Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1956 Hreitag, -en 10. Januar Nummer 5
Lars der Gerechte
Roman von Wilhelm Scharrelmann
(Schluß.)
„Weißt du noch, wie wir hier damals mit unserem Karren stecken blieben?" fragt Lars. ,Hch mußte damals wahrhaftig die Hälfte der Sachen erst abladen und hier am Wege stehen lassen, und als ich sie dann nachgeholt hatte, saßest du auf der Türschwelle und weintest."
O ja, Lena weiß das noch so gut wie er. Es ist ja überhaupt keine Zeit der Freude gewesen bis jetzt, die sie hier draußen gehabt haben.
„Das weih Gott", antwortet Lars und sinkt wieder in sein Schweigen zurück. Dann wenn er es betrachtet, hat er vom ersten Tage an ja nur an einer Last getragen, wie sie schwerer für ihn kaum zu denken ist. Aber nun ist es zu Ende damit, wenn er auch zehnmal ärmer darüber geworden ist, als er jemals vorher war ...
Gewiß, leicht wird er es auch in Zukunft nicht haben. Vielleicht, daß es ihm gelingt, ein kleines Fuhrgefchäft zu beginnen. Er hat ja Hopla und den Wagen dazu, den er vielleicht gegen einen kleinen Federwagen eintauschen kann. Aber das kam darauf an, ob ihm Pferd und Wagen überhaupt bleiben würde, wenn er nun mit Martin ans Abrechnen ?>ehen würde... Nun, wenn alle Stricke rissen, hatte er ja immer noch eine beiden gesunden Arme... Schöner wäre es ja, wenn es mit dem Fuhrgeschäst etwas würde. Er war ja am Hafen gut bekannt und vielleicht fanden sich auch sonst Gelegenheiten für ihn... Aber das nächste war wohl, Martin zu verständigen, dann konnte man weitersehen. Gleich morgen wollte er in den Hamburger Hof gehen und ihn aufsuchen.
Aber wie — wenn Martin Lohmann sein Geständnis nicht so aufnahm, wie er es sich erhoffte?
Nun, darauf mußte er es ankommen lassen ... so oder so, es gab keinen anderen Weg.
Vielleicht, daß Sorte ihn ein wenig vorbereitete? Sie würde sicher viel eher die richtigen Worte dafür finden.
Aber dann verwarf er den Gedanken wieder.
Nein, er wollte selber und allein mit ihm sprechen und hatte nicht vor, sich davor zu drücken oder sich gar dahinter zu verstecken, daß Sorte Martins Schatz war. Denn wenn man es bei Licht besah, so hatte das nichts, aber auch gar nichts mit der Sache ^u tun, und er würde genau so handeln, wenn Martin Lohmann ihm völlig fremd gewesen wäre.
Da wird es plötzlich merkwürdig hell über der Gegend, und Lena blickt sich verwundert um.
„Lars!" schreit sie auf. „Nein — Lars!"
Erschreckt fährt Lars aus feinen Gedanken auf und zieht die Zügel an. „Was ist denn, Lena?"
Aber da sieht er es schon selber. Ein Brand ist es, und es ist sein Haus, das da in Flammen steht!
„Krick!" entfährt es ihm im ersten Erschrecken. Darum also versteckte er sich vorhin vor ihm? Vielleicht, daß er schon dabei war, das Feuer anzulegen, als er ihn rief?
„Lars!" jammert Lena und bricht in Tränen aus. „Lars!"
Wie? Kehrt er nicht um? Macht das Pferd vom Wagen los und reitet zurü um noch zu retten, was nur zu retten ist?
f i er röhrt sich nicht einmal.
Schlaff liegt das Leitseil in seiner Hand. Er weiß ja viel zu gut, daß gegen die Glut da drüben nichts auszurichten fein wird — das ganze Dach ist ja schon ein einziges Feuer — eine lodernde Fackel, die mit aufschießenden Flammen gen Himmel schlägt. Dazu kommt noch ein anderes, das ihn zurückhält, eine dumpfe, unausgesprochene Ahnung, daß auch dies irgendwie mit zu der Gerechtigkeit gehört, die in allem ist.
Ein Schauer überläuft ihn, und wortlos stiert er in den Feuerschein, der über die verschneite Landschaft hinweg zu ihm herüberleuchtet.
Lena kann und kann sich das Unglück nicht erklären. Das Feuer auf dem Herd hat sie noch nachgesehen und die Asche darüber gelegt, als sie vorhin über die Diele gegangen ist, und im Ofen in der Stube war es schon erloschen, als sie das Haus verließen. Sollte es möglich sein, daß Krick vielleicht mit seiner Pfeife unachtsam gewesen ist oder leichtsinnig ein brennendes Streichholz weggeworfen hat? Auch Lars hat wohl an so etwas gedacht, als er im ersten Schreck feinen Namen nannte?
Aber Lars zuckt nur die Schultern.
®ut, daß sie ohne Schuld daran sind. Lena soll nur nicht länger mefjr Hinsehen, es ist nur quälend für sie und helfen können sie ja b*be nicfjt mehr. Und gut ist es auch, daß keine Nachbarhäuser da sind, die in Gefahr geraten könnten. Selbst der Fuhrenkamp wird kaum unter der
Glut leiden, so nahe er auch am Hause liegt. Der Schnee, der auf den Bäumen liegt, wird ihn schützen.
Und Krick? Ob er gar nicht an Krick denkt? fragt Lena ihn.
0 doch. Gewiß denkt er an ihn. Aber er will nicht aussprechen, was er denkt. Er war ja bei Vernunft, nicht wahr, wenn er auch etwas getrunken hatte, als er vorhin nach Haufe kam. Und da wird er schon wissen, was er zu tun hat--Auch hat Lars ihn vorher noch gerufen,
ehe sie wegfuhren ...
„Ja, ja", antwortet Lena, „das hörte ich ja auf dem Wagen. Aber er antwortete dir nicht, nicht wahr?"
„Nein", sagt Lars und schüttelt den Kops. „Er wollte es wohl nicht. Vielleicht hatte er mir auch nichts mehr zu sagen, siehst du. Wir sind fertig miteinander, Krick und ich."
„Du meinst, daß er —"
Aber Lars zuckt nur die Schultern.
„Nein, quäl dich nicht damit. Du kannst das jetzt doch nicht verstehen. Ich konnte ihm nicht raten und nicht helfen, wenn man es mit einem Worte sagen soll... Niemand hätte ihm helfen können — und nun ist dieses wohl seine Antwort — auf alles ..
Eine Ahnung zuckt in Lena auf. Aber sie will sie nicht äußern. Hat Lars ihr nicht versprochen, ihr bald über alles Klarheit zu geben, was für sie rätselhaft blieb?
So schweigt sie und meint nur in leisem Wimmern in sich hinein, nun die Flammen da drüben höher und höher schlagen, und stößt einen leisen Schrei aus, als das Dach des Hauses plötzlich mit einem prasselnden Krachen in sich zusammenbricht, daß es in der meilentiefen Stille der Nacht zu ihnen herüberschallt.
„Lars, Lars — und was soll nun mit uns werden?"
Lars will ihr nichts vormachen und weiß selber viel zu gut, daß es nicht leicht für Lena werden wird, was auf sie wartet. Was das Haus betrifft, fo ist es versichert, und wenn Martin als neuer Eigentümer will, kann er sich später ein neues bauen, wenn die Summe auch nicht hoch sein wird, die man ihm auszahlen wird. Nur die Sachen im Hause! Lars hat diesmal den Betrag für die Versicherung nicht aufbringen können ...
Schweigend legt er den Arm um Lenas Schultern und zieht die Weinende an sich.
„Sorg dich nicht", bittet er sie. „Gewiß, es wird nicht einfach fein für uns. Aber wir müssen den besten Fuß vorsetzen, siehst du."
Noch nie hat Lena die Ruhe und Gelassenheit seines Wesens so tief empfunden wie in diesem Augenblick.
„Daß du noch immer wieder Mut hast!" sagt sie und tastet nach feiner Hand.
„Ja, Lena. Im Grunde ist ja nichts verloren, siehst du. Ich meine sogar, mit dem Hause da drüben wird auch vieles zu Asche, was schwerer aus mir gelegen hat, als du ahnen kannst. Und im übrigen habe ich schon in jungen Tagen gelefnt, die Zähne zusammenzubeißen, siehst du."
Nun das Dach eingestürzt ist, ist das Haus nur noch ein rauchender Trümmerhaufen. Scharf und brandig bringt der Geruch des schwelenden Qualms zu ihnen herüber.
Nein, es ist nur quälend für beide, noch länger hinüberzusehen.
„Komm, Hopla, voran denn!" ruft Lars in plötzlichem Entschluß, und gehorsam legt sich der alte Gaul wieder in die Stränge.
Ein gutes halbes Jahr ist darüber hin.
Aus der Brandstätte erhebt sich ein neues Haus. Ganz so groß wie das alte ist es nicht, aber es ist nach der Weise der Väter gebaut, und das Dach, bas tief unb bis auf bie niebrigen Fenster in ben Beitem roänben herabgeht, ist mit Stroh gebeckt. Der Bauunternehmer hat Lars zu Ziegeln geraten, aber er hat sich nicht bazu entschließen können. Nein, er hat es so roieber haben wollen, wie es war unb wie er es in seinen Kinbertagen auf bem ßanbe nicht anbers gekannt hat. Unter einem solchen Dache hat es bas Vieh im Winter in ben Ställen wärmer, unb billiger ist es auch, nun Lars bas Stroh bafür auf ben eigenen Felbern fchneiben konnte, bie er im vorigen Herbst noch in Ruhe beackerte unb besäte. Auch hat er beim Bau selber ben Hanblanger gemacht. Er weiß sich ja mit allem zu behelfen, unb es gibt fo leicht keine Arbeit, bie er nicht kennt. So ist es ihm möglich gewesen, mit der kleinen Summe, bie bie Versicherung für bas abgebrannte Haus ersetzt hat, wenn auch nicht ganz auszukommen, so boch bie hauptsächlichsten Kosten zu becken.
Denn mit seinem Fuhrgeschäst in ber Stabt ist es nichts geworben. Es wäre auch wohl nicht bas richtige für ihn gewesen. Auch Martin hat es nicht (eiben wollen. Denn vor bem Gesetz ist Lars immer noch ber Eigentümer ber kleinen Stelle, wenn Dörte unb er Martin auch oft genug auseinanbergefetjt haben, baß niemanb anbers als er ber wahre (Eigentümer bes Hofes fei. Zuletzt haben sie sich untereinanber geeinigt, baß sie alle vier, Lars, Lena, Borte unb Martin, nebeneinanber in bem neuen Haufe wohnen wollen. Von Kricks Untat haben sie sich vorgenom- men zu schweigen. Nur baß er bas Haus in feiner Betrunkenheit ange- zünbet unb babei wohl den Tod in ben Flammen gefunben hat, hat Cars


