Ausgabe 
9.11.1936
 
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GietzenerZamilienbMer

Unterhattungrbeilage zum Gießener Anzeiger

Nummer 87

Montag, den 9. November

Jahrgang 1936

sie

ich wußte nicht, daß

ich

der Gedanke, hierher

Su

sie.

war plötzlich so weit

Er sagte:

Das sieht nun ein wenig sonderbar aus, aber dich hier treffen würde.

Nein, das wußten Sie nicht, antwortete sie/ Es war ein Einfall von mir, es kam mir so

gesetzten Seite gerade entgegen.

Ein hilfloser Zorn packte ihn, er wünschte sich weit, weit fort, diesmal mußte sie ja selbstverständlich glauben, daß er ihr nachgegangen sei Sollte er nun wieder grüßen? Vielleicht konnte er nach einer an­deren Seite sehen, und dann hatte er auch noch diesen Wespenstich.

Aber als sie nahe genug herangekommen war, erhob er sich und zog die Mütze. Sie lächelte und nickte.

Guten Abend. Willkommen daheim, sagte sie.

Wieder schienen ihre Lippen ein wenig zu beben; ober rasch gewann ihre Ruhe wieder zurück.

VA /S Geschichte einer Liebe

von Knut Hamsun

gehen.

Au! er hatte du gesagt.

Wie lange bleiben Sie nun zu Hause? fragte

Bis zum Ende der Ferien.

Nur mit Mühe konnte er ihr antworten, sie fort. Weshalb hatte sie ihn dann angesprochen?

Bitief sagt, Sie seien so tüchtig, Johannes. Sie machten so gute

Prüfungen. Und dann sagt er, daß Sie Gedichte schreiben; ist das wahr?

Er antwortete kurz lind wand sich dabei:

Ja, selbstverständlich. Das tun alle.

Nun würde sie wohl bald gehen, denn sie sagte nichts mehr.

Hat man so etwas schon gesehen, mich hat heute eine Wespe ge­stochen, sagte er und zeigte ihr seinen Mund. Deshalb sehe ich so aus.

Sie sind eben zu lange fort gewesen, die Wespen hier kennen ete

nicht mehr.

Es war ihr gleichgültig, ob er von einer Wespe entstellt worden war oder nicht. Jawohl. Da stand sie und drehte auf ihrer Schulter einen roten Sonnenschirm mit goldenem Knopf am Stack, und nichts ging ihr nahe. Er hatte doch mehr als einmal das gnädige Fräulein auf seinen Armen getragen. .... .. .

Ich kenne die Wespen auch nicht wieder, antwortete er; früher sind sie meine Freundinnen gewesen.

Copyright by Albert Langen^Georg Müller Verlag,München 1. Fortsetzung.

Er ging den Weg zum Schloß hinüber. Am Morgen war er von einer Wespe gestochen worden, und seine Oberlippe war geichwollen, wenn er jetzt jemand treffen würde, wollte er grüßen und sofort weiter« gehen. Er traf niemand. Im Schlohgarten sah er eine Dame; als er näher kam, grüßte er tief und ging vorbei Es war die Schloßhernm Er fühlte noch wie in alten Tagen das Herz klopfen, wenn er am Schloß vorbeiging. Die Achtung vor dem großen Haus, vor .den vielen Feilstem, vor der strengen, feinen Persönlichkeit des Schloßherrn saß ihm noch im Blut.

Er nahm den Weg zur Landungsbrücke.

Da begegnete er plötzlich Dilles und Vietona. Das war ihm unan­genehm, sie konnten ja glauben, er sei ihnen nachgegangen. Außerdem hatte er eine geschwollene Oberlippe. Er verlangsamte feinen Schritt, ungewiß, ob er weitergehen sollte, ober er ging doch weiter.Schon von weitem grüßte er und behielt die Mütze in der Hand wahrend er vorbeiging. Stumm beantworteten die beiden seinen Gruß und schritten langsam vorüber. Victoria sah ihn ganz offen an; ihr Ge- fichtsausdruck veränderte sich ein wenig. ..

Johannes ging weiter, zum Kai hinunter; eine Unruhe hatte ihn ergriffen, sein Gang wurde nervös. Nein, wie groß Victoria geworden war! Vollkommen erwachsen, herrlicher als je zuvor. Ihre Augenbrauen liefen über der Nase beinahe zusammen, sie waren wie zwei feine samtene Linien. Die Augen waren dunkler geworden, sehr dunkelblau.

Als er nach Hause ging, schlug er einen Weg ein, der weit außer­halb des Schloßgartens durch den Wald führte. Niemand sollte von ihm sagen können, daß er den Schloßkindern nachliefe. Er kam auf eine An­höhe suchte sich einen Stein und setzte sich. Die Vögel musizierten wild und leidenschaftlich, lockten, suchten einander, flogen mit Zweigen im Schnabel umher. Ein süßlicher Geruch von Erde, sprießendem Laub und verfaulenden Baumstämmen lag in der Luft.

Er war auf Victorias Weg geraten, sie kam ihm von der entgegen-

Sie aber verstand den tiefen Sinn dieser Worte nicht, sie antwortete nicht. Oh, und es lag ein so tiefer Sinn darin.

Ich kenne nichts mehr wieder. Sogar der Wald ist ausgeholzt.

Ein leises Zucken lief über ihr Gesicht.

Dann können Sie hier vielleicht nicht dichten, sagte sie. Stellen eie sich vor, wenn Sie einmal ein Gedicht an mich machen würden! Nein, was sage ich da! Da können Sie hören, wie wenig ich davon verstehe.

Er sah zur Erde, erregt und stumm. Sie machte sich in freundlicher Weise über ihn lustig, sprach überlegen und beobachtete, welche Wirkung das hatte. Verzeihung, er hatte feine Zeit nicht nur mit Schreiben vergeudet, er hatte mehr gelernt, als die meisten ...

Ja, ja, wir treffen uns wohl noch. Leben Sie wohl einstweilen.

Er zog die Mütze und ging, ohne etwas zu antworten.

Wenn sie wüßte, daß er die Gedichte alle miteinander, sogar das an die Nacht, sogar das an den Moorgeist, an sie und an keine andere ge­richtet hatte! Das sollte sie niemals erfahren.

Am Sonntag kam Dittef und wollte ihn mit hinüber zur Insel haben. Ich soll wieder den Ruderknecht machen, dachte «r. Er kam mit. An der Landungsbrücke waren einige sonntagsmüßige Menschen, sonst war alles jo ruhig, und die Sonne schien warm vom Himmel herab. Plötzlich erklangen Töne weit draußen, sie kamen über das Wasser, von den Inseln; in großem Bogen schwang das Postschiff herein bis an die Brücke, es hatte Musik an Bord.

Johannes machte das Boot los und setzte sich an die Ruder. Er war in einer weichen und wagenden Stimmung, dieser helle Tag und die Musik auf dem Schiff webten einen Schleier aus Blumen und gol­denen Aehren vor feinen Augen.

Warum kam Dilles nicht? Er stand an Land und sah die Menschen und das Schiff an, als habe er nichts anderes mehr vor. Johannes dachte: länger fitze ich jetzt nicht mehr an den Rudern, ich gehe an Land. Er schickte sich an, dos Boot zu wenden.

Da sieht er plötzlich einen weißen Schimmer vor den Augen und hört ein Klatschen auf dem Wasser; ein verzweifelter, vielstimmiger Schrei erhob sich vom Schiff und von den Leuten an Land, und eine Menge Hände und Augen deuteten nach der Stelle, wo dos Weiße verschwun­den war. Die Musik brach sosvrt ab.

In einem Augenblick war Johannes zur Stelle. Er handelte voll­ständig instinktmäßig, ohne Ueberlegung, ohne Vorsatz. Er hörte nicht, daß die Mutter oben auf dem Schiff schrie: mein Kind, mein Kind! und er sah auch keine Menschen mehr. Ohne weiteres sprang er aus dem Boot und tauchte unter.

Einen Augenblick lang war er verschwunden, eine Minute lang; man sah, wie an der Stelle, wo er hineingesprungen war, das Wasser kochte, und man begriff, daß er arbeitete. Auf dem Schiff dauerte der

Jammer an. c

Da tauchte er wieder auf, ein wenig weiter draußen, mehrere Klafter von der Unglücksstelle entfernt. Man schrie ihm zu und deutete wie rasend: Nein, hier war es, hier war es!

Und er tauchte wieder.

Von neuem eine qualvolle Spanne Zeit, ununterbrochenes Wehklagen einer Frau und eines Mannes auf Deck, die die Hände rangen. Ein anderer Mann sprang vom Schiss hinab, der Steuermann, der Jacke und Stiefel abgeworfen hotte. Sorgfältig suchte er die Stelle ab, wo das Mädchen untergegangen war, und olle setzten ihre Hoffnung auf ihn.

Da fah man wieder Johannes' Kopf über der Wasserfläche, noch weiter draußen als zuvor, viele Klafter weiter draußen. Er hatte feine Mütze verloren, fein Kopf glänzte wie der eines Seehundes in der Sonne Man erkannte, daß er mit etwas kämpfte, er schwamm müh­sam seine eine Hand war nicht frei. Einen Augenblick später hielt er etwas mit dem Mund, mit den Zähnen fest, ein mächtiges Bündel; es roar die Verunglückte. Erstaunte Schreie drangen vom Schiff und vom Land bis zu ihm hinaus, selbst der Steuermann mußte die neuen Rufe gehört haben, er steckte den Kopf herauf und sah sich um.

Endlich hatte Johannes das Boot erreicht, das abgetrieben roar; er brachte das Mädchen an Bord und kam selbst nach, das Ganze ging otjne Ueberlegung vor sich. Die Leute sahen, wie er sich über bas Mädchen beuate und ihr die Kleider am Rücken buchstäblich ausriß, dann packte er die Ruder und ruderte im Sturm zum Schiff hin. Als die Verun­glückte ergriffen und an Bord gezogen wurde, ertönte ein vielseitiges, '^SßiMamen Sie darauf, so weit draußen zu suchen? fragte man ihn.

Ich °kmne"°den Grund hier. Und bann ist hier Strömung. Das

^Herr drängt sich an der Sdjiffsfeite vor, er ist bleich wie der Tod. er lächelt verzerrt und Tränen hängen ihm an den Wimpern.

Kommen Sie einen Augenblick an Bord! ruft er hinunter. Ich