Ausgabe 
10.7.1936
 
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es Angst? Ich habe drei Jahre lang gekocht, du würdest über diesen

einen

die Nerven. . _ ,, .

Man kann so viel versäumen, Jessica! Die Masten vom Zelt sind schon umgelegt, und allerlei Leute laufen da hinten um Bobby herum, sie haben die Zeltplane weggezogen und setzt sind sie dabet, einen Flaschenzug aufzustellen, auf drei Balken, einen sehr stabilen Flaschen­zug Ich möchte wissen, wo man ihn hintransportieren will. Mein Zug geht in 32 Minuten. Ich bin eine Stunde vor dir in O., und ich schicke diesen Brief durch einen Boten in dein Hotel. Ich möchte dich gerne zur Probe abholen, morgen vormittag, darf ich? Du kannst ganz ruhig sein, ich werde nicht von diesem Thema reden, deshalb hab ich dir ja ge­schrieben. Du kannst, wenn du willst, über alles mögliche mit mir reden und mich monatelang beobachten, aber bitte, nicht allzu lange, damit ich nicht alt und grau darüber werde, und ganz und gar unansehnlich.

Es ist komisch, ich hab dir diesen Brief doch drei, Jahre lang jeden Tag mindestens einmal in Gedanken geschrieben, aber jetzt komme ich gar nicht zum Schluß. Ich habe wohl immer an ihm herumgeschrieben, und es ist eigentlich ein endloser Brief. Sie haben Bobby schon einen halben Meter hoch gewunden, er sieht blaugrau aus in der Sonne, was er wohl wiegt?

Liebe Jessica, laß uns nichts versäumen!

B.raniwortlich: vr. Hans ThyrVvt. - Druck und «erlag: Brühl',che Universitäts.Buch. und Steindruckerei. «.Lange. Giehen.

Brief lachen. E e

Als wir gestern abend aus unserem Cafe kamen, wir hallen nach der Vorstellung noch ein wenig dagesessen, die drei Bartellies und ich, man muß über den freien Platz gehn, es liegt allerhand Abfall da herum, du weißt, und über die Brücke, unten die vielen Dampfer am Quai mit Lichtern, da stand vor dem Seiteneingang, wo es zu den Ställen geht, ein Wagen, und es kam gerade jemand aus dem Portal heraus und noch jemand in einem weißen Kittel, und die beiden Männer sprachen leise miteinander, und dann stieg der eine in den Wagen und fuhr davon, aber wir sahen, daß der Mann in dem weißen Kittel der Dompteur Ullweber war, und wir fragten ihn:Was ist los?" und er sagte:Bobby geht ein. Der Arzt war gerade da. Es ist hoffnungslos". Die drei Vartellies interessierten sich nicht besonders für Bobby, er hatte in ihrem Leben keine Rolle gespielt, und gingen zu ihrem Wagen, aber ich ging mit Ullweber nach den Ställen. Er ist jung, ihn interessiert eine Sache nur so lange, wie sie in schönster Ordnung ist, und er hatte sich in letzter Zeit auch sehr viel mit der jungen Jenny befaßt, die ausge­zeichnet einschlägt. Also blieb Ullweber vor dem Eingang zum Elesanten- stall stehen und sagte, daß er es nicht ansehn könnte. Ich glaube das nicht, die Angelegenheit interessierte ihn einfach nicht mehr, er war fertig damit. So ging ich allein hinein. Ganz am Ende brannte eine Laterne, und der alte Wärter Boseberg (du erinnerst dich an ihn, er hat ....... Backenbart, grau wie englischer Shetland) saß auf einer Kiste und sah immer nach dem dunklen Gebirge hin, das sich auf und ab bewegte, und aus dem so ein stoßweises Stöhnen drang. Wir saßen über eine Stunde so. Bobby bewegte sich noch immer. Seine Atemzüge waren langsam, angestrengt und keuchend.

Gegen drei Uhr sing Bobby an, mit dem Kopf gegen den Boden zu schlagen, immer wieder, und seine Ohren und fein Ruffel waren schlaff dabei, wie aus Tuch, und es war ein schreckliches Geräusch (man hatte ihm nichts geben können, weißt du, es gehört viel dazu, bis em Elefant stirbt, man hofft auch immer noch auf ein Wunder), und alle Elefanten wurden wach und sahen nach ihm hin, und Boseberg erzählte gerade davon, wie Bobby einmal deine Tasche verschluckt hat. Erinnerst du dich? Es war in Susak, wir waren nach der Vorstellung noch einmal zu Bobby gegangen, ob ihm nichts fehlte, du hattest die Tasche auf einen Balken gelegt, und wir sahen gerade noch, wie Bobby sie sich mit dem Rüssel ins Maul schob, mit allem darin, Puderdose, Lippenstift, Spiegel und einer Flasche Kölnisch Wasser. Und jetzt schlug er fortwährend mit dem Kopf gegen den Boden, und der Rüssel flog dabei schon ganz leblos auf und nieder, der Rüssel, hinter dem ich so ost nach dir gesehn habe, wenn unsere Nummer fertig war. und das Publikum klatschte und wir standen und uns verbeugten, Bobby zwischen uns. Und was war das oft für ein Applaus! Und wieviel Blumen für dich!

Was, Jessica, muß das fein, wenn man gar nichts vergessen kann, nicht die aeringfte Einzelheit, und man jeden Tag daran denken muß, jahre­lang" und es einfach nicht weggeht? Dann muß doch etwas dagewesen sein, nicht wahr, Jessica, und ist vielleicht immer noch da? Ich weiß nur, daß es so nicht weitergehen kann.

Alle Elefanten waren wach und sahen nach Bobby hm. wie er starb, auch die junge Jenny. Sie ist ein wundervoller Elefant, Ullweber tut ganz recht daran, sich so viel mit ihr zu beschäftigen, und ich habe heute morgen mit Direktor Willmann darüber gesprochen. Er sande es ungeheuer, wenn wir, du und ich, unsere alte Stefantennummer wieder ein'richten könnten. Wir würden dann, du kannst dir denken, ganz andere Verträge erzielen. Du siehst, daß dein Junge ganz vernünftig (willst du nie mehrJunge" zu mir sagen?) geworden ist, o ja, er weiß schon, daß gerade das zierlichste und großartigste Gebäude den festesten Grund nötig hat. (Jennys Rücken ist schon hübsch breit und sehr fest.) Und Jessica, hast du vielleicht das sind aber schwere Fragen, rote? vielleicht deshalb so gelebt, weil du wüßtest und immer schon wußtest, daß ich heute diesen Bries schreiben würde? Mitunter finde ich diesen Gedanken eitet, aber heute Nacht, als ich auf der Kiste saß und zusah, wie Bobby starb, kam es mir für einen Augenblick wieder so vor, als könnte es doch fein. Du bist oft ein bißchen hellsehend, Jessica.

Dann aber wurden die vier Säulenbeine von Bobby [ehr lang, sie hatten vorher im Vergleich zu dem großen gedunsenen Körper gar nicht so lang ausgesehn, aber jetzt als ich wieder hin sah, waren sie lang ausgestreckt, nach oben, und furchtbar steif, alle vier. Es ist etwas Be­sonderes, Jessica, ein so großes Tier sterben zu sehen, man kann es sich gar nicht vorstellen, es hat bis nach vier Uhr gedauert, und immer noch war Bewegung in dem Körper, dem hochgewölbten Fleischberg, unter der dicken Haut, aber die Augen schon ganz tot, es waren wohl nur

nicht mehr bezähmen, er tritt aus dem Vaumschatten in den Schein, der I ; vom dichtbesternten Himmel stammt. Ein alter und ein junger Mann starren sich verwundert an. , ...

Wie kann ein so alter Mann stehlen?", fragt Giacomo in ehrlichem Staunen.

Herr Conci weih ihm nichts zu erwidtrn.

Warum arbeitest du nicht?", fragt der Knabe hartnäckig.

Du wirst auch einmal ein alter Dieb werden! , sagt der Senator.

''.Ich nicht, ich nicht, mein Lieber. Ich brauche die Limoni nur jetzt für meinen Stand, bis mir der Onkel in Verona Geld leiht. Ich habe ihm geschrieben sein Brief muß bald kommen. Dann werde ich dem Senator Conci zehn Lire schicken, ohne meinen Namen."

Warum gehst du nicht zu ihm nach Fasano und bittest um die L""°Ich jasse mir nichts schenken. Er würde mich wahrscheinlich auch hinauswerfen."

Kennst du ihn so genau?" -

,Hch kenne ihn nicht, er ist immer in Rom. Aber die Leute reden viel von ihm. Es wird schon stimmen."

Faß deinen Sack voll", sagt nach einer Weile der Mann,du kannst durch die Tür gehen. Ich werde sie übrigens offen lassen, damit du morgen leichter hereinkommst."

(fr geht einige Schritte fort. Da hält ihn der Knabe am Rock zurück.

Nimm nur du auch die Limoni, wir haben beide genug, und dem Herrn Senator bleiben noch immer viel übrig ..

. Dann seufzt er leise.

In diesem Augenblick beschließt Herr Conci, am nächsten Tag zum Podesta von Maderna zu gehen.

Brief an Zefsica.

Von Carl Conrad.

Heute Morgen nach der Probe, liebe Jessica, hörte ich von Direktor Willmann, daß du- bei uns Engagement für den ersten Oktober ge- nommen hast und die große Tournee mitmachen willst. Aus demAr­tisten" wirst du wissen, daß ich gleichfalls für den Winter und die Tournee engagiert bin. Es wird also unvermeidlich jein, daß wir uns sehn. Ringsherum ist alles in Betrieb, stell dir vor, wie ich hier sitze, und vom Zeit stehen nur noch die Masten, aber der Lärm stört mich nicht, obgleich soeben eine ganze Menge von unseren Schleppern unge­fähren kommt. Ich sitze hier draußen auf meinen Koffern, und die Wolken sind schon alle weg, wir werden einen schönen Reisetag haben, du auch, und der Lärm kann mich gar nicht stören. Direktor Willmann hat mir erzählt, daß du in O. zu uns kommen wirst, aber vorher muß ich dir noch allerlei sagen, bitte, mach jetzt fein Gesicht. Ich erinnere mich noch gut daran, wie es aussieht, wenn du einGesicht" machst. Die Augen richtest du starr auf einen Punkt der Tischplatte ober was sonst dicht vor dir ist, und die Lider sind so weit nach unten, daß man nichts mehr vor den Augen sieht, und du drückst die Lippen fest zusammen, zu ist das Tor, nicht wahr, und du kannst auch nicht absfreiten, daß du die Augenbrauen dabei ein wenig nach oben ziehst. Oder willst du das ab­streiten? Aber gib es ruhig zu, du machst es nur ganz leicht, daß es gar nicht affektiert wirkt, und bann, was wäre auch Schönes an biefem Gesicht", wenn nicht ber kleine, liebensroürbige Wink ba wäre:O bitte, es handelt sich nicht um einen sturen Ernst, es ist auch ein bißchen fo etwas wie Theater dabei"?

Einmal, ich war sehr überanstrengt, sprang ich zu spät von Bobbys Rücken (Bobby liegt hinter den Wohnwagen, öine große Zeltplane über ihm, es sieht wie ein graues Gebirge aus, er ist tot), ja, ba sprang ich - zu spät von seinem Rücken herunter, und war noch in ber Lust, als du abfprangft, und so konnte ich dich nicht auffangen und verpatzte den ganzen Schluß, aber bas Publikum klatschte boch sehr anftänbig, ich glaub, es war in Brüssel, es hatte wohl gar nichts gemerkt, unb wir mußten noch mal raus, und verbeugten uns. Bobby stand zwischen uns, und ich sah unter seinem Rüssel hindurch nach dir, aber es war noch bas Manegengesicht, sehr strahlend, und als wir in der Garderobe waren, sah ich sofort, daß du deinGesicht" machtest. Du saßt vor deinem Spiegel und blicktest auf eine Dose mit rosa Puder, die dicht vor dir stand, und, Jessica, weißt du noch, was ich ba tat, bamit basGesicht" megaing?

Aber ich bitte dich um alles in der Welt: nimm es richtig auf, wenn ich dich jetzt daran erinnere, denn es ist richtig gemeint. Wenn du sagst, daß ich matt, haltlos, wankelmütig war, ja leichtsinnig, bann hast du recht, ich hab das alles inzwischen bezahlen müssen, auf Heller unb Pfennig, aber, nicht wahr, Jessica, laß meiner Eitelkeit bas kleine Vergnügen unb sag, baß ich niemals geschmacklos war. Ich meine es richtig, wenn ich bich an biese Stunde in deiner Garderobe erinnere, damals, an dem Abend vor vier Jahren, in Brüssel (ich weiß jetzt bestimmt, daß es Brüssel war), und an dem alles anfing, was ich jetzt nicht wegwilchen will, sondern bekräftigen.

Ich weiß daß ich so zu dir sprechen darf, ich habe mich oft bei Kollegen nach dir erkundigt, ich weiß, wie du lebtest. Du hättest dich natürlich durch gar nichts stören lassen, aber trotzdem, jawohl, trotzdem, und obgleich du glaubtest, es sei vollständig aus und erledigt, lebtest du so. Und nun fragst du dich: wozu schreibt er bas alles? Was will er?

Ich hätte bir wahrscheinlich nicht geschrieben, wenn Bobby nicht heute Nacht acfforhen wäre. Sagte ich schon, baß er tot ist? Obgleich ich dir dielen 'B*"ief in den drei Jahren, feit wir auseinander sind, jeden Tag mindest-ns einmal in Gedanken geschrieben habe, morgens beim Rasieren, und oben*- wmn ich in meinem Stuhle saß, und sie mich zurecht machten für di- Manege, und jedesmal an ihm ergänzt und verbessert, wenn ich Bobbn ober überhaupt sonst einen Elefanten sah, bedurfte es doch eines befnnheren Anstoßes, mein Gott, wie träge wir oft sind, ober ist