Ausgabe 
9.11.1936
 
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Heimatgesühl.

Von Clemens Brentano.

Wie klinget die Welle!

Wie wehet der Windl O selige Schwelle, wo wir geboren sind!

Du himmlische Bläue!

Du irdisches Grün!

Voll Lieb' und voll Treue wie wird mein Herz so kühn!

Wie Reben sich ranken mit innigem Trieb, so, meine Gedanken, habt hier alles lieb!

Da hebt sich kein Wehen, da regt sich kein Blatt, ich kann draus verstehen wie lieb man mich hat.

Ihr himmlischen Fernen, wie seid ihr mir nah!

Ich griff nach den Sternen hier aus der Wiege ja!

Treib' nieder und nieder, du herrlicher Rhein!

Du kommst mir ja wieder, läßt mich nicht allein!

O Vater, wie bange, war mir es nach dir, horch' meinem Gesänge, dein Sohn ist wieder hier!

Du spiegelst und gleitest im mondlichen Glanz, die Arme du breitest:

* Empfange meinen Kranz!

Oas Bild des Friedens.

Von Joachim von der Goltz.

Es war einmal ein König, der hieß in seinem Volke bei jung und alt nicht anders als König Friede. Denn solange er regierte, hatte kein Feind die Landesgrenzen zu überschreiten gewagt, und die Leute suhlten sich so sicher, daß die Haustüren Tag und Nacht unverschlossen blieben. Handel und Gewerbe blühten, und es war kein Herd im ganzen Lande, auf dem nicht die fröhliche Musik der Bratpfannen gespielt wurde

Da aber dem König alle Unternehmungen wohl gerieten, und seine Schatzkammern die Menge Gold und Silbers kaum faßten und unaus- börlich vom Morgen bis zum Abend sein Herz mit Lob und Dank er­quickt wurde, schien seinem Glück nur das eine abzugehen, daß er immer noch unvermählt war. An dem Tage, als er sein vierzigstes Lebensjahr vollendete, und die Glocken von allen Kirchtürmen lauteten, fiel er in eine schwere und heftige Krankheit. Der König siechte, ohne daß jemand zu sagen wußte, aus welcher Ursache, dahin.

Eines Nachts, als die Bewohner des Palastes in großer Sorge um das Leben ihres Herrn auf Zehenspitzen durch die Flure schlichen, wurde der Kanzler an das königliche Bett besohlen. Kanzler, sprach der Kranke indem er sich mühsam aufrichtete, ich hatte vorhin einen Traum. Ein Bild war mir erschienen, in dessen Anschauen ich mich wundersam erquickt fühlte; doch es entschwand. Erwacht, bemühte ich mich vergebens, das Bild zu erinnern, es blieb verschwunden. Nur das eine weiß ich, daß es das Bild des Friedens war. Das Bild des Friedens, lieber Herr, ist das nicht Euer eigenes, glückseliges Volk? Matt schüttelte der König den Kopf. Geht, sprach er, und erlaßt einen Befehl an sämt­liche Maler meines Königreiches, das Bild des Friedens zu malen. Vielleicht gelingt es einem. Denn wenn ich es nicht wiederschaue, muß ich sterben. Ach, seufzte der alte Staatsmann, wenn die Majestät phantasiert, was bleibt alsdann noch niet- und nagelfest.

Es erging aber in derselben Nacht der Befehl an alle Maler im Reich, das Bild des Friedens, ein jeglicher nach seinem Sinne, anzu­fertigen und sich mit dem vollbrachten Werke an dem und dem Tag in der Hauptstadt bei dem Herrn Kunstmarschall einzufinden. Der Maler des Bildes aber, das den Traum des Königs erfüllte, sollte als Lohn «ine Grafschaft mit vielem köstlichen Zubehör empfangen. Als nun der kranke König, in eine Sänfte gebettet, durch die Räume getragen wurde, in welchen man die Bilder des Friedens aufgehängt hatte, und alles mäuschenstill war vor Erwartung, wer der glückliche Maler nach seinem Herzen sein werde sah man erst recht, wie blühend und reich- gesegnet doch di« Zustände in diesen Landen waren. Da saß in lichter, schöngetäfelter Stube, nach vollbrachtem Tagwerk, die Hände im Schoß gefaltet, der fleißige Landmann, während fein Weib die dampfen­den Schüsseln hereinträgt, und das Hündlein nach einem Knochen

schnappt, der von der reichlichen Mahlzeit des vergangenen Tages zeugt. Ein anderes Bild zeigte das Löschen eines eben gelandeten Frachtschiffes» rüstig fliegen die Ballen von Arm zu Arm, keck und wetterfest blicken die Matrosen drein, und ein Heimkehrerlied scheint zu den winkenden Mäd­chen auf dem Kai herüberzuschallen. Der nächste Maler hatte eine Gruppe lichtgekleideter Mädchen, die um einen Maienbaum tanzen, dargestellt, ein anderer eine würdige Magistratssitzung unter dem Schutze einer Marmorbüste des Königs. So hatte ein jeder auf seine Weise das Bild des Friedens zu schildern gesucht, meist aber waren es spielende Kinder an einem Bächlein,, äsende Rehe auf einer Waldlichtung, Bauernhauser im Abendsonnenschein, schöne symbolhaste Frauengestalten und allerlei erquickliche Szenen aus dem Alltagsleben eines betriebsamen glücklichen Volkes, das keine Not kennt. Ach, seufzte der König, nachdem man ihn durch mehrere Säle getragen und er lange im Anschauen verweilt hatte, ich spüre, daß ich sterben muß. Da fiel sein Blick auf ein klemes Bild das sich zwischen den schweren Goldrahmen seiner Nachbarn recht unscheinbar ausnahm. Pfui, sagte der Kunstmarschall, der davor- tand, wie unsachlich! Reicht es mir, sprach der König. Doch kaum stell er das Bild in Händen, als er in die Kissen zurllcksank und sogleich in einen wohltätigen Schlummer fiel. Kurios, meckerte der Kanzler, der nach einer Weile in die Sänfte hineinzugucken wagte. Was? Was? Wieso? wisperten die Hofschranzen und Ehrengäste einstimmig. Majestät erlauben? raunte der Kanzler der Form wegen, ehe er das Bild mit den Fingerspitzen aus der Sänfte herausnahm, um es umher­zuzeigen. Ein Vogelnest! rief die Staatsrätin. Wie süß, sagte ein junges Fräulein, das Malerei studierte, es sind Eier darin. Em Windstoß kann das Nest herunterwerfen, fiel der Reichsschatzmeister ein, dann stürzt es in den schäumenden Wasserfall, welcher dicht unter dem tragenden Zweige das Geröll hinabtost! Eine Schlange, sprach mit tiefer Stimme der Minister für Landwirtschaft, der seit kurzem. von einer Gemahlin getrennt lebte, eine Schlange ringelt sich an der Wurzel des Baumes! Ach, rief das Fräulein, wie reizend unbesorgt trotz aller Gefahren der Vogelpapa dem brütenden Weibchen die Lebensmittel in den Schnabel steckt! Darunter, brummte der Kanzler, unter dem Ganzen steht: PAX! PAX, wisperten die Hofschranzen, Würdenträger und Ehrengäste einstimmig. Pa ... pa ... pax, machte der Vater des Fräuleins, ein berühmter Professor der Malkunst, und alles wollte sich ausschütten vor Lachen.

Ueberdem erwachte König Friede, und als er seine Glieder dehnte und sich reckte, ward er froh, denn er fühlte mit Wonne seine Kräfte wiederkehren. Er schlug die Sänfte auf, trat heraus und mitten unter fein verstummendes Gefolge. Seine Frage war nach dem Maler des Bildes. Doch soviel und eifrig man nachforschte, er war nicht aufzu­finden, und alles, was man ermittelte, war dies, daß an demselben Morgen ein alter Mann, den niemand kannte, und der auf einem Maul­tier angeritten kam, das Bild abgegeben hatte und sogleich verschwunden war Freudengeschrei erfüllte die Stadt und überall gab es Lustbar­keiten, wohin sich die Nachricht von der Genesung des guten Königs verbreitete. Er selbst aber saß einsam in seinem Palaste, und als es Nacht geworden war, tat er einen grauen Mantel um und verließ durch einen geheimen Ausgang die Königsburg, lind er zog von Ort zu Ort, und wo er hinkam, war er wohl aufgenommen, denn er war freundlich und offenen Wesens und scheute sich auch nicht bei einer Arbeit mit anzufassen. Als aber die Tage kürzer wurden und die Nachte rauf), und er immer noch nicht den gefunden hatte, den er suchte, ward er traurig, und er beschloß in dem nächstbesten Orte zu bleiben und da­selbst den Winter zu erwarten. Denselben Abend gelangte er an das Tor einer kleinen Stadt, die am Fuß eines hohen Gebirges lag. Es war aber hier gegen Abend der erste Schnee des Jahres gefallen, und als er in die kleine Stadt hineinging, wo alles schlief, vernahm er seine eigenen Schritte nicht und seine Fußtapfen waren gleich der Fährte eines Wildes. Da hielt der König an und seufzte, denn er dachte, wie einsam er geworden war. Da gewahrte er in einer Gasse einen Licht­schein, und als er nähertrat, sah er in dem erleuchteten Laden eine junge schöne grau, die bügelte. Bei dem Ofen saß ein Alter vor re#WT Leinewand und malte darauf.

Die Frau fang:

Schläfst du, König Friede?

Antwortet der Alte:

Ich wache.

Singt die Frau:

Kennst du das Vöglein, das baut auf eines Astes Bein, fürchtet nicht Habichtskrall, noch Schlange, Wind, Wasserfall?

Der Alte:

Ich kenn es wohl, es fliegt zwischen Nord- und Süderpol und ruft kiwitt, kiwitt

Beide zusammen:

Kiwitt, kiwitt!

Die Welt ist heiß, verbrennt doch nit!

Da schlug der König den Mantel um sein Haupt und pochte an und bat um Herberge. Mitten in der Nacht aber, als er in dem Bette lag, tat sich die Türe der Kammer auf, und die junge schöne Frau kam herein. Ihm klopfte das Herz, so schön war sie. Sie setzte sich auf den Rand des Bettes und sprach: Schläfst du, König Friede? Antwortet der König: Ich wache. Begann die Frau: Kennst du das Vöglein ...? Aber der König, der es vor lauter Freude an ihrer Schönheit nicht aus­hielt, richtete sich auf und schlang seinen Arm um ihren Nacken und sprach- Du hast den Alten gelehrt das Bild des Friedens zu malen? Ja erwidert die Frau. Sprach der König: Willst du meine liebste