Ausgabe 
10.8.1936
 
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braunen Lebenstrankes ein; dann goß er mit der Geschwindigkeit eines Taschenspielers den Inhalt eines winzigen Fläschchens in die kleinere der beiden Tassen. Dies wurde so schnell gemacht, daß sogar Francis, der ihm gerade ms Gesicht sah, die Bewegung kaum bemerkt«, als sie auch schon vollzogen war. Im nächsten Augenblick war der alte Vandeleur immer noch lachend mit einer Tasse in jeder Hand wieder an den Eß­tisch getreten.

Bevor mir fertig sind", sagte er,können wir unseren berühmten Gast bei uns erwarten."

Die Aufregung und Angst des jungen Bankbeamten können wir un­möglich schildern. Er sah, wie unter seinen Augen ein heimtückisches Verbrechen vor sich ging, und er fühlte sich verpflichtet, «inzuschreitcn, aber er wußte nicht wie. Vielleicht konnte es sich um einen bloßen Spaß handeln, und wie würde er dann dastehen, wenn er unnötigerweise eine Warnung losließe? Oder, wenn es Ernst wäre, so war der Verbrecher vielleicht sein eigener Vater, und wie traurig wäre es doch für ihn, wenn er seinen Erzeuger ins Verderben stürzte? Zum erstenmal wurde es ihm bewußt, in welcher peinlichen Lage er selber als Spion sich befand. In einem so kritischen Augenblick und unter so widerstreitenden Gefühlen untätig warten zu müssen, war für ihn eine peinliche Qual; er klammerte sich an die Stäbe seines Fensterladens an, sein Herz schlug schnell und unregelmäßig, und er fühlte am ganzen Leibe einen starken Schweiß ausbrechen.

Mehrere Minuten vergingen.

Es kam ihm vor, wie wenn das Gespräch weniger lebhaft und laut würde, aber es ereignete sich nichts, was ihn hätte beunruhigen oder auch nur bemerkenswert erscheinen können.

Plötzlich hörte er einen Klang wie von zerbrochenem Glase und darauf einen schwachen, dumpfen Ton, wie wenn ein Mensch mit dem Kopf auf einen Tisch sänke. In demselben Augenblick erhob sich in dem Garten ein durchdringender Schrei.

Was hast du getan?" rief Fräulein Vandeleur.Er ist tot!"

Der Diktator antwortete im Flüsterton, aber so heftig und zischend, daß der Horcher am Fenster oben jedes Wort vernehmen konnte:

Still! Dem Mann fehlt so wenig, wie mir selber. Fasse ihn an den Absätzen; ich trage ihn an den Schultern."

Francis hörte, wie das Mädchen in ein leidenschaftliches Weinen ausbrach.

Hörst du nicht, was ich sage?" begann der Diktator wieder in dem gleichen Ton.Oder willst du vielleicht Streit mit mir haben? Ich lasse dir die Wahl!"

Wieder entstand eine Pause; und wieder sprach dann der Diktator. Fasse den Mann an den Füßen! Er muß ins Haus gebracht werden. Wenn ich ein bißchen jünger wäre, könnte ich mir selber gegen die ganze Welt helfen. Aber jetzt, da Gefahren mich bedrohen, da ich alt bin und meine Hände schwach geworden sind, muß ich von dir Hilfe verlangen."

Es ist ein Verbrechen", antwortete das Mädchen.

Ich bin dein Vater."

Dieser Appell schien seine Wirkung hervorzubringen. Es folgte ein schlürfendes Geräusch auf dem Gartenkies, ein Stuhl fiel um und dann sah Francis Vater und Tochter über den Weg stolpern und in der Ve­randa verschwinden. Sie trugen an Knien und Schultern den leblosen Körper des jungen Geistlichen. Simon Rolles war leichenblaß und bei jedem Schritt, den die beiden machten, schwankte sein Kopf hin und her.

War er lebendig oder tot? Trotz der Erklärung des Diktators neigte Francis sich der letzteren Ansicht zu.

Ein großes Verbrechen war begangen worden; ein großes Unglück war über die Bewohner des Hauses mit den grünen Läden gekommen. Zu seiner Ueberraschung fand Francis, daß alles Entsetzen wegen des Mordes vor der Sorge verschwand, die er um ein Mädchen und einen alten Mann fühlte, der in der höchsten Gefahr schweben mußte.

Ein hochherziges Gefühl durchdrang seine Brust; auch er wollte seinem Vater gegen Welt und Menschheit helfen, gegen Schicksal und Gerechtigkeit! Er stieß den Fensterladen auf, schloß seine Augen und ließ sich mit ausgestreckten Armen in die Zweige des Kastanienbaumes fallen.

Ein Zweig nach dem andern glitt ihm aus den Händen oder brach unter feinem Gewicht; endlich aber geriet ein starker Ast unter feine Achselhöhle und er hing einen Augenblick in der Schwebe. Dann ließ er sich herabgleiten und fiel schwer gegen den Tisch an.

Ein lauter Ruf vom Hause her gab ihm die Kunde, daß sein Ein­dringen nicht unbemerkt geblieben war. Er richtete sich taumelnd auf, durchmaß in drei Sprüngen den Zwischenraum und stand vor der Ve­randatür.

In einem kleinen Zimmer, dessen Fußboden mit Matten bedeckt war und dessen vier Wände von Glasschränken, voll von seltenen und kost­baren Merkwürdigkeiten, eingenommen waren, stand der alte Vandeleur, über den Körper des jungen Geistlichen gebeugt. Er richtete sich auf, als Francis eintrat und machte eine blitzschnelle Bewegung mit den Händen. Sie dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde; so schnell ein Auge sehen kann, war es getan; der junge Mann konnte seiner Sache nicht ganz «sein, aber es kam ihm vor, als ob der Diktator etwas von der

des Geistlichen entfernt, es mit einem kurzen Blick angesehen und sofort seiner Tochter gegeben hätte.

Dies alles war vor sich gegangen, während Francis noch mit dem einen Fuß auf der Schwelle stand. In dem nächsten Augenblick lag er vor dem alten Vandeleur auf den Knien und rief:

Vater! Laß auch mich dir helfen. Ich will alles tun, was du be­gehrst, und will keine Fragen stellen. Mit meinem Leben will ich dir dienen. Behandle mich als deinen Sohn, und du wirst finden, daß ich dir treu bin wie ein Sohn!"

Eine furchtbare Salve von Flüchen war die erste Antwort des Dik­tators; dann rief er:

Sohn und Vater!" rief er.Vater und Sohn? Was für eine ver­dammte blödsinnige Komödie ist das alles? Wie kommen Sie in meinen Garten? Was wollen Sie? Und wer sind Sie denn überhaupt, 3um Teufel nochmal?"

Francis stand mit einem ganz verdutzten und verschämten Gesicht wieder aus und schwieg.

Plötzlich schien dem alten Vandeleur ein Licht aufzugehen; er lachte laut auf und sagte:

Ach so! Es ist der Scrymgeour. Schön, Herr Scrymgeour, lassen Sie mich Ihnen in ein paar Worten sagen, wie es mit Ihnen steht. Sie sind in meiner Privatwohnung mit Gewalt eingedrungen, oder vielleicht mit List, aber jedenfalls ohne eine Aufforderung von meiner Seite; und jetzt kommen Sie in einem peinlichen Augenblick, wo ein Gast an meinem Tisch ohnmächtig geworden ist, und fallen mit Ihren Erklärungen über mich her! Sie sind kein Sohn von mir. Sie sind ein Sohn meines Bruders und eines Fischweibes, wenn Sie das wissen wollen. Ich be­trachte Sie mit einer Gleichgültigkeit, die nahe an Abneigung grenzt; und aus dem, was ich von Ihrem Benehmen sehe, ziehe ich den Schluß, daß Ihr Geist genau Ihrem Körper entspricht. Ueber diese Bemer­kungen, die Sie vielleicht kränken mögen, empfehle ich Ihnen in Ihren Mußestunden nachzudenken; bis dahin gestatten Sie mir Sie zu er­suchen, uns von Ihrer Anwesenheit zu befreien. Wenn ich nicht be­schäftigt wäre", schloß der Diktator mit einem entsetzlichen Fluch,gäbe ich Ihnen ganz gehörige Dresche und schmisse Sie dann hinaus!"

Francis hörte tief gebemütigt diese Worte. Er wäre geflohen, wenn ihm dies möglich gewesen wäre; aber da er nicht wußte, wie er aus dem Garten herauskommen sollte, in den er so unglücklicherweise ein» gedrungen war, so konnte er nichts weiter tun, als mit einem dummen Gesicht stehen zu bleiben.

Fräulein Vandeleur brach endlich das Schweigen und sagte:Vater, du sprichst im Zorn! Herr Scrymgeour mag einen Mißgriff begangen haben, aber er meinte es gut und freundlich."

Ich danke dir dafür, daß du dies sagst, erwiderte der Diktator. Du erinnerst mich daran, daß ich es für notwendig halte, Herrn Scrym­geour noch einige andere Mitteilungen zu machen. Mein Bruder", fuhr er fort, indem er sich an den jungen Mann wandte,war töricht genug, Ihnen ein Iahrgeld auszufetzen; er war töricht und eingebildet genug, um eine Heirat zwischen Ihnen und dieser jungen Dame vorzuschlagen. Sie wurden am vorletzten Abend ihr gezeigt, und es macht mir Ver­gnügen, Ihnen zu sagen, daß sie den Gedanken mit Abscheu von sich wies, lassen Sie mich hinzufügen, daß ich einen bedeutenden Einfluß auf Ihren Vater ausübe, und daß es nicht meine Schuld fein wird, wenn Ihr Jahrgeld Ihnen nicht entzogen und wenn Sie nicht an bas Schreib­pult zurückgeschickt werben, bevor bie Woche um ist."

Der Ton, in welchem ber alte Mann bieses sagte, war vermutlich noch mehr verletzenb als die Worte selbst; Francis fühlte sich mit der grausamsten, unerträglichsten Verachtung mißhandelt; ihm wurde schwarz vor den Augen, er schlug die Hände vors Gesicht und stieß zugleich einen Seufzer tiefsten Schmerzes aus. Doch abermals trat Fräuleip Vandeleur für ihn in die Schanze.

Herr Scrymgeour", sagte sie in ruhigem und herzlichem Ton,Sie müssen sich meines Vaters harte Ausdrücke nicht zu Herzen nehmen! Ich fühlte keinen Abscheu vor Ihnen; im Gegenteil, ich wünschte Gelegenheit zu haben, Sie besser kennen zu lernen. Was die Vorgänge des heutigen Abends anlangt, so bitte ich Sie, mir zu glauben, daß Sie mich mit Mit­leid und zugleich mit Achtung Ihnen gegenüber erfüllt haben."

Gerade in diesem Augenblick machte Rolles eine krampfhafte Arm- beroequng, die den jungen Francis überzeugte, daß er nur ein Schlaf­mittel erhalten hatte und die Wirkung des Opiums bereits abzuschütteln begann. Der alte Vandeleur beugte sich über ihn und sah ihm einen Augenblick ins Gesicht. Dann erhob er wieder den Kopf und rief:

Run genug! Die Sache muß einmal ein Ende haben! Und da dir fein Benehmen so gut gefällt, liebe Tochter, so nimm eine Kerze und lasse den Herrn hinaus!"

Die junge Dame beeilte sich ihm zu gehorchen; Francis aber sagte zu ihr, sobald er mit ihr im Garten allein war:

Ich danke Ihnen! Ich danke Ihnen aus tiefster Seele! Dies war ber bitterste Abend meines ganzen Gebens, aber es wirb stets auch eine angenehme Erinnerung an ihn mir bleiben."

Ich sprach, wie ich fühlte, unb wie Sie es verdienten. Es tat meinem Herzen weh, daß Sie so unfreundlich behandelt werden sollten."

Sie hatten mittlerweile die Gartenpforte erreicht, und Fräulein Vande­leur, die bie Kerze auf bie Erde gesetzt hatte, war schon damit beschäftigt, bie Riegel zurückzuschieben. Da sagte Francis:

Noch ein Wort! Es ist boch nicht das letztemal ich werde Sie Wiedersehen, nicht wahr?"

Ach!" antwortete sie.Sie haben ja meinen Vater gehört. Was kann ich weiter tun, als gehorchen?"

Sagen Sie mir wenigstens, daß Sie nicht mit seinen Worten ein­verstanden sind. Sagen Sie mir, daß Sie nicht den Wunsch haben, mich niemals wiederzusehen!"

Diesen Wunsch habe ich in ber Tat nicht. Sie scheinen mir tapfer unb ehrlich zu fein."

Dann geben Sie mir ein Anbeuten!" rief Francis.

Sie zögerte einen Augenblick. Ihre Hanb tag bereits am Schlüssel; benn sie hatte bie verschiebenen Riegel unb Eisenstangen zurückgeschoben unb brauchte nur noch bas Schloß zu öffnen.

Wenn ich bas tue", sagte sie,wollen Sie mir bann versprechen, ganz genau so zu hanbeln, wie ich es von Ihnen verlange?"

Können Sie noch fragen?" antwortete Francis.Das täte ich von Herzen gern auf Ihr bloßes Wort hin!"

Sie brehte ben Schlüssel um, öffnete bie Pforte unb sagte:

Gut. Sie wissen nicht, was Sie verlangen; aber gut, es fei so. Ader was Sie auch Horen, was auch geschehen mag, kommen Sie nicht roieber in bieses Haus! Laufen Sie fo schnell wie möglich, dis Sie in die hell beleuchteten, belebten Stadtteile kommen; und selbst da seien Sie auf ber Hut! Sie find in größerer Gefahr, als Sie glauben. Versprechen Sie mir, baß Sie sich mein Anbeuten nicht einmal ansehen wollen, bevor Sie in einem sicheren Ort sind!" (Fortsetzung folgt.)