verantwortlich: Dr. Hans Thtzriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Univerf itäts-Vuch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
zurücktreten und richtige Ordnung abschätzen. Agnes kann nicht einmal die Pflanzen unterscheiden, und vorhin setzte sie aus einem ganzen Beet die Zwiebeln verkehrt. Ein Glück, daß David noch dahinterkom, sonst wären sie vielleicht auf der anderen Seite der Welt wieder herausgewachsen, ein Wunder für die wilden Koffern.
Allein Agnes will das nicht gelten lassen. Ach du! sagt sie aufgebracht, du bist selbst einer!
Was?
Ein Kaffer. Die Schwestern sagen, es sei mit ihm nicht viel anders als mit den Heidenkindern, für die man Stanniol und alte Flaschenkorke sammelt, damit sie durch die Hilfe der Christenheit selig werden können. Auch David wüchse wie ein Menschenfresser in der Wüste auf, wenn die Schwestern sich nicht der armen Waise erbarmten.
Was denn, David ist ja gar keine Waise, er hat doch eine Mutter!
Ach, so eine! Die ist überhaupt durch und durch schwarz wie eine Scherenschleiferin. Die durste doch nicht einmal in der Kirche stehen, Pater Johannes hat sie sogleich wieder hinausgejagt.
David schweigt eine Weile. Hat er das getan? Nun, er wird sich noch anders besinnen, wenn er einmal erfährt, wer Davids Mutter eigentlich ist und was sie vermag mit ihrem Reichtum, mit ihren ungezählten Millionen. Allwissend ist Pater Johannes jedenfalls nicht, wenn er auch im Glashaus sitzt, wie die Krämerin sagt.
Was? Was heißt das. im Glashaus?
Ich weiß nicht, sagt David, er wirst mit Steinen.
Aber wie es immer sein mag, die Mutter steht himmelhoch über allen Anfeindungen, geradezu verklärt vor Davids Augen. Es soll ja noch geheim bleiben, aber Agnes darf es wissen: die Mutter besitzt ein siebenstöckiges Haus in der Stadt, das ist höher als die Kirche. Unterwärts sind Kaufläden aufgemacht, da kannst du alles kaufen, was es über- Haupt in der Welt gibt. Strohhüte und Puppen und vor allem Wasche, es ist ein großes Wäschegeschäft, das größte in der Stadt. Da ist in sechs Stockwerken feine Leinwand ausgestapelt, nicht etwa da und dort ein Kasten voll, wie bei der Köchin Helene, sondern Ballen über Ballen, kein Mensch kann so weit zählen. Und manchmal kommt ein fremder Mensch in das Geschäft und will sich eine Pudelmütze kaufen, damit ihn nicht friert, wenn er auf dem Lieferwagen fährt.
Hast du vielleicht einen kleinen Buben daheim? fragt die Mutter diesen fremden Menschen.
Ja, noch so klein, sagt der Mann und zeigt es mit der Hand, er heißt Karl.
Und dann schenkt ihm die Mutter ein ganz neues Gewand für den Buben und Schuhe und ein Hemd. Sle selbst hat alles bezahlt, aber der Mann braucht ihr gar nichts dafür zu geben.
Wartet nur, verkündet David, und feine Wangen glühen vor Eifer, geduldet euch! Eines Tages wird die Mutter vierspännig durch das Dorf fahren, mit fchneenteißen Schimmeln, die nicht ein bißchen schwitzen Dürfen, weil sie den Geruch nicht leiden kann. Sie wird in die Kirche kommen und ein gesungenes Jahramt stiften, jedesmal mit Fahnen und Musik und Umgang, aber der Pater Johannes darf nicht einmal Amen dabei sagen, der muß sofort hinausgehen. Und der Borstand wird bei der Mutter anklopfen. Belieben Euer Gnaden im Dorf zu bleiben? wird er fraaen.
Ja, die Mutter kauft ein paar Hütten, für bares Geld, versteht sich, und dann wohnt sie nicht etwa darin, sondern sie läßt die Häuser olle niederreißen bis auf den Grund und ein neues Haus dafür aufsetzen, mit einer großen Speisekammer und einem Stall für sechs Pferde und zwölf Kühe, die Schweine und Hühner ungerechnet
Zuletzt aber wird ihn die Mutter fragen, ob er jemand kenne, den er glücklich machen möchte?
Ja. '
Wer ist es?
Agnes vom Pfarrhof. Und dann, Agnes, wirft du dein Geben lang in seiden.» Betten schlafen und täglich Milchreis zum Frühstück bekommen, mit Zucker und Zimt . *
Gegen Abend sucht David. Kleinholz und Re'isig in der Streuhütte zusammen und schichtet einen mächtigen Haufen im Baumgarten auf. Der Himmel klärt sich, aber es wird stark tauen, der Reif könnte die Blüte und die jungen Pflanzen verderben. Darum muß David nach Mitternacht ausstehen und ein schwelendes Feuer anbrennen. Die Schwa- den hängen sich dann in die Bäume, sie hüllen eine warme Wolke von Rauch um Haus und Garten, wenn der Reifhüter wachsam ist und sein Feuer nicht vorzeitig ersticken läßt.
David sitzt allein im Dunkeln vor der Glut, es ist eine kühle, mondlose Nacht. "Die Stille steht hinter ihm und rührt ihn im Rücken an, darum muß er ein wenig pfeifen und einen frischen Ast ins Feuer stoßen. Ein Hund heult in der Ferne, manchmal trägt der Wind bas Rauschen des Baches heran, als habe sich plötzlich eine Tür im Dunkeln geöffnet.
Funken steigen auf, schweben zwischen dem Geäst und vermischen sich mit den Sternen, die aus der grundlosen Schwärze des Himmels ftrahlen. Wie weit ist es wohl bis zu ihnen, denkt David, was sind sie überhaupt — nur goldener Staub auf den Wegen der Engel? Oder find es die Seelen der Abgeschiedenen, leuchtend verklärt und aller Schuld und Mühsal für ewig enthoben? Der Lehrer sagt, die Sterne seien Sonnen, und vielleicht schienen einige von ihnen wiederum auf eine grüne Welt, ähnlich der unseren, aber auf eine bessere, wolle er hoffen.
Das glaubt David nicht. Gott macht kein einziges Grashälmchen so wie das andere, wenn man es genau betrachtet. Jedes Ding in der Welt | ist nur einmal da und von allem übrigen verschieden, das hat David längst herausgefunden. So kindisch ist Gott nicht, daß er nur Sonnen machte und nichts als Sonnen, wie eine Henne Eier legt, einen ganzen Himmel voll, und wozu? Der Lehrer wird sich wundern, wenn er am Jüngsten Tage merkt, daß der Himmel doch nicht nach dem Einmaleins gemacht ist. (Fortsetzung folgt.)
Das^ahr des Herrn
Roman von Karl Heinrich Waggerl
Copyright bp Jnsel-Verlag zu Leipzig.
, (4. Fortsetzung.)
Ein paar Tage gehen vorüber, David drückt sich scheu und verlegen herum, ihm ist, als lache und kichere das ganze Dorf hinter feinem Rücken her. Der Pfarrer fügt nichts, er fchaut ihn wohl einmal an und schüttelt den Kopf, aber das tut er vielleicht nur, weil David so merkwürdig aussieht, mit diesem verbeulten Strohhut auf dem Schädel. Und eines Abends nimmt sich David ein Herz, er packt das ganze Zeug zusammen, die neuen Hosen, das Hemd und auch den Rock, an dem leider schon fast alle Knöpfe fehlen, die Schuhe hängt er sich über die Schulter, und bann geht er wie ein Hausierer und bringt alles in den Laden SUt©a bist du ja wieder, sagte Agathe, sie trifft ihn sogleich mitten Ins Herz mit ihrem schonungslosen Blick. Was meint David wohl, was die Krämerin mit diesen zerknitterten Hosen anfangen soll? Nein, die mag er nur wieder mitneljmen, auch die Jacke und den Hut. Das alles ist sein Eigentum, die Mutter hat es für ihn getauft und bezahlt.
So. Einfach gekauft und bar bezahlt. Ein ganzes Vermögen für ihn Angegeben, o mein Gott, und er? Er ist baoongerannt wie em Räuber, er hat ber Mutter nicht einmal Lebewohl gesagt. Weinenb und verlassen sah er sie auf dem Kirchplatz stehen und hatte nicht das mindeste Erbarmen mit ihr. David würgt und schluckt verzweifelt an einer heißen Kugel in feiner Kehle, um alles in der Welt darf er jetzt nicht meinen, vor Agathe nicht. ., _ . , , ,, . „
Wenn also die Krämerin meint, daß er die Sachen behalten soll, bann möchte er jetzt noch einen Bogen Papier haben, einen Bleistift, unb$n)O3u^ib elnen ^rief an die Mutter schicken. Liebe Mutter, wird er schreiben, mit Gott dem Herrn fange ich meine Zeilen an. Du fällst mir sagen, wie der Weg ist und wo ich nach dir fragen muß, denn ich will jetzt bald fortgehen und zu dir in die Stadt kommen, liebe Mutter. Und du sollst nicht mehr so traurig fein. Ich will auch das neue Gewand anziehen, das du für mich gekauft und bezahlt hast. Aber die Schuhe kann ich nicht anziehen, weil es ein so weiter Weg zu dir ist, und sie tun mir weh. Dieses habe ich mit eigener Hand geschrieben, kbe wohl, auf Wiedersehen! Dein treuer Sohn David.
Ja, so wäre es gut, das meint auch die Krämerin. Schreibe deinen Brief, sagt sie, und bring ihn zu mir. Aber in die Stadt kann David nicht zu Fuß gehen, das wäre zu weit, viele Tage und Nächte, und lauter frembe Leute unterwegs. Ueberbies hat David ganz recht, erklärt die Krämerin, wenn er lieber im Dorf bleiben will. Er hätte das nur gleich fugen müssen statt davonzulaufen. Ein ordentlicher Mensch sagt immer geradeheraus, was er will, kleiner David, so ein tüchtiger Mann wie du!
David nickt, er geht heim und schlichtet seine Staatsgeroanber wieder unter das Bett.
*
Es gilt jetzt an andere Dinge zu denken, der Frühling ist mit Macht und Glanz gekommen. Ueberatt im Tal sind die Höfe weiß umkränzt von blühenden Bäumen, die Felber färben sich, schon rauscht ber Winb im jungen Gras. Es schneit kleine Blütenblättchen aus dem gläsernen Himmel, die Luft ist voll von saftigen Gerüchen und vom ungestümen Geläut der Bienen. Nachts ziehen die Burschen Arm in Arm durch das Dorf und fingen, und andere antworten ihnen von weither aus den Gehöften. , ,
Um diese Zeit werden auch die Alten im Armenhaus wieder lebendig, sie versuchen noch einmal die morschen Knochen und schwärmen aus. Kartoffeln und Rüben müffen gefetzt werden, in den Gärten wuchert schon das Unkraut bei so einer Wärme, so einem prächtigen Wachswetter in diesem Jahr. Es ist überall Not an Leuten, sogar die Bauern kommen in das Dorf und fragen herum, helft uns einen halben Tag! Da stehen dann die alten Kerle nebeneinander in den Furchen, aus- getrocknet und krumm wie seltsame hochrückige Tiere. Sie bringen ja nicht viel vom Fleck, aber sie machen ihre Arbeit gut, wie es früher bte Art war. Umsiänblich brehen sie jede Kartoffel in ber zitternben Hand und betten sie sorgfältig ein. Für sie ist das nichts Geringes mehr, so eine Knolle in der Erde, die bann keimt und wächst und roieber Knollen bringt, zehnfache Ernte. Man muß selber alt sein unb ein mühseliges Leben hinter sich haben, ehe man versteht, was bas heißt: Frucht!
Manchmal geraten sie plötzlich aneinander, die Sonne heizt ihnen ihre kahlen Schädel, und bann gibt es unversehens Streit auf dem Acker.
Du Krautscheuche, sagt der eine, du willst mir Lehren geben? Ich habe schon bei den Kaiserlichen gedient, sagt er, da warst du noch grün und braun in deinen Windeln!
Aber für den anderen ist das gar nichts, er pfeift auf die Kaiserlichen unb auf alles nüteinanber. Komm nur her, bu! schreit er.
Sie stehen sich schwankend gegenüber und schwingen die Arme, und ihre Schnurrbärte zittern vor Zorn. Es ginge nicht ohne Blut und Totschlag ab, wenn die Knie noch standhielten. Aber eine Weile später kauen sie wieder friedlich ihren Tabak im zahnlosen Mund.
David hilft im Pfarrgarten mit, er fetzt Kohl und Karfiol in die sauber geharkten Beete, das feinere Gemüse Agnes steht habet unb sicht zu, wie er den Finger in die feuchte Erde bohrt und die zarten Wurzeln sorgsam in das Loch senkt. Zuweilen muß er auf den Weg


