Ausgabe 
10.8.1936
 
Einzelbild herunterladen

feindlich. Er rührte die Trompete und die Zither und die Flöte nicht mehr an. Er hat sich auch nie wieder für eine Frau entschließen können. Aus seiner Mühle hockte er wie auf einer uneinnehmbaren Festung, an der die motorisierte Welt abprallt. Zu seinen seltenen Kunden gehören Bauern, bei denen es mit dem Ausmahlen des Korns nicht gar so eilt. Sie hängen an dem seltsamen Königsmüller, an dem weiland Bruder Lustig, der einst jeden Griesgram munter aus dem Felde schlug, wie an einer teuren Erinnerung aus längst vergangener Zeit, da noch die Trompete erklang zum lustigen Spiel der Flügel.Hört Ihr? der alte Königsmüller singt wieder", sagen die Dorfleute, die ihn noch jung kannten. Es ist ein Lied von Jugend und frühem Tod, das die Menschen fernhält.

An meine Mutter.

Von Johann Wolfgangvon Goethe. Obgleich kein Gruß, obgleich kein Brief von mir so lang dir kommt, laß keinen Zweifel doch ins Herz, als wär' die Zärtlichkeit des Sohns, die ich dir schuldig bin, aus meiner Brust entwichen. Nein, so wenig als der Fels, der tief im Fluß vor ew'gem Anker liegt, aus seiner Stätte weicht, obgleich die Flut mit stürm'schen Wellen bald, mit sanften bald darüber fließt und ihn dem Äug' entreißt

So wenig weicht die Zärtlichkeit für dich aus meiner Brust, obgleich des Lebens Strom, vom Schmerz gepeitscht, bald stürmend drüber fließt und, von der Freude bald gestreichelt, still sie deckt und sie verhindert, daß sie nicht ihr Haupt der Sonne zeigt und ringsumher zurückgeworfene Strahlen trägt und dir bei jedem Blicke zeigt, wie dich dein Sohn verehrt.

Ernsthaftes Zwischenspiel.

Von Udo Wolter.

Grit richtete sich auf der Bettkante auf und rubbelte sich das blonde Haar zurecht. Mit einem unbestimmten Laut rutschte sie aus ihrer Fakirstellung auf das Deckbett zurück, seufzte, legte die mit der morgend­lichen Post durch den unteren Türschlitz geschobene Ziehungsliste auf den Nachttisch und hielt in ihren Händen das unscheinbare, graue Los, dessen wilde, in die sechs Stellen gehende Zahlenreihe sie intensiv und liebevoll betrachtete. Ihr von den letzten Paddelbootpartien noch braun­gebranntes, energisches Gesicht mit den schmalen Lippen sank langsam, ein wenig einfältig vor wesenlosem Glück, zur Seite. Mit einem wilden Ruck sprang sie auf, stand in dem zu kurzen Pyjama im Bett und fiel mit einem markerschütternd hohen, kleinen Trillerschrei der dicken Wirtin in die Arme. Knurrend kam Fox aus der Küche gesaust und verharrte breitbeinig und zähnebleckend mit bösen, leuchtenden Augen in dem Türrahmen. , ~

Achttausend Mark", sagte Grit plötzlich sachlich. Sie fiel Frau Blomm aus den Armen, kauerte sich nieder, nahm mit einem hastig hervorgekramten Bleistift ein kurzes Rechenexempel vor und hielt das Ergebnis der Wirtin vor die Nase.Zweitausend kriegt der Staat, Ver­mögenssteuer ist nicht, bleiben achttausend Mark, verehrte alte Dame und Zimmerverleiherin. Gäbe ich Ihnen das Geld..., gar nicht aus­zudenken, wie lange ich dann bei Ihnen wohnen könnte."

Achttausend", stöhnte Frau Blomm.

Achttausend", bestätigte Grit, und die Zahl sprang und tanzte durch den Raum. Frau Blomm erhob sich ächzend und kopsschüttelnd, gab das Los an Grit zurück und holte das Tablett.

Grit blieb allein, soweit man mit achttausend Mark im Zimmer über­haupt allein bleiben kann. Eine wilde Unruhe trieb sie hin und her. Mit einem energischen Ruck hatte das Schicksal Jupp und sie auf die Beine gestellt. Jetzt gab es keine Problematik mehr. Morgen konnten sie heiraten, heute, wenn sie es wollten, und statt des Kanus würden sie ein Auto besitzen. Achttausend Mark, das war ein Schatz, das war das Schicksal in Person.

Grit", sagte sie. Langsam blieb sie stehen und starrte in den Spiegel. Wildes Erschrecken flutete ihr in das pochende Herz, alle Freude ver­sank, die ganze Vergangenheit der letzten beiden Jahre, die ihre Bekannt­schaft mit Jupp umschlossen, wuchs herauf. Sie betrachtete ihre Hände, die noch immer keine Ringe trugen. Hatte Jupp nur ein einziges Mal von Heirat gesprochen? Sie dachte krampfhaft nach. Soviel sie auch grübelte, es blieben nur Andeutungen und flüchtige Bemerkungen, hineingestreut in gleichgültige Gespräche. Oder war nicht alles bisher selbstverständlich gewesen, ohne viele Worte? Sprachen nicht diese beiden Jahre für sich, und konnte Jupp mit seinen hundertfünfzig Mark Monats­gehalt überhaupt Versprechungen geben?

Sie kleidete sich an. Noch einmal ging sie zu dem Los hinüber, dann nahm sie ihr schönstes Kleid, das er so liebte. Es war ganz in Braun gehalten, mit kleinen, gelben Spitzen. Sie suchte das Parfüm heraus, das ihm gefiel. Und schließlich zog sie zögernd auch den Mantel über, der zu diesem Kleid gehörte, obgleich es der einfachere auch getan hätte. Und nun, wie sie vor dem Spiegel stand, sah sie, daß sie von den Schuhen an bis zum taut und dem kleinen Halstuch so gekleidet war, wie er es liebte, und wie er sie bewundert hatte. Da war nichts, was aus der

Reihe sprang, und alles hielt Linie und Form und konnte sich sehen lassen. Zum ersten Male seit ihrer Begegnung mit Jupp erfaßte sie ganz und in tiefster Seele, wie schön sie war, und wie er ihr gehören mußte. Mit einem kleinen Lächeln verbarg sie das Los in der Hand­tasche und machte sich auf den Weg.

Hallo, Grit", sagt Jupp.Ich dachte, ein Kunde." Er stutzte und betrachtete sie.Hast du heute keinen Dienst?"

Gib mir erst mal einen Kuß", verlangte sie. Er tat es. Ganz dicht standen sie sich in dem dunklen, kleinen Flur gegenüber.

Im Büro, das zugleich sein Wohnraum war, lagen Zeichnungen auf dem Tisch. Grit warf sich in einen Sessel, lächelte ihm zu. In dem Etui, das sie ihm einmal geschenkt hatte, waren einige Zigaretten. Sie legte sich zurück, zündete sich eine davon an und ließ sich Feuer geben.

Gib nicht so anl f%t die Grit von gestern schonungslos.

Also, was ist passiert?" fragte Jupp. Er stand hinter dem Tisch und sah auf sie herab. Kleine Falten standen in seiner Stirn, das war stets so, wenn er nachdenklich oder zornig war. Diesmal wollte sie nicht entscheiden, was es zu bedeuten hatte.

Gefall' ich dir nicht?"

Er lächelte, sein gutes, breites Gesicht näherte sich. Da spürte et die Zeichnungen unter seiner Hand, die Heinen Falten ballten sich von neuem.

Nun sag schon, was geschehen ist, Kleinesl Nachher kommen nämlich Kunden." Er zieht die Uhr,Du, wenn ich den Auftrag für die neue Kleinsiedlung bekomme, das wäre ein GeschäftI So etwas bringt Geld ins Häusl"

Ich bin entlassen", sagt sie kurz.

Mit einer fast unbewußten Bewegung streicht er sich das Haar zurück. Sie schämt sich entsetzlich, die Grit von gestern will ihm um den Hals fallen, aber da erblickt sie die Handtasche, und in ihr ist das Los.

Er kommt um den Tisch, setzt sich neben sie auf die Sessellehne.

Wie ist das geschehen?"

Der Chef war in schlechter Stimmung, und ich war wohl auch nicht ganz aus der Höhe. Es hat Krach gegeben. Für diesen Monat gibt es noch Gehalt, dann ist es aus."

Er springt auf, rennt hin und her.

Das muß sich doch wieder einrenken lassen. Che er eine Neue.. .* Er greift nach dem Hörer; sie hält ihn zurück.

Laß das, Juppl Ich will nicht mehr."

Er starrt sie ratlos an.

Und?"

Jupp", sagte sie,komm einmal her, Jupp." Sie legt die Arme um seinen Hals, zieht ihn dicht zu sich herab.Zwei Jahre kennen wir uns nun schon, Jupp. Ich habe genug vom Büro ..." Sie stockt, streichelt seine Hand.Bedenke einmal, Jupp, wir hätten jetzt ein Baby..."

Wie kannst du so reden...", sagte er ein wenig heiser.

Achtung! warnt die Grit von gestern.

Siehst du! hetzt die Grit von heute.

Ich kann nicht zwei Jahre mit dir herumlaufen", sagt sie schonungs­los,ohne zu wissen, was wird."

Er bleibt stehen. Jähe Röte schießt ihm in das Gesicht.

Man stellt in solchen Dingen kein Ultimatum. Wer spricht von cherumlaufen'? Man kennt dich kaum wieder, Grit. Und außerdem..." Er zögert, nimmt seine unruhige Wanderung wieder aus.Was soll nun werden?" murmelt er.

Ich will bei dir bleiben." Fast, daß sie vor der eigenen Heftigkeit erschrickt. Seit zwei Jahren ist das ihr Wunsch und Wille, und nun kommt es gerade in diesem unglückseligen Moment heraus.

Nein", sagt er schroff.Jetzt nicht ... und so nicht."

Ach so...", wirft sie böse hin. Alles in ihr ist auf der Lauer. Er bewährt sich nicht, ihr Jupp. Sie möchte sich auf die Lehne legen und sich ausheulen oder sich besinnungslos in seine Arme werfen, aber da steht eine Wand aus Trotz und Mißtrauen und gekränkter Eitelkeit.

Sie umklammert das Täschchen, streicht sich das Haar zurück, die Augen tun ihr weh von den kommenden Tränen, aber sie wendet sich und sagt: Ich gehe, Jupp! Ich glaube, wir machen Schluß!" Und dann geht sie auch schon, und der Spiegel grinst ihr zu, ob dieser hochmütigen und gedemütigten Grit.

Himmelherrgott!" sagt Jupp. Er stürzt vor und packt sie bei den Schultern, so wie er sie nie angefaßt hat in diesen beiden Jahren. Sie schreit ein wenig auf, da läßt er sie stehen und reißt den schmalen Wandschrank auf, Pläne fliegen heraus, Bücher, ein Reißbrett, das wirbelt nur so alles durcheinander.

Jupp!" sagt sie.3upp!"

Er steht da mit knallrotem Kopf, hat zwei Zeichnungen in der Hand, schwenkt sie durch die Luft und haut sie krachend auf den Tisch. Das ist ein neuer Jupp, ein herrlicher Jupp und einer, vor dem man sich fürchten muß. Sie zieht die Schultern ein wenig zusammen und starrt auf den Tisch. Ein Aufriß liegt da herum und ein Grundriß, Pläne, Berechnungen und Tabellen, nüchterne Dinge mit Zahlen und Maßen in verwirrender Vielfalt. Sie hebt den Kopf, und das Brennen in den Augen wird unerträglich.

Unser Haus!" stöhnt Jupp und starrt sie an, als ob sie gleich Prügel kriegen sollte.Und ich spar' und spar' und schufte und schufte, und wenn es da nicht gleich klappen will, da kommt so eine..." Der Atem bleibt ihm weg; nun ist er wirklich knallrot, und jetzt kommen wohl auch gleich die Prügel.

Sie stürzt ihm entgegen, reißt das Los heraus. Sie klammert sich an seine Schulter, legt den Kopf an seine Brust und versinkt in einem Wirbel von Worten und Tränen und in einem ungeheuren Glücklichsein, wie sie es nie gespürt hat in diesen zwei Jahren. Und erst, wie die Klingel schrillt und der Kunde sich anmeldet, reißt sie den Kopf empor und sagt, strahlend vor Geborgenheit und Zärtlichkeit, schöner als je und noch gerade schön genug für die Liebe:Da hast du mich, Jupp!"

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Duch- und Eteindruckerei. 2L fianae, Gießen.