Ausgabe 
11.4.1936
 
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sahen wir uns an, klapsten ungläubig mit den Absätzen auf das Els, das hielt und einen zart klirrenden, abweisenden Ton von sich gab, und neigten unsre Stirnen, die noch von der Hitze über der Wiese brannten, und senkten unsre Augen, die eben noch von der übermächtigen Lichtflut getrunken, draußen, des schon säst sommerlichen Tages, und unsre Her-

schlugen rascher angesichts des Wunders, das uns hier geschehen ien, des spiegelnden Eiswunders in der heiß atmenden Frühlings­natur. Und als es einer aussprach, wußten wir es alle, und zweifelte keiner daran, und bannte uns in Freude und Schreck zugleich, daß in der vergangenen Woche, im Osten drüben, im fernen russischen Land, ein eisiger Wind geweht hatte, und der hatte den kalten mörderischen Fluß zum Erstarren gebracht, in dem unser Freund sein Ende gefunden hatte, und so stark und zauberisch war die Gewalt dieses Windes gewesen, daß er über Länder hinweg auch den Weiher hier zugesroren hatte. Und ich sah ihn mit Augen, diesen Wind, erzählte das Mädchen, wie ein riesiger, weißer Adler sah er aus, mit rotem Schnabel und mit roten Augen, so kam er über Rußland und Deutschland daher, und unter seinem mächtigen Flügelschlag stöberte Schnee und fein Atem vereiste jeglichen Stromlauf, wenn er einherslog unter dem Himmel.

Wir stellten uns wieder im Kreis um den Weiher, erzählte das Mäd­chen weiter, noch erschüttert von dem kleinen Wunder, das wir erfahren hatten, und fangen frommen Sinnes die Lieder, die wir für diesen Tag und diese Stunde geübt hatten, Lieder des fröhlichen Trostes und der gewissen Auferstehung. Und da war es, daß aus dem blumengeschmückten Floß schwirrend ein Vogel sich auffchwang. Ein Sperling mochte es fein, oder ein Fink, der dort sich geborgen hatte im Kranz, und unser Lied hatte ihn aufgetrieben, und ein zweiter und dritter erhoben sich aus der Blumenhöhle, und die Vögel flogen in einer Linie hinter­einander, hielten über den Wald weg, zur Sonne hinauf, die sich eben über die Baumspitzen schob, und der Schall unseres Liedes folgte ihnen/

Eine trunkene Heiterkeit erfüllte uns, sagte das Mädchen, die Er­zählerin dieser Geschichte, wie wir die Geflügelten fo davon schießen sahen, ins himmlische Blau hinein, wie sie kleiner und kleiner wurden und dann unsichtbar, und den großen Schlüsselblumenkranz, dessen der Tote nun nicht mehr bedurfte, brachen wir auseinander, und wir Mäd­chen machten uns kleine Kränze davon, die wir uns ins Haar nestelten, und die Burschen steckten sich Sträuße der gelben Kelche an die Joppen. Dann begannen wir den Rückmarsch, der Wimpelträger an der Spitze, in Paaren hintereinander in strammer Haltung, im gehörigen Abstand und im gleichen Schritt. Als wir aber aus dem Wäldchen ins Freie traten, auf die Wiese hinaus, ins flutende Sonnenlicht, löste sich ohne Befehl die strenge Ordnung, wir stoben auseinander, ein ungezügelter Schwarm, im wilden Lauf, ohne Richtung, ohne Ziel, und unser Getrappel und Schreien scholl.

Ostertage auf einem Znseldorf im Mittelmeer.

Von Heinrich Lersch.

Seeleute, die aus ihren Reisen rund um die Welt gekommen sind, erzählen Wunderdinge von herrlichen Inseln im südlichen Meer, auf denen die Menschen sagen:Wir sind auf Erden, um Feste zu feiern. Das Land und feine Fruchtbarkeit gehört den Göttern, sie geben uns alles, damit wir ihnen zu Ehren die Tage in Fröhlichkeit verbringen. Auch die Arbeit in Reisfeld und Gemüsegarten ist Gottesdienst." Glück­liche Südsee, glückliche Insel Bali! Geben wir ruhig zu, daß der Fort- schrittspflug im Daseinskampf unseres Volkes dies fchönblühende Unkraut mit untergepflügt hat, um nahrhaftes Korn zu ernten; auch wir haben als Volk unsere schönsten Lieder selber namenlos gesungen, die Mraßen und Märkte als Schaubühne benützt, auf denen die ewigen Gestalten vom Doktor Faust bis zum Eulenspiegel die deutsche Seele darstellten. Nun haben' wir nicht nur die Natur um uns, wir leben auch in einer technischen Landschaft. Es bleibt uns allen nichts übrig, als auch die Arbeit in Fabrik und Feld nicht nur erträglich, sondern schön, zu einem Kunstwerk, zu Gottes Dienst, zu gestalten.

Wir brauchen nicht in die Südsee zu reifen, um solche glücklichen Inseln zu finden: mancher Handwerksburfche, der in Italien war, hat gesehen, wie trotz Autobus und Radio das italienische Volk im Mittel­meer, wie wir einst, alle Feste spielend feiert. Dörfer im Gebirge und Inseln im Mittelmeer gestalten Kult und Feier noch wie vor fünfhundert Jahren. Das Kirchenjahr mit den vielen Heiligen und den Madonnen­tagen bietet Anlaß genug, und die großen Feste find nicht Angelegenheit der geistlichen Führung, fondern des Volkes. Das Volk scheint fo in Fest und Feier verwurzelt, daß es sie immer noch fortführte, wenn es keine Behörde mehr gäbe, die sie anhielte.

Ich habe lange Jahre auf einem Infeldorf im Golf des Vefuvs verbracht und nirgendwo, selbst nicht in Rom, schönere Osterfeiern verlebt, als auf dem Bauerndorf Anacapri.

Am Karfreitagabend, kurz vor der Dunkelheit, sammeln sich die Kinder des Dorfes, Hunderte aus allen Gaffen und Winkeln, in Trupps und laufen in die Kirche hinein; sie suchen in allen Ecken und Nischen, schreien in Verwunderung und Enttäuschung und rennen auf den Kirchplatz; sie rufen den ankommenden Eltern und Gefchwistern zu, daß der Heiland aus der Kirche verschwunden fei. Dann gehen fietnn die Häuser und kommen mit brennenden Kerzen zurück und suchen in den Gassen. Die Burschen und Mädchen des Dorfes find vorher in die Sakristei gegangen und haben den Leib des Gekreuzigten aus dem heiligen Grab auf eine Trage gelegt und hinausgebracht. Nun sammeln sich die Kinder in einem Zug, zünden die Kerzen an, die kaum Zwei­jährigen voran, dann die Größeren, Schulkinder, schließen sich an, alle tragen sie brennende Kerzen in den Händen. Sie gehen und leuchten in Die Straßen hinein.

Die Jünglinge und Männer folgen den Kindern; zuletzt kommt eine andere Gruppe von jungen Leuten, die jetzt die fchwarzverkleidete Figur der Mutter Maria aus der Kirche herausholen und damit, hochgehoben über allem Volk, dem Zuge folgen. Jetzt sieht jedermann: die Mutter

sucht ihren Sohn. Alle Mädchen des Dorfes folgen Ser Seifigen Jung­frau, sie tragen ebenfalls Kerzen in den Händen. Das Karfreitaglied hebt an. Zuerst ist es nur eine Frauenstimme, dis todestraurig und hilfeflehend aufklingt:Mein Sohn ist fort, sie haben ihn weggebrachtl Ich, die Mutter, suche ihn! Helft mir suchen! Helft mir finden!"

Die Prozession schreitet hinein in die Straßen; vor allen Fenster­bänken leuchten Kerzen und Lichter:Wir helfen dir, Mutter. der Schmerzen, wir suchen mit dir!" So haben zuerst nur einzelne Gruppen Antwort gegeben, nun singt auf einmal das ganze Dorf das Lied des Verstehens und des Mitgefühls. Immer wieder klingt die einzelne Stimme:Es ist mein Sohn! Gott und das Volk liebten ihn!" Ant­wort der Frauen:Wir helfen dir suchen! Auch wir haben Söhne, wir sind bei Dir!" So geht der Wechselgesang weiter, klagend, voll Trauer: Sie haben ihn mit Verbrechern zusammen verurteilt, er war unschuldig! Es war mein Sohn, sie haben ihn fortgetragen, Ich suche ihn in allen Gaffen und Plätzen!"

Da stehen wir, Weltkinder, sonst entzauberte Asphalttteter, Globe­trotter, Großstadtmenschen, alle sind tief ergriffen von der Einfalt und Innigkeit; hier ist jetzt Jerusalem, hier lebt Maria aus Nazareth, heute mittag ist der Heiland gekreuzigt worden, einer seiner Anhänger mutz ihn geholt haben: aber er ist doch der einzige Sohn seiner Mutter, und alle Eltern verstehen ihren Schmerz. Ach, es war ja nicht nur vor zweitausend Jahren und in Syrien, nein, hier und überall ist Sohn­tragödie und Mutterschmerz. Selbst, wenn ich den Text des Liedes aus dem Jnseldialekt ins Deutsche übertragen könnte, nicht könnte ich die unsagbare Traurigkeit der Melodie wiedergeben, die so schaurig durch das Dorf in den weichen Frühlingsabend hinausklagt. Und doch: nickit allein in der Melodie liegt die Kraft, die unsere ergriffene Seele erschüt­tert; wir sind Zeugen eines tragischen Geschehens, das in allen Menschen­herzen lebendig wird. Im Miterleben wird selbst der kaltherzigste Zu­schauer von der dumpfen Traurigkeit ersaßt.

Es dunkelt; immer noch durchziehen sie die Straßen, immer noch ertönt dumpf und klagend bas Lied. Uns allen erscheint die Prozession nicht mehr aus hinschreitenden Bauersfrauen und Mädchen: sie werden zu Todesengeln, die, in schwarze Schleier gehüllt, über die Erde gleiten.

Die Sterne stehen groß und feierlich über dem Berg, der Mond wandert ins Meer, der erste Frühlingsvollmond erlischt. Da, spät in der Nacht, treffen Mutter und Sohn wieder auf dem Kirchplatz zusammen.

Auf einen Schrei hin erlöschen die Kerzen an den Häusern, die Kerzen in den Händen der Kinder. Das Dunkel webt mitleidig über die Gestalten der Kinder, reife Nacht des Schmerzes und der Trauer finkt, wie ein Traum verlifcht, verschwinden die Menschen, die der Mutter ihren Sohn suchen helfen mit Singen, Beten und hoffnungs­loser Klage.

Karsamstagmorgen.

Aus Feld und Haus gehen an diesem Morgen zuerst wieder all die Kinder auf den Kirchplatz. Hunderte: Jedes trägt in der Hand einen kleinen Singvogel. Sie besetzen die Bänke, drängen bis vor den Altar und flüstern in aufgeregter Freude einander zu. Sie streicheln den Vögeln über die verängstigten Köpfchen und schauen unverwandt auf die Tür der Sakristei, aus der die Priester hervortreten, um bas Hoch­amt zu feiern. Noch finb bie Krllzifixe schwarz verhangen unb ber Altar von einem mächtigen Vorhang Derberft. Die heilige Hanblung nimmt still unb ernst ihren Fortgang; halb wirb ber feierliche Augenblick kommen, bald wird die Musik auf der Orgelbühne mit Geigen und Bläsern, Orgelklang unb Menschenstimmen in bas gewaltige Gloria auf­tönen. Bedrohlich schwillt bas Gewisper unb Geflüster ber Kinber und übertönt oft bas Singen ber Priester. Dann aber bricht es jäh für ben Augenblick ab, eins, zwei, brei Sekunben ... Tiefe Stille. Da klingt ein hunbertstimmiges Ah! auf. Der Atem füllt einen Augenblick ben weiten Raum mit hingehauchtem, verwunbertem Staunen, bann aber fliegen, schwirren, flügein, flattern bie Vögel aus ben Hänben ber Kinber in bie Kirche hinein. Sie erheben sich zur Decke, eine fchwebenbe Wolke bunfler Flügel schattet. Das Gebrause hinströmenber Musik auf ber Orgel, bem Orchester, bem Chor ertönt über bas ftaunenbe, wortlose Aufatmen ber Menge hin.

Die Augen finb auf ben höchsten Punkt ber Wölbung gerichtet, in der ein offenes Fenster die Vogelschar ins Freie läßt. In Schwärmen erheben sich die Vögel zum Weg in die Lüfte, in Scharen finden sie die Freiheit zurück, während einige, ermüdet von der Gefangenschaft, auf Altar und Kreuzspitze ausruhen.

Es dauert wohl bis zur Wandlung, ehe sich die Gemüter zur Hand­lung ber heiligen Messe zurechtgesunben haben. Immer roieber erheben sich bie Gesichter an bie Kirchenbecke, immer roieber müssen sich bie Augen hinunterzwingen. Es ist, als sähen bie Menschen ben Heilanb in­mitten ber Vogelschar mit verklärtem Leibe auffahren, in bie Herrlichkeit bes Himmels.

*

Karsamstagnachmittag.

Die Vogel finb aus ber Kirche entflogen, bie Menschen zu stiller Arbeit in bie Campagna gegangen, sie haben noch viel zu #un, ehe sie mit vollkommener Ruhe ben Feiertag Ostern begehen. Jetzt ziehen feierlich geroanbete Priester unb Meßner aus der Kirche. Die große, alljährlicheBenedizone", die Weihe der Häuser, beginnt. Vom ersten Haus des Dorfes an, durch alle Gänge, über alle Treppen kehren bie Priester ein. Alle Zimmer unb Räume erfüllen sie mit Gebeten und Weihrauchdampf. Mit bem unsichtbaren Geist ber sichtbaren Kirche treibt bas geweihte Wasser bie Dämonen bcwon, bie aus bem Leben ber fünb« haften Menschen unb ber Natur sich in bie Wohnungen eingefchlichen haben.

Eine Treibsagd auf böse Geister fäubert bas Dorf; bis weit in die Delberge unb Weingärten hinein, in bie Hütten ber Campagna-Bauern, wölkt die Bannkraft bes buftenben Weihrauchs, Arom bes Gebetes, Tau bes geweihten Masters. Vom hellen Mittag bis in die sternende Nacht geht das weihende Werk vor sich; nie sind Bauernarme und Tagelöhner-