Ausgabe 
10.1.1936
 
Einzelbild herunterladen

Dummes Zeug!" sagte der Erste. Er befahl, während ich am Schloß arbeitete, man solle den Schiffsarzt holen. .

Ich drehte den Schlüssel, der innen im Schloß steckte, mit einer feinen Zange um. Die Tür tat sich plötzlich auf. Das Fenster des Bullaugs schlug mit einem Klack beiseite an die Wand, und ein heftiger Wind stieß uns ins Gesicht. ,

Wir schauten in die Kabine. Am Boden, vor dem Waschtisch, lag ein Körper, zusammengekrümmt auf den Knien, das Gesicht gegen den Boden gedrückt, die Fäuste in den Haaren!

Da ist der Schnappsack!" rief Kirby.Aufgeschlitzt! Die Racher! Ich sagte es!"

Aber das ist nicht der Inder!" rief der Erste.

Da hörten wir vom Bett her ein Zischen. Ein breiter Kopf richtete sich auf, wiegte sich. Wir fuhren zurück vor der Schlange!

Ich warf den Hammer auf den geringelten Körper. Sie fauchte. Wir schlugen sie tot.

Ein böses, giftiges Bieft!" sagte der Schiffsarzt und nannte einen lateinischen Namen.

Dann kehrten wir den Körper des toten Mannes um: Es war Riggins!

Elisabeth.

Von Theodor Storm.

Meine Mutter hat's gewollt, den andern ich nehmen sollt'; was ich zuvor besessen, mein Herz sollt' es vergessen; das hat es nicht gewollt.

Meine Mutter klag' ich an, sie hat nicht wohlgetan; was sonst in Ehren stünde, nun ist es worden Sünde. Was fang ich an!

Für all mein Stolz und Freud' gewonnen hab' ich Leid.

Ach, wär' das nicht geschehen, ach, könnt' ich betteln gehen über die braune Heid'!

Aus -er Zeit des Posthorns und des Postwagens.

Von Dr. Ludwig Roth.

Vor mir liegt derKalender des Kayferlichen und Reichskammer­gerichts auf das Jahr 1783", wie er mitRömischer Kayserlicher Maje­stät allergnädigsten Privilegio" alljährlich zu Frankfurt am Main in der Andreaeischen Buchdruckerei gedruckt und in meiner Vaterstadt Wetzlar viel verbreitet war.

Das Reichskammergericht hatte in Wetzlar, der alten freien Reichs­stadt, seit dem 15. Mai 1693 feinen Sitz. In Wetzlar ist es nach Auf­lösung des Heiligen römischen Reiches am 6. August 1806 entschlafen. Es hat ein Alter von 391 Jahren erreicht (als königliches Kammergericht 1415 errichtet) und war recht altersschwach geworden.

Als Sitz des höchsten Reichsgerichtes war Wetzlar ein vielbesuchter Platz und so ist es durchaus verständlich, wenn besagtem Reichskammer- aerichts-Kalender auch einVerzeichnis derer Posten" beigefügt ist,wie solche täglich und wöchentlich in dem Kayferlichen Reichs-Post-Amt zu Wetzlar von verschiedenen Orten ankommen und abgehen."

Montags und Freitags abends um 5 Uhr tarnen die Niederländifch- und Coellnische Poft an; Sonntags und Donnerstags nachmittags um 3 Uhr ging die Poft von Wetzlar ab. Diese Post vermittelte den Verkehr: Nach Amsterdam, Rotterdam, nach dem Haag, Utrecht, Dortrecht, nach ganz Holland und Brabant. Nach Brüssel, Antwerpen, Mechxln, Tongern und nach London, ganz England, Schott- und Irland. Mit dieser Post wurde aber auch der Verkehr verbunden nach Koblenz, Bonn, Sinzig, Linzig, Neuwied, Andernach, Nassau, Bad Ems. Ferner nach Weilburg, Limburg, Hadamer, Montabaur, (Samberg, Selters-Brunnen, Schaum­burg, Runkel, Dierdorf, Diez, Hachenburg, Siegburg, Altenkirchen, und sämtlichen Gräflichen Saynischen Landen. DieSchwäbisch- Bayrisch- Französisch- Reichs- Niederländisch- Bergsträßer und Frankfurter Poften" gingen täglich abends um 5 Uhr ab und tarnen täglich um 8 Uhr morgens an.

Diese Posten fuhren nach Darmstadt, in die ganze Bergstraße und in die Pfälzischen Lande, item nach Heppenheim, Weinheim, Worms und Mannheim. Ferner nach Nastätten, Schmalbach, Wiesbaden und Höchst sowie nach Mainz, Frankfurt, Hanau, Friedberg, Butzbach und in die ganze Weiterau. DieseFranzösische Post" vermittelte den Verkehr nach Straßburg, Marseille, Bordeaux, Paris und nach allen französischen Landen. Die Schwäbisch-Bayrische fuhr nach Bayern, Württemberg, Schwaben, Baden. Wichtig ist die Linie nach Aschaffenburg, durch den Spessart, nach Würzburg, Regensburg, Nürnberg, München, Passau, Wien, und nach ganz Ungarn.

Es bestanden außerdem noch folgende Linien: Die Moselstromer Post, die Westfalische und Kurhessische Poft, die Sauerländer Poft, die Nor­disch-Sächsische und Fulder Post, die Westerwäldische Post, die Schweizer und Breisgauer Poft, die Speyerische Poft und die Salzburger Post. Zur Abfertigung dieser vielen Postwagen bedurfte es eines großen Per­sonals, zur Bespannung waren viele kräftige Pferde nötig. Große Stal­lungen. Wagenschuppen und Unlerfunftsräume waren naturgemäß für tuePoftbalierei" notwendig. In den Stallungen des Posthalters Wald- fchmidk zu Wetzlar standen wie mir in meiner Jugendzeit erzählt wurde täglich 120 bis 140 Pferde im Ausspann, bzw. zum Um- und

Vorspann. Häufig erschienen auch Extra-Posten. Del der Reichskammer- gerichtsVisitation, die in den Jahren 1767 bis 1776 in Wetzlar ftattfand, fuhren der Kaiserliche Kommissar Fürst zu Fürstenberg und der Ge- heimrat Freiherr von Spangenberg in sechsspännigem Wagen unter Glockengeläute und Kanonendonner in die Reichsstadt ein; ihm folgten der Reichsguartiermeister in einem vierspännigen Wagen, der Kur- sächsische Gesandte in einem sechsspännigen Wagen, der Kurmainzische Gesandte ebenfalls in einem sechsspännigen Wagen, eine ganze Reihe vierspänniger Wagen, und viele Reiter. Es müssen also in der alten Reichsstadt viele Stallungen vorhanden gewesen fein.

Wir sind aber mit der Aufzählung der Postlinien noch nicht zu Ende. Wir finden noch die Voigtländische, die Bayreuther, die Böhmische und Oberpsälzer Post. DieOdenwälder Post" kommt Montags und Don­nerstags morgens 8 Uhr in Wetzlar an, und geht Montag und Freitag abends um 5 Uhr ab; sie fährt nach Oberroden, Dieburg, Lengfeld, in die ganze Grafschaft Erbach, Habitzheim, Umstadt, Reichelsheim und Fürth.

DieWestricher Post" geht insWestrich" und da lesen wir: nach Zweibrücken, Saarbrücken, Bergzabern, Bliescastel, Sankt Jmbrecht, Homburg, Ottweiler, Cusel, Meisenheim, Sodernheim, Oppenheim, Obern­heim, Daun, Alzey, Kirchhain, Nierstein, Kreuznach, Bingen, und auf dem Hunsrück.

Besonderes Interesse erregt dieJtaliänische Post". Abgang: Sonn­tags und Donnerstags abends 5 Uhr, Ankunft Montags und Donners­tags morgens 8 Uhr. Sie geht nach Rom, Genua, Neapel, Mantua, Mailand, Venedig, Florenz, Brixen, Bozen, Trient und Turin. Aus­drücklich ist vermerkt:Die Turiner Briefe gehen Sonntags besonders gut über Mantua, wohin selbe einen kürzeren Weg nehmen als durch die Schweitz und müssen selbige franco Mantua gemacht werden. Montags, Donnerstags und Freytags aber können solche durch die Schweitz dahin laufen." Schließlich hören wir noch:Der Kayserliche Reichs-fahrende orbinaire Wagen kommt im Sommer, so wie im Winter in Wetzlar an: von Frankfurt: Dienstags und Samstags Abends; geht von Wetzlar ab: Montags und Donnerstags früh." Was muß das für ein Leben vor der Posthalterei bei der Ankunft und Abfahrt der vielen Posten gewesen sein! Gerne bewegte sich auch dasPublikum" um diese Zeit in der Nähe der Post; Ankunft und Abfahrt der Postwagen waren ein wichtiges Tages- Ereignis. Die gewöhnliche Landpost war ein sehr langsames, unbehilf­liches Beförderungsmittel. Ihr Schneckengang war berüchtigt. Kunft- strahen gab es nirgends in Deutschland; erst nach dem Siebenjährigen Kriege wurden die erstenChausseen" gebaut, auch diese schlecht. Fünf Meilen am Tag, zwei Stunden die Meile, scheinen die gewöhnliche Ge­schwindigkeit gewesen zu sein. Eine Entfernung von 20 Meilen war zu Wagen nicht unter drei Tagen zu durchmessen, meist wurden vier dazu gebraucht. Waren die Landstraßen gerade schlecht, was in der Regenzeit des Frühlings und Herbstes regelmäßig eintrat, so unterließ man die Reise. Das Eintreffen fremder Reisender in einer Stadt war bas Tages- Ereignis; neugierig umstand die Menge den angekommenen Wagen.

Die Reisenden erhielten Reise-Scheine, die von derFürstlich-Thurn und Taxis'schen Ober-Post-Amts-Expedition fahrender Posten" ausgestellt wurden. Auf dem Reise-Schein waren Bemerkungen für das reisende Publikum abgedruckt. Da lesen wir:In dem bezahlten Postgelbe finb alle übrigen Gebühren mit inbegriffen, namentlich: Einschreibegebühr, Packer- ober Wagenmeister-Gebühr, Postillons-Trinkgelb, Chaussegelb, unb Brückengelb. Den Wagenmeistern, Packern, Postillons ist es durch- aus verholens irgend eine Anforderung an die Reifenden zu machen ober selbst mit Höflichkeit sich ein kleines Geschenk zu erbitten. Die Konduk­teurs haben ebenfalls keine Anforderung eines Trinkgeldes zu machen. Nur für das Fortbringen des Reisegepäcks aus ober nach bem Pofthause bürfen die Packer, Wagenmeister ober beren Gehülfen eine ihren Be­mühungen angemessene Vergütung in Anspruch nehmen. Das einmal bezahlte Passagiergelb wirb in keinem Falle mehr zurückerstattet: ber Abgang ber Post wirb über bie festgesetzte Zeit nicht verschoben, baher müssen sich die Reisenden eine Viertelstunde vor der angezeigten Stunde vor der Post-Expedition einfinben, indem sie es sich selbst zuzuschreiben haben, wenn der Postwagen abfährt und sie Zurückbleiben müssen; alles Anhalten in und vor der Stadt, vor Privat- ober Gasthäusern ist unter­sagt. Tabakrauchen kann nur im Einverständnis mit der übrigen Reise­gesellschaft stattfinden; Hunde dürfen in den Post- und Eilwagen nicht mitgenommen werden.

Das Gepäck der Reisenden muß spätestens eine Stunde vor Abfahrt des Wagens und wenn letztere morgens früh erfolgt, Abends zuvor in das Postbüreau eingeliefert werden. Bei zu später Ueberbringung der Bagage kann nicht auf Beförderung derselben mit der nämlichen Post gerechnet werden. Jeder Reisende hat am Gepäck bis 30 Pfund frei. Für das Mehrgewicht wirb bie vorgeschriebene Taxe bezahlt. Passagier- Bagage, welche wegen Schwere ober Mangel an Raum nicht auf den Postwagen geloben werben kann, wirb mit bem abgehenden Packwaaen befördert. Kleinere .Reisebedürfnisfe' wie Degen und Säbel, Stöcke, Män­tel und Oberröcke, leere Fußsäcke dürfen von den Reisenden zu sieh in den Postwagen genommen werden, wenn sie ohne Belästigung der Mit­reisenden darin untergebracht werden." In den damaligen unsicheren Zeiten hatten die meisten Reisenden außerdem eine Pistole, meistens einPaar Pistolen" bei sich. (Bergt. Goethe:Werthers Leiden", Leipzig 1774, S. 213:Wollen Sie mir zu einer vorhabenden Reise Ihre Pistolen leihen? Leben Sie recht wohl".)

War alles verstaut, bann ging es unter bem Klange bes Posthorns zum Stäbtlein hinaus! So ging es bem Reiseziel entgegen, immer in Spannung, bah nicht ein Wegelagerer ober eine Räuberbande wie Schinderhannes, Jekoff Juda oberMorbche" unb andere berüchtigte Gesellen unterwegs die Post überfielen und die Passagiere ausraubten. Der berühmte UeberfaU auf den Postwagen in derHörre" bei Herborn war ein Zeichen der Zeit: der Unsicherheit im Heiligen römischen Reiche teutscher Nation mit seinen 326 Vaterländern!

Verantwortlich: vr. HanSThyriot. Druck unbDer lag:Brühl'scheUniv er fitäts-Duch»un bSieinbrucker ei. R. Lange, Gieße«.