Ausgabe 
10.7.1936
 
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Hellen Scheines sich von Zeit zu Zeit verratend, das Blinkfeuer des Leuchtturms.

Jetzt müßte man in den Dünen sein", meinte der Doktor.

Die Schwester Regina schüttelte den Kopf. Das sei zum Fürchten. Nachts müsse man im Freien sein sowie hier, wo es weit und groß und licht sei. Dort oben sei es jetzt böse, sie wisse selbst nicht warum.

Und sie zog sich noch tiefer in seinen warmen Mantel zuruck.

Nach einer Weile fragte sie, wie spät es sei. Er sah nach der Uhr. Es war gegen zehn. Ob sie noch ein Stück am Strand entlang gehen wollten.

Der Doktor war einverstanden: so gingen sie hinab zur See, wo der Boden von den Wellen fest war, und wanderten nordwärts, der Mitter­nacht zu, die dort mit einem letzten Rest von Dunkel über dem Hellen Strand und der See hing. Die Wellen rauschten ganz leise neben ihnen; zuweilen lag etwas Dunkles geheimnisvoll am Strand, um sich beim Näherkommen als ein Stein, ein Stück Holz, ein schwarz geteertes Boot erkennen zu lassen.

Wie unheimlich es nachts ist", sagte die Schwester.Als ob sich alles verändert. Bei Tage sieht man kaum hin; nachts bekommt es Leben und wird Geheimnis."

Dem Doktor ging es ebenso. Er war noch viel verzauberter als die Schwester, die da groß und schmal, leise rauschend, eingehüllt von seinem Mantel, neben ihm schritt und ihn jeden Augenblick tiefer in eine Welt der wunderbarsten Unwirklichkeit zog.

Als sie wieder auf ein Boot stießen, blieb sie stehen.Wir wollen umkehren es wird Zeit, und nachher ist es im Walde zu dunkel."

Er fragte, ob sie sich fürchte. Sie schüttelte den Kopf.Nein aber es ist nicht angenehm. Und dann wollen wir nicht zu spät zu Hause sein."

Zu Hause, dachte er und ihm war, als müsse er das einmal errei­chen. Regina, klang es in ihm und er meinte wieder nicht die Urahne.

Als sie auf halber Höhe der Dünen in den Wald kamen, war es wirklich dunkel. Der sinkende Mond, der jetzt sommerlich gelb und groß zur Rechten hing, warf die Schatten der Kiefernstämme quer über den Boden, so daß sie des öftern tasten mußten, um den Weg nicht zu ver­lieren. Die Luft war unbewegt, wärmer als am Strand; zuweilen knackte neben ihnen ein Zweig, hörten sie im Dunkel das leichte Laufen eines Tieres oder oben in den Kronen den weich rauschenden Flügelschlag eines großen, unsichtbaren Nachtvogels.

Sie schwiegen beide und gingen doch nicht jeder für sich vor allem der Doktor nicht. Er blieb neben der Schwester, um sie zu stützen, wenn sie im Dunkeln stolpern sollte. Einmal ftreifte er ihre Hand; den Mantel hatte sie ihm schon zurückgegeben. Er fühlte die schöne Wärme und muhte <m sich halten, daß er nicht bewußt eine Wiederholung der Be­gegnung herbeiführte.

Auf einmal schoß dicht vor ihnen mit raschem Satz der Schatten eines großen Tieres, eines Rehes, über den Weg. Sie sahen es kaum, aber die Nähe eines fremden Wesens sprang erschreckend an ihnen empor. Unwillkürlich griff die Schwester Regina zur Seite und faßte im Dunkeln die Hand des Doktors, die ihr unvermutet entgegenkam.

Georg Ebener fragte, ob sie sich erschreckt habe. Sie schüttelte den Kopf. Ein wenig nur. Es sei nichts.

Dann sprachen sie beide nicht mehr. Aber als der Doktor kurz vor dem Eingang des Hotels Blöde stehenblieb, hob er die schmale, warme Hand, die er in der seinigen behalten hatte, leicht empor und küßte vorsichtig ihre kühle, feste Oberseite. Sagen konnte er nichts.

*

Sein Zimmer ging nach Süden. Er hatte die Fenster weit aufgemacht; von Mücken war in dieser Zeit noch wenig zu fürchten. Hinter den Kiefern- wipfeln hing rot der sinkende Mond; die Nacht lag ruhig über Land und Haff. Es war ganz still; ein Hund heulte in der Ferne; irgendwo quakten verspätete Frösche.

Der Doktor Ebener saß auf dem Fensterbrett und starrte in das Schweigen. Er dachte an nichts; fein Gefühl wanderte zu dem Mädchen, das drüben am andern Ende des Ganges hauste, und das für ihn das geworden mar, was er sich unter Leben vorgestellt hatte.

Er hatte sich eine Zigarre angezündet und rauchte in die helle Nacht hinaus. Zuweilen knackte es im Zimmer; zuweilen ging ferne ein Ge­räusch: er sah in die wunderlich verbogenen Mondflecken und dachte an die blaue Gestalt, die auf den Wellen ritt, und an die weiße Schwester bei den Kindern, an das Gespräch in den Dünen und an den Weg durch den abendlichen Wald. Regina, klang es in ihm da war ihm, als ob er von der Terrasse her den Namen halblaut rufen hörte.

Der Doktor Ebener nahm die Zigarre aus dem Mund und horchte. Eine junge, männliche Stimme sprach und bann hörte er deutlich wieder den Namen Regina. Ein Weilchen war's still: dann klang ein Lachen:Hollo Regina", und er vernahm die antwortende Stimme der Schwester, deren Lachen sich bald mit dem des Rufers mischte.

Dem Doktor wurde glühend heiß. Er hörte das Rauschen seines Blutes in den Ohren und saß und horchte in die Nacht, aus der die jungen Stimmen zu ihm herüberklangen. Er verstand nicht alles; das Zimmer der Schwester ging nach der Terrasse hinaus, auf der offenbar der Part­ner des nächtlichen Gespräches gesessen und gewartet hatte. Aber er ver­stand genug um zu begreifen, daß der Jüngling dem Mädchen gut zu- reöete, herabzukommen und sich zu ihm zu setzen, es sei ja noch so früh, und er habe den ganzen Abend gewartet.

Gewartet! Das Wort krallte sich in der Seele des Doktors fest, so daß er ein Gefühl völliger Leere in der Brust bekam. Während er an der See weise Gespräche geführt hatte, hatte hier bei Blöde am Haff ein Jüngerer gesessen und schon auf sie gewartet; der wagte es ohne Scheu, zu ihrem Fenster, das er sich doch sicher vorher hatte zeigen lassen, hinaufzurufen. Er, der Doktor Georg Ebener, begnügte sich wie ein Primaner mit einer Hand, indessen ein anderer Glücklicherer...

Das Gespräch war verstummt. Georg Ebener saß reglos und horchte in die Nacht; er fühlte sein Herz mit harten Schlägen in den Halsadern. Er hatte das Gefühl, draußen im fflang fern ein Geräusch von Tritten und bann ein Knarren ber Treppe zu hören; er glaubte, unten auf ber Ter­

rasse Schritte zu vernehmen, und dann klang es war feine Täuschung möglich das Lachen von neuem auf, jetzt zweistimmig, unten auf der Terrasse, und ein Gespräch hob an, gedämpfter als bisher, so daß er nichts mehr verstehen konnte auf der Terrasse. Regina war dem Ruf gefolgt.

Die Zigarre des Doktors hatte kein gutes Ende. Etwas wenigstens mußte er demolieren. Rossitten, dachte er knirschend, Fliegerschule und dann überlegte er nur noch, wie er ohne eine weitere Begegnung fort­kommen könnte. Die Vorstellung, neben ihr wieder stundenlang über das Hass zurückzufahren, höflich zu sein, nicht zu fragen, wenn sie schwieg und sie würde bestimmt schweigen, hatte etwas Teuflisches. Seine Seele raste, wie nur eine männliche Seele zu rasen vermag, ohne Ver- nunft, ohne Beziehung auf die Welt des andern. Er sah nur sich, wollte auch nichts anderes sehen und konnte es nicht.

Nach einer Weile horchte er wieder hinab. Die Unterhaltung ber beiden ging fröhlich und gleichmäßig weiter, etwas gedämpfter, als wollten sie verhindern, baß man sie weithin vernahm. Einmal glaubte er bas Wort Rossitten zu hören, Prebin zu verstehen unb seine Liebe zum Segelslugsport wuchs. Er lachte kurz, unb bann stand er aus, tappte sich durch das dunkle Zimmer zur Türe unb verließ, ba an Schlaf boch nicht zu denken war, ziellos bas Haus, um nur nichts mehr von bem fröhlichen Gespräch hören zu müssen.

Daß ber Ort biefes Gespräches eine zwar nur vom Monb beleuchtete, aber immerhin einigermaßen öffentliche Terrasse eines Hotels war, kam ihm ebensowenig zum Bewußtsein wie ber Umftanb, baß es in Nidben für Begegnungen, bei benen man nicht gesehen ober gehört sein will, sehr viele entschieden bessere Gelegenheiten gab. Er war ein Mann; ihm genügten (ein Zorn unb seine Eifersucht; bie Wirklichkeit ging ihn nichts mehr an.

*

Früh am Morgen saß er übernächtig unb grau auf ber leeren Terrasse. Ein paar Stunben hatte er versucht zu schlafen; bann war er hinab- gegangen, hatte sich Frühstück geben lassen unb beriet nun mit dem ebenfalls verschlafenen Kellner das Problem, ein Motorboot zu bekom­men. Er hatte beschlossen, hinüberzufahren, über Land nach Königsberg, und von dort nach Berlin zurückzukehren.

Der Kellner, durch den Empfang eines zwar deutschen, aber sein Gemüt boch empfänglich stimmenden Gelbstückes gerührt, versprach, sein Bestes zu tun. Er ging, unb zehn Minuten später erschien er roieber am Tisch bes Gastes, der inzwischen, halb verbissen, halb verschlafen, den von der Morgensonne warm bestrahlten Vorhang an dem geöffneten Eck­fenster des ersten Stockwerkes betrachtet hatte, und meldete die Bereit­willigkeit des Fischers Perkuhn, den Herrn gegen Zahlung einer für Ortsverhältniffe nicht unbeträchtlichen Summe auf die andere Seite des Haffs hinüberzubefördern. Unb eine weitere Viertelstunde später gerade kam der erste Gast auf die Terrasse, ber bie Nacht roeber im Gespräch noch sonst außerhalb seines Bettes verbracht hatte verlieh ber Doktor Georg Ebener mit feinem kleinen Gepäck und einem letzten Blick nach oben die Stätte, an der er beinahe glücklich geworden wäre.

Dann begann der Motor zu tacken; dann tauchte noch einmal Blödes Hotel mit dein weißen Vorhang vor dem Eckfenster im ersten Stock auf unb bann versank bie Nehrung rasch im Morgenbunst. Der bärtige Mann am Steuer sagte zuweilen in einer harten, fremden Sprache ein Wort zu dem Jungen, der stumpf neben ihm hockte unb ebenso unverständlich antwortete. Georg Ebener schwieg. Er sah nicht den strahlenden Himmel, nicht die schwebenden, leuchtenden Förden rings über dem weiten, leicht bewegten Wasser, nicht den tiefen, falten Glanz ber braunen Segel, an benen sie vorüberkamen. Er starrte hinüber nach bem bunkeln Waldfleck zwischen den grell leuchtenden, kahlen Sandbergen, der Nidden hieß, unb spürte im tiefsten Innern eine immer wachsenbe Sehnsucht umzukehren und zu warten, bis sich das Fenster öffnete und das strahlende Gesicht der Schwester Regina in den Morgen lachte, ihm zulachte und das Leben wieder anhob.

Aber er kehrte nicht um. Er sah den kurischen Fischer mit feinem oerroetterten Gesicht böse an; er schwieg und suhr weiter. Er war ein Mann.

In Königsberg, wo ber Doktor erst spät am Abenb ankam, fand er im Hotel einen Brief vom Pfarrer Malletke. Er steckte ihn ungelesen in bie Tasche; es war doch nur der Dank für einen Gruß aus Rauschen, und wenn es mehr war: was ging ihn noch bie Ahnfrau Regina an? Er wollte ben Namen nicht mehr hören.

Er wäre am liebsten noch an demselben Abend weiter nach Berlin gefahren. Aber bann fiel ihm ein, baß er die Rückfahrkarte für das Schiff in ber Tasche hatte und über Danzig fahren mußte, wenn er sie nicht verfallen lassen ober umftänblid) bie Erstattung bes nicht abgefahrenen Teils verlangen wollte. Es war ein neuer Grunb, zornig zu fein, unb er nutzte ihn weiblich aus, schlief aber trotzbem in biefer Nacht besser als in ber letzten unb fuhr am nächsten Morgen, in Zeitungen vertieft unb bie Lanbschaft keines Blickes würbigenb, nach Marienburg, unb von bort mit dem visumfreien Autobus burchs Werder nach Danzig.

Die Fahrt verbesserte seine Laune auch nicht; im Hotel bekam er fein Zimmer mit Bad, bei Lautenbacher keinen freien Tisch; so ging er grol­lend zu Denzel, zu Abend, hatte bann aber von seinem zweitägigen Schweigen so genug, daß er nach einigem Ueberlegen ben Pfarrer Malletke anrief, ber sehr erstaunt war, daß er schon roieber ba war unb zu kommen versprach.

Es war leer in ber alten Weinstube mit ben holzgescheuerten Tischen und der männlichen Atmosphäre, bie in langjähriger, mühsamer Tradi- tionsarbeit auf ben im Holz ber Wänbe verfestigten Düsten von Wein, Tabak unb Männergesprächen erwachsen war. Georg Ebener saß in seiner Ecke weitab von ber Welt, unb wenn er sich auch bagegen sträubte: um ihn tanzten bie Bilder der letzten läge, tanzte ein schmales Mädchen­gesicht mit zwei Falten in der Stirne unb tanzte dazwischen eine häm­mernde Ahnung, daß er vielleicht eine qroße Dummheit gemacht hatte.

(Fortsetzung folgt.)