Die Bälle hagelten auf sie ein. Ali fertigte ebenfalls eifrig Bälle, ungeachtet der klatschenden Kugeln. Dann rückten sie vor. Klick hatte seinen Vorrat in die Wollmütze getan. Die Sicht war ungünstig, der Schnee stob gegen sie. Dennoch feuerten sie kräftig und sicher. Mehlhose bekam einen Ball genau aus die Nase, während sich Ali tapfer mit Zulauf schlug. Schrimpf hatte sich niedergehockt und ballte. Klick schmiß und überblickte dabei blitzschnell die Lage.
„Aufhören, Ali!", rief er. „Ballen, Munition!"
Ali ging, mit dem Rücken gegen den Feind, in die Knie und machte Bälle. Klick kämpfte. Er, ein guter Zteler, gab es ihnen. Mehlhose wurde zurückgeschlagen, Schrimpf am Boden erhielt einen Volltreffer ins Gesicht. Der putzte sich die Augendeckel. Klick wollte sich nun gegen Zulauf wenden, da flog ihm der Ball quer aus der Hand. Weih der Kuckuck, wie das zuging. Aber der Ball traf nicht Zulauf, sondern — schrumm! — die Schubscheibe eines Taxameters. Der Kraftfahrer, die Balgerei schon einige Zett mißtrauisch beobachtend, fauste mit langen Beinen aus dem Wagen und warf sich gegen Klick.
„Weg, Ali!", schrie der und rannte fort, der Kraftfahrer hinter ihm drein. Durch das Schneegestöber schnellte sich der Versolgte über die Seestraße. Hart auf den Hacken blieb ihm der Fahrer. Die Verfolgung verursachte einen kleinen Schock im Verkehrsstrom; der den Verkehr regelnde Schutzmann hob den Arm, reckte den Hals: Was war da los?
„Haltet den Dieb!", schrie eine Frau, eine Elektrische donnerte die Wilsdruffer Straße entlang, Klick wischte knapp hinüber. Das war noch einmal gut gegangen. Am großen Kaufhaus fuhr er mitten in einen Wespenschwarm von Weibern hinein, deren Augen auf ihn losstachen. Kam der Kraftfahrer? Folgte er nicht? War doch eigentlich ein Esel, dieser Mann, mit seinem aussichtslosen Gelaufe. Klick schnurrte durch die Drehtür, sie schleuderte ihn in den Verkaufsraum zwischen die Auslagen. Er machte, daß er verschwand. Jemand setzte ihm nach.
„Hallo, was gibt's hier zu laufen?", zeterte der Abteilungsvorsteher.
Klick tauchte hinter die Wühltische, daraus Berge von bunten Kleidungsstücken, Bändern, Taschentüchern, Frottierhandtüchern und anderes mehr gehäuft lagen. Die , Rolltreppe nahm ihn mit hinaus. Er schaute sich um, kein Kraftfahrer war zu sehen. Aber auf die unterste Stufe hüpfte Ali und rollte ihm nach. Er stand im ersten Stock. Buntes Durcheinander umwogte ihn. Die Rolltreppe ritz ihn in den zweiten Stock. Ali folgte. Lachend winkte er. Die Rolltreppe floß in den dritten Stock, Klick floh mit und landete schnaufend im Erfrischungsraum.
Gewonnen! In Sicherheit. Er schlenderte an den Taschen, Säulen und blauen Bedienungsdamen vorüber, bis zu den großen Fenstern im Hintergrund, von wo man auf die Dächer und das im Schein der Lichter aufglimmende Schneegestöber hinausgucken konnte. Er wählte sich einen kleinen Tisch und wartete aus Ali.
„Setz dich!", sagte er zu ihr, als sie bei ihm war. „Erledigt ist der Fall. Ich labe dich zu einem Gedeck Kompott ein, weil Weihnachten ist und ich dem Mehlhofe eins auf die Nafe gegeben habe ... Zweimal Aprikosen, bitte 1", bestellte er bei dem blauen Fräulein.
Ali tat schüchtern, umständlich.
Sie schmausten die eingemachten Früchte und löffelten den feinen Saft. Zwanzig Pfennig kostete ein Tellerchen voll, so stand es auf der rosaroten Speisekarte. Und darüber war getippt: „Vergessen Sie Ihre Sorgen und essen Sie in guter Stimmung!" Dem freundlichen Rat kamen sie nach: vergnügt erzählten sie einander ihr bestandenes Abenteuer. Hin und wieder jedoch ließen sie die Augen aufmerksam umherschweifen, um sich zu vergewissern, daß der langbeinige Kraftfahrer ober der schimpfende Abteilungsleiter aus dem Erdgeschoß doch noch auf der Bildfläche erschienen. Sie kamen nicht.
Als die Aprikosen gegessen waren und Klick gezahlt hatte, begaben sie sich nach vorn an die Geländer des großen Lichthofes. Sie schauten durch drei Stockwerke hinunter, bis zur ebenen Erde, auf die Warentifche, Köpfe, Leute und Kinder. Aus der Tiefe — und das war das Anziehendste in diesem bunten Kaufhausschauspiel — wuchs ein riesiger Weihnachtsbaum auf, dessen Spitze bis zur Decke des obersten Stocks emporragte. Die erzgebirgische Tanne trug gläserne Kerzen für elektrische Beleuchtung, auf ihrem Spitzentrieb schwebte ein großer Silberstern. Mondgroße Silberkugeln hingen an den Aesten, und breite Silberbänder flössen von Zweig zu Zweig. Der geschmückte Baum funkelte herrlich.
Plötzlich, mitten in der Bewunderung, tat Klick einen Ruck. Er tastete an sich herum, blickte rechts und links ...
„Meine Mütze!", stieß er hervor und rannte zurück in den Erfrischungsraum.
Bestürzt blickte ihm Ali nach.
„Sie war nicht dort!", rief Klick aufgeregt, als er zurückkam. „Ich muß sie auf der Straße verloren haben. Meine zwei Lose ...I"
Hastig ritz er die Freundin mit zum Fahrstuhl. Sie sausten abwärts.
„Ich hatte die Lose unter das Futter der Mütze gesteckt", flüsterte er ihr zu. „Nun sind sie weg." Ganz zornig war sein Gesicht.
Die Wollmütze blieb verschwunden, war unauffindbar, so wütend er sich auch die Augen nach ihr ausfchaute und die Straßen und den ganzen Altmarkt, mit Vorsicht vor dem Kraftfahrer, dessen Wagen in den Schneewolken ungewiß schwamm, nach ihr absuchte. Auch Ali tat es, vergeblich. Da gaben sie es auf.
„Nieten!", sagte Klick. „Wieder nichts gewonnen, Ali. So gut, wie nichts gewonnen. Ich bin ein Pechvogel."
Der Schnee umwirbelte seinen bloßen Kopf und nistete sich in sein Haar. Die Straßen stammten, die Leuchtzeichen waren eingeschaltet, an den Häuserwünden glühten die violetten, roten und grünen Glasröhren und Lichtsäulen. Feurige Buchstaben zuckten auf und erloschen. Rot, grün, blau, lila war das Schneegestöber gefärbt; ein Zauberschnee fiel in eine tobende Winterstadt. Mitten darin standen Klick und Ali, verstimmt, ernüchtert.
Klick lernt einen Kapitän kennen.
Die braune Wollmütze mit den Losen war weg. Klick hatte den Verlust der Lose vorsorglich dem jungen Mann im Lotteriegeschäft gemeldet. Dagegen könne man nichts tun, sagte der. Man müsse bis zur Ziehung warten. Wenn die Lose ... wenn, ja, wenn ein Gewinn aus die Lose entfalle und sie dann einer vorlege, wolle er den festhalten. So! Er krallte alle Finger zusammen. Bis dahin aber sei noch lange Zeit. Er schrieb die Meldung auf eine Karte und legte seinem Kunden nahe, auf jeden Fall neue zu kaufen.
„Danke!", hatte Klick gesagt.
Leider war es zu spät geworden, sonst wäre er noch zum Städtischen Fundamt gerannt, um nach einer möglicherweise eingelieferten braunen Wollmütze zu fragen. Aber damit war es vor den Feiertagen nichts mehr.
Unterwegs, während er mit Mi der Webergaffe zusteuerte, lugte er angestrengt nach braunen Mützen aus. Unter tausenden würde er die seine erkennen, an einem kleinen blauen Fleck vorn Kopierstift am Hinteren Rand. Da jagte er auch schon einem Jungen nach. Wenn er sich nicht arg täuschte, hatte der, weiß Gott, die verlorene Mütze auf dem Kops. Ihm nach! Der Junge trat in den Laden des Hustenonkels, in die Tierhandlung Felix Dräsecke. Klick auch.
„Tag, Onkel!", rief er.
„Tag, Klick!"
Der Junge verlangte Hundekuchen.
„Etwas feines Gebäck für die Feiertage?", fragte der Hustenonkel scherzend. „ _
Klick umspürte die Mütze. War sie es, war sie es mcht? Der Junge hielt sie in der Hand vor dem Bauch. Der Hustenonkel rückte die grüne Brille auf der Nase und nahm den Hundekuchen aus der Blechschachtel.
„Besonders feine Ware", sagte er. „Nach einem alten Weihnachtsrezept gebacken. Für Feinschmecker. Hunde wollen auch mal was Besonderes haben!"
Er blinzelte den kleinen Käufer an, der Geld zog. Dabei legte er die Wollmütze auf den Ladentisch. Schnell beugte sich Klick darüber. Gang wurde fein Gesicht — die Mütze zeigte keinen Blaupunkt. War eine ganz gewöhnliche Kopfbedeckung, die sicherlich noch nichts Gescheites mitgemacht hatte, eine gut erhaltene, langweilige Mütze. Nicht den geringsten Fleck hatte sie. Klicks Aufmerksamkeit wandte sich anderen Dingen zu, den Vögeln in den Käsigen, deren Federn von schönen blauen Flecken schimmerten. m .
„Auf Wiedersehn!", sagte der Junge, im Begriff, mit feinem Paket aus dem Laden zu gehen. , ,
„Halt!", rief da hinter ihm eine Stimme, ehe er noch den Türgriff in der Hand hatte. „Hast du auch bezahlt?"
Erschrocken fuhr der Junge herum, verdutzt den Hustenonkel anstarrend, der hinter seinem Ladentisch leicht gebückt stand und mit den Augendeckeln blinkerte, einem Vogel gleich, der schläfrig ist.
„Geld regiert die Welt!", rief die Stimme wieder.
„Ich habe doch ...", stotterte der Junge, merkte aber nun, daß ihn der rote Papagei gefragt hatte. Der saß in seinem großen Käfig auf dem Gestell und klemmte den Schnabel zwischen die Stäbe.
„Er hat bezahlt, Rickai", antwortete der Hustenonkel, „schweig nur still!"
Der Papagei brach in stürmisches Hohngelächter aus. So wurde der Junge verabschiedet.
„Onkel, hast du schon mal ’ne Mütze verloren?", erkundigte sich Klick.
Der Onkel hustete. Sein Anfall bog ihn krumm, im Gesicht lief er rot und blau an. Schnell fischten seine Finger aus einer Schachtel ein grünes Bonbon. Der Papagei lachte, die Vögel zwitscherten, und der Affe Pong hieb seinen blechernen Freßnapf gegen die Wand des Gefängnisses.
„Ich hab mal meinen Regenschirm stehengelassen ..."
Aber diese Geschichte hatte Klick schon oft gehört. Sie hatte sich in Hamburg zugetragen. Alt war sie, wie eine alte Jacke.
„Was wirst du deinen Vögeln und Tieren zu Weihnachten schenken?", fragte er.
„Ich erzähle ihnen heute abend die Geschichte vom Baum Surrsurr in Madagaskar, auf dem die hunderttausend Nester sind sagte der Hustenonkel geheimnisvoll.
„Und wie lautet die Geschichte?"
„Hei", antwortete der Tierhändler, „komm zur Bescherung, bann hörst du sie."
„Bin verhindert", erwiderte Klick, „Vater schenkt mir ein Radio. Dann höre ich den Sender von Algier, wo die Schlangen tanzen."
Der Tierhändler nickte voll Bewunderung.
„Es tut nicht weh! Einen Augenblick, bitte", plärrte der andere Papagei, der grüne, den der Onkel von einem Zahnarzt gekauft hatte.
Die Augen des Affen glänzten, er war mit Klick befreundet. Jetzt öffnete sich die Tür, ein trat ein großer Herr mit einem grauen, rauchigen Knebelbart. Er verlangte Fifchfutter für Goldfische und ein paar Purpurschnecken für sein Aquarium.
„Ist das Ihr Junge, Herr Dräsecke?", fragte er, zu Klick hinblickend.
„Mein Wahlneffe , antwortete der Hustenonkes, der Junggeselle war. „Augenblick bitte!", schrie der grüne Papagei.
„Klick, Klick!", rief die rote Ricka.
„Genau so. Klick heißt er nämlich, Herr Kapitän. Klick hat ibn her Papagei genannt", erklärte der flink herumhuschende Tierhändler. „Wie ist das Befinden der Fische und der sehr geehrten Frau Wirtschafterin?"
„Danke!", sagte der Kapitän mit einer tiefen Meeresstimme, die aus seinem Bauch rote aus einer Kajüte herausfchallte, „danke sehr, beiden geht es gut: der Wirtschafterin rote einem Fisch im Wasser, den Fischen wie einer Wirtschafterin in frischer Luft."
„Hi, hi hi ...", hüstelte der Hustenonkel.
Der Kapitän entfernte sich. Ricka schrie: „fiaft du auch bezahlt?" Aber der Kapitän kannte bereits den losen Vogel, er ließ sich nicht verblüffen.
(Fortsetzung folgt.)


