GietzeimZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang 1936 Samstag, den fl. April Nummer 29
Fahrt.
Von Hans Carossa.
Wir Kinder gingen. Paar um Paar, durch Wald und grünes Reut.
Mit bunten Eierschalen war der Saatenrand bestreut.
Am Ufer hing das neue Boot, wir saßen flugs darin.
Der Wimpel wehte weih und rot; die Strömung trug uns hin.
Das Land verschob sich von uns fort.
Zu Felsen stieg der Strand. Geschmückte Menschen gingen dort; die winkten mit der Hand ...
Die Zeit verschwebte wie ein Hauch.
Ein Korb ward ausgeleert und nach geweihtem altem Brauch das Ostermahl verzehrt.
Wir aßen Brot, wir tranken Wein. Sturm schlug uns ins Gesicht.
Die Woge griff nach uns herein. Wir fürchteten uns nicht.
Von weißen Vögeln weit umkreist zur Heimat ging die Fahrt.
Wir glauben selig an den Geist, der uns versprochen ward.
Oer bekränzte Weiher.
Eine Ostergeschichte von Georg Britting.
Es ist lange her, erzählte das Mädchen, daß ich zur freideutschen Jugend gehörte, mein Gott, ist das schon lange her, unendlich lange, auch wenn ich mich noch so deutlich an alles zu erinnern vermag.
Es war während des großen Krieges, daß ich als eine der Jüngsten unter der Schar der Wandernden jeden Sonntag dahinzog, hinter unserem Wimpel her, mit langem, weiten Rock am kurzen Leibchen. Wir Mädchen waren in unserm Bund in der Ueberzahl damals, aber auch Buben gehörten zu uns, halbwüchsige Burschen, ein langaufgeschossener Goldschmiedlehrling war darunter, aber zumeist waren es Schüler, die wochentags nur widerwillig auf den Bänken saßen und Latein und Rechnen trieben, weil ihnen das überflüssig vorkam, in dieser Zeit, die bald anderes von ihnen verlangen würde. Es schien fast so, als verstünden es die Burschen schneller zu wachsen in diesen Wochen und Monaten, als verbreitere sich ihre Brust zusehens und als würde ihr Blick von Sonntag zu Sonntag feuriger. So eilig hatten sie es, dahin zu kommen, wo der Krieg war.
Eines Tages verließ uns denn auch der erste der Freunde, den grauen Rock anzuziehen, und nach kurzer Ausbildungszeit kam er dann auch an die Front und schickte uns gleich am ersten Schützengrabentag eine Feldpostkarte, und nun wußte er wohl, wie der Krieg war, und konnte wohl auch merken, daß er nicht genau so war, wie er sich eingebildet hatte es zu wissen, als er noch singend mit uns hinter unserm Wimpel marschierte.
Für den Goldschmiedlehrling dann kam auch der große Tag, da man ihn zu den Soldaten nahm, und Kanonier wurde er, und wurde bald an die russische Front geschickt, und er war. obwohl er der dritte war, der uns verließ, um ins Feld zu gehen, er war dann der erfte,
von dem wir erfuhren, daß er nie mehr zu uns zurückkehren würde,
nie mehr. Die Nachricht von seinem Tod erreichte uns einige Wochen
vor Ostern. Sie versetzte die Großen unter uns in eine tiefe Fassungs
losigkeit, wir kleinen Mädchen aber, wir trugen bald wieder den Kopf oben und besannen uns, wie wir auf eine geziemend feierliche Art den gefallenen Helden ehren konnten
Lange beratschlagten wir, und dann fiel uns nichts anderes em, als was den Erwachsenen aller Länder späterhin auch einstel, spater, als der Krieg aus war, als sie ihren tapferen Toten, die im fremden Boden moderten, zu Hause, in den Städten und Dörfern, die zu verteidigen sie ausgezogen waren, sinnbildlich gemeinte Grabstätten errichteten.
Den Goldschmiedlehrling, war uns berichtet worden, hatte die Kugel getroffen während eines Flußübergangs, und so war er vom ängstlich auf schmaler, schwankender, schnellgebauter Brücke tänzelndem Pferd in
den kalten Fluß gestürzt, und niemand konnte sagen, ob noch Atem in seiner Brust war, als das Wasser über ihm zusammenschlug, oder ob er als Verwundeter ertrunken war, und auch kein Arzt hatte das mehr feststellen können, weil der Fluß den Toten mit sich genommen hatte, mit anderen, denen es ähnlich ergangen war.
Am Sonntag norm Ostersonntag sammelten wir uns früh am Morgen, unfern Plan ins Werk zu setzen, fuhren mit der Straßenbahn aus der Stadt hinaus, und zogen dann flußabwärts, einen kalten, klaren, eifrig strudelnden Fluß hinauf. Der Boden schien trocken, fürs Auge, aber wir merkten im Gehen, daß in tieferen Schichten die Erde noch feucht war, denn der Weg schwappte leicht unter unseren Tritten. An geschützten Stellen wuchsen schon dicht die Osterblumen, wie wir sie nannten, die großen Küchenschellen heißen sie im Naturkundebuch, deren blaue Blüten von grau behaarten Blättern wärmend betreut sind.
In einer Wiesenmulde rasteten wir, saßen im Kreis und aßen schweigend, wie bei einem Trauermahl, den mit Zwetschgenmus verkochten Haferflockenbrei aus unseren Blechgefähen, verzehrten große Stücke des grobmehligen grauen Kriegsbrotes dazu und es war uns großartig und feierlich und auch ein wenig bänglich zu Mut, und wir gefielen uns sehr in unserem gemessenen Tun.
Später dann, nach dem Essen, schritten wir an die Tat. Die Burschen machten sich an eine Birkengruppe, und schnitten dünne Aeste von den Bäumen, und wir Mädchen pflückten Osterblumen, viele und viele. Und während die Burschen aus den Birkenästen ein kleines, festes Floß zimmerten, bogen wir Mädchen eine lange Weidenrute zum Kreis und wanden die Blumen darum, daß ein großer, schöner, blauschimmernder Kranz entstand. Wir hängten ihn, daß er beim Tragen nicht beschädigt würde, über einen Ast, den die beiden größten Mädchen nun schulterten, aber so groß war der Kranz, daß er trotzdem noch ein wenig und zart auf dem Boden schleifte. Vor uns her, auf den Köpfen, trugen die Burschen das weiße Floß.
Wir zogen einem Wäldchen zu, das wir gut kannten von unfern Fahrten her. Es lag abgeschieden und barg in seiner Tiefe einen kleinen, geheimnisvoll grünen Weiher. Diesen suchten wir.
Wir befestigten den Kranz aus dem Floß, und das Floß schoben wir aufs Wasser und mit einiger Mühe erreichten wir es, das Blumenfahrzeug in dis Mitte des Weihers zu bringen. Mit den Stricken, an denen es hing, banden wir es an vier in die Erde getriebenen Pflöcken fest und so verankert lag es nun da, das auf den Fluß gehört hätte, fern in Rußland, in dem unser toter Freund ertrunken war. Aber dies hier, dachten wir, immerhin, das ist auch etwas und täte ihm gut und freute ihn auch, wenn ers wüßte.
Es war kühl in dem Wäldchen, die Fichten standen schwarz und
rührten sich nicht, und wir stellten uns im Kreis um den Weiher, und
der Weiher war so klein, und wir waren unser so viele, daß wir, so
stehend, einander mit ausgestreckten Armen die steifgefrorenen Händ.e
reichen konnten. Dann sangen wir, und sahen auf den Kranz hin, der wie eine Krone auf dem Weiher lag, und sangen traurig hallende Lieder und erinnerten uns des toten Freundes und manche von uns hatten feuchte Augen, ober nicht alle. Nur traurige Lieder sangen wir, vom Scheiden und Meiden, denn die fröhlichen und erhebenden Lieder, die gehörten dem nächsten Sonntag, dem Ostersonntag, dem Fest der fröhlichen Auferstehung, an dem die Gräber springen und die Toten frei werden, und da wollten wir wieder hierher wallfahrten, zum Wassergrab des Goldschmiedlehrlings, das war schon abgemacht und fest beschlossen.
Die Karwoche brach an mit mildem Wetter, am Gründonnerstag ging ein eisiger Wind, der Karfreitag war trüb, aber am Samstag klarte es wieder auf und der Ostersonntag war ein strahlender Frühlingstag und wieder zogen wir flußaufwärts, unserm Wäldchen zu. Gelb leuchtete es von den Wiesen, Schlüsselblumen waren aufgeblüht, und aus Schlüsselblumen machten wir einen Kranz diesmal, einen Kranz, fast größer noch als es der erste gewesen war, gegen den wir ihn vertauschen wollten, und der mußte ja auch schon welk geworden sein, und für die Auferstehungsfeier, die wir im Sinn hatten, paßten die lustig trompeten- gell^en Kelchs besser als die sanftbkauen, schwermütigen und stillen Blüten der Küchenschelle. Wir bückten uns hundertmal, unter Lachen und Scherzen, und wischten uns den Schweiß von der Stirn und glühten im Sonnenbrand und hielten geblendet die Hand vor die Augen, nach dem fernen Gebirge zu sehen, wo der Neuschnee in der Sonne glänzte, und bückten uns wieder, und bald so war unser Werk getan, der Kranz fertig und wir brachen auf.
Aber als wir in das Wäldchen eingedrungen waren und am Weiher standen, da konnte es nicht fein, daß wir den Kranztausch vollzogen, denn der Weiher war zugefroren und im graugrünen Eis saß das Floh fest und die Stricke, die es hielten waren wie aus Glas, und der Kranz auf dem Floß leuchtete blau und himmlisch und gänzlich unverwelkt, als fei er eben erst gewunden und gebunden worden. Tief betroffen


