Geheim Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1936 Zreitag. den 10. )uli Nummer 52

gang nach der See zu machen.Es bleibt hell auch ohne den Mond. Um diese Zeit ist es hier am schönsten."

Sie wanderten durch den Wald zur Höhe hinaus. Als sie oben an- kamen brannte gerade der Sonnenuntergang zwischen den Stämmen, und der schmale Streifen See funkelte rot unter dem sinkenden Gestirn. Eine dünne, scharf gerundete Wolke zog sich wie ein brennender Strich quer durch den Abendhimmel. ' , .

Sonnenwende", sagte die Schwester. Der Doktor meinte, es sei noch

Oie Fahrt nach der Ahnfrau

Erzählung von Paul Fechter

Copyright 1935 by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart

(8. Fortsetzung.)

Aber dann sah er zu der Schwester Regina hinüber. Sie stand im Hellen Sonnenlicht! ihren Hut hatte sie in der Hand, und der Wind ging durch ihr braunes Haar. Sie sah mit einem Blick, der sein Ziel ganz weit in der Ferne hatte, über das unendliche Bild von Wasser und Weite, Himmel und Einsamkeit: sie stand mitten im Raum, der lautlos jm Licht um sie kreiste. Sie sah die besonnte Höhenwelt der Nehrung entlang, dem Licht entgegen, das mit erster abendlicher Wärme einen Schein von Leben über die erstarrte Welt des Todes zu seinen Fußen flojy sie sah zur See hin, die zärtlich seidenblau drüben jenseits der kargen Ränder des Lebens lag und der Doktor begriff, wie dies alles zu ihr gehörte. Wie sie aus diesem Land voll Sonne und Kraft, voll Weite und ungeheurer Einsamkeit des Meeres und der Wüste gewachsen war und wie seine eigenen Wurzeln zuletzt auch hier lagen. Wer wuhte denn, ob die Ahnfrau, die er suchte, jene ander« Regina, nicht auch einst mit seinem fernen Vorfahren hier auf eben dieser oder irgend­einer anderen Höhe über der See und dem Haff und dem weiten, wun­derbaren Land gestanden hatte, bevor sie den Irrweg in den Schatten antrat, aus dem er sie jetzt mühsam wiederhervorzuziehen versuchte. Ihr Land und sein Land war es, was da rings um sie gebreitet lag, Land der Enge und der freundlichen Wärme wie dort unten in dem bunten Dorf mit den roten Dächern am Rand des blaugrünen Kiefern­waldes und Land der Weite und Größe, der Härte und der Schick­sale, Land des Raumes, in dem man noch atmen konnte wie sonst nirgends mehr in diesem beengten Reich voller Menschen.

Unwillkürlich atmete er selber tief auf. Die leise Angst, die ihn hier oben gepackt hatte, war verweht er hatte wieder Boden unter den

nicht so weit. ,L , ,

Unten am Strand war es ganz leer. Rur fern zur Rechten sahen sie ein paar Gestalten langsam durch den Sand stapfen. Die See ging mit leisem Rauschen, der Himmel hing hoch über dem dunklen Wasser.

Sie ließen sich an der Düne im Sande nieder.Wie wmm er noch ist", sagte die Schwester. Sie hatte ein Tuch zusammengefaltet hinter sich auf den Boden gelegt und ließ den Kopf in die darauf verschränkten Hände sinken.So ist's am schönsten." _

Der Doktor faß, das Kinn auf seinen Stock gestützt, den er seit Rauschen mit sich führte, und horchte auf das rhythmisch gegliederte ferne Wellengeräusch vor ihm am Strand. Man sah die kleinen Wellen kaum; aber man hörte, wie sie mit kraftlosem Aufrauschen vergeblich den Sand hinaufzurollen versuchten. .

Ein Vogelruf klang vom Walde, noch einer. Georg Ebener wandte den Kopf, aber er sah mehr auf das Mädchen, das da neben ihm im Sande lag und ruhig in das Himmelsblau hinausttarrte.

Je länger man hinsieht, desto weiter sieht man", sagte sie nach einer Weile.Es geht immer tiefer oder immer höher."

Der Mond stand gelb halb hinter ihnen über den Dünen. Er hing tiefer, dem Vollmond näher als vor ein paar Tagen in Rauschen Das Licht verblaßte langsam; aber in der Luft war so viel vom Tage geblieben, daß das Gesicht Abend nicht aufkam.

Auf einmal lachte die Schwester Regina halblaut vor sich hm. Der Doktor, der ohne zu denken auf den Horizont hinausgestarrt hatte, wandte

Nach dem Abendessen saßen sie auf der nur wenig besetzten Terrasse bei Blade. Hinter ihnen, von der Nehrung und dem Hause verdeckt, sank die Sonne. Ueber dem Haff hing ein hoher Himmel das weite Wasser lag in einer stillen Farblosigkeit unter dem eingeschlafenen Wind. Nicht einmal die Wellen glucksten mehr unten am Strand.

Der Doktor sah lange auf das unendliche Bild hinaus.Am Frischen Hass leuchten jetzt die Berge über Cadinen in der Abendsonne", sagte er nachdenklich. _

Die Schwester Regina schwieg. Dann schlug sie vor, einen Spazier, gang nach der See zu machen.Es bleibt hell auch ohne den Mond. Um

seinen Kops zu ihr. Sie bog das Gesicht zu ihm hinüber:Ist es nicht merkwürdig, daß wir jetzt hier zusammen an der See sitzen, und vor drei Tagen kannte ich Sie noch kaum?"

Des Doktors Blick ging wieder auf die See hinaus.Einmal beginnt

alles."

Sie lachte wieder, ein kurzes, halblautes Lachen.Begonnen hat es viel früher." ~ ,

Er sah fragend zu ihr hinüber.Vor mehr als hundert Jahren,

sagte sie.

Georg Ebener nickte.Die Urgroßmutter. Eigentlich ist es hübsch und richtig." Und als sie fragte, warum, fuhr er mit leicht gedämpfter Stimme fort:Ein kluger Freund von mir pflegte zu sagen, wir kennten Leben nur in der Form der Vergangenheit. Urefer ganzer Besitz sei Gewesensein."

Er machte eine Pause; bann fuhr er fort, das sei auch der Sinn der Treue, habe jener gesagt. Nur Verbundenbleiben gewähre ein einheit­liches ganzes Leben, während alles andere nicht nur Alleinbesitz, sondern auch Stückwerk bleiben müsse.

Die Schwester gab erst keine Antwort, sondern sah lange mit großen Augen in den Himmel hinauf. Dann meinte sie, das fei schön, und danach täme es eigentlich daraus an, gemeinsam Vergangenheit zu sammeln.

Der Doktor nickte. Das fei es wohl. Und darum fei es hübsch, daß sie schon weit in der Ferne ein Stückchen gemeinsamer Vergangenheit in der Gestalt der Urgroßmutter hätten.

Sie lag ein Weilchen wie nachdenkend still; dann richtete sie sich auf. Sie sah ihn nicht an, sondern blickte mit zufammengezogenen Brauen auf die See hinaus, daß wieder die Falten ihre Stirn durchzogen.

Das ist so weit weg", sagte sie nach einer Weile.Das ist vor unferm Leben. Gemeinsam sind nur nahe Erinnerungen."

horchte.Eine Eule", sag!

Ueber

Die zurück, kennen.

Die sind ja

Schwester Regina schwieg. Erst nach einer Weile sagte sie:Wir auch verwandt. Vielleicht haben wir gemeinsame, ererbte Erinne- von den Vorfahren her. Ich las einmal, daß es so etwas

rungen

^Sein° medizinisches Gewissen wollte sich regen; aber er schwieg. Was bedeutete in dieser Welt aus Schweigen und leisem Müschen und silber­nem Licht zwischen Tag und Nacht das bißchen Schulweisheit? Er war bereit, noch viel mehr zu glauben.

Die Schwester schauerte leicht zusammen.Ist Ihnen kühl? fragte er beforgt. Sie schüttelte den Kopf:Nein. Nur der Tod ritt über mein Grab, wie sie hier sagen, wenn's einen so schuddert."

©eorq Ebener aber stand doch auf und legte ihr seinen Mantel um bie Schultern; am liebsten hätte er sie ganz eingewickelt und wie ein Kind in seinen Arm genommen. Er traute sich nur nicht.

Aber die Schwester schien es gefühlt zu haben. Denn sie zog unter dem Mantel die Arme zusammen und den Kopf in den Kragen und saß so still für sich, als ob ihr auf einmal ganz warm und behaglich wäre.

Fern vom Wald klang wieder ein klagender Vageiruf. Der Doktor horchte , Eine Eule", sagte die Schwester,vielleicht ein Käuzchen."

Zuweilen flog ein großer Käfer mit tiefem Summen über sie hin. Ueber dem Wald kreiste unsichtbar, nur durch das Aufleuchten eines

Man müßte zusammen Erinnerungen sammeln", sagte der Doktor.

Wie Bernstein", lachte die Schwester Regina.

Ja, oder wie Perlen, damit man sie hervorholen kann, wenn man sie braucht."

Sie dachte sichtlich nach.Eigentlich braucht sie doch nur der, der allein ist", sagte sie halb für sich.Oder wenn man alt ist weißt du noch, weiht du noch? Wenn man jung ist, lebt man und sammelt mehr ob man nun allein ober zu zweien ist."

Der Doktor schwieg und kam sich auf einmal alt vor. Der Wind wehte kühl von der See, die ein bißchen lauter zu rauschen schien; die Schatten vom Monde begannen sich blaß auf dem Sand abzuzeichnen. Eine junge Stimme sprach neben ihm vom Leben was wußte die davon?

Aber es war nur wie ein Hauch, der über feine Seele glitt: dann neigte sich wieder fein Gefühl zu der schlanken Gestalt da vor ihm im hellen Dämmerlicht, und er hätte stundenlang so sitzen mögen und fühlen, wie ein leichtes Netz sich wirklichkeitslösend über ihn und das Leben legte. Ali? Das Leben begann doch erst mit dem Tag, da die Erinnerungen

gemeinsam wurden. . .

Sie saßen noch lange und sprachen, und je tiefer der Abend sank, desto mehr gingen auch die Worte in die Tiefe. Das Licht wanderte über der See langsam weiter gen Norden zu: es verblaßte mehr und mehr. Aber was dort versank, gab der heller heraufglänzende Mond dem Licht wieder, so daß die beiden wie in einem halb nächtlichen Tage unter dem hohen tiefblauen Himmel saßen, an dem da und dort ein blasser Stern aufzublinken versuchte. Die Welt verlor ihre Wirklichkeit, wurde Traum.

'* Seele des Doktors fand wieder zu dem Anfang des Gesprächs Er bekannte, daß er das Gefühl habe, sie schon viel länger zu