Ausgabe 
11.5.1936
 
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Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger

Nummer 36

Montag, den Mai

Jahrgang 1936

Das Jahr des Herrn

Roman von Karl Heinrich Waggerl

Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig.

11. Fortsetzung.

Ja so ost sich der Pfarrer am Altar umwendet, öffnet er mit herz­lichem' Wohlwollen seine Arme, er spricht die heiligen Worte sorgfältig aus, damit sie Gott gefallen, und wenn er aus der Kirche geht, ist ihm fröhlich ums Herz, Halleluja, sagt der Pfarrer bei sich. Freilich, nicht alle kommen mit dem Finger im Buch zu ihm wie der Totengräber. Manche haben schlimmere Sorgen und schwerere Zungen, und es zeigt sich, daß der Schlüssel des Pfarrers nicht zu allen Schlössern paßt. Dann ist der Pfarrer ein wenig traurig, so wie jetzt, und steht bekümmert auf seinem Feld, das schon fast leer ist, kahl und abgeerntet. Aber wenn er dann umherschaut und überall im ganzen Tal den reifen Sommer sieht, die bunten Kopftücher der Schnitterinnen im gelben Korn, Garben tn Reih und Glied wie Soldaten, eine unabsehbare Heerschar gegen die Not, dann ermuntert er sich wieder. Jeder Kornmann, den er zahlt, ist ein riesiger Laib Brot für ihn und die Seinen, deren viele sind.

Der Pfarrer nimmt die Rennstange wieder auf, um Löcher in den Ackergrund zu stoßen, während David die Garben zusammenträgt. Morgen kannst du nach Eck gehen, sagt er, der Bauer will noch Leute ausnehmen.

Gut, antwortet David. Aber nachher muß er dem Tischler seinen Rübenfleck umbrechen, wenn es der Pfarrer erlaubt, und er wird ihn auch bitten, daß er ihm die Ochsen für zwei Tage leiht. David hat näm­lich mit dem Tischler verhandelt. Mach mir eine Truhe, sagte er, ich arbeite dir dafür zwei Tage mit den Ochsen. Denn soviel ist gewiß, eine Truhe muß David haben, er kann seine Sachen nicht länger so herumliegen lassen, den Anzug und die Uhr und alles, vom Sparbuch nicht zu reden, in dem geschrieben steht, daß der Staat fünf Schilling und dreiundsechzig Groschen bei ihm ausgeliehen hat.

Auch sonst trachtet David, mehr Wohlstand und Würde in sein Leben zu bringen. Er wohnt noch immer im Dachboden des Armenhauses, früher war es ihm einerlei, wo fein Strohfack gerade lag, er zog mit dem Wetter und der Jahreszeit aus einer Ecke tn die andere. Im Sommer, wenn die Schindeln in der Hitze krachten, schleppte er das Bettzeug unter die Dachluke, im Winter an den Kamin, und oft hatte er am Morgen den Treibschnee handhoch auf der Decke liegen. Nun sucht er zusammen, was sich an Kisten und Brettern auftreiben laßt. Man muß nur die Augen offen haben, dann ist kein Mangel an brauch­baren Dingen. Der Schmied freilich betrachtet feinen Zaun, der Pfarrer den Stallfirst, und beide schütteln die Köpfe und wundern sich, weil ihre Zaunlatten und Windläden verschwunden sind.

Ein paar Tage hämmert und sägt David auf dem Dachboden, und die ehrwürdigen Schwestern geraten außer sich vor Neugierde. Dann ist feine Kammer fertig, schon von außen ein Wunderwerk menschlichen Scharfsinnes. Denn man betritt sie nicht etwa schlechthin durch eine gewöhnliche Tür, sondern aus halber Höhe durch einen schon bemalten Schrank mit zwei Flügeln, dem die Rückwand fehlt, feinem Besitzer zum Schaden, aber David zum Nutzen. Seitwärts steht eine Bank, prächtig geschweift, wie Windläden sind, und unter der Dachluke ist ein Tisch angebracht, von dem der Weber sagen würde, er sei seine Regen­tonne. David hat einen Hafersack als Teppich ausgebreitet, und an der Wand ist ein Sprungblatt befestigt, auf dem zwischen blauen Rosen und schnäbelnden Tauben geschrieben steht, ein trautes Heim und gutes Essen ließen alles Leid vergessen, zweifellos eine von den unvergäng ichen Wahrheiten des Lebens. Zuletzt aber hat David das Bild des Bischofs aus dem Kalender geschnitten, mit gespaltenen Birkenzweigen sauber eingerahmt und über fein Bett genagelt. Da hängt es nun und lächelt geduldig in die Ecke.

Und jetzt könnte David recht gut einmal Besuch bei sich haben Gibst du mir zwei Brausepulver, sagt er zur Krämerin, und ein paar Kaffee­schalen, wenn ich dir wieder einmal im Laden helfe?

Gut, die Krämerin stiftet sogar noch Lebkuchen dazu, und am Sonn­tag nach der Messe führt er Agnes in seine Stube. Zuerst muh sie ja ein bißchen zierlich tun und kichern, nein, sagt sie, m einem Kasten wohnst du? Ader dann ist sie doch überrascht, der Teppich und der Spruch an der Wand, ja, wirklich schön, das Bild und der Tisch, alles so praktisch. Sie setzt sich auf die Bank und legt die Hande 'M Schoß zusammen, wie es einem Mädchen ansteht, wenn es zu Besuch ist, und

David hockt auch da, ihm ist es weniger leicht gemacht. Agnes wird doch eine Kleinigkeit nehmen wollen?

Ach nein, sie geht ja gleich wieder. Ich will dich nicht berauben, jagt sie fein. _ ... ,,

Gleichviel, David mischt das Brausepulver in den Tassen, es lauft natürlich über und schmeckt auch nicht besonders gut, ein wenig nach Seife und Staub, und Holzwolle schwimmt auch darin, weil David ver­gessen hat, die Tassen vorher auszuspülen.

Auf dein Wohl, sagt er gemessen. Der Besuch schlägt die Augen nieder und nippt von dem giftgrünen Trank. Nachher läßt sich Agnes zu einem Lebkuchen nötigen, sie knabbert wie ein Mäuschen daran und hält den kleinen Finger zierlich weggestreckt, so verlangt es die gute Sitte. Und nun muß David seinerseits für eine passende Unterhaltung sorgen, es genügt nicht, auf dem Bett zu sitzen und die Hände zwischen den Knien zu reiben.

Ja, das alles hat er nun so eingerichtet, diese Kammer und das Ganze, es ist ihm vielleicht manches nicht schlecht geraten.

Einen Vorhang solltest du noch haben, bemerkt Agnes.

Frettich, auch ein Tischtuch und vor allem eine Truhe für feine Sachen, die Uhr und bas Sparbuch, es häuft sich fo an mit der Zeit.

Wie, hat David schon ein Sparbuch?

Ja, natürlich. Und nun kommt doch dieser und jener und bittet ihn um seine Hilfe bei der Arbeit, Agathe kommt oder der Tischler wegen des Rübenfleckes, kurz und gut, er wird viel außer Haus fein, und darum muß er einen sicheren Platz für fein Eigentum haben.

Jawohl, dagegen kann Agnes nichts einwenden, sie schweigt über- roältiat. Auch David sagt nichts mehr. Ach, da ist nun Agnes bei ihm zu Besuch, in ihrem gelben Sonntagskleidchen kam sie, rotwangig und rundlich und voll Sommersprossen auf der Nase, schön ist sie ja nicht, fein Mädchen. Aber David hat sie dennoch von Herzen gern, mit einer Liebe die aus zärtlichem Widerwillen und verschwiegener Hingabe wun­derlich gemischt ist. Er spürt ein unbändiges Verlangen, ihr weh zu tun, und es müßte ein Schmerz (ein, an dem er selbst teil hätte. Am liebsten sieht er sich in Tränen und unstillbarer Verzweiflung mit ihr vereint, oder er rettet sie im letzten Augenblick aus Leibesgefahr und geht davon, ehe sie ihm danken kann. Der Pfarrhof brennt in der Nacht, und wer steht auf dem Balkon und ist unrettbar verloren, von Flammen um­lodert? Agnes. Die Leute laufen händeringend im Garten umher, nie­mand wagt sich heran, ach Gott, jammert der Pfarrer, warum habe ich heute den David auf die Alm geschickt, er allein konnte noch helfen!

Und was geschieht? David ist nicht auf die Alm gegangen, er sah den Feuerschein und lief zurück. Eine Leiter her! schreit er, ihr Feiglinge! Durch Rauch und prasselndes Gebälk steigt er hinauf, es währt ein banges Vaterunser, und dann legt er die zitternde Agnes unversehrt dem Pfarrer in die Arme. Was aber sagt Agnes, was flüstert sie ihm noch schnell ins Ohr, ehe sie in Ohnmacht fällt?

Das Band, David! Sie hat das rote Haarband unter ihrem Kopf­kissen vergessen.

Und er klettert abermals die brennende Leiter hinauf, es ist gräßlich anzusehen. Gott stehe ihm bei, hat er denn noch nicht genug getan? Eine lanqe Zeit geht hin, die Leiter verbrennt. David kommt nicht zuruck. Endlich, während schon der Dachstuhl über ihn zusammenkracht, im letzten Augenblick schwingt er sich aus dem Fenster. Lebt er noch? Ja schon aber er sieht nichts mehr. David ist auf beiden Augen blind, und jetzt fängt das Elend erst an. Er kann nicht mehr mähen, nicht einmal Kinder hüten, sondern er muh als Krüppel auf die Wanderschaft gehen, eine Tafel trägt er um den Hals, und die Leute werfen ihm Brot in den Hut. ,

Wo hast du dich so zugerichtet? fragen sie.

er^aJesfür mich getan, antwortet Agnes, die ihn an der Hand dann muß er dir wohl sehr gut fein, meinen die Leute.

Ja,' ich verlafse ihn auch nie.

Und sie gehen wieder einen weiten Weg. Ist es jetzt Nacht? fragt David. Nein, lichter Morgen, sagt Agnes und weint laut an feinem Hals, ach, daß du es nicht sehen kannst!

Laß es gut sein, antwortet er traurig, ich habe ja dich!

So könnte es einmal zugehen. Oder Agnes fiele in den Teich, sie beginge eine von den himmelschreienden Sünden, und er nähme die Buße auf sich.

Aber Agnes denkt gar nicht daran, reumutig an Davids Hals zu hängen, sie wird allmählich munter und langweilt sich in dieser stillen

Ist'es wahr, fragt sie plötzlich, daß du Bischof wirst?

Vielleicht, sagt David überrascht. Es war davon die Rede. Du könntest mein Nachfolger werden, meinte der Bischof, ober so ähnlich. Einsiedler