Ewiger Acker.
Don Wrlhelm Lue t j e n s.
Geborgen das Korn, das der Acker trug.
Durch die Erde zieht seine Furchen der Pflug, Furche um Furche — ihr altes Gesicht, das wandellose, verwandelt er nicht.
Es wächst das Korn, und es wächst der Wald. Die Halme fallen, das Jahr wird alt.
Der Herbstwind fegt über Stoppeln und Dorn, in den Furchen keimt schon das junge Korn —
Dazwischen der Mensch, der pflügt und sät, der im Sommer die goldenen Halme mäht und sorgt und rechnet — und still vergeht.
Die Erde bleibt und hat festen Bestand. Wiesen und Wald und wehender Sand sind Acker unter des Ewigen Hand.
Der Befehl des Obristen.
Eine Novelle von Alfons non Czibulka.
Der kleine dicke Obrist Wangler des kaiferlichen Regiments zu Roß Herzog von Holstein warf die Tür hinter sich zu, daß es in den Wänden des alten Bauernhauses rieselte. Dann schmiß er seinen grauen Reiterhut in die Ecke der Stube. Der Feldschreiber am Fenster schielte dem Wurfgeschoß nach. Er kannte das schon. War noch gut, daß der Hut in die Ecke flog und nicht in die Tinte.
Hatte wieder einmal gut angesangen, der Tag! War da vorgestern von des Herzogs von Friedland Durchlaucht die Order gekommen, daß, wenn jetzt gegen den Ernst von Mansfeld marschiert werde, die Regimenter die Frauenzimmer zurückzulassen hätten, so diese nicht rechtmäßig kopulierte Soldatenfrauen seien. Der von Wallenstein hatte schon recht: die Weiberwirtschaft bei der Armada stank zum Himmel. An vierhundert Stück hatte das Regiment Holstein allein. Aber es gab welche, die bald mehr Weiber als Säbel oder Musketen hatten. Doch der Obrist kannte auch seine Satanssöhne. Mit freundlichen Worten war da nichts zu machen.
Gestern hatte man zu marschieren begonnen. Abends stand man an der Elbe. Da befahl der Obrist Wangler in aller Heimlichkeit dem Hauptmann des Fuhrwerks, daß, wenn das Regiment über den Strom gehe, der Teil des Trosses, der die Weiber führe, zurückzulasien wäre.
Noch vor Sonnenaufgang begann das Regiment die Elbe zu überqueren. Der Tag versprach schön zu werden. Der Obrist hatte sich als Erster übersetzen lassen, hielt zu Pferde am User und sah zu, wie seine Reitersleute aus dem Morgennebel angefahren kamen, auf Fahren und Zillen. Die Reiter waren guter Laune und fangen. Der Obrist Wangler schmunzelte. Werden sich heute noch wundern, seine Kerle!
Als die letzten Reiter ihre Gäule über die Uferböschung zerrten, zog der Obrist den Pallasch. Es war Zeit zu marschieren. Da fraß die Sonne den Nebel, und die Sicht wurde klar. Etliche Reiter merkten, daß die zweite Hälfte des Trosses noch am andern Ufer stand. Sie stutzten und stteßen sich an. Jetzt sahen sie auch schon die Weiber auf die Fährleute eindringen, die sich mit Rudern und Stangen des Ansturms erwehrten. Stritten wohl um die besten Plätze in den Zillen und Fähren, die Frauenzimmer! Noch lachten die Reiter. . ,
Da fuhren drüben die Fährleute ohne Weiber und Wagen ab, ließen ihre Kähne in die Strömung drehen, schoflen talwärts davon. Am Ufer standen die Frauenzimmer und rangen die Hände. Ihr Zetern und Kreischen konnte man nicht hören, aber es genügte auch so. Das Regiment erriet den Streich und stürzte die Uferböschung hinunter.
Vergebens donnerte das Kommando „Aufgesessen! über die Kopfe. Das Regiment scherte sich nicht drum. Wäre nicht Hochwasser gewesen und nicht die gurgelnden, kreiselnden Wirbel im Strom: das Regiment Holstein wäre über die Elbe aeschwommen, um sich seine Weiber zu holen.
Wieder brüllte der Obrist Wangler sein „Aufgesessen!". Aber was half s. Hier tobten die Reiter, drüben kreischten an vierhundert Weiber. Der Vrofos mit seinen Steckenknechten fuhr drein. Aber die Reiter rührten sich nicht von der Bösckung. Sie hätten ihre Wäsche und Monturen, ihre Speckseiten und Beutestücke bei den Frauenzimmern. Die Weiber mußten her! Vergeblich kam der kleine dicke Wangler auf seinem Rappen angebraust, als wollte er sein eigenes Regiment attackieren. Den Alten hatten sie gern, aber ohne Weiber marschierten sie nicht. Es könnte der Obrist allein gegen den Mansfelder reiten, wenn er die Weiber nicht fahren lasse. Immer noch besser, die Frauenzimmer kamen mit, als daß einem der Mansfelder in die Parade fuhr! Der Obrist ließ die Weiber über die (£lbc feiten.
Und setzt war es am frühen Nachmittag. Man war im Quartier, und her Feldschreiber am Fenster konnte verstehen, warum der Alte mit seinem Reiterhut schmiß Der Obrist fragte: „Na, schon von heute morgen gehört, Schreiberseele? Was sagt Er dazu?"
Der Schreiber zuckte mit der Schulter und sagte: „Erstes Buch Mosis, zweites Kapitel, achtzehnter Vers, gnädigster Herr Obrist!"
Der Obrist knurrte: „Daß Er Candidatus Theologiae war, ehe Er Feldlchreiber bei Holstein wurde, weiß ich. Was meint Er damit?"
„Nicht gut ist, wenn der Mensch allein!"
Mach Er nur seine Späße, er verhinderter Pfaffe! Aber dem Regiment versalz' ich diesen Scherz! Wieviel Frauenzimmer sind bei Holstein?"
Der Schreiber spritzte die Kielfeder aus: „Vierhundertsieben bei einem Stand des Regiments von fünfhundertachtundsiebzig Reitern .. *
„Nette Relation! Und davon ehelich kopuliert?" „Siebenundachtzig, gnädigster Herr Obrist!" „Schreib Er, Candidate!"
Der Obrist Wangler liebte das Schreiben nicht. Drei-, viermal durchmatz er diktierend die große Stube. Dann war er fertig und sagte: „Laß Er's umschlagen um Fünf durch den Prososen am Dorfplatz!"
Am Nachmittag stand der Obrist am Fenster seines Quartiers und sah zu, wie die Kesselpauker umschlugen und der Profos zu Pfern den Befehl verlas. Im Kreise um den Profosen drängten sich die Reiter unter ihren breiten Hüten und spitzten die Ohren. Der Paukenwirbel verstummte, der Profos las: „Weil es wider Manneszucht und Kriegsordnung ist, auch des von Wallenstein Reuterrecht es verbietet, daß mit einem ehrlichen Regiment allerlei schlechtes Weibervolk mitläuft, die Frauenzimmer sich beim Regiment einnisten, wie die Laus im Pelz und dadurch alle ehrliche Kriegführung unmöglich wird, befiehlt unser gnädiger Herr Obrist, daß ein jeder Soldat sein Weibstück binnen drei Tagen abzuschaffen hat und nur die Eheweiber ..."
Die Reiter drängten gegen den Profosen und schrien: „Ohne Weiber marschieren wir nicht!" Einer trumpfte aus und brüllte: „Soll der Alte seine Bataglia wider den Mansfelder selber schlagen!"
Der Profos stellte sich in den Bügeln auf und funkelte über die Reihen hinweg nach dem Schreier: „Sachte, mein Söhnchen! ... Es befiehlt der Obrist auch: Wer sich widersetzt, ist aufzuknüpfen an feinem besten $ Einer in der ersten Reihe höhnte: „So viele Galgen hast du ja gar nicht, Profos!"
Der Profos zwinkerte mit den Augen und kraulte sich das schwarze Bärtlein am Kinn: „Aber Bäume, mein Liebling! Hab' im vergangenen Jahr in Flandern an einem einzigen Eichbaum dreißig solche Schelme baumeln sehen, wie du einer bist ..."
Die Leute schüttelten sich und lachten verlegen. Der Profos kam zu Ende, hob die Stimme: „Nur die Eheweiber, so ordnungsgemäß kopuliert sind, 'sei es römisch ober evangelisch, dürfen bleiben!"
Die Pauken wirbelten. Langsam ritt der Profos durch die Gassen der aufgeregt durcheinander schwätzenden Reiter.
Drei Tage später saßen die Generale «(bringen unb Holk und der Obrist Wangler auf der Altane eines Schlosses, einen Tagmarsch von Dessau Drunten in der Ebene leuchteten die Zeltgassen der Regimenter Colalto und Holstein, lieber die Hügelwellen, über die nahen und fernen Dörfer schwang sich das Geläute von Kirchenglocken.
Generalleutnant Aldringen sah in die Ebene hinaus, schüttelte den Kopf: „Was nur die Glocken heute rings in den Dörfern haben? Horen ]a feit dem Morgen nicht mehr auf! Ist doch nicht Sonntag."
Holk öffnete feinen Lederkoller, denn die Sonne war warm: „Wird wohl wegen der Viktoria fein, vorgestern an der Dessauer Brucken. Er hieb dem neben ihm sitzenden Dbriften derb auf die Schulter: „Uebrigens Respekt vor Eurem Regiment, Wangler!"
Aldringen hob fein Glas: „Euer Wohl, Obrist! Ich horte schon, daß der Generalissimus Euch eine Gnadenkette verleihen mitt.“
Obrist Wangler tat ihm Bescheid: ,Zuviel der Ehre, Herr Generalleutnant!" ™ ,
Wieder schlug ihm Holk auf die Schulter: „Wie ein Besen war s, als Euer Regiment chargierte unb bie Mansfelbifchen vor sich herzukehren begann. Wie habt Ihr bas bloß gemacht?"
Wangler schmunzelte: „Vielleicht hat meine Kerle bie Wu darüber gepackt, daß ich am Abend vorher Umschlagen ließ, es waren alle Weiber abzuschaffen, nur die Eheliebsten, fo ordnungsgemäß kopuliert sind, bleiben ^Aldringen lache: „Respekt, Obrist Wangler! Ihr versteht es, gutes Regiment zu halten." Er schenkte dem Dbriften ein und stieß mit ihm an:
Wenn ich nur wützf, was diese verdammten Glocken haben!"
Holk deutete in den Garten hinunter, durch den eben der Dorfpfarrer kam: „Vielleicht weiß es der."
Schnaubend, kurzatmig kam der alte Pfarrer langsam die Stufen zur Altane herauf. Aldringen streckte ihm die Hand entgegen: „Setzt Euch zu uns! — Gibt uns armen Sündern ein so heiliger Mensch auch einmal bie Der Pfarrer nahm den Hut vom Kops, legte ihn auf die Brüstung, setzte sich und wischte sich mit einem großen blauen Tuch die Stirn.
Holk schob ihm ein Glas hin, goß es voll: „Aber fo he'llgenmaßig werdet Ihr ja wohl nicht fein, daß Ihr einen Schluck Wein verschmäht
Kreszenz des Herrn Fürstbischofs von Würzburg! , lachte Wangler. „Das mag Euer Bedenken gegen den fündigen Trank zerstreuen.
Der Pfarrer kostete. „Ah, das tut gut, das Sitzen und der Wem!
Ist denn das Seelsorgen gar fo eine Arbeit?", fragte Aldringen.
scheute schon, Herr Generalleutnant."
„Wieso heute? Ist doch nicht Sonntag? n . . .
Der Pfarrer fah verwundert von einem zum andern: „9a, haben denn bie fierren bas Glockenläuten auf eine Meile im Umkreis nicht gehört?
Weiß Gott, bas haben wir!", lachte der Obrist Wanglep
Der Pfarrer fuhr sich roieber mit bem Tuch über den Schabel: „Der Teufel reit’ mich! Diese verfluchten Kerle!" „
fjo(t hob ben Finger: „Fluchen ist eine Todsünde Hochwürden.
Aber es erleichtert, Herr Generalwachtmeister! Der Alte fetzte sein Glas an unb trank. Dann fuhr er fort: „Fast mit Gewalt haben sie mich in aller Frühe auf den Wagen geloben und zur Kirche gefahren, damit ich sie kopuliere. Und ringsum in allen Dörfern war s ebenso Beim ersten Hahnenschrei haben sie die Pfarrer unb Stifter, ob römisch ober evangelisch aus ben Betten geholt unb zu ben Kirchen geschleppt. Wie eine Seuche war's. Wer eine Minute zuvor noch Trauzeuge oder Brautiungfer war trat in ber nächsten schon als Paar an ben Altar ... Dierundbreißig Paare habe ich getraut unb jebem noch eine Rebe gehalten! Er schnaubte Un!>Dbri?t Wangler schüttelte fein Haupt: „Man sollt' es nicht glauben! Seit acht Jahren hoben wir Krieg. Gibt's benn noch so viele Burschen in ben Dörfern? Laufen ja alle dem Wallenstein, dem Man-geld, dem Tilly zu."


