Sterne quellen in der Frucht die Kerne, schäumen Most und wirken Brot.

Gott sieht dich mit Bauernaugen, prüft dein Korn mit seinem Mund, ob's zur Mühle möge taugen.

Seine Lippen ziehn und saugen an dem Apfel süß und rund.

Glaub', er wird es schnell begreifen, was an Saft und Samen sei Reife! Und bei Geig' und Pfeifen hallt er, wenn die Reigen schweifen, wolkenhoch im Freudenschrei.

Harte Mutier.

Von Otto A n t h e s.

Der Kaiser hatte den Winterkönig aus Böhmen hinausgeworfen, darauf ließ er ihm durch ein spanisches Heer unter Spinola sein Stamm­land, die Pfalz, wegnehmen, und nun zogen die Spanier in einzelnen Trupps rheinabwärts, um die hier und da verstreuten pfälzischen Orte und Schlösser zu besetzen. So kam auch eine Kompanie nach Kaub, das eine pfälzische Unteramtsstadt war. Das Schloß, wehrhaft, doch schlecht verteidigt, wurde überrumpelt, und der Stadt, die ganz und gar vom Schloß beherrscht war, blieb nichts anderes übrig, als sich ebenfalls zu ergeben. Rur ein Turm, noch heute vorhanden und Erlenbachs Turm genannt, hielt sich, und die Besatzung antwortete auf die wiederholte Aufforderung zur Uebergabe nur mit gut gezielten Büchsenschüssen. So mußten sich "die Spanier zu einer regelrechten Belagerung entschließen, was sie nur ungern taten, da sie über keinerlei größeres Geschütz ver- sügten.

In der Nähe des Turms stand ein festes Haus, das einer Witwe namens Boos gehörte. Dort setzten sich die Spanier fest, bauten auf dem Dachboden ihre schweren Hakenbüchsen auf und begannen den Turm zu beschießen. Den starken Mauern tat das indes wenig Schaden, und die Besatzung bleibt nach wie vor unsichtbar, wenn sie auch das Feuer der Gegner auf das verfchmitzeste erwidert. Sobald ein Spanier auch nur eine Strähne feines schwarzen Haares am Dachfenster blicken ließ, schlug auch schon eine Kugel dicht daneben ein. Und ein paarmal blieb es nicht bei dendaneben", so daß der Feldscher in Tätigkeit treten mußte.

Während sich diesergestalt der Handel in die Länge zog, muhte die Hauswirtin ihrs ungerufenen Gäste verpflegen. Sie tat es ordentlich, wie eine rheinische Wirtin nicht anders kann, aber mit so strenger Zu­rückhaltung, daß keiner von den Fremden ihr irgendwie in Bosheit oder Liebsucht zu nahe zu treten wagte, wiewohl sie ein stattliches und noch immer hübsches Weibsbild war. Ihr Sohn aber, ein aufgeschossener Bub von 14 Jahren, sand einen ungemessenen Gefallen an dem fremden Kriegswesen. Immer war er um die Soldaten herum, wußte sich bald auch mit ihnen zu verständigen und war zuletzt so einig mit ihnen, daß er für die Mutter gar nicht mehr da zu sein schien.

Als sie ihn darüber einmal zur Rede stellte, sagte er mit verkniffenem Mund: daß er demnächst überhaupt nicht mehr da sein werde, da er mit den Spaniern gehen wolle. Der Mutter verschlug es für einen Augenblick den Atem. Dann aber rief sie:Was? Mit bene Fremde willscht du gehn, wo unser ganz schön Pfalz verwüschte duhn!"

Worauf er nur die Achseln zuckte und altklug erwiderte:Was ver- stehscht du davon? Krieg ist Krieg".So!" sagte sie plötzlich ganz ruhig.Un was willscht du dummer Bub im Kriege?" Da setzte er ihr sachverständig auseinander, daß er zuerst als Troßbub mitginge,

der die Waffen zu putzen und instand zu halten, auch sonst allerlei Handreichungen zu tun habe; nachher werde er selbst Waffen bekommen, und wenn alles gut ginge und der Krieg lange genug dauere, könne er es zu etwas Großem bringen. Darauf sah sie ihn nur fest an unb sagte: Du gehscht nit". Er entgegnete:Un ich geh doch", und dabei blieb er vorderhand.

Run war es eines Tages so weit, daß der Turm doch am Ende seiner Widerstandskraft schien. Eine weiße Fahne wurde durch eine Schieß­scharte herausgesteckt, und eine heisere Stimme tat kund, daß die Be­satzung bereit sei, sich zu ergeben, wenn man ihr den Abzug mit ollen kriegerischen Ehren bewilligen wolle. Froh, daß die langwierige Sache damit zum Abschluß kam, nahmen die Spanier die Bedingung an. In dem allgemeinen Aufstand, der sich darüber erhob, erwtickue die Witwe Boos ihren Buben, der sich anstellte, als ob er selbst der Sieger wäre, und flüsterte ihm zu:Komm mit in de Keller! Mir müsse Wein rauf hole. Wenn alles fertig ist, wolle se doch trinke". Der Bub sand das in Ordnung und folgte seiner Mutter.

Das Haus stieß unmittelbar an den Felsen des Schloßberges. Und aus dem Keller führte ein altes Bergloch in den Felsen hinein, wie sie die Bergleute allenthalben in den Berg getrieben hatten, um auf brauch­baren Schiefer zu schürfen. Run war es längst seiner ersten Bestimmung entfremdet. Man hatte ein eisernes Türchen davor gesetzt und benutzte den ehemaligen Stollen als Weinkeller. Die Mutter schloß das Türchen auf und ließ den Buben vorangehen. Kaum aber, daß er brinnen war, schmiß sie bie Tür ins Schloß, drehte den Schlüssel um, zog ihn ab und eilte ins Haus hinauf. Sie hörte noch, wie hinter ihr der Bub sich mit aller Wucht wider die eiserne Tür warf und aufheulte, nicht anders als ein wildes Tier im Käfig. Aber obwohl der Ton in ihrem Mutterherzen nachzitterte, daß ihr schier die Knie versagen wollten sie zwang sich und ging und trat oben ans Fenster, um das Schauspiel der Ueber­gabe anzusehen. Die Spanier waren in Kriegsordnung in der Gasse an- getreten, eine Trommel wurde gerührt, und rings aus allen Fenstern hing das Volk von Kaub. Run öffnete sich die hohe Tür des Turmes, eine Leiter wurde herausgehoben, und herab kletterte, die Besatzung: ein pfälzischer Korporal, sein Weib und zuletzt, von dem Weibe gestützt, eine Ziege. Nichts weiter. Ein ungeheures Gelächter prasselte aus den Fenstern über die Spanier nieder. Die duckten die Köpfe in lieber- raschung und Verlegenheit. Aber was gesagt war, mußte gehalten wer­den. So zog der seltsame Trupp in guter Ordnung, erst der Mann, dann das Weib, zuletzt am Strick die Ziege, an den Spaniern vorbei und mischte sich unter die eilends herbeigeströmte Bevölkerung der Stadt, die Näheres zu wissen begehrte. Es war nicht viel zu erzählen: Der Mann hatte geschossen, die Frau geladen und die Ziege mit ihrer Milch die heldenhafte Besatzung ernährt. Zuletzt indes, als die Büchse kein Pulver und die Ziege keine Milch mehr hatte, war man gezwungen ge­wesen, sich zu ergeben.

Während nun die Stadt sich in immer wieder vorbrechendem Ge­lächter erschöpfte und bie Spanier zu einem eiligen Aufbruch rüsteten, ging die Witwe Boos in ihrem Hause umher, als ob das alles sie nichts anginge. Sie rührte keinen Finger, bis die Spanier abgezogen waren. In der Verblüffung über den 'wenig ehrenvollen Sieg und in der Eile des Abmarsches halte feiner von ihnen nach dem Buben ge­fragt, der sonst ihr stündlicher Genosse gewesen war. Spät am Abend erst, als alles still geworden war, ging die Mutter in den Keller hinab, klopfte an die eiserne Pforte und rief:Rupp!" Aber keine Antwort kam.Rupp!" rief sie noch einmal.Willscht du nu gut sei? Dann loß ich dich heraus." Wieder nichts. Sie war drauf und dran, in

einer plötzlichen Angst zu öffnen. Dann aber fiel ihr bei, daß dies auch

eine Lift des Buben fein könne, der, wenn er nun herauskäme, hinter den Spaniern herlaufen würde. Und obwohl ihr das Herz weh tat,

daß sie es mit der Hand halten mußte, machte sie doch kehrt und ging

ins Haus zurück. Die ganze Nacht saß sie aufrecht in ihrem Bett und horchte. Aber sie hörte nichts als das, was die Erinnerung immerzu in ihrer Einbildung wiederholte: den heulenden Schrei und dann die tiefe antwortlose Stille.

Am anderen Morgen schließlich nachdem sie wieder vergeblich ge­klopft und gerufen hatte, schloß sie die Tür auf. Der Bub lag unmittel­bar dahinter, lang ausgestreckt am Boden. Es stieg ihr kalt von den Füßen her durch den ganzen Körper. Aber sie,konnte nicht bereuen, was sie getan hatte. Besser so, sagte etwas hart in ihr, als wenn er fein Volk und Heimat mit den fremben Kerlen verraten hätte. Doch war der Bub nicht tot. Als sie ihn anfaßte, regte er sich schwach. Wut, Hunger, Kälte und bas Grauen des dunklen Loches mochten ihn so zerbrochen haben. Sie raffte ihn auf und brachte ihn, der mit nachschleppenden Füßen sich mehr tragen ließ, als er ging, in seine Kammer. Bann lief sie und kam mit einem Topf heißer Suppe an sein Bett. Als sie den Löffel an seinen Mund hielt, stieß er ihn mit dem Kinn fort und griff mit zitternden Händen nach dem Topf. Er konnte ihn aber nicht halten, schwach wie er war, und gab es auf, einen Blick auf die Mutter werfend, in dem ersterbender Haß mit dem Weh der Hilflosigkeit kämpfte. Sie sagte kein Wort, sondern bot ihm nur wieder den Löffel, und da er noch immer ablehnte, blieb sie, den Löffel in der Hand, sitzen, um geduldig zu warten, bis sich fein Widerstand bräche. Da fing er plötzlich an zu schluchzen. Und schon war sie mit ihrem Löffel wieder zur Hand. Und während ihm die tränen übers Gesicht liefen, ließ sie ihn schlucken und schluchzen und wieder schlucken, bis der Topf leer war.

Siehsch du, mein Bud", sagte sie,dein Mutter ihr Supp bringt alles in die Reih."

Er schnellte empor und warf bie Arme um ihren Hals.Och Mutter!" stammelte er unb brückte sie wie im Krampf, baß ihr die Luft roegblieb, sie wußte nicht, war es mehr Zärtlichkeit ober mehr Zorn.

Jo, jo, jo", sagte sie atemlos, doch lächelnd.Mach nur! Eine Mutter hält viel aus."

verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Derlag: Drühl'fche Universitäts-Duch. und Eteindruckerei, R. Lana«, Gieße«.