Legitimation zu sein schien. Der Sergeant nahm es, blätterte es durch, i sprach dabei sehr erregt — und vollführte mit der -and eine Bewegung, die so viel bedeutete wie: weg mit ihm. Die Soldaten packten denn auch sofort den vermeintlichen Uebeltäter bei den Armen und schleppten ihn durch das Tor nach der Zitadelle.
Da stak nun der arme Brouwer, der ausnahmsweise nichts Schlimmes verbrochen hatte, in einem dumpfen Verließ zu ebener Erde, starrte durch das vergitterte Fenster auf den vom Mond beschienenen Gefängnishof und war zum erstenmal in seinem Leben wahrhaft unglücklich. Wenn man ihn wirklich für einen Spion hielt, überlegte er, fo hatte er bei der Strenge der Kriegsgesetze das Schlimmste zu erwarten. Und im Geiste sah er bereits den Galgen, an dem sein runder wohlgenährter Körper baumelte, den Raben zum willkommenen Fraß.
Als er am andern Morgen wieder die Stirn an das Gitter preßte, bemerkte er einen stattlichen, vornehm gekleideten Herrn, der die Hände auf dem Rücken gemächlich spazierenging, während zwei Soldaten ihm in respektvoller Entfernung folgten. Ei der Tausend, dachte er, wenn der stolze Hidalgo da drüben nicht der leibhaftige Gouverneur ist, will ich mich fressen lassen. Ob ich ihm meine schlimme Lage offenbare? — Und er beschloß, sobald der fremde Edelmann wieder an seinem Fenster vorüberkäme, ihm sein Leid zu klagen und ihn um seine Hilfe zu bitten.
„Sennor, Sennor", rief er, da der mutmaßliche Gouverneur bei seinem Rundgang gerade das Fenster erreichte, „Sennor, leiht mir Gehör."
Der Angeredete blieb stehen und fragte auf flämisch:
„Was für eine Sorge bedrückt dich, mein Junge?"
Der Klang der Muttersprache und der freundliche Ton der Frage, die sich angenehm dem gefangenen Maler in die Ohren schmeichelte, überwanden seine anfängliche Zaghaftigkeit und ermutigten ihn, von der Leber weg zu reden. Hastig erzählte er den Verlauf seiner Gefangennahme und schloß mit der Bitte, ob ihm der hohe Herr nicht die Freiheit schenken wolle, da er doch unschuldig in dieses vermaledeite Loch geraten sei, das, wie er wohl selbst einsehen werde, kein würdiger Aufenthalt für einen tüchtigen Maler sei.
„Daß du ein Flame bist, steht für mich außer Zweifel", erwiderte der Edelmann. „Ob du aber auch, wie du vorgibst, ein tüchtiger Maler bist, mußt du mir erst beweisen."
„Wie sollte ich das, Mynheer, haben doch die räuberischen Soldaten mein Ränzel mit Pinsel, Farbe und Leinwand genommen und dazu noch das schöne Skizzenbuch."
„Da will ich schon Rat schaffen. Gedulde dich nur, man wird dir alles bringen, was du brauchst. Dann magst du deine Kunst zeigen. Im übrigen baue nicht allzusehr auf meine Hilfe, denn ich bin selbst ein Gefangener."
Rach diesen Worten ging er weiter, da die beiden Wächter, von Neugier getrieben, inzwischen herangekommen waren. O du wunderliches Schicksal, dachte Brouwer, da hältst du dich für den Elendesten der Elenden, weil du so ein armer Teufel bist und niemand auf der Welt hast, der für deine Unschuld einsteht, und dieser vornehme Mann, der die Freiheit gewiß nicht weniger liebt als du, und den du seines stattlichen Aussehens halber für den Gouverneur hieltest, teilt mit dir das gleiche Los. Adriaen, mach deine Rechnung mit dem Himmel, dein letztes Stündlein ist nicht mehr fern."
Traurig faß Brouwer den ganzen Tag in seiner Zelle und suchte seine Langeweile zu verscheuchen, indem er mit einem spitzen Stein allerhand Fratzen in die Wand ritzte. Am nächsten Morgen, ziemlich frühzeitig, erschien der Gefängniswärter und brachte ein Gestell, eine Holztafel, Pinsel, Palette und Farben. Der Maler, der das Versprechen seines Mitgefangenen sich schon aus dem Sinn geschlagen und es nur für eine Äugenblickslaune gehalten hatte, war aufs angenehmste überrascht und erfreut. Seine Verwunderung steigerte sich noch, als der Wärter sagte:
„Das schickt Euch unser durchlauchtigster Herzog von Aerdenborg."
„Wie", rief Brouwer, „der vornehme Herr, der hier gestern auf dem .Hof lustwandelte, war der Herzog von Aerdenborg?"
„Ganz recht. Man verdächtigt seine Durchlaucht einer Verschwörung ■gegen die Spanier."
Der Wächter schien mehr erzählen zu wollen, aber ein Geräusch auf dem Flur verscheuchte ihn. Brouwer hatte nun nichts Eiligeres zu tun, -als sich über das Malgerät herzumachen. Zärtlich liebkoste er jedes Stück prüfte er sorgfältig jeden Pinsel, jede Farbe und war so in seine ^Beschäftigung vertieft, daß er über ihr seinen Trübsinn ganz vergaß und «alter Gewohnheit gemäß sogar wieder ein lustiges Lied vor sich hinpfiff.
Lange grübelte Brouwer nach, welchen Vorwurf er wohl wählen ssolle, um den Beweis seines Talentes zu erbringen. Da kam ihm ein glücklicher Zufall zu Hilfe. Auf dem Hof in einer schattigen Ecke saßen ■ein paar Soldaten um einen Tisch, lärmten, frönten voll Eifer dem Kartenspiel und sprachen dabei fleißig dem Wein zu. Das war so recht ■eine Szene nach Brouwers Sinn. Flugs entwarf er eine Skizze von der Zechenden Runde und begann sie in Farben auf Holz auszuführen.
Der Herzog ließ sich mehrere Tage nicht blicken. Als er eines Morgens wieder auf dem Hof erschien und an dem Fenster des gefangenen Malers vorüberkam, flüsterte dieser durch das Gitter ihm zu:
„Durchlauchtigster Herr, das bestellte Bild ist fertig."
Der Herzog nickte, sagte jedoch nichts und setzte seine Wanderung fort.
Eine Stunde später kam der Wärter und holte das Bild. Der Herzog, der nicht wie ein gemeiner gefangener in einer dumpfen Zelle faß, ssondern mehrere Gemächer zur Verfügung hatte, war nicht wenig über i>as Gemälde erstaunt. Vor allem verblüffte ihn die Aehnlickkeit der «Gesichter. Und ganz besonders gefiel ihm ein langer hagerer Kerl, der $m Hintergrund stand und etwas Menschliches verrichtete Der Bursche fcat wahrhaftig Talent und Humor, dachte er und freute sich im stillen sscbon darauf, was Rubens dazu sagen würde, denn der große flämische Meister war ein Freund des Herzogs und besuchte ihn zuweilen.
Als nun der berühmte Maler einige Zeit darauf bei ihm vorsprach, äußerte der Herzog gleich nach der Begrüßung:
„Heute sollt Ihr Euer fachmännisches Urteil abgeben, meln fieber Meister und mir sagen, ob der Mann, der dieses Bild gemalt hat, Talent besitzt oder nicht."
Dabei enthüllte er vor den Augen seines Gastes das Gemälde.
„Ei, sieh da! das ist ja ein Brouwer!" versetzte Rubens, kaum daß er feinen Blick auf das Bild geworfen hatte.
,,Weit gefehlt, mein Freund. Euer Kennerauge hat Euch diesmal betrogen."
„Gift möchte ich nehmen, wenn Brouwer das nicht gemalt hat."
„Setzt nicht so leichtfertig Euer Leben aufs Spiel. Das Bild ist das Werk eines armen Teufels, der hier, wie er behauptet, unschuldig der Spionage verdächtigt in der Zitadelle sitzt."
„Der Mann muß befreit werden", sagte Rubens und ging schnurstracks von der Zitadelle zum Gouverneur.
Dank seinem Ansehen und seiner Fürsprache gelang es dem Meister, die Freilassung des in eine solch üble Lage geratenen Zunstgenossen zu erwirken.
Brouwer fand bei Rubens gastliche Ausnahme, durfte wieder nach langer Zeit in einem richtigen Bett schlafen, konnte sich an köstlichen Speisen und Getränken laben, wurde ganz neu eingekleidet und lebte in dem Haus seines reichen Wohltäters wie ein großer Herr.
Als Rubens den Herzog nach etlichen Tagen besuchte, war das erste, was er sagte:
„Also, ich habe doch recht, Durchlaucht: der angebliche Spion war Brouwer."
Der Herzog sah ihn mit großen Augen an.
„Nicht möglich! Und was treibt er zur Stunde?"
„Er treibt sich wieder auf der Landstraße herum. Mein Haus war ihm anscheinend ein noch unbequemeres Gefängnis als die Zitadelle. Aber er konnte wenigstens entfliehen. Und so hat er sich gestern abend aus dem Staube gemacht."
Orr Teufel fäh f Ski.
Eine luftige Geschichte von Karl Springenschmid.
So hat es angefangen:
Oben in der Einschicht beim Klacherbauern sind sie alle beisammen- gesessen in der Stube rund um den Tisch und draußen vor den Fenstern ist die Mitternacht heraufgestiegen aus dem Tal.
Da ist die alte Klacherin aufgestanden, um noch einen Arm voll buchene Scheiter zu holen, hinüber in ihr Austraghäusl; denn ein Leben, das in die siebzig geht, spürt es schon kalt werden um sich, und der warme Ofen ist die einzige Sorge, die geblieben ist. Die jungen Leut, mit ihren Hitzen inwendig, vergessen allweil auf» Nachlegen.
Alle, die um den Tisch hocken, schauen der Altbäurin zu, wie sie aus der Stuben tritt, hören wie sie durch das Vorhaus tappt. Jetzt nimmt sie draußen beim Holzstaffel an der Hauswand die Scheiter auf, einen Arm voll und jetzt tappt sie — da ist plötzlich —
Um Gotteswillen!
So ein schiecher Schrei, daß es allen kalt über den Buckel lauft — und bann poltern die Scheiter nieder, rumpeln auf den Boden hin.
Die Leut in der Stuben halten erschrocken den Atem an, schauen einander in die Augen —
Unheimlich ist das.
Da steht der Bauer auf.
In diesem Augenblick öffnet sich die Tür.
Die alte Klacherin taumelt herein. Sie muß sich am Türstock halten. Todblaß ist sie, zittert am ganzen Leib. In ihren weit aufgeriffenen Augen steht der helle Schrecken. Die Zähne schlagen aufeinander.
Kein Wort kann sie sagen.
Mit zitternden Fingern greift sie nach dem Weihwasserkrügl, das neben der Tür hängt, und macht ein großes Kreuz über Stirn und Brust.
Dann verkriecht sie sich zu tiefst hinein hinter den Ofen.
Der Bauer stellt kopfschüttelnd seinen Stuhl zurück und geht mit festem Schritt durch die Stuben. Er tritt vor das Haus und schaut rundum.
Aber da ist alles wie immer.
Das Wasser planscht in den Brunnentrog. Im Nußbaum schlagt der Wind mit den dürren Aelten. Das Vieh scharrt im Stall.
Droben steht der Wald schwarz und finster gegen die verschneiten Wiesen, die hell im Schneelicht liegen. Drüber sind die Berge, fest und ruhig wie von ewig her. Sternvoll steht der Himmel über dem Land.
Unten im Dorf brennen die Lichter in den Stuben. Ihr rötlicher Schein zittert hin über den Schnee. Es ist ein Bild voll tiefstem Frieden.
Der Bauer steht eine Weile und horcht. Dann faßt er die Scheiter auf und trägt sie herein.
„Mueter, was hascht denn gsehgn?" fragt er hinter den Ofen hinein, „t siech nix!"
Ader da ist keine Antwort. —
Lange noch hängt der schieche Schrei der alten Klacherin draußen in der Nacht, daß Weiber und Kinder herinnen in der Stuben nicht durch das Fenster zu schauen wagen, vor dem ungewiß und geheimnisvoll die Finsternis steht.
Es ist eine bange Nacht heroben in der Einschicht und wieder ein Tag und eine Nacht.
Kein Wort redet die Alte. —
Endlich am dritten Tag, als sie Die sündhafte Erscheinung schon zu tiefst in den letzten Winkel der Seele hineingebetet hat, kommt sie aus ihrem Austragshäusl herüber und hebt zu reden an:
„Leut, grossen ischt es so: Hab die buedjenen Scheiter aufgsaßt, eins nach dem andern, schiane Scheiter, einen Arm voll, da ..." fester schlingt sie den Rosenkranz um die Finger, schaut ringsum in die Gesichter, die voll Spannung sind. Selbst der Roßknecht, der immer der erste in der Schüssel ist, läßt den Löffel stecken, reißt Maul und Augen auf, „. .. da ischt mir auf amol — i kann nit sagen, wia mir groefcn ischt, ganz


