Ausgabe 
10.7.1936
 
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Gebet.

Von Eduard Mörike.

Herr! Schicke, was du willt, ein Liebes oder Leides! ich bin vergnügt, daß beides aus deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden und wollest mit Leiden mich nicht überschütten! Doch in der Mitten liegt holdes Bescheiden.

Gracomo Tonelli, der Obsthändler.

Von Josef Friedrich Perkoni g.

Frau Tonelli, die Wäscherin von Maderno, liegt aus der Bahre. Sie war immer eine lustige Frau gewesen, die bei ihrer schweren Arbeit gewöhnlich sang. Darum hat sie auch ein fröhliches Totenlager, denn hundert Schritte von der Kapelle entfernt, .n der die Verstorbenen des Ortes zwei Tage lang vor dem Begräbnis für Beter und Neugierige ousgestellt sind, spielen in einem Kaffeehaus drei junge Leute auf Geige, Gitarre und Mandoline für fremde Gäste, die unter dem blauen Himmel sitzen und Orangenwasser trinken.

Die Leute, die einmal auch an die Bahre des Giusto Tonelli kamen, betrachteten damals den kleinen Giacomo nicht so mitleidig wie jetzt, da der zwölfjährige, magere, braungebeizte Knabe zu Füßen der toten Mutter sitzt und die wolligen Haare seines immer wieder knurrenden Hundes streichelt.

Was wird er jetzt nur tun?Er muß verhungern", sagt eine Frau, die ein schwarzseidenes Tuch Über den Kopf gelegt hat.

Eine andere aber beugt sich zu dem Knaben nieder und spricht unter Tränen:

Du wirst zu uns kommen, Giacomo."

Der schaut verwundert, ja beinahe unwillig auf.

Wo drei Kinder essen, ist auch noch für ein viertes genug übrig", meint die barmherzige Frau.

Giacomo legte seine kleine, schmutzige Hand ach, keine Mutter hatte ihn am Morgen zu Wasser und Seife gedrängt auf den Mund und zischt zwischen den Zähnen heraus; seine Stirne ist dabei voll Falten. Er weiß wohl, daß keine noch so laute Stimme die Mutter er­wecken kann, daß sie ruhig liegen bleiben würde, auch wenn die Musi­kanten da auf den Stufen der Kapelle säßen. Aber soll er den zudring­lichen Leuten, die ihn alle für sich haben möchten, in das Gesicht sagen, daß er nicht um das tägliche Brot betteln will? Die Scarpi, Romanelli, Guratto, Mione können selber nicht fett werden, und dann wollen sie noch einen Esser ins Haus nehmen. Niemand soll einmal behaupten können, daß er dem Giacomo Tonelli etwas geschenkt habe.

Bis die Mutter begraben ist, muh er den Hunger fest verbeißen, den»! er möchte nicht aus der Kapelle fortgehen, und er weiß auch nicht, ob er daheim in der Tischlade etwas finden würde. Und wenn ihn jemand fragt, ob er wohl gegessen habe, nickt er tapfer.

Am zweiten Tage kommen ihm dabei doch die Tränen, aber er glaubt, das sei die Trauer um die Mutter.

Nach dem Begräbnis nimmt ihn der Pfarrer in sein Haus. Er stellt vor den Knaben Milch und weißes Brot, aber Giacomo berührt keines von beiden.

Willst du nicht essen, Giacomo?" erkundigt sich der Pfarrer, der­ben Knaben von der Schule her wohl zu kennen meint, vorsichtig.

Ich bin nicht hungrig", dankt Giacomo, und ein Schluchzen irrt wie verspätet hinter seinen Worten nach.

Das ist aber schade", bedauert der Pfarrer beiläufig.Nämlich deine Mutter hat mir das Geld für ihr Begräbnis gegeben. Aber es waren einige Lire mehr, weil sie wollte, daß du weißt, wo du in der ersten Woche wenigstens Milch und Brot bekommen kannst."

Milch und Brot kann man ja immer essen, wenn man auch nicht hungrig ist", antwortete Giacomo verlegen und trinkt bann gierig die Milch. Das Brot steckt er in die Tasche.

Der Pfarrer möchte mit ihm auch über die Zukunft sprechen.

Cs wird schon irgendwie werden", weicht der Knabe aus.

Das ist zu unsicher, lieber Giacomo. Ich könnte dich zum Beispiel in ein Waisenhaus bringen."

Giacomo wird krebsrot im Gesicht.

Nie", schreit er den hochwürdigen Herrn an und erschrickt dann gleich vor sich selber so, daß er todblaß dem Pfarrer die Hand küßt.

Sein Vormund in Verona wird sich bald melden."

Schicken Sie mich nicht von hier fort", fleht Giacomo.

Gut, dann kannst du auch in Maderno bleiben."

Der Pfarrer weiß, der Knabe kommt über fieben Berge zurückge- rannt und rastet weder Tag noch Nacht, ehe er nicht wieder bas Glocken­spiel von Makkino hört.

Die Gemeinbe wirb dich einer Familie zur Pflege geben. Der Senator Gonci wird es freilich nicht sein."

Vielleicht kann ich selber verdienen. Darf ich dann in unserer Woh­nung bleiben?"

Denk einmal nach, Giacomo. Deine Mutter wollte immer schon aus dem finiteren Loch ausziehen. Sie ist darin krank geworben. Du wirst auf jeden Fall in ein besseres Zimmer kommen."

Mir ist das unsrige schon hell genug."

Sa widerspricht ber Pfarrer nicht mehr.

Am nächsten Vormittag fehlt Giacomo in ber Schule

Er wartet währenbbessen im Municipio gebulbig, bis bie Reihe

an ihn kommt, daß er zu dem Schreiber tjineintreten darf. Er kennt ihn gut, aber obwohl er ihn manchmal betrunken gesehen hat, spricht er seine Birte doch nur ängstlich und leise aus.

Was willst du? Einen Obststand auf dem Platz?" staunt der Schreiber.

Giacomo nickt furchtsam.

Es sind ja schon drei da."

Ich werbe ihnen bas Geschäft nicht Derberben. Ich werbe einen ganz kleinen Stanb bauen. Wieviel Obst kann man auch auf zwei schmale Bretter legen? Ein paar Drangen, ein paar Bananen, bas ist alles."

Sie drei Obsthändler werden sich beim Podesta beschweren."

Sas werden sie nicht tun. Ich kenne alle drei. Crispi ist ein guter alter Mann, ich habe ihm ost Tabak geholt, er wird sich daran erinnern; Zeno ist ein Spaßmacher, er kann am weitesten spucken; und Tomio, er wird vielleicht zuerst ein wenig schimpfen. Aber soll er nicht zornig fein, wenn sie ihn in Tripoli zum Krüppel gemacht haben? Ich wäre noch viel schlimmer!"

Wie alt bist du?"

Zwölf vorüber."

Aber da mußt du ja noch in die Schule gehen."

Sas ist es ja, sehen Sie, Herr, weswegen die anderen drei nicht schimpfen werden. Wenn ich nach der Schule meinen Stand aufstelle, haben bie Leute ihr Obst schon gekauft. Ich werbe nur aus Zufall ein Geschäft machen."

Ser Schreiber stimmt ihm gerührt zu.

Su kannst beinen Stanb aufstellen, Giacomo Tonelli. Rechts vom Tomio. Ich werde es dem PobestL melben."

Als ber Knabe unter betn Fenster vorübergeht, ruft ihm ber Schrei­ber nach:

Su hast fünfzig Centefimi hier auf dem Tisch vergessen!"

Aber Giacomo breht sich nicht um. Ser dumme Schreiber! denkt er sich nur. Er streicht bis zum Abend an dem Gerümpel des Ortes vorbei und findet da und dort eine Latte oder ein Stück Brett. Bei dem Tischler Rossi kaust er sich zwei Stangen um fünfzig Centefimi.

Sie halbe Nacht hämmert er in feinem Zimmer, die Nachbarn hören erst nichts mehr von dem Knaben, als er mit Tinte auf einen gelben Papp­deckel ungleichmäßige, schiefe Buchstaben malt. Giacomo Tonelli, frutti ventoli. Obsthändler, wie schön das klingt.

Am nächsten Tag rücken seine Kameraden in der Schule von ihm fort, er ist ihnen so seltsam fremd geworden. Macht das, weil sie daran denken, daß er so lange neben einem toten Menschen saß, ober weil er sich nicht mehr um sie unb um bas Kartenspiel kümmerte? Giacomo trägt anbere Singe in seinem Kopf herum: Ob bie vier Füße seines Staubes wohl ordentlich stehen werben, ob ihn kein Winb umwerfen kann?

Aber er wackelt nicht einmal in ber starken Dra; unb wie ist ein Winb, ber sich gewaltig in bie roten unb gelben Fischersegel legt? Crispi, Ceno unb Tomio finb gar nicht verwunbert, baß sie einen vierten Bruber bekommen ber Schreiber hat am Vormittag lang genug in sie hinein- gerebet. Nur Tomio mault etwas Unverstänbliches baher; wahrscheinlich ist es ein Spott auf ben winzigen, buntzusammengeflickten Stanb. Seim wanbbach hat er keines, unb bas versöhnt Tomio, benn meber in ber Sonne noch im Regen kann Giacomo lange stehen. Sie paar Stunben also wirb es auszuhalten sein.

Aber alle Fremben gehen an den drei alten Ständen vorbei und kaufen bei Giacomo, und da kommen auch Leute, die sonst nie eine Drange nehmen, ober solche, bie bis jetzt nicht bestimmt wußten, wie eine Banane schmeckt. Ser rauchende Crispi sagt freilich nicht, baß er bem Kleinen bie Drangen geliehen hat, unb ber schmunzelnbe Ceno verrät nicht, baß feine Bananen zum nieberen Zwergenstanb hingewanbert finb. Nur Tomio spürt Galle auf ber Zunge.

Wie kommt ber Junge, fragt er sich am zweiten unb brüten Tag, zu ben schönen Limonizweigen? Sie Fremben reißen sie ihm sörmlich aus ber Hand. Wer ist benn fein Lieferant, wo boch bie alten Dbsthänbler seit jeher vergeblich bie Limonettibesitzer von Maberno um bie Zitronenzweige mit ben Früchten im Laub bitten? Nicht um großes Gelb finb sie zu erlangen, unb der Bub da verkauft gleich am zweiten Tag nur noch Zitronen unb Blätter am frischen Zweig.

Für einen alten Soldaten, der im afrikanischen Sand schlauen, gefähr­lichen Füchsen nachspüren mußte, ist es nicht schwer, hinter einem Knaben her zu sein. Safür genügen auch ein Bein unb ein Auge. Schon in ber zweiten Nacht kennt ber hämische Tomio ben heimlichen Lieferanten Giacomos, unb er zögert nicht, gleich am Vormittag bei Senator Gonci in Fasano Einlaß zu begehren. Ser Siener will zuerst bas Gitter am Garteneingang nicht aufsperren, benn ber Krüppel macht einen unheim­lichen Eindruck. Aber Tomio bettelt, als hinge ber ganze Reichtum bes Herrn Senators an seiner Botschaft. Vor Herrn Gonci verbeugte er sich unbeholfen; brei gebrochene Rippen, bie schlecht verheilen, machten ihn im Felbzug zu guter Letzt noch steif.

Ihr ßimonetti in Maderno wird bald leer werben, Herr Senator", beginnt er ohne weitläufige Zeremonien.

Ser alte Mann mit ben blinzelnden Augen im roten Gesicht, ber einige taufenb Zitronen leicht verschmerzen kann, benft sich von bem Einbringung: Wahrscheinlich ein gestörter Sieb, ber sich an einem anberen rächen möchte.

Unb ba er biefen anberen meber kennt noch zur Hanb hat, ben einen aber, ber eine sichere Belohnung erwartet leibhaftig vor sich zu haben wähnt, so brüllt er ihn halb scherzhaft, halb ernsthaft an:Marsch, hinaus, du Lump, sonst wirst bu mir bie gestohlenen Limoni bezahlen."

Tomio entfernt sich gekränkt unb würdevoll. So bankt ein Senator einem tripolitanischen Jnvaliben, bentt er.

Herr Gonci aber, neben ben stummen Sienftleuten einsam unb gelang­weilt in bem weitläufigen Lanbhaus, freut sich ber leicht erregenben Ab­wechslung, steckt einen Revolver zu sich unb geht auf bem Höhenweg nach i Maberno. Er kommt zugleich mit ber Nacht in seinem Züronengarten an.

Unb nun wartet er zwei Stunben lang, bis er leises Sd)arren an der j Mauer vernimmt. Ser Kerl muß klettern können wie eine Katze. Auf einmal hört Herr Gonci einen dumpfen Sprung auf die Grhc Eine kleine I Gestalt schleicht wie auf Tierpfoten näher. Plötzlich kann sich der Senator