leise

h In staunender Ergriffenheit umfaßte Elvira den Schattenspendenden noch einmal mit den Augen, in denen Tränen standen. Der Zusammen­hang mit den Wurzeln der Kraft verringerte sich mit jeder OTtnuk. Der Königsmüller und sein Gehilfe arbeiteten in atemloser hast, endlich aber hielten sie schweißtriefend inne,

Warte, Elvira, gleich kannst du ihn zusammenbrechen sehen, ma@g'ift schließlich nur noch eine Balance, ein gefahrdrohendes Schwe­ben der 40= oder 80-Zentner-Last vor der Fallsekunde, eine Vorahnung ^Me"säg? verstummte. Die Axt des Königsmüllers donnerte dumpf gegen den eisenharten Stamm, Dann sprang er behend zur Seite. Das Blut sang in seinem Kopf, die Augen des Erhitzten flimmerten Und wie in Feuerspielen sah er Elvira stehen, die wie in jener Brandnacht den Baum anstarrte.

Die ^Kron^"des^ Baumkolosses begann unmerklich zu kreisen, eine ruck- artige Drehung nur, als ginge ein letztes Todeszucken durch den seiner Balis Beraubten, Dann zog ihn die Erdkraft übermächtig herab,

Elvira' Mein Gott!" Der Königsmüller hielt den Atem an, die Eiseskälte der Angst fährt ihm ja durch die Glieder, Wie em Tier steht er sprungbereit und doch gelähmt auf seinem Platz und verfolgt, Phase um Phase das Entsetzliche: wie der Nußbaum, aller Borausberechnung, allen Erfahrungen, allen physikalischen Gesetzen zum Trotz nicht in die Richtung des ausgespannten Seils, sondern mit der ungeheuren Wucht seines Stamms aül Elvira niederstürztm .

Es gab keine Rettung mehr, nicht einmal einen Schrei. Nur eine

lieber zwanzig Jahre liegt nun der Tod Elviras lu^ück. Der Königs­müller. den das unberechenbare Schicksal vor unerklarlickie, geheimnis­volle Zusammenhänge gestellt hatte denn schien es nicht io. als habe Elvira eben dielen Nußbaum erhalten wollen, damit er sie em" begrabe und er. der Geliebte, zu ihrem Totenaräber werde der Konmsmuller ward früh grau und in feinem erbitterten Herzen beinahe menschen-

Da trat ein Ereignis von schicksalhafter Bedeutung für bas Leben des Müllers ein. (Sines Nachts ertönten die Hupen der Backer m den nächsten Dörfern, läuteten die Kirchenglocken Sturm: die Konigsmuhle brannte! Wie ein funkensprühendes Feuerwerk stand ste schaungschon im Dunkel der Nacht, Ihre brennenden Flügel kreisten, sie kreisten wie ungeheure Arme, die Fackeln halten und sie gen Himmel zu schleudern versuchen. Der Königsmüller stand mit wehendem Haar wilden Augen und zusammengebissenen Zähnen dabei, verdammt, büflos mitansehen zu müssen wie sein Heiligtum, das Erbe seines alten Geschlechts, lang­sam knisternd und knackend von den Flammen gefressen wurde.

Er sah verzweifelt auf das rot lohende Ungeheuer, die Muhle, und er sah auf die Menschen, die zu vielen Hunderten mit geisterhaft erleuch­teten Gesichtern ringsum standen und ms Feuer starrten. Die F^ier- wehren rasselten heran. Befehle, Poltern, durch der Hande lange Kette flogen die Eimer gefüllt mit Brunnenwasser. ..

Plötzlich rief ein junges Mädchen, das zarte Stadtfraulein Elvira, das hier feit einer Woche feine Landferien verbrachte:

Königsmüller! Rettet den Nußbaum!"

Der Angerufene sah auf den Nußbaum, nach dem >n der Tat schon die Flammen züngelten, und er sah das aufgeregte Fraulem an, das einen so sonderbaren Wunsch vorbrachte Ihr Mund stand halb öfter, sie war bleich und zitterte. Es verdroß den Muller der als an seine teure Mühle dachte, er machte einen Schritt zu ihr hin und schrie ihr im Lärmen und Brechen des Holfes zu:

Unsinn! Weibergeschwätz! Zuerst die Muhle. ... , fikbrütl

Darauf schwieg sie. Er betrachtete noch einmal, mitten im Gebrul der Männerstimmen, ihr flammendes Gesicht. Es war unverwandt aus

den gefährdeten Nußbaum gerichtet. Aber er fiel nicht. Er wurde gerettet. Als die Nacht sich verflüchtigte, war die stolze Muhle ein elender, schwarzer, glimmender Trümmerhaufen. , . .

Der Königsmüller, von Haus begütert, liebte seine Muhle Zu lehr, als daß er sie nicht wieder aufgebaut hätte. Er verdiente nicht viel mit ihr, denn die Windmüller sind ein langsam sterbender Beruf, und die Motormühlen ersparen den Bauern das lange Warten. Das Blut der Väter ließ aber nicht zu, daß er das Jahrhunderterbe au gab und einen neuen Beruf ergriff. Wie ein Phoenix aus der Asche, erstand aufs neue die Königsmühle. Elvira war längst in der Stadt und ging ihrem Be­rufe nach Doch schon im Jahre darauf kam,fte wieder in die geliebte Gegend, wo ihr schon am zweiten Tage der Muller begegnete. Er erkannte fie unb lachte fie, rvte es setne Ärt War, munter an.

Sind Sie nicht das Nußbaum-Fräulein? Gewiß sind Sie nur bos, daß" ich damals so geschrien habe."

° Ach", erwiderte sie lächelnd,deswegen... Das liegt doch schon ein ganzes Jahr zurück, nicht wahr? Ich war damals so aufgeregt, denn auf dem Baume waren doch Starnefter."

Starnester?"

Ja. Wußten Sie das denn nicht? .

Doch, aber natürlich, Fräulein Elvira ich darf doch jo (agen, ja, da staunen Sie, woher ich das weih! " doch das wußte ich schon, ^datz da Stare und Nester waren. Aber wo doch die Muhle brannte !

Und nun sanden sie, daß das Herz der Frau für das hilflose Getier geschlagen hatte, weil sie 7a nicht ermessen konnte, wie sehr des Mullers, des Mannes Herz an der ehrwürdigen Bockmuhle hing.

Sie lachten verwundert, das elegante Fräulein Elvira und der fidele Königsmüller, der nur Sonntags einen Kragen umband Und es kostete ihn nicht viel Mühe, Elvira zu überreden, sich seine Muhle einmal anzu- ehen und erklären zu lassen: alle die Rädchen und Mühlsteine, den Schwanz" und dieSegel", das ganze wunderbare Getriebe

Und die Trompete aus dem Siebenjährigen Kriege .fragte sie, .'ja, da spielen Sie nun wieder den Verblüfften! Bitte, bitte, Sie muffen m:ij mal as vortlafen! b|ie5, bis er ganz rot im Gesicht war und

der Schweiß ihm auf der unbeschwerten 3ungenfttrn ftanö. __

Das ging so munter Tag für Tag, Woche für Woche. Er blies, mahlte zuweilen, hatte jetzt jeden Tag einen neuen Kragen um und fern Mund­werk schlug lustige Volten. Das Dorf schwoll von Gemunkel Der Komgs- müller war glücklich. Elvira war glücklich. Wen wundert es, daß sie

®r&b 'ganTobe" auf der Mühle und entwickelte ihr, während der Abend mit funkelnden Rändern sich auf die Erde (egte, ferne Plane: Em neues, schöneres Wohnhaus für fie be.de; einen Garten voll Gemüse und Blumen und Obstbäumen; Stallungen für allerlei Vieh Aber der alte brave Nußbaum, leider, der stand da arg im Wege. Ja, der mufte wohl schon daran glauben... Denn der neue Bebauungsplan lasse nicht zu daß der Nußbaum weiter seinen Schatten spende. Doch als Ent­schädigung solle sie einen ganzen Garten von Baumen bald haben und omel Startäften, wie sie nur wolle.Ja, gewiß, Lieber , sagte Elvira und fuhr streichelnd über seine bärenstarke, ruhige Rechte,wenn es nicht anders geht. Aber ich darf doch dabei fein, wenn er gefallt wird?

Natürlich! Das werde ein wahres Spektakel fern! Der Komgsmuller holte sich einen Knecht vom Gut, denn der Stamm war zu dick, als daß er allein mit der Axt bewältigt werden koiE D,e Sage drang mit Hellem, hartnäckigem Brummen in das Fleisch des Riesen ein. Manchmal schien es, als zittere angesichts der immer klgffenderen Wunde der alte Baum bis in feine Krone hinauf, als bebe wie ein Urweltbatz der Schmerz im mächtigen Gewölbe der Aeste und Zweige nach. Er war als könne er noch entfliehen, an eine entfernter stehende Lmde angefeilt wie ein Raubtier. Die Fallbahn lag mit mathematischer Sicher-

Der Haushahn.

Von Hermann Lingg.

Er hatte Mut und einen stolzen Schritt, Er ließ nur fetten sich begleiten, Er war ein Herr, der keine Kränkung litt, Er hatte Sporn, gleich wie ein Mann zum Reiten; Sein Haupt war feurig, voller Gluten ganz, Er stammte vom hispanischen Geblute, Man sah's an seiner Federn dunklem Glanz, Und wie der Stolz aus seinen Augen sprühte. Viel traute Frauen gingen vor dem Tor Im Hofraum mit ihm aus und ab, Nicht wie das Huhn nahm ihn die Köchin ab, Ihm stund weit Schlimmeres bevor;

Er ward in Ruhestand versetzt, Und dies hat ihn so tief verletzt, Daß tief ers in die Erde kratzte, Ja, daß ihm schier davor Der rote Kamm auf seinem Haupt zerplatzte. Ein Fremder, ein Brahmine kam. Ein Cochinchina trat an feine Stelle, Und ach, die Herzen aller Frauen nahm Der Fremdling ein mit Blitzesschnelle. Dem Haushahn blieb für all' erlittne Kränkung Nur ein Ersatz, ihm blieb der Mist, Der Berg, von dem er jede Schwenkung Des Gegners übersieht und sich vergißt, Wenn ganz Verächtliches der andere frißt. Dann singt er in der Morgenfrühe Sein Weckelied der ersten Tagesglut

Und denkt, was gibt sich doch die fremde Brut Mit Singen viel vergebene Mühe. Und stolzer wallt er durch die Flur Und sieht auf jeden Hahnenfuß verzückt, Weil noch int großen Buche der Natur Ein Blümchen sich mit seinem Namen schmückt.

Oer Königsmüller.

Von Werner Schumann.

Wenn der Wind eingeschlafen ist und die Pappeln länge» *«

gurgelnden Baches wie feierliche Kerzen in die Stille der hier voll g ebenen Landschaft ragen, kann man bis zu den ersten Hausern des Heide-Dorfes den alten Müller fingen Horen. Die Handwerksburschen, die in der Gegend dieMonarchen" heißen, bleiben stehen und verwun­dern sich, gerade von einem Mllllersmann ein so merkwürdig trauriges Lied zu hören. Ein tiefer Baß trägt es in den Abend hinein: Was heut noch grün und frisch dasteht, wird morgen alles weggemaht: die edel Narzisse!, die englische Schlüssel, die schön Hyazinty, die türkische Bind. hüt dich, schön's Blümelein!" Und dann fragen die Wandergesellen wohl nach seiner Geschichte, die alle hier kennen und die die Alten den $U,1(rin rechter^ Bruder Lustig war der Müller, so etwas von toller, über- schätlmender Jugend findet man heute kaum noch. Der Uebermut von einem halben Dutzend Müllergeschlechtern sprudelte in ihm, dem letzten seines Geschlechts, der, weil fein Vater von einem Balken erschlagen wurde als 2Sjähriger die Mühle übernehmen mutzte. Vom Großvater halte er die Trompete geerbt, und er blies sie virtuos wie keiner. Er spielte aber auch die Zither, verstand auf einer Flöte keck zu quinguilie- ren, doch am mitreißendsten war sein Gesang, der alles m feinen_ -^e! riß. So lebte er, jung wie er war, das Leben eines echten Mullers. Sem Witz war berühmt im Lande und wenn die Dorfburschen sich einen vergnügten Sonntag machen wollten, so gab es kein anderes Ziel als den Bruder Lustig auf (einer Mühle, denKönigsmuller

Denn fein windiges Reich, die hurtig klappernde und mahlende Mühle, hieß darum die königliche, weil seine Vorfahren sie dem Alten Fritzen zu dessen nahe gelegenem Dominium sie gehörte, abgekaust