warst du sa schon, sagt« er, und wenn man alles in Betracht zieht, so bist du der geeignete Mann.
Ach? Genau so sagte der Bischof?
Ja, ungefähr. Ueberlege es dir, meinte er, du kannst jederzeit bet mir eintreten.
Agnes schüttelt den Kopf, nein, das glaube sie nicht. David kann ja nicht einmal Pfarrer werden, behauptet sie plötzlich.
So, und warum?
Das weiß Agnes nicht, es ist etwas mit dem Namen. Wieso denn, David hat Namen im Ueberfluß. Cornelius ist doch jedenfalls besser als Ignaz, wie der Pfarrer heißt.
Nein, so nicht, erklärt Agnes. Es muß ein ehrlicher Name sein.
Ehrlich? Wer sagt das?
Die Köchin.
Hast du einen?
Ja, Agnes bestimmt. Weil ihr Vater Bahnmeister ist. Und jetzt weiß ste es genau: die ehrliche Geburt, sagte die Köchin, darauf kommt es an. David ist ja nicht einmal ehrlich geboren.
David kann nichts mehr antworten. Es muß wohl so sein, wenn es die Köchin Helene sagt. Und so endet auch diese Stunde mit einer schmerzlichen Niederlage für ihn. Was heißt das, ein ehrlicher Name, ehrlich geboren? Allmählich beginnt David zu ahnen, daß sein Weg im Schatten läuft. Er spürt schon den heißen und feindseligen Atem des Lebens, aber es ist noch grauer Morgen, er kann noch nicht unterscheiden, was ihn bedroht.
David geht zur Krämerin. Wie ist es, fragt er, habe ich einen ehrlichen Namen?
Agathe schaut ihn verwundert an. Ach, sagt sie dann, hat man dir das beigebracht? Der Pater vielleicht?
Nein, Agnes. Oder die Köchin. Agnes meint, er könne nicht einmal Pfarrer werden, weil er nicht ehrlich geboren fei.
Nun, sagt die Krämerin, mach dir keine Sorgen. Wenn es so ist, dann kannst du es nicht ändern. Aber ehrlich zu leben, das versuche, ehrlich zu sterben, das ist schwerer. Ich könnte auch nicht Pfarrer werden, meint Agathe, wenn dir das ein Trost ist.
Und dann erzählt ihm die Krämerin etwas aus ihrem Leben. Ich bin so ausgewachsen wie du, sagt sie, vielleicht hatte ich es sogar noch ein bißchen schwerer, ich war ja ein Mädchen, das verstehst du wohl. Und drüben im andern Dorf gibt es auch kein Armenhaus und keinen David, der die kleinen Kinder hütet. Da hatte meine Mutter ihre liebe Not, siehst du, sie war ja Näherin und nicht mehr jung, und einen krummen Fuß hatte ste auch. Die Mutter ging also auf die Höfe und nähte das Miederzeug für die Bäuerinnen, die vielen Fältchen und Rüschen, und alles mit der Hand, heutzutage kann das keine mehr. Nun, und einmal geschah ihr eben das Unglück, nachts auf dem Heimweg. Du verstehst es noch nicht, wie es zuging, kleiner David. Jedenfalls kam ich im andern Jahr zur Welt, und das war ein großes Unglück für so eine Näherin. Zuerst hat mich die Mutter zur Arbeit mitgenommen, aber die Bäuerinnen wollten das nicht, das Geschrei in der Stube, sie hatten an ihren eigenen Kindern genug, und außerdem bezahlten sie ja für eine Näherin, nicht für eine Kindesmutter. Das weiht du alles, David, wie die Bäuerinnen sind.
Aber die Mutter meinte, sie sei vor Gott rote jede andere Mutter. Gott, dachte sie, der Herr wird schon rvisien, wem er Kinder schenkt. Es hing ihr so zutraulich am Hals, und man konnte es herzen und küssen, David, die Näherin hatte sonst niemand in der Welt, den sie an sich drücken durfte, meine Mutter. Nein, sie wollte ihr Kind behalten, lieber zog sie noch ein wenig weiter in der Gegend umher, auf und ab durch die fremden Dörfer. Eigentlich war das schon Landstreicherei, wie sie es trieb. Und dafür starb sie dann auch an der Schwindsucht, weil ste so verstockt und blöde war.
Sie starb, sage ich. Damals war ich gerade groß genug, daß ich neben ihr herlaufen konnte. Wenn du nur einmal tüchtig auf den Beinen bist, sagte ste immer ,dann haben wir es leichter! Ach ja, fünf Sommer schlug sie sich durch, fünf schwere Winter, manchmal fand sie Arbeit und ein Bett, aber gewöhnlich schliefen wir im Stall, und als das Aergfte überstanden war, kam es noch ärger, da mußte die Mutter sterben. Kannst du dir das vorstellen, David? — Ich stand bei ihr und begriff es nicht, die Mutter keuchte und hustete, aber das tat sie ja auch sonst. Zuletzt kam der Bauer in die Scheune und fluchte herum, verdammte Schweinerei, brüllte er, hast du gerade hier hereinkriechen müsien?
Mir war angst, weil er so schrie, ich wollte fort. Gehen wir! sagte ich in meinem Unverstand. Steh doch auf, Mutter, schlaf nicht!
Und ich zog und zerrte an ihrer Hand, bis mich der Bauer wegjagte. Laß sie in Ruhe, sagte er. Sie ist ja schon kalt.
Die Krämerin erzählt das mit ruhiger Stimme. Ja, die Mutter war wirklich schon tot, aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende, David. Ich sage dir das alles, damit du weißt, wie schwer es einem werden kann, wenn man nichts ist als ein Mensch, der mit Gottes Hilfe lebt. Mtt der Mutter hatte es weiter keine Not, sie gehörte zwar nicht in die Gemeinde, aber man scharrte sie trotzdem ein, eine Armenleiche kostet nicht viel.
Nur mich selbst konnten sie nicht in die Grube legen, siehst du, das gelang ihnen nicht. Ein paar Monate lang schoben mich die Leute einander zu. Was war mit einem Mädchen anzufangen, nicht einmal das Essen brachte ich ein. Hunger und Prügel, so ging ein halbes Jahr herum, oh, ich lernte es schon mit meinen sechs Jahren, ich griff zu, wo ich konnte, beim Waschen und im Stall, nur war es nie genug. Schließlich erbarmte sich ein Schleifer und nahm mich ins andere Dorf mit, vielleicht gab es dort jemand, der meinen Mutternamen kannte. Irgendeine Verwandtschaft mußte ich doch in der ganzen Gegend haben.
Aber nein, es fand sich niemand in diesem Dorf, auch im nächsten nicht, und darum blieb ich also bei dem Schleifer, ich zog den Karren und holle di« Scheren in den Häusern ab, die zerbrochenen Regenschirme.
Das war nicht meine schlechteste Zett, sagte Agathe, wenn ich an den Scherenschleifer denke, er trank nur zuviel, und dann warf er mir seine Mester nach. Nun, und als ich zehn Jahre alt war ober schon zwölf, jedenfalls gut gewachsen für mein Alter, da geschah wieder etwas. Ich weiß nicht, wie ich dir das sagen soll, der Teufel fuhr in den Scherenschleifer oder so. Und ich lief ihm mitten in der Nacht davon, das muh dir genug fein. Damals kannte ich Weg und Steg, ich kam weit herum in den Jahren meiner Jugend, auch in die Stadt, David, wo deine Mutter jetzt ist. Ja. denke nur nicht, daß ich von jeher da in meinem Kramladen stehe. Ich habe allerhand zuwege gebracht, sagt die Krämerin, sogar einen ehrlichen Namen. Reih nur deine Augen auf, im Friedhof kannst du ihn lesen!
Dort liegt der Krämer unter dem Stein und wartet auf Agathe, aber sie kommt nicht. Der Totengräber muß ihn ein Jahr ums andere vertrösten. Gedulde dich, sagt er ihm, bohre mir nicht immer Löcher aus der Erde, du bist doch kein Maulwurf! Sie kommt, verlaß dich darauf, das ist nur Weiberart, dieses Gespreize.
Sie hat schon an den Doktor geschrieben, an ein Spital in der Stadt.
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Unmerklich gleitet das Jahr in den Herbst hinein. Es kommen leuchtende Tage, voll von einem milden Glanz, noch gar nicht traurig. Die Schwalben sammeln sich im Laub der Kirschbäume, es sind ganz junge darunter, den ganzen Tag mühen sie sich ab und üben ihre Schwingen für den großen Zug. In den Hafelbüfchen hocken die Eichhörnchen, schnalzen vergnügt und drehen braune Nüsse zwischen ihren flinken Pfötchen, und draußen auf den leeren Feldern treibt sich der Wind herum. Man denkt, das sei noch ein Sommerlüftchen, zu dieser Zeit geht man ja selbst in Hemdärmeln über die Wiesen und spürt die Sonnen- roärme im Rücken, und bann trägt einem plötzlich ber Winb etwas vor bie Füße, ein erstes gelbes Ahornblatt, nur eines. Man nimmt es mit unb steckt bas Blatt an ben Hut, weil es so schön geobert ist, aber nach ein paar Tagen hat es seinen Wert verloren, es gibt ihrer viele unter ben Bäumen.
Die Kartoffeln werden aus der Erbe gegraben, bie letzte Ackerfrucht des Jahres, nicht fo heilig und ehrwürdig wie bas Korn, aber dennoch ein Segen, ein spätes Gnadengeschenk des Herrn, als bie Erbe schon bornig war unb verflucht.
Es gibt eine Fülle beschaulicher Arbeit in bieten Wochen. Der Mist wirb ausgefahren, es buftet herzhaft nach gefunber Verbauung in der ganzen Gegend. Zu viert stehen die Hofleute auf den Tennen unb breschen gemächlich zur kühlen Abenbzeit, es klingt, als trabte ein schwer- hufiger Gaul in der Dämmerung über Land. Das Korn lockt die Spatzen und die Mäuse an, hinter denen sind wieder die Wiesel her, und überall hocken vollgefressene Katzen auf den Zäunen, schauen wehleidig vor sich hin unb fpeien zum Steinerbarmen.
Der Pfarrer geht im Baumgarten auf unb ab, er lieft fein Brevier, unb babei schielt er nach ben Aepseln, bis er es nicht mehr aushalten kann unb eine Schürze umbinbet unb auf bie Leiter steigt. Unten steht Davib unb nimmt bie Aepsel aus bem Netz. Jeben einzelnen reibt er mit einem Tuche blank, ehe er ihn zu ben anberen in den Korb bettet, unb wehe, wenn er nur ein einziges Wurmloch hat, sogleich verschwinbet er ohne Erbarmen in Davids Hosentaschen. Manchmal greift auch der Pfarrer daneben, alles was fällt, ist gleichfalls Davids unbestrittenes Eigentum. Aber ben letzten Apfel von jebem Baum bringt ber Pfarrer selber herunter. Er bricht ihn mit ben Händen entzwei, unb wenn er sich schön im Kernhaus geteilt hat, bann ist es ein gutes Zeichen, es hebeutet, baß Gott niemanb im Hause abberuft, ehe ber letzte Apfel verzehrt ist. Wenn man starke Daumen hat unb ein guter Hausvater ist, kann man sich unb ben Seinen auf diese Weise in ein biblisches Alter helfen.
Am schönsten aber ist bie Arbeit beim Pflug. Eines Morgens geht ber Pfarrer in ben Schuppen unb zieht feine Röhrenstiefel an. Das geschieht nur zweimal im Jahr, im Frühling unb im Herbst, bie ganze übrige Zeit hängen bie Stiefel an einem Haken in ber Zeughütte. Der Pfarrer braucht sie, um einen festen Stanb in ber Furche zu haben, ober vielleicht trägt er sie nur, weil auch fein Vater in Stiefeln pflügte, er hat es so gelernt.
Davib zieht bie Ochsen aus bem Stall unb jocht sie auf, sie finb ihre Arbeit gewöhnt, langsam brehen sie sich unb steigen in bie Stränge unb bewegen ihre mächtigen Knochen unter bem Fell. Langsam ist auch ihr Schritt, voll Ruhe unb Gelassenheit, ste zögen immer so weiter burch alle Zäune bis ans Enbe ber Welt, wenn nicht Davib rücklings vor ihnen herginge. Sein Zuruf hält sie auf, ein Griff an bas Hom. Immer tauen sie etwas, grünen Schaum in ben blaffen Mäulern, unb eine stille Schwermut glänzt aus Ihrem Blick, aber sie sind gar nicht traurig, nur unendlich friedfertig und sanft in ihrem Ochsengemüt.
Der Pfarrer drückt bie Schar in ben festen Wiesengrunb, schwarz unb saftig öffnet sich bie Erbe, unb es beginnt eine lange Wanderschaft, nicht abenteuerlich in die weite Wett, sondern Schritt um Schritt im engen Geviert des Ackers. Auch Agnes geht mit einer Gabel neben bem Pfluge her, sie hält das Sechmesser frei unb achtet barauf, baß ber Dünger sich gleichmäßig verteilt. Würziger Duft steigt aus ben Furchen, es ist ein starker Geruch wie von frischem Brot, von etwas Nahrhaftem, unb so ist auch bie Erde selbst, locker unb krümelig in ber Hanb. Bauvögel hüpfen zutraulich um bas Gespann, unb hinterher lockt ber Hahn fein gackerndes Volk auf das Feld, er ist nicht wenig stolz darauf, daß er fo etwas entdeckt hat, ein gelohtes Land der Regenwürmer und Engerlinge.
Den Tag darauf wird geeggt, und bann ruht ber Acker eine Weile, damit ihn der Tau durchfeuchtet ober ein leichter Regen, ehe der Pfarrer mit dem Säen beginnt. Zuletzt steckt er einen geweihten Öfter« zweig mitten in das Feld. Er hat fein Brot der Erde anvertraut, nun aber muß man ben Herrn bitten, baß er es rounberbar vermehre.
(Fortsetzung folgt)


