Ausgabe 
9.11.1936
 
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möchte Ihnen danken. Wir schulden Ihnen so viel Dank. Nur einen Augenblick.

Und der Mann eilt wieder aus der Menschenmenge weg, bleich wie

der Tod.

Die Ladetüre an der Schiffsseite wird zurückgeschlagen, Johannes

geht an Bord.

Er blieb nicht lange dort; er gab seinen Namen und seine Adresse an. Eine Frau hatte den triefenden Mann umarmt, der bleiche, ver­störte Herr hatte ihm seine Uhr in die Hand gedrückt. Johannes kam in eine Kajüte, wo zwei Männer an der Geretteten arbeiteten, sie sagten: jetzt kommt sie zu sich, der Puls schlägtl Johannes sah die Kranke an, ein junges, blondes Mädchen in kurzem Kleid; das Kleid war am Rücken ganz zerrissen. Dann setzte ihm ein Mann einen Hut auf den Kopf, und er wurde hinausgeführt.

Es war ihm nicht ganz klar, wie er an Land gekommen war und das Boot auf den Strand gezogen hatte. Er hörte, wie noch einmal Hurra gerufen wurde und die Musik festlich spielte, als das Schiff fortdampfte. Eine Woge der Wollust durchrollte ihn kalt und süß von oben bis unten; er lächelte, bewegte die Lippen.

So wird also heute nichts aus der Fahrt, sagte Ditlef. Er sah miß­

vergnügt aus.

Victoria war gekommen, sie trat hinzu und sagte rasch:

Nein, bist du verrückt! Er muh doch heim und die Kleider wechseln.

Hoh, welch ein Ereignis, in seinem neunzehnten Jahre!

Johannes eilte nach Hause. Immer noch klang die Musik und das laute Hurra in seinen Ohren, eine starke Erregung trieb ihn immer weiter. Er ging an seinem Heim vorbei und schlug den Weg durch den Wald hinaus zum Granitbruch ein. Hier suchte er sich einen schönen Platz aus, wo die Sonne hinbrannte. Seine Kleider dampften. Er setzte sich. Eine närrische und freudige Unruhe ließ ihn wieder aufstehen und umhergehen. Wie war er des Glückes voll! Er fiel auf die Knie und dankte Gott mit heißen Tränen für diesen Tag. Sie hatte dabei ge­standen, hatte die Hurrarufe gehört. Gehen Sie heim und ziehen Sie trockene Kleider an, hatte sie gesagt.

Er setzte sich und lachte immer wieder, hingerissen vor Jubel. Ja­wohl, sie hatte ihn diese Arbeit ausführen sehen, diese Heldentat, mit Stolz hatten ihre Blicke ihn begleitet, als er mit der Ertrunkenen zwi­schen den Zähnen herankam. Victoria, Victoria! Wenn sie wüßte, wie unsagbar er zu jeder Minute seines Lebens ihr gehörte! Er wollte ihr Diener und Sklave sein und ihren Weg mit seinen Schultern reinfegen. Und er wollte ihre beiden kleinen Schuhe küssen und ihren Wagen ziehen und an kalten Tagen Holz in ihren Ofen legen. Vergoldetes Holz wollte er in ihren Ofen legen, Victoria!

Er sah sich um. Niemand hörte ihn. Er war allein mit sich selbst. Er hielt die kostbare Uhr in der Hand, sie tickte, sie ging.

Dank, Dank für diesen guten Tag! Er streichelte das Moos auf den Steinen und die abgefallenen Zweige. Victoria hatte ihm nicht zugelächelt; nein freilich, das war nicht ihre Art. Sie stand nur auf der Landungs­brücke, ein kleiner roter Hauch flog über ihre Wangen. Vielleicht hätte sie feine Uhr angenommen, wenn er sie ihr gegeben hätte?

Die Sonne sank, und die Wärme nahm ab. Er fühlte, daß er nah war. Da sprang er, leicht wie eine Feder, nach Hause.

Auf dem Schloß waren Sommergäste, Fremde aus der Stadt, es gab Tanz und Musik. Und eine Woche lang wehte Tag und Nacht die Fahne auf dem runden Turm.

Und Heu lag da und sollte eingefahren werden, aber die Pferde waren durch die vergnügten Gäste in Beschlag genommen worden, und das Heu blieb liegen. Und große Strecken ungemähter Wiesen standen da, aber die Knechte wurden als Kutscher und Ruderknechte verwendet, und das Gras blieb stehen und verdarb.

Und die Musik spielte immer noch im gelben Saal ...

In diesen Tagen lieh der alte Müller feine Mühle still stehen und verschloh das Haus. Er war klug geworden; es war vorgekommen, dah eine ganze Schar dieser luftigen Städter gekommen war und allerhand Streiche mit seinen Kornsäcken getrieben hatten. Denn die Nächte waren so warm und hell, und der Einfälle gab es viele. Der reiche Kammerherr hatte in seinen jungen Tagen einmal mit höchsteigenen Händen einen Ameisenhaufen in einem Trog in die Mühle getragen und ihn dort ab­geleert. Jetzt war der Kammerherr gesetzten Alters, aber Otto, fein Sohn, kam noch auf das Schloß und belustigte sich mit seltsamen Dingen. Man konnte vieles über ihn hören ...

Hufschlag und Rufe klangen durch den Wald. Die jungen Leute ritten spazieren, und die Pferde vom Schloß waren glänzend und übermütig. Die Reiter tarnen an das Haus des Müllers, klopften mit ihren Peitschen an und wollten hineinreiten. Die Tür war fo niedrig, aber sie wollten doch hineinreiten.

Guten Tag, guten Tag, riefen sie. Wir wollten Euch begrüßen.

Der Müller lachte demütig über diesen Einfall.

Dann fliegen sie ab, banden die Pferde fest und liehen die Mühle anlaufen.

Der Mahlgang ist leer, schrie der Müller. Ihr beschädigt die Mühle.

Aber niemand hörte etwas in dem brausenden Lärm.

Johannes! rief der Müller mit der ganzen Kraft [einer Lungen zum Steinbruch hinaus.

Johannes kam.

Die zermahlen mir die Mühlsteine, schrie der Vater und deutete hin.

Langsam ging Johannes auf die Gesellschaft zu. Er war schrecklich bleich, und die Adern an (einen Schläfen schwollen an. Er erkannte Otto, den Sohn des Kammerherrn, der Kadettenuniform trug; außer ihm waren noch zwei andere dabei. Einer von ihnen lächelte und grüßte, um alles wieder gutzumachen.

Johannes rief nicht, winkte nicht, sondern ging seinen Weg. Er strebte gerade auf Otto zu. In diesem Augenblick sieht er zwei Reiterinnen aus dem Walde nachkommen, die eine war Victoria. Sie hatte ein grünes Reitkleid an, und ihr Pferd war die weiße Stute vom Schloß. Sie steigt nicht ab, sondern bleibt sitzen und beobachtet alle mit fragenden Augen.

Da ändert Johannes seinen Weg, er biegt ab, steigt zum Damm hin­auf und öffnet die Schleuse; nach und nach nimmt der Lärm ab, die Mühle steht still.

Otto rief:

Nein, laß sie gehen! Warum machst du das? Laß die Mühle gehen, sage ich.

Hast du die Mühle anlaufen lassen? fragte Victoria.

Ja, antwortete er lachend. Warum steht sie still? Warum darf sie nicht gehen?

Weil sie leer ist, antwortete Johannes mit stockendem Atem und sah ihn an. Verstehen Sie das? Die Mühle ist leer.

Sie war doch leer, hörst du, sagte auch Victoria.

Wie konnte ich das wissen? fragte Otto und lachte. Warum war sie leer, frage ich? War denn kein Korn drin?

Sitz wieder auf! unterbrach ihn einer feiner Kameraden, um der Sache ein Ende zu machen.

Sie sahen auf. Einer von ihnen entschuldigte sich bei Johannes, ehe er fortritt.

Victoria war die letzte. Als sie ein kleines Stück weit gekommen war, wandte sie das Pferd und kam zurück.

Sie müssen so gut sein und ihren Vater bitten, daß er er das ent­schuldigen möge, sagte sie.

Es wäre richtiger gewesen, wenn der Herr Kadett das selbst getan hätte, antwortete Johannes.

Jawohl. Natürlich; aber ... Er ist so voller Einfälle ... Wie lange ist es her, feit ich Sie gesehen habe, Johannes

Er sah zu ihr auf, lauschend, ob er richtig höre. Hatte sie den letzten Sonntag vergessen, seinen großen Tag!

Er antwortete:

Ich sah Sie am Sonntag auf der Landungsbrücke.

Jawohl, sagte sie sofort. Welch ein Glück, daß Sie dem Steuermann beim Suchen helfen konnten. Ihr habt doch bas Mädchen gefunden?

Kurz und gekränkt antwortete er:

Ja. Wir fanden das Mädchen.

Oder war es fo, fuhr sie fort, als fiele ihr etwas ein, war es fo, daß Sie allein ...? Na, es ist gleich. Jaja, also, ich hoffe, Sie richten es Ihrem Vater aus. Gute Nacht.

Sie nickte lächelnd, straffte die Zügel und ritt fort.

Als Victoria außer Sicht war, schlenderte Johannes ihr nach in den Wald, zornig und unruhig. Er sand Victoria, wie sie ganz allein bei einem Baum stand. Sie lehnte an dem Baurn und schluchzte.

War sie heruntergefallen? Hatte sie sich weh getan?

Er ging zu ihr hin und fragte:

Ist Ihnen etwas zugestoßen?

Sie trat ihm einen Schritt entgegen, sie breitete die Arme aus und sah ihn strahlend an. Dann hielt sie inne, ließ die Arme sinken und antwortete:

Nein, es ist mir nichts zugestoßen; ich stieg ab und lieh die Stute vorausgehen ... Johannes, Sie sollen mich nicht so ansehen. Sie standen beim Teich und sahen mich an. Was wollen Sie?

Er stammelte:

Was ich will? Ich verstehe nicht ...

Sie sind da so breit, sagte sie und legte plötzlich ihre Hand auf die seine. Sie sind da so breit, am Handgelenk. Und Dann sind Sie ganz braun von der Sonne, nußbraun ...

Er bewegte sich, er wollte ihre Hand nehmen. Da raffte sie ihr Kleid zusammen und sagte:

Nein, es ist mir also nichts zugestoßen. Ich wollte nur gern zu Fuß heimgehen. Gute Nacht.

Johannes reifte wieder zur Stadt. Und Jahre und Tage vergingen, eine lange, bewegte Zeit mit Arbeit und Träumen, Studium und Versen; er hatte gute Fortschritte gemacht, es war ihm geglückt, ein Gedicht zu schreiben über Esther,ein Judenmädchen, das Königin in Persien wurde", eine Arbeit, die gedruckt und sogar bezahlt wurde Ein anderes Gedicht,Der Jrrgang der Liebe", das in den Mund des Mönches Vendt gelegt war, machte seinen Namen bekannt.

Ja, was war die Liebe? Ein Wind, der in den Rosen rauscht, nein, ein gelbes Irrlicht im Blute. Die Liebe war eine höllenheiße Musik, die selbst die Herzen der Greise tanzen macht. Sie war wie die Marguerite, Die sich dem Kommen der Nacht weit öffnet, und sie war die Anemone, die sich vor einem Atemhauch verschließt und bei Berührung stirbt.

So war die Liebe.

Sie konnte einen Mann zugrunde richten, ihn wieder aufrichten und ihn wieder brandmarken; sie konnte heute mich lieben, morgen dich und morgen nacht ihn, fo unbeständig war fie. Aber sie konnte auch festhalten wie 'ein unzerbrechliches Siegel und bis zur Stunde des Todes gleich unauslöschlich flammen, denn fo ewig war sie. Wie war denn die Liebe?

Oh, die Liebe ist wie eine Sommernacht mit Sternen am Himmel und mit Duft auf der Erde. Aber weshalb läßt sie den Jüngling verborgene Wege gehen, und weshalb läßt sie den Greis in feiner einsamen Kammer auf den Fußspitzen stehen? Ach, die Liebe macht des Menschen Herz zu einem Pilzgarten, einem üppigen und unverschämten Garten, in dem geheimnisvolle und freche Pilze stehen. So war die Liebe.

Nein, nein, sie war doch wieder ganz anders, und sie war wie nichts ein der ganzen Welt. In einer Frühlingsnacht, als ein Jüngling zwei

en, zwei Augen sah, kam sie auf die Erde. Er starrte und sah. Er küßte einen Mund, da war es, als träfen sich zwei Lichter in feinem Herzen, eine Sonne, die einem Stern entgegenblitzte. Er fiel in einen Schoß, da horte und sah er nichts mehr auf der ganzen Welt.

Die Liebe ist Gottes erstes Wort, der erste Gedanke, der durch [ein Gehirn glitt. Als er sagte: Es werde Licht! ward es Liebe. Und alles, was er geschaffen hatte, war sehr gut, und er wollte nichts davon wieder ungeschehen machen. Und die Liebe ward der Ursprung der Welt und die Beherrscherin der Welt; aber all ihre Wege sind voll von Blumen und Blut, Blumen und Blut. (Fortsetzung folgt.)