verantwortlich: vr. HanS Thyriot. — Druck und Derlag: Drühl'fche UniversitätS-Duch. und Steindruckerei. R. Lange. Dieben.
Wiegenlied.
Von Detlev von Liiiencron. Vor der Türe schläft der Baum, durch den Garten zieht ein Traum. Langsam schwimmt der Mondeskahn, und im Schlafe kräht del Hahn. Schlaf, mein Wölfchen, schlaf.
Schlaf, mein Wulff. In später Stund küss' ich deinen roten Mund.
Streck dein kleines dickes Bein, Steht noch nicht auf Weg und Stein. Schlaf, mein Wölfchen, schlaf.
Schlaf, mein Wulfs. Es kommt die Zeit, Regen rinnt, es stürmt und schneit.
Lebst in atemloser Hast, hättest gerne Schlaf und Rast. Schlaf, mein Wölfchen, schlaf.
Vor der Türe fchläft der Baum, durch den Garten zieht ein Traum. Langsam schwimmt der Mondeskahn, und im Schlafe kräht der Hahn. Schlaf, mein Wölfchen, schlaf.
Fra« Königin werden? — Vielleicht, sagte die Frau, und lachte.
Da küßte der König ihren frischen roten Mund und sprach: Liebste Frau Königin, du bist neuntausendmal gescheiter als mein Kanzler und Staatsrat, ich will dir neuntausend Küsse schenken! — Fang an, sagte die junge Frau, einmal ist keinmal, und sie lachte. .
In dieser Nacht schneite es eine weiße Decke über das ganze Königreich. Und als es Frühling wurde und die Eisblumen von den Fenstern geschmolzen waren, erscholl draußen auf dem Marktplatz munteres Hus- aetrappel. Das waren die Königsboten, die ausgezogen waren, ihren verschwundenen Herrn zu suchen. Da sprang König Friede auf sein Roß, und er nahm sein junges Weibi vor sich in den Sattel, und die roten Husaren bliesen ein Stück, und fort ging es nach der Hauptstadt, wo alsbald die Hochzeit in Freude und Herrlichkeit gefeiert wurde.
fünfzig Pfennig für den Nachtplatz, sie bürstete jedesmal das Gewand des Sängers halbwegs zurecht und sagte ihm jedesmal, er möge im anderen Jahr wisderkommen. ... . ... n ,
In so einem andern Jahr dann, nachdem man sich dreißig Jahre gekannt hatte und die grauen Haare weiß geworden waren, geschah es, daß Urban in der Wagenwirtschaft bei den fahrenden Leuten zur Nacht bleiben muhte. Die Harlin weinte, die Bodenkammer war nicht mehr da, das Heu war naß und das Haus hatte nur noch eine unbeschädigte Stube. Der große Wind war gekommen und hatte das brüchige Haus in Trümmern auf die Wiefe geworfen. .
Daß ein Wind so böse sein und ein gutes Haus in Trümmer werfen konnte, das einer braven alten Frau gehörte, das wollte Urban nicht verstehen. Er konnte im Bett der Wagenwirtschaft nicht schlafen, er sah immer das verweinte Gesicht der Frau vor sich, er stand auf und lies sinnlos herum, durch den Markt zuerst, dann über di« Wiesen draußen, über die Pachtäcker und die taunassen Krautselder. Viermal kam er an den Platz, an dem die Trümmer des zerbrochenen Hauses in die Nacht ragten, und als er zum vierten Mal über die Wiese trottete, sah er das Licht der Alten aufflammen in der einzigen Stube, die noch geblieben war. Er klopfte, aber die Harlin war scheu geworden und fürchtete nun alles, was so in der Nacht daherkam wie der Wind. Er mußte erst eine 'lange Zeit rufen, bis ihn die scheue Frau einlieh.
Das war nun alles, diese Stube, die paar gesunden Balken darüber, die regenfeuchte Decke, der Herd und das Bett. Und der Bänkelsänger muhte selber das Feuer anmachen im Herd, als er nach dieser unschönen Nacht eine Schal« Kaffee haben wollte. Erst als es warm wurde vom Feuer, wurde auch di« Frau wieder zugänglicher. Sie sah am Tisch, an dem sie immer gesessen waren, und zeichnete mit den Fingern etwas auf die Tischplatte. . .
Bauen werde sie wohl müssen, meinte sie. Bauen, em weng herumbauen um diese verbliebene Stube, wieder so ein Haus, so ein ganz dürftiges Haus, denn das Geld sei doch ganz wenig. Leise sagte sie es dem Mann ins Ohr, wie wenig Geld sie habe, um wieder ein Haus zu bauen. Und Urban meinte, dann müsse es wohl nur ein kleines, ein sehr kleines Haus werden, mit den billigsten Steinen gebaut und nur schlecht gedeckt. Er fragte die Alte auch nach ihren Plänen und tränt den Kaffee dazu, wie er ihn jedesmal in den ruhigen Jahren getrunken hatte an die- i Es kam dann jo, dah an diesem 23omittag die Marktleute sich selber Unterhaltung schaffen mußten, weil Urban immer noch in der Stube bet der Harlin saß und mit den Fingern nachzeichnete, was die alte weihhaarige Frau vorzeichnete. Ein Haus sollte werden, ein bescheidenes Haus für eine wunschlose Frau. Der Mann, der nie sehr sroh gewesen war, wenn er ein allzu fest gefügtes Haus-um sich gehabt hatte, der bloß am freien Leben der Straße feine Freude hatte, hielt mit einem Bleistiftstummel das fest auf der Tischplatte, was da einmal ein Haus werden sollte.
Als es Mittag war, zeichneten die zwei Leute immer noch, und di« Frau tat einen kleinen Schrei, als sie die Rechnung des landfahrenden Burschen hörte. Nein, so konnte es gar nie werden, so durfte sie nicht bauen, so war das ihr End« und das Ende des bescheidenen alten Lebens. Urban schüttelte den Kopf und überlegte weiter, während der Bleistiftstummel wieder zeichnete auf der Tischplatte.
Dieses eine Mal versäumte der Bänkelsänger seine Märkte und sein ganzes Geschäft, er mußte bei der alten Frau fein und ihr helfen, wenn sie bauen wollte. Er sagte ihr nach ein paar Tagen sein Geheimnis, das sich hinter der Dürfttgkeit des verstaubten Gewandes verborgen hatte. Geld hatte er, ein wenig bares Geld, nicht sehr viel zwar, aber genug, um das Haus so zu bauen, wie er es haben wollte, für die alte Frau groß genug und für ihn ausreichend und den Kühen Platz bietend. Er vergaß die Moritaten, die er auf den Märkten fang, und er pfiff beim Planzeichnen alte Lieder vor sich hin, die Boden hatten und irgendwo daheim waren, nicht so ohne jeden Halt wie sein Landfahrerleben, das kein Daheim kannte.
Immerzu zeichnete er, neue Pläne, schöner« Pläne, für deren Durchführung das zusammengeworfene Häuflein Geld nicht ausreichen konnte. Aber er plante weiter. Die Harlin stand bei ihm und drängte: so müsse es werden und so müsse es bleiben. Das bewegte ihn nicht, jetzt nicht, wo er einmal sich eingeträumt hatte in die Freude, wo er neben seiner unsicheren Sttaße einmal ein sicheres Haus haben wollte. Er machte Pläne, und das Schneewasser des Winters kam durch di« Decke der alten Stube. Er zeichnete bunte Fenstersimse mit Blumen darauf, und das Frühjahr kam, das ihn sonst immer hinausgeführt hatte auf die Märkte. Die Harlin saß daneben und meinte. Es wurde wohl nie etwas mit dem Bau des Hauses, denn der Mann baute sinnlos dahin auf der Tischplatte und dem Papier, fein Planen war zur Narretei geworden, nachdem er ein langes Leben lang die Festigkeit gehaßt und alles Häusliche verachtet hatte.
Mitten im Sommer dann zog Urban wieder fort auf die Märkte, und er hatte neue Wider und neue Reime. Die Bilder waren auf der Tischplatte der alten Frau gezeichnet worden mit bunten Simsen und Fenstern davor, und die Marktleute lachten darüber, weil der Bänkelsänger in den alten Tagen mit solch törichten Dingen auf die Märktereise ging.
Ihr wißt doch den allen Urban noch, den Narren, der in seiner letzten Zeit unsinnige Lieder von Häusern und vom Bauen gesungen hat, bis man ihn überall wegwies, weil die Menschen mit solchen Torheiten nicht geplagt werden wollten? Der allen Harlin hat er fein erspartes Geld zurückgelassen, und di« Harlin hat wieder gebaut, ein ansehnlicheres Haus als zuvor.
Aber wohin er selber gekommen ist, der Urban, der Narr, das weiß ich nicht, das weiß niemand. Er war ein Bänkelsänger, und solche Leute bleiben eben einmal irgendwo liegen, weil sie doch keinen Platz, kein Daheim und kein Haus haben.
Oer Bänkelsänger.
Don Josef Martin Bauer.
Ihr wißt doch den alten Urban noch, den Mann mit der langen, faltigen Harmonika vor dem Bauch und den zwölf Bildertafeln unterm Arm. „ , .. „ , , u
Ihr habt doch auch, als ihr noch Kinder wart, ine Nasen platt* gedrückt an den Fenstern der Marktwirtschasten, wenn der Urban bannen fang von der Liebe und dem harten Tod des Räubers Mathias oder von dem sterbenden Legionär. Und jetzt, wenn der große Markt ist, an dem sich alles trifft, ihr Jungen zur Liede und ihr Alten zum Bereden, jetzt fragt ihr umsonst nach dem Bänkelsänger. Er kommt nicht mehr, er ilt vielleicht schon tot, oder er ist so müd geworden, daß er den endlosen Weg von Markt zu Markt gar nicht mehr machen kann.
Vielleicht vermißt ihr ihn gar nicht, denn er war doch bloß ein aller unwichtiger Mensch, und er war wohl ein Narr, wie die Zirkushans- wurste auf den großen Märkten, die Witze reihen und arm in die Welt schauen, wenn man die Farbe von den entstellten Gesichtern wäscht.
Dreihigmal war er hier, und bann ist er nicht mehr gekommen, weil ihn bie Leute mit ihrem Lachen vertrieben haben. Er hat die dreißig Mal in den Marktnächten auf dem Heu geschlafen, in einer bettlosen Bodenkammer, die Platz gab für ihn, die Harmonika und die zwölf Bilder Und alle dreißig Mal hat die Harlln, die ihn in ihrer Bodenkammer zur Nacht behielt, mit ihm bann am gleichen Tisch ben Morgenkaffee getrunken, bevor ber Markt begann und Urban ben Diehbauern, bie am zweiten Tag kamen, feine Lieber vorsang.
Dreißigmal. Unb man kam oft weit in ben angebrochenen Vormittag hinein, wenn bie Harlin erzählte, wie es mit den drei Kühen gegangen war in diesem Jahr, wie es die Pachtwiesen verregnet hatte, wie es den zwei Töchtern in ber Ehe erging. Urban saß bann bei ihr unb nickte manchmal. Sehr viel wollte er von diesen Dingen nicht wissen, denn er war ein landfahrender Kerl. Aber dankbar wollte er zu der guten allen Frau sein, die ihn immer aufnahm. Die Frau war doch so, daß sie still unb aufmerksam hinhorchte, wenn Urban das Seine erzählte. Sie lachte gutmütig, wenn er beim Erzählen lachen konnte, weil das letzte Jahr vielleicht gut gewesen war.
Alles ging so seinen Weg, alles blieb vom einen Jahr zum anderen ziemlich gleich, Urban roch es am Heu, wenn die kleine Ernt« eines Jahres verregnet worden war, die Harlin sah es am Gewand des Bänkelsängers, wenn die Marktleute geizig den Beutel zugehalten hatten. Den verheirateten Töchtern erging es nicht schlecht, das dürftige Haus der Harlin hielt immer noch zusammen, obgleich es schon ganz alt und morsch war, Urbans Harmonika mit ben vielen Flickstellen an den Ecken ber Quetschfalten tat immer noch ihren Dienst, die Sttaßen waren bester geworben in ben letzten Jahren, unb sonst war kaum etwas notwendig für fo einen landfahrenden alten Burschen. Die Frau nahm jedesmal bie


