Ausgabe 
10.1.1936
 
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Wissenschaften getan). Die Reise die Wolga hinunter und später wieder hinaus, über die Kaspis und den Kaukasus wurde eine Schicksalsreise. Bei der zweiten Wolgasahrt im September 1925 siel mir eines Nachts auf dem «Schiffe in der einsamen Welt der dort hausenden Deutschen das Thema ein: VolkoufdemWege drei Novellen.

Noch in Bartenstein in Ostpreußen begann ich im Frühwinter des Jahres mit der Arbeit. Ich schrieb in den folgenden Monaten eine erste Fassung der mittlerweile zu einem einbändigen Roman ausgewachsenen Drei Novellen", die aber noch im selben Jahre, ungedruckt geblieben, verworfen wurde. Sofort ging ich an eine größere Neufassung, von der ich die fertige Handschrift im Jahre 1928 nach Nordamerika mitnahm.

Denn mittlerweile hatte sich aus einem großen Studium der Geschichte der Auswanderung von Millionen Deutscher (und auswandernder Volks­teile überhaupt, von Italienern, Griechen, Iren) die Notwendigkeit ergeben, sollte etwas Ordentliches, Erlebtes zustande kommen, die Aus­wanderungsstraße selbst zu betreten, dem Volke auf dem Wege auf abkürzenden Richtwegen meinetwegen entsprechend der Kürze des mensch­lichen Lebens nachzugehen.

Dort drüben wurde mir recht klar, was ich sollte und wollte. Das erste Halbe Jahr verging über dem Suchen nach der rechten Einstellung zum Thema und nach Orten der Erfahrung. Ich fand ausgewanderte, jetzt am Mississippi farmende Bedienstete unseres Hauses, deren uns bekannten Wohnort wir aufsuchten, fand aber auch meinen jüngeren Bruder Jakob, der vor zwei Jahrzehnten davongegangen und verschollen war. Ich holte sehr weit aus. Da war vieles kennenzulernen: Neger der Südstaaten Nordamerikas und namentlich die Indianer, jene sich fruchtbar und glück­lich mehrenden Einwanderer (besser Eingewanderte, durch Gewalt ande­rer nämlich), diese stolz schweigenden Opfer der Zuwanderung einer rücksichtslosen Rasse; das Abfließen Europas in eine fast leere, jedoch mit Besitztiteln belegte Welt in seinen großartigen und grausigen Folgen.

Wir lebten ein herrliches Leben. In Urwald und Sumpf, in Wüste und Hochwald das WortHoch" in Hochwald von einer in Europa unbekannten und fast unvorstellbaren Maßbedeutung. Das Wetter war der südlichen Breite gemäß, die der von Marokko entspricht. Wir fuhren fast dreiviertel Jahr im Kraftwagen über einer Fläche hin und her, deren Durchmesser die Entfernung von Deutschland bis Indien mißt. Wir lebten lange das amerikanischeout door life", das Leben im Freien: in Wagen und Zelt. Bäume, die schon zu Abrahams Zeiten lebten, türmten ihr ehrwürdiges Holz über uns, und wir verkehrten mit dem Indianer, der vor kurzem erft'aus der Steinzeit gewaltsam in unser Maschinenzeitalter hereingerissen und ihm angeschlossen worden war.

Die durch Amerika auf einer dem Erdumfang gleichen Entfernung mitgeschleppte Handschrift gab ich, im Jahre 1930 wieder in Europa, endiich heraus, unter dem TitelW o l g a Wolga" Viele von der Wolga hinter den Mississippi ausgewanderte oder geflohene Wolgadeutsche hatte ich getroffen und gesprochen. Im Jahre 1931 schrieb ich einen FolgebandRhein und Wolg a", in dem der als Hauptgrund der Auswanderung nach Rußland gesehene Jahrhundertdruck der Franzosen auf den Rhein dargestellt war schrieb das Buch unter den Augen der Franzosen nicht ohne Beklemmung und in Sorge um die Handschrift in Oasen der Sahara, int blauporzellanen Gartenkaffeehaus des deutschen Generalkonsulats in Algier und beim Schmettern derclairons" im nahen Fremdenlegionslager in Fez in Marokko. In einer herrlichen Halbjahrsfahrt brachte uns der Wagen über Italien nach Nordafrika und über Spanien zurück. Gedörrt von der monatelang tagtäglich schei­nenden, mittags der senkrechten, nahestehenden Sonne, im Kampf mit dem geflügelten Geschmeiß und elend gemacht von der Wirkung glauber­salzhaltigen Oasenwassers führten wir ein Leben, um das ich mich heute selbst beneide.

AberWolga Wolga" undRhein und Wolga" wurden alsbald ver­worfen und an ihre Stelle tretenIm Wolgaland" undDie V ä t e r z o g e n aus" als die Bände I und II des WerkesVolk auf dem Wege", das je länger desto mehr mit meinem Leben eins wird.

Der lederne Schnappsack.

Von Friedrich Freksa.

An jenem gesegneten 21. September des Jahres 1929 lag in Singa- pore für mich der Fall klar genug. Ich hatte auf die zweitausend Dollar, die mir meine Gesellschaft in Oakland auszahlen sollte, allzu sicher gerech­net, und nachdem meine Hotelrechnung bezahlt war, blieben mir nur noch 25 China-Dollar übrig. Das gab ein unbehagliches Gefühl in der Brieftasche und im Herzen. Mich jetzt darauf zu versteifen, auf die zwei­tausend Dollar zu warten, beim Konsul zu betteln, mit dem ich Cocktails getrunken hatte, daran dachte ich nicht. Ich mußte im Oktober in Frisco fein. Meine Dollars würde ich schon bekommen. Also ging ich in die Kneipe des deutschen Schlächters, wo sich die Seeleute treffen. Und hier schmierte ich mit zwanzig Dollar den Ersten Koch von derCelebes", einem Achttausend-Tonner, der mit bunten Passagieren und Stückgut am 24. nach Frisco ging.

Ich übernahm einen Vormannposten in der Küche. Das war nicht schön, aber ich konnte sofort an Bord gehen. Meine letzten fünf China- Dollar blieben in meiner Tasche. In der Schlafkoje waren wir zu acht. Neben mir lag Riggins, der, wie ich, dem Ersten Koch unterstand. Die anderen waren Fahrensmänner von echtem Schrot und Korn, rauhe Kerls, die erst ihren Spaß mit uns hatten und uns bann die Stange hielten.

Ich lebte also ein wenig unbequem, aber mit dem schönen Gedanken: Bist du erst in Oakland, ist alles gut, und du kannst gegen deinen Boß auftrumpfen, der dich im Stich gelassen hat!

Anders war es bei Riggins. Er war einer von diesen unglücklichen Menschen, die aus dem Kurs geraten waren. Ingenieur und Kaufmann war er gewesen, hatte drunten in Schanghai einen großen Posten gehabt, war auf dem Wege, ein erster Mann zu werden. Dann waren Frau und Kind plötzlich gestorben, er hatte getrunken, hatte gespielt. Er war

herabgerutscht, und schließlich war er in Singapore ein Vagabund iS schmutzigen weißen Anzug und verbeulten Tropenhelm geworden.

Einer der Offiziere derCelebes", der ihn in feinen Glanztagen gekannt hatte, las ihn vom Hafenpflafter auf, brachte ihn unter, damit er nach Amerika käme und sich besinnen könnte.

Und er besann sich auf feine Art! Er haderte mit dem Schicksal, er wurde gelb, wenn er die reichen Passagiere in der Bar oder beim Tanz sah.Ich habe einen Bruder in Los Angeles", jagte er,der scheffelt Geld, und der wird mich unterbringen. Aber es wird ja doch nur ein Almosen werden, was er mir gibt! Ja, wenn ich etwas milbrächte, bann wäre ich ihm willkommen, bann würbe er mich zum Partner machen in seinem Geschäft! Oh, ich weiß Bescheibl Ein Mensch ist nur soviel wert, wie er Dollars in der Tasche hat!"

Unter den Passagieren derCelebes" fiel nach ein paar Tagen schon ein Inder auf. Er hatte eine Außenbordkabine erster Klasse, saß bei Tisch für sich allein. Er trug feinen Abendanzug mit Anstand. Nur an den merkwürdig aufgewickelten Haaren und dem dunklen Ton der Haut erkannte man den farbigen Gentleman. Er hatte einen großen schweins­ledernen Schnappsack bei sich, den er selbst beim Essen neben feinen Tisch stellte. Und dieser lederne Schnappsack erregte natürlich die Neugier des Knzen Schiffes. Der Steward hätte das Ungetüm gern aus dem Speise­ck entfernt, aber der Inder gab ihm eine Pfundnote, und damit war die Sache in Ordnung.

Verschiedene Mitreisende redeten den Inder an, besprachen mit ihm bas Wetter ober die Fahrt ober bas Reiseziel, fragten nach dem Schnapp- sack. Dann lächelte ber Inder und sagte:Ja, es ist ein guter «Satti Er ist sehr fest!"

Auch bei uns Leuten vom Vorderkastell wurde über den Inder gesprochen. Er nahm die Phantasie so stark gefangen, daß fast nur von ihm die Rede war und wenig von den hübschen Frauen und ihren Lieb­schaften, wie fie an Bord vorkommen.

Passagiere und Mannschaft waren überzeugt, baß biefer gelbe, schweinslederne Schnappsack Schätze von ganz besonderer Art bergen müßte.

Gold würde er so leicht nicht tragen können", stellte Riggins fest, aber ich kann mir denken, daß er Edelsteine von großem Wert bei sich führt, altes Geschmeide! Vielleicht hat der Inder einen Tempel ausge- raubt und bringt sie nun nach Amerika in Sicherheit?!"

Dann entgeht er den Rächern nicht!" sagte ber alte Kirby und zupfte sich dabei am Goldring, den er im rechten Ohrläppchen trug. Und er erzählte uns den ganzen Abend über von Tempelräubern und von den geheimen Rächern, die den Schuldigen auf rätselhafte Weise zu Tode brächten.

Ich habe so einen Inder mal erlebt", erklärte er uns,der war auch ein feiner Herr und fuhr von Bombay nach Port Said. Und denkt euch, wie wir in Port Said vor Anker gehen und die Passagiere von Deck müssen, fehlt der indische Gentleman! Und wie wir feine Kabine dann aufbrachen da war er fort verschwunden! Seine Kleider waren da, und fein Gepäck war da, und fein Paß war da. Aber der Kerl selbst war fort! Die Rächer konnten ihn nur durchs Bullauge hinausgeschoben haben, und dann haben ihn die Haifische gepackt die Haifische!"

So!" sagte Riggins,so!" Er wurde sehr nachdenklich. In den folgenden Nächten hörte ich ihn an meiner Seite stöhnen. Ich gab ihm dann einen Puff. Er fuhr auf und erklärte, er hätte Alpdrücken gehabt.

Auf Deck traf ich ihn, als wir Freizeit hatten. Ich sah, wie er dem Inder folgte.Dich hat wohl der schweinslederne Schnappsack verhext?" fragte ich.

Er fuhr auf wie aus tiefem Traum und sagte:Joe, denk mal an, wenn unsereiner bas hätte, was ba in bem Schnappsack brin ist! Da brauchte man das ganze Leben nicht mehr zu sorgen! Und zu denken, daß dieser farbige Gentleman ein Dieb ist, der Heiligtümer ausgeraubt hat und nun sich zurückzieht nach Amerika und dort als ein reicher Kerl sein Leben genießt und unsereiner muß sich burchdvücken, immer so am Rande nebenbei leben! Unsereiner darf nichts darstellen, muß zu seinem eigenen Bruder Dankeschön sagen, wenn er einen Posten kriegt mit hundert Dollar vielleicht!"

Riggins", sagte ich,wer wird sich solche faule Grütze in den Kopf fetzen! Für einen tüchtigen Kerl fängt das Leben mit jedem Tage neu an!"

Ja, ja, Joe, du kannst zu deinen Datlanbleuten gehen und hast dein Geld sicher, und die ganze Reise ist für dich nur eine «Sparbüchse, für mich aber ist sie die Heimkehr des verlorenen Sohnes!"

DieCelebes" lief ihren Kurs durch die blaue See. Die Passagiere wechselten in Penang, Hongkong, Schanghai, Pokohama, der Inder blieb. Sein Reiseziel war, wie das unfere, San Franzisko.

Und bann kam ber Morgen, biefer wunbervolle rotflammenbe Morgen, da wir durch Golden Gate, das goldene Tor, einliefen in die Bai von San Franzisko! Die «Stewards klopften an bei den Passagieren erster Klasse zum Aussteigen. Wir machten uns fertig, um von Bord zu gehen. Da sah ich, daß unser Erster Offizier mit dem Purser sprach; ich hörte die Worte:Alle Passagiere haben ihre Safes geöffnet, nur noch nicht ber Inder! Und ber «Stewarb hat schon breimal angeklopft!"

Ich sah, wie bas Kinn von unserem Ersten sich senkte und fantig würbe. Er schaute sich um, bemerkte mich und ries:Verstehen Sie sich auf Schlösser?"

Ich nickte.Machen Sie bie Kabine 17 auf!" Ich bekam Werk­zeug, ber Dberfteroarb, ber Stewarb unb der Erste Offizier folgten mir. Kirby, ber etwas gehört hatte, kam uns nachgelaufen.Die Rächer!" sagte er,bie Rächer sind es, bie mit ihm aufgeräumt haben! Ihr werdet ihn nicht finden!"

Was für Rächer?" fragte ber Erste.

Nun, bie Hüter der Tempelschätze!" sagte Kirby geheimnisvoll.In Port Said, auf der .Calebonia', war es genau basfelbe vor breizehn Jahren! Da fanben fie ben Inder auch nicht, nur feine Kleider, und er selbst war verschwunden und bie Schätze auch!"