Ausgabe 
11.5.1936
 
Einzelbild herunterladen

Das war das Ende unserer Freundschaft. Da unsere Seminarzeit sust abgerissen war, sahen wir uns jahrelang nicht wieder.

Manchmal will es mir scheinen, als sei ich undankbar gegen Sancho gewesen. Ohne seine antreibende Hilfe hätte ich am Ende meine Examina nicht so glatt durchlaufen.

Aber was bedeutet der Eigenwille des Menschen oder was er so nennt? Unsere Lebensbahnen mochten einander wohl kreuzen zusam­menlaufen vermochten sie nicht!

Wer will da von Schuld reden?

Es ist die Art, die fernher wandert und sich bewahren will.

Zn der Nacht.

Von Joseph von Eichendorff.

Das Leben draußen ist verrauschet, Die Lichter löschen aus.

Schaudernd mein Herz am Fenster lauschet Still in die Nacht hinaus.

Da nun der laute Tag zerronnen

Mit seiner Not und Lust;

Was hast du in dem Spiel gewonnen. Was blieb der müden Brust?

Der Mond ist trostreich aufgegangen,

Da unterging die Welt, Der Sterne heilige Bilder prangen So einsam hochgestellt.

O Herr! auf dunkelschwankem Meer^ Fahr' ich im schwachen Boot, Treu folgend deinem goldnen Heere Zum ewigen Morgenrot.

Bildnis von Eichendorff.

Von Hans Brandenburg.

Eichendorff war ein aufrechter, lebenskräftiger Mann. Er vermengte die Traumwelt seines kindhaften und zarten Gemütes nicht mit den Bedürfnissen und Anforderungen des Tages und geriet darum nie in unauflösliche Widersprüche zwischen Pflicht und Neigung; er blieb, bei allen inneren Kämpfen, im Grunde stets des glücklichsten Kompromisses fähig,Geheimrat und Taugenichts" in einer Person zu sein. Sein Werk ist so rund und vollkommen wie der Mensch, der hinter ihm steht, der, süddeutsch geartet, doch ein überzeugter, preußischer Beamter war, dessen Patriotismus, zeitlebens von der Wallung der Befreiungskriege getragen, dem ganzen deutschen Vaterlande galt.

Die oberschlesische Heimat ist es, in der Eichendorffs Wesen wurzelt. Da waren unermeßliche Wälder, weltferne Provinz, eine mittelalterliche und barocke Hauptstadt, ein verbauerter und doch zeremonieller Adel und ein südlicher, melodiöser Hauch vom benachbarten Oesterreich herüber. Da war vor allem das ragende väterliche Schloß Lubowitz bei Ratibor, ausgestattet mit aller bunten Jugendfreiheit, bald Schauplatz unter anderen, bald Mittelpunkt von endloser Kurzweil, von Bällen, Jagd- ausslügen und wimmelnden Gästescharen. Und da war schließlich ein jähes Ende der ganzen Herrlichkeit, daß sie nur noch in der Sehnsucht übrig blieb, alsdie alte schöne Zeit".

Wie Halle mit seinem Giebichenstein über der Saale und Heidelberg mit seinem Schloß über dem Neckar Nach Lubowitz über der Oder sein typisches Landschaftsbild vervollständigten und festigten, so verschlug ihn das Schicksal früh und kurz nach Berlin, nur so lange, um sein nationales Bewußtsein und sein Preußentum zu stärken, um dann um so länger nach Wien, der Stadt, die der geistige Mittelpunkt seines süddeutsch­musikalischen Wesens werden sollte. Und wie der Student also stets an die rechten Stätten kam, so kam er, ungewollt, auch immer, wenn seine Stationen zugleich diejenigen der wandernd sich ausbreitenden und auf­lösenden Romantik geworden waren: in das durch Jena und Auerstädt so bald danach zerstörte Halle der Steffens und Schleiermacher, in das Heidelberg des gewaltigen Görres und des jungen Grafen Soeben, in das Berlin der Kleist, Arnim, Brentano und des von der Flucht vor Napoleon heimkehrenden Königspaares, in das Wien Friedrich und Dorothea Schlegels, Adam Müllers, Philipp Veits und Theodor Körners.

Und als nach den Kriegen, in die er als Freiwilliger mitzog, und nach dem Zusammenbruch des väterlichen Besitzes und Vermögens der glückliche Ehemann und Ernährer seiner Kinder dann dreißig Jahre lang königlich preußische Akten wälzen mußte, da begann zwar ein Weg, auf dem der tapfere Gesinnungstreue viel Dornen unverdienter Zurücksetzung ernten sollte, aber er führte wenigstens über Danzig und Königsberg, dann in das volle geistige Leben der preußischen Hauptstadt, immer zu wertvollen und anregenden Freunden, zu tüchtigem Tagewerk und zu einem genügend frühzeitigen Abschied, der ihm für seine Neigungen und seinen Wandertrieb ein langes schönes Alter sicherte.

Nie hat sich Eichendorfs vornehm in den Dichterwinkel verkrochen, vielmehr tapfer kämpfend an allen wichtigen Fragen der Zeit teil­genommen und gegen den Liberalismus, für den autoritären Staat und für ein einiges mächtiges Großdeutschland gestritten. Er hat Tragödien und Satiren, historische Betrachtungen des deutschen Schrifttums, Er­örterungen kirchlicher und weltlicher Probleme, eine Geschichte der Marien­burg, Aufsätze über Verfassungswesen und andere über Preßgesetzgebung,

die vielfach sehr nastonalsozialistisch anmuten, hinterlassen, seine auto­biographischen Skizzen sind lebendig geblieben, sein LusrjpielDie Freier" ist in unseren Tagen wieder auferstanden, und seine Ueberjetzung der geistlichen Spiele Calderons gilt noch immer als die beste. Aver feine Unsterblichkeit verdankt er seinem dichterischen Hauptschaffen: feinen Er­zählungen, vor allemDichter und ihre Gesellen",Die Glücksritter" und Aus dem Leben eines Taugenichts", und (elfter Lyrik. Denn darin zeigt sich Eichendorffs instinktive und weise sich beschränkende Erfassung der eigentlichen Aufgaben alles Romantischen, daß sich seine besten Kräfte am Liede und einer gefühlhaft bewegten, dem Märchen verwandten Novellistik genug sein ließen.

Trotz aller Volkstümlichkeit desTaugenichts" scheint die Zeit für diese Novellistik erst jetzt gekommen zu fein, wo der Naturalismus mit feinen wissenschaftlich-psychologischen Mitteln verebbt und die reine Erzählungs­kunst neu in ihre alten Rechte treten möchte. Und Eichendorsss Geschichten sind nichts als Luft und Freude am Erzählen, sind Arabeske und Orna­ment, zweckloses, sich selbst genügsames Gebilde. Je weniger Dramatiker er im Grunde war, desto mehr hat seine besondere Art von Liebe zum Theater als der echt romantischen Welt des Scheins in seinen Novellen ihren epischen Ausweg gefunden, ja, sie haben das epische Element der Oper und des Marionettenspiels zu reiner Form erlöst. Da stellt sich die echte Natur mit Fischern Morgen, schwülen Nachmittagen und lauen Sommernächten, mit Wäldern und Parks, mit Marmorbildern und Wasserkünsten, mit Kaiserkronen und Päonien die Kulissen, zwischen ihnen wirrt ein Spiel der Händel und Intrigen, der Liebesabenteuer, ziellosen Reise- und Wanderfahrten, der Jagden und Ständchen, der zufälligen Zusammenkünfte und zufälligen Verfehlungen, der Entführungen, Ver­kleidungen und Verwechslungen, und der Rampe, an der die Arien gesungen werden, ist der Zauberkreis des Gefühls, aus dem einzig und allein diese Welt geboren wird, und in dem sie schwebt. Ihre künstlich verschlungenen Laubengänge sind bei aller scheinbaren Verwirrung so sicher geführt wie die Figuren, die sie durchwandeln, deren Bahnen mit denen der bunten Wechseldekorationen um- und durcheinandergleiten. Figuren, ewig von Liedern tönend, selber zugleich Dichter und Gedicht. Und dies einzige Thema mit Variationen: eine in Figuren gebannte Zwie­sprache des Gefühls mit sich selber, ermüdet nicht so leicht, weil das Gefühl wohl ein stets gleiches, doch auch ein stets wechselndes ist, weil es sich selber als ein wenig Bewegtes und Bewegendes auffängt.

Daß die bewegten und bewegenden Kräfte von Eichendorffs meisterlich beherrschtem Figurenspiel an das Lyrisch-Gefühlhafte gebunden bleiben, macht allerdings die Grenze seiner novellistischen Kunst aus. Und nur einmal hat sich sein Gefühl zu einer voll lebendigen und gerundeten Gestalt verdichtet: zu der unvergleichlichen und unvergänglichen des Tauge­nichts. In diesem geigenden und landstreichenden Gärtnerburschen lebt, triumphierend über alle Eisenbahnen, Kraftwagen und Flugzeuge, die Poesie der Postkutschenzeit als die ewige deutsche Wanderfreude fort. Sie spannt zwischen der Kaiserstadt Wien und einem imaginären Italien ihre südensehnsiichtigen, luftgewobenen Brücken, die ganze kleine Dichtung, in einem gewissen Sinne musischer oder doch musikalischer als alles, was wir haben, ist in Morgenrot und Mondschein getaucht und von den Geistern Mozarts und Schuberts, aber auch von demjenigen Spitzwegs gesegnet.

Und auch das Unvergleichliche und Bedeutsame der Eichendorffschen Lyrik möchte man in ihrer sprachlichen Mitte zwischen musikalischen und malerischen Elementen sehen und in der besonderen Art, wie sie diese Mitte einnimmt. Musik ist ja die Seele aller Romantik, aber soweit die Dichtung den Bezirken der Musik benachbart ist, hat Eichendorfs die Rückverbindung über die eigentlich romantische Lyrik hinweg zum Volks­lied gesucht und gefunden. Doch weil er selbst volkstümlich war und fühlte, hat er nicht Volkslieder nachgedichtet, sondern neugedichtet, und verdankt er dem alten Liederschätze längst nicht so viel, wie er ihm durch eigenes Gut als Mehrer zugeführt hat; sein Gedicht ist die persönliche individuelle Verfeinerung und Zuspitzung des anonymen Volksliedes. Und sein Malerisches liegt nicht in der Erfassung des Gegenständlichen, sondern in einem magisch bewegten impressionistischen Helldunkel. Das Geheimnis des Liedes, das Eichendorff wie kein anderer deutscher Dichter kennt und beherrscht, läßt sich kritisch noch weniger als das eines anderen Kunstwerks fassen; es weist uns auf Analogien an, die darum auch nicht anderes fein wollen, und nur vergleichen, um zu unterscheiden. Das Eichendorfssche Lied ist so sehr im Sinne der Goethischen Forderung nur ein Hauch, es ist so zart und immateriell, daß jeder Begriff in ihm zum Gedanken bei Herzens, jedes Bild in ihm gleichsam ohne die Substanz der Sprache und überhaupt ohne jedes Medium sofort zum Klange zu werden scheint. Der Klang ist immer derselbe, man erkennt den Dichter an jeder Zeile, und doch ist er nicht zu fangen und zu bestimmen; man glaubt ihn noch im Traume zu hören, ja, ihn im Traume zum erstenmal gehört zu haben. Eichendorsss Lied ist nur ein Singsang, es ist wie die Bewegung einer Welle, ein sich selbst aufhebender Bewegungsvorgang, das Hervorbringen und Wiederzurückschlingen der Anschauung durch das Gefühl, der Rausch des Unbewußten und Halbbewußten, der Pulsschlag des Gemütes. Darum haben ihn unsere großen romantischen Meister des musikalischen Liedes, Robert Schumann, Hugo Wolf, Hans Pfitzner, Armin Sn ab nachgesungen und erst richtig zu Ende gesungen.

Wir kennen viele Dichter von größerem geistigem Umfange, wir kennen auch reichere Formen und großartigere Inhalte der Lyrik, aber nichts, was immer wieder so unmittelbar, ich möchte sagen: so süß und erschrocken ans Herz greift wie diese Wander- und Natur-, Liebes- und Gottes- und Vaterlandslieder von dem Dichter der deutschen Sehnsucht und des deutschen Waldes, wie dieses irre und erinnerungssüchtige Traumwandeln und Traumreden des Herzens mit sich selber, diese plötzlichen jauchzenden Aufschwünge vor der verworren blühenden Wildnis der Welt, diese Augen- aufschläge eines holden, ahnenden und zweifelnden Wissens ober Nicht­wissens, bies geheimnisvolle Flügelausspannen der Seele.

'verantwortlich: Dr. HanS Thtzriot. Druck und Verlag: Drühl'fche UntverfitätS-Vuch- und Steindruckerei. 2k. Lange, Gießen.