Oer Dichter.
Bon Hermann Claudius.
Ich habe so oft nach Licht und Raum begehrt — nun bin ich fast erschrocken, daß man mich ehrt.
Daß man vor allem Volke mich erhöht.
Ich falte meine Hände wie zum Gebet.
Daß meine Seele vor Gott einsam sei, daß sie nicht willig werde dem Taggeschrei.
Es kommt der Abend, es gehen Baum und Vogel zur Ruh.
Der Tag hat ausgesungen. Seele, bleibe du!
Sancho.
Kleine Geschichte einer Freundschaft.
Von Hermann Claudius.
Wie war die Geschichte mit Paulus Pull: war es eine Freundschaft, die wir zusammenlebten — oder war es gar keine? 3eben}aU5 hat sie fast ein Jahrzehnt gedauert und war von einer gleichbleibenden Art, wie wohl selten.
Im letzten Schuljahre, als ich die Selecta besuchte, worauf meine Eltern sehr stolz waren, ward Paulus Pull zugeschult.
Er hatte einen kurzen Hals und einen runden Kopf unb Mtfe rote Backen. Ich beachtete ihn nicht. Seine gedrungene Gestalt stieß meine Hagerkeit von selber ab.
Da kam das Präparanden-Examen. Wir wallten oder sollten beide Lehrer werden. Eines Tages - ich weih nicht, -me es kam und ob es mich überraschte — hörte Paulus Pull mir die Geschichtsdaten ab. Er war unerbittlich dabei und gab nicht nach, bis ich sie richtig nach der Reihe herunterleiern kannte.
Das war der Ansang gewesen. Und nun nahm es kein Ende. Wir fraßen uns von Stund an gemeinsam durch den rinnenden Sandberg des Gedächtnisstoffes in Geschichte, Geographie, Geometrie, Religion, Zoologie, Botanik, Physik und Chemie hindurch: Don Quichote de la Mancha und sein getreuer Sancho Pansa — und es war m der Tat oft ein Kampf gegen Windmühlenflügel.
Sancho — der schwarzlockige Seelmann taufte ihn so, und der Name haftete an ihm — Sancho lächelte über seine dicken roten Backen weg und lieh es sich gefallen. Im Grunde hätte mir der Name des romant^ schen Ritters gerade so gut zu Leibe gesessen rote ihm der feine. Ich war so dünnroangig, langnasig und spargelbeimg, rote der gute Cervantes es nicht besser hätte verlangen können. Aber der Name fiel alsbald wieder von mir ab und haftete nicht.
Zwar: Sancho ritt keinen Esel und brauchte seinem Herrn keine Lanze nachzuschleppen; aber er sorgte darum nicht minder sur seinen Gebieter und Herrn Denn dieser war ich durchaus, und ohne daß ich nur Muhe darum gegeben hätte ober es überhaupt sonderlich zu bemerken schien.
Was" bedeutet ^unser Eigenwille? Wir stehen inmitten eines weiten Geschehens und wißen es nicht.
Meine Urväter — sage ich mir heute — waren freie Bauern im Jütischen gewesen und danach Pfarrherren Jahrhunderte hindurch m langer Geschlechterfolge. Sanchos Großvater hatte dagegen— auch dies erfuhr ist erst spät — noch als Leibeigener auf einem mecklenburgischen Rittergut mit dem lieben Vieh in natürlichster GemeinschaftSeh-ust
Daher war bei dem Einen die innere Sorglosigkeit und selbstverständliche Freiheit seiner Seele, bei dem andern die Verbissenheit in jebe Arbeit, die er tat, und das krampfhafte Streben sein Fortschreiten sicht- bar zu machen. Zwar fügte ich mich ihm und seinen genau überlegt Vorschlägen und rettete mir eben dadurch meine Sorglosigkeit Doch muß ein fremdes und fernes Lächeln um meinen Mund gewesen ietn, wenn ich mir seine kompakte Art gefallen ließ. .
Ein einzelner Vorfall hat mir den Abstand, den dieses Lachem nur innerlich bewahrte, im Gedächtnis behalten. m „
Sancho war unmusikalisch, wie es seiner nützlich gerichteten -Natur auch entsprach. Denn die musischen Künste sind nur den Träumern hold. — Ich erinnere mich nicht, daß Sancho mir jemals von einem einzig Traume berichtet habe. Sobald ich selber damit beginnen wollte mir träumte am Hellen Tage, und ich erzählte gern davon untern cy er mich sofort mit dem lapidaren Satze: Wenn ich, schlafe, bann schlafe ich.
Ader seine Geige war dennoch seine Schwäche. Mit den Kreuz - Etüden unterm Arm und der Dutzendgeige im Kasten kam er jeoen Mittwochnachmittag zum Heben zu mir.
Das Klavier meiner Mutter war altersschwach. Es Nickte tm Diskant und polterte im Baß. Aber meine Mutter horte mich gern daraus spielen. Unter meinen Händen — pflegte sie zu sagen — wurde Das Klavier immer wieder jung. Und so spielte ich recht und schlecht aus
Schumann und Schubert und vor allem aus einem vergilbten Dolks- liederschatz, wozu meine Mutter manchmal leise sang. Ich hatte wohl mein eigenes Tempo im Andante und im Allegro. Und Sancho hatte seines. Sie paßten leider niemals zusammen. Und beim fünften oder sechsten Takte waren wir restlos auseinander. Sancho fing unentwegt wieder von vorn an. Schließlich gab ich nach und ließ meine Finger nach seinem Tempo Hüpfen. War es keine Kunst, so war es doch em Kunststück, denn Sancho geigte bald schnell, bald langsam^ je nach der Schwierigkeit der betreffenden Notenstelle.
Was aber guätte, waren seine falschen Griffe. C und Cis unterschied sein Ohr nicht und seine Finger taten es noch weniger. Sooft iä) auf5 hörte und: höher! rief ober: tiefer! — warb es noch verkehrter. Dazu glaubte Sancho, ich wolle ihn nur ärgern. Ober er sagte trocken: Dem Klavier ist verstimmt, weiter nichts.
Zuguterletzt hatte bas alte Klavier selber ein Einsehen: der hölzerne Saitenrahmen barst in einer feuchten Nooembernacht auseinander. Ich höre noch den schmerzhaften Tonwirbel, der durch alle Saiten seufzte. Ich höre ihn heute lebendiger als damals, als er mich aus jungem Schlummer aufriß.
Sancho versuchte mit Leimtopf und Eisenklammern seine musikalischen Nachmittage zu retten. Zum Glücke mißlang es.
Bald daraus tarn der Frühling besonders schnell und leuchtend, und Sancho lud mich zum Rudern auf der Alster ein. Woher er das Boot bezog, wußte ich nicht, fragte auch nicht danach.
Ich saß gemächlich am Steuer und ließ mich von Sancho rudern.
Dabei kamen wir zum Tierfangen und hatten bald jeder zu Hause ein Aquarium. Natürlich hatte Sancho nicht nur seins sondern auch meins eingerichtet. Er war mit mir als Züchter fehrbclld unzufrieden. Ich züchtete überhaupt nicht, während er sehr häßliches Getier, so die Larven der Köcherfliege in all ihren Arten und Zwischenarten fing, mühselig bestimmte und aufzog. Ein selbstgehefteter Katalog gab m peinlicher Ordnung und in winziger Schrift die Gattungs- und Species- namen lateinisch auf das Genaueste an. Ich nannte es Kocherfliegenlatein, sah meine Stichlinge luftig hin und her schwimmen und freu e mich ihres Daseins. Bis ich eines Tages bemerkt, daß d>e Fische immer tumpffinniger und langsamer wurden Da tat ich sie in eine Konservendose und schüttete sie wieder in ihre Alster zuruck und war g ucklich. Sancho fragte noch oft nach meinen Stichlingen, und ich gab ,hm freund- liehen Bescheid. Daß sie allerdings immer noch mcht ihr Nest errichtet und gelaicht hätten, schien ihn oft nachdenklich zu machen, wahrend ich über die Realität von Wahrheit und Wirklichkeit in schwere Konflikte
mit mir selber geriet. - , ,
Aus dem Wasser geschah auch das, was unsere Freundschaft trennte.
Wieder waren wir zusammen auf die Alster hinausgerudert. Sancho saß — nur mit der Badehose bekleidet — und führte die Ruder mit Gleichmaß und Kraft. Sein ganzer Körper war von der Sommersonne gebräunt. Man vergaß fast seine Nacktheit.
Ich hatte nur meine Jacke ausgewogen das Hemd am fialfe Seofm« und heruntergeklappt. So lehnte ich lässig am Steven und führte lose das^Steuer.ifonne branntc Die Luft über dem Wasser war still und schwül. Wir trieben allein am Schilfsaum des flachen Ufers.
Da sah Sancho mich lange und starr an. Gr tat bas öfters, aber heute tarn es mir absonderlich vor. Etwas Listiges lag m feinem Blick. Wollte er vielleicht wieder zu der jungenhaften Zwackere, aufforbern wobei einer bes anbern Oberarm solange mit zwei Fingern ber rechten Hand knifst bis einer von beiben es aufgab? Wahrhaftig, es war lange ber, daß wir das geübt hatten, und es lag mir wirklich nichts daran, wenn ich ihm auch manchmal trotz des Schmerzes lächelnd widerstanden hatte. Ja, sobald ich erst lächelte, gab er es meistens von selber auf. Ader Sancho äußerte nichts dergleichen, sondern zog schweigend beide Ruder ein und sah mich an. . .
Endlich sagte er: „Wir sind doch beide langst Freunde, ich und du, nicht wahr?" „Gewiß sind wir bas" - antwortete nach emem Zögern, roäbrenbbem er mich unentwegt anblickte, unb währenddessen ich nach- kmn- was hat er eigentlich? „Freunbe küssen sich doch — wenigstens früher — habe ich gelesen —" sagte er langsam unb eigentümlich bruchig.
Ich sah ihn erstaunt an unb schwieg
Es entftanb eine peinvolle Pause. Ich buchte an seltene Kusse, bte meine Mutter mir bann unb wann bei besonderen Gelegenheiten gelben Andere Küsse kannte ich noch gar nicht so viel mir auch davon geträumt haben mochte. Und es kam mir m diesem Augenblick rote ein Wr®nb[id)S beugte sich Sancho roeit oor unb jagte breit und mit einem Lächeln, das gar keines war: ,Fküsi mich doch mal! . .
Nun weiß ich nicht mehr, was ich geantwortet habe. Ich war doch kein Mädchen — zum Kuckuck! Es war mir wie em Peitschenhieb über hen bloßen Körper Ich war im Tiefsten beleidigt. Paulus Pull, den sie Sancho nannten und der mein Freund geheißen, erschien nuraufem- mal als ein Fremder, und ich erkannte mit kalter Klarheit, daß er es immer aeroefen war. Ich hieß ihn die Ruder anziehen. Es muß sehr herrisch Rettungen haben. Er tat es sofort. Ich riß bas Steuer herum, Das Boot lief hart auf ben Sand. Mit einem weiten Sprung war ich draußen und ging fort ohne Gruß.
Als ich das Schilf durchschritten hatte, sah ich mich m einem pan- artigen Garten unb mußte mich erst umsehn, um bes Ausgangs gewahr zu werben. Am Eingang ber Billa ftanb eine Köchin und sah mir verwundert nach. M r-t.
weiter. Wenn mich jemand gesehn hätte, ich glaube, er hatte ge|og , i fei lächelnden Gesichtes fortgeschritten.


