lichen Herzens, das sich aus der Fülle in die Kargheit sehnt, als dem einzigen Weg zu sich |elbft.
Mitten in den grünen, von Fruchtbarkeit beratenden Tiefen des Urwaldes, wo Geben noch auf dem faulenden Holze toter Stämme wuchert und überall im feuchten Dickicht das gewaltige Wild der Urwelt sich regt, muß ich an das verloren ziehende Bergkudu denken auf den rötlichen Felsen der Errosberge, an den einsamen dunklen Kameldornbaum am Rande der abendlich brennenden Kalahari und an das Nachtlied der Grillen.
Lebensmitte.
Von Wilhelm Luetjens.
An meines Gartens wiesengrünem Saum mit vollen Früchten prangt der Apfelbaum.
Weither aus fernen Wäldern weht der Wind, mit feinen Puppen spielt im Gras mein Kind.
Die Mutter sieht dem Spiele innig zu, in ihren Blicken glüht ein dunkles Du.
Aus vielen fremden, vielen leeren Stunden hab ich zur Kindheit neuen Weg gefunden.
Den Wind der Weiten rauschend noch im Ohr, fing ich mein kleines Lied im Lebenschor.
Ein roter Apfel wiegt sich reif im Winde —
Ich breche ihn und geb ihn meinem Kinde.
Noch prangen Früchte viel im vollen Baum an meines Gartens (ommerbuntem Saum.
Das eigene Haus.
Eine Erzählung von Johannes Linke.
Als die Zimmerleute, von den Maurern und einigen Nachbarn untersetzt, den Dachstuhl gehoben hatten, der Richtbaum mit den Bändern und 'Papierfähnchen aufgenagelt war und der Zimmermeister vom Firstbaum aus, mit dem Bierkruge in der Hand, den Bauherrn hatte hochleben lassen, sein Haus aber in Gottes Obhut besohlen hatte, ver- jammelten sich die Handwerker und ihre Helfer in der unfertigen großen Stube, wo ein Tisch von rohen Bohlen aufgefchlagen stand, den zwei Bretterbänke säumten. Durch die scheibenlosen Fensteröffnungen strich der milde Nachsommerwind, von dem sich die Schwalben geschwader- weise emporreißen ließen, um über ben höchsten Baumwipfel auseinanderzustieben, durcheinanderzuflitzen und wieder gemeinsam bis dicht an die Gräser herniederzuschießen, wo sie sich im Sturze fingen und erneut mit wenigen Flügelschlägen zur Höhe strebten. Der Bauherr zapfte das große Faß an, das auf zwei Holzblöcken lag, und die Hausfrau half ihm beim Auffüllen der Krüge, die von den Lehrbuben an ihren Platz gestellt wurden. Man lobte das schöne Bauwetter, in dem die Arbeiten noch einmal so rasch vorangegangen waren, als wenn der Sommer verregnet wäre, labte sich an dem frischen Bier, scherzte und sang
Da sagte einer der Nachbarn, die beim Balkentragen geholfen hatten: Du hast ein rechtes Glück mit deinem Hausbau, Georg. Andern Leuten fällt er schwerer: da paßt das Wetter nicht oder das Bauholz taugt nichts, oder das Geld für die Handwerker geht ihnen überm Bauen aus, oder es stürzt einer vom Gerüst und bricht sich die Knochen, oder es geht ihnen wie meinem Vater, daß sie den Hebeschmaus nur noch tot erleben."
Die meisten wußten nichts mehr davon, wie das gewesen war, andere erinnerten sich nur noch schattenhaft an diese Dinge, jedenfalls wollten sie alle 'nähere Auskunft darüber haben, und so erzählte der Nachbar:
„Wie ich ein Bub war, da wohnten meine Eltern mit uns Kindern bei fremden Leuten in der Herberge, und wir hatten nur zwei kleine Stuben und waren unser sieben, und meine Mutter konnte keine Geiß füttern, weil wir keinen Stall hatten und keinen Platz im Stadel, wo wir ein Heu ausheben dursten. Solange ich denken kann, hatte mein Vater im Sinn, für uns ein eigenes Häusel zu bauen, damit wir doch wenigstens unabhängig würden und uns rühren könnten. Immer wieder sprach er mit uns davon, und oft einmal riß er ein Blatt aus unferm Schreibheft und malte auf, wie das Haus ausfehen sollte, wo die Küche hinküme und wo der Stall, und im Bodenraum sollten zwei Schafstuben sein, und hinter der Küche eine Kammer, und ein kleiner Stadel sollte ans Haus angehängt werden, genau so, wie es jetzt bei unserm Hause der Fall ist. Aber dann fing er wieder an zu rechnen und zu zählen und zu überlegen, und wenn er zuvor gelacht und gesungen hatte, so kam er hinterher allemal in Sorgen, denn mein Vater, ihr werdet's viel- le'cht noch wissen, war ein Holzmacher im Sadtwald, und von seinem Lohn blieb nicht viel übrig, weil wir alles selber kaufen mußten: Milch und Brotmehl, Erdäpfel und Schmalz. Ins Wirtshaus ging er nie; da reute ihn jeder Pfennig, den er fürs Bier hätte ausgeben müssen. Einmal, ich ging grab bas erste Jahr zur Schule, nahm uns mein Vater mit hinaus auf einen Reutfleck vom Dorfe, ich weiß es noch wie heut, und sagte: „Das Land gehört unser, und bis in zwei, drei Jahren steht hier unter Häusel". Es war kein überaus großer Fleck, vielleicht ein Tagwerk, und ganz voll Steine und Stöcke und Wurzelgelump, mit
Kraut und Staudenwerk bewachsen, eine rechte Wildnis, aber es war nun unser Grund. In jeder freien Stunde haben wir dort Steine zusammengetragen und Stöcke ausgegraben, und mein Vater hat den Keller und den Graben für die Grundfesten ausgeschachtet und hat mit den Zimmerleuten die Balken behauen, und alles, was er selber tun konnte, hat er getan.
Nun war aber mein Vater, getröft ihn unser Herrgott, ein ganz besonderer Mann, müßt ihr wissen, und von den Steinen, die wir aus unserem Grund heraufgeholt haben, taugten ihm nur die allerschönsten zum Hausbau; die andern mußten wir an unsere Flurmark bringen und sie zu einer Feldmauer aufeinanderschichten. Auf die Art vergingen zwei Jahre, wir hatten schon einen schmalen Ackerstreifen mit Erdäpfeln an- gebaut, und in diesem Sommer sollte nun unser Haus aufgerichtet werden. Unten am Bache, wo er den großen Bogen macht, gruben wir den schönsten Flußsand aus und fuhren einen Schubkarren voll nach dem andern zu unserem Bauplatz. Die Dielenbretter waren luftig auf- gerichtet, der Kalk war auch schon angefahren und in der Grube gelöscht, also alles war da, nur die Maurer gingen uns noch nicht her, weil sie anderswo noch zu arbeiten hatten. Die Bauern fingen gerade mit dem Heuen an, da wurde mein Vater ungeduldig, weil er meinte, das Häusel könnte in diesem Jahr wieder nicht mehr fertig werden. Am liebsten hätte er selber allein die Mauern aufgeführt, aber davon verstand er nichts. Deswegen ließ er es [ein und ging zu dem Berghang, wo der allerhärteste Stein felsenmäßig aus der Erde kommt, und brach sich dort mit dem Pickel und der Eisenstange die fauberjten Brocken, wenn er gleich schon mehr als genug am Bauplatz hatte. Und wie er so mit der Brechstange hantiert, aus einmal wird die ganze Wand locker und kommt ins Rutschen, er wirst sein Werkzeug weg und springt fort, so geschwind er kann, der Steinfelsen hinter ihm drein, aber die Masse konnte meinen Vater nicht mehr erwischen, weil er zu schnell war. Nur ein einziger Brocken, gar nicht recht groß, etwa wie ein kleiner Laib Brot, traf ihn noch am Kreuz. Er hat sich gar nicht viel drum gekümmert, wenn ihm auch der Rücken furchtbar geschmerzt hat, sondern hat seine Arbeit fertig verrichtet und ist heimgegangen. Zwei Tage lang hat er sich noch hin- geschleppr, aber am dritten hat er sich vor lauter Wehtun und Mattigkeit niederlegen müssen — und an diesem selben Tage haben gerade die Männer mit dem Bauen angefangen."
„Das wird ihm hart geworden sein, deinem Vater", seufzte der Bauherr, „bas kann ich ihm nachfühlen."
„Jawohl", sagt ein älterer Maurer, jetzt kann ich mich auch noch drauf besinnen. Ich hab selber damals als Lehrbub bei dem Bau mitgearbeitet.
„Mein Vater", fuhr der Nachbar fort, „hat sich seine Bettstatt ans Fenster stellen lassen, aber sehen konnte er von dem Bau nichts, weil andere Häuser und allerhand Bäume dazwischen waren. Aber wenn das Fenster bei der warmen Zeit offenstand, hat er die Maurer oft einmal aus der Ferne gehört, wenn sie die Steine beklopft oder geschrien haben, wie es die Maurer so machen. Ich hab meinem Vater immer erzählen müsson, wie weit sie sind und er hat mir zugehört und hat die Zähne zusammengebissen vor lauter Verdruß und Traurigkeit, weil er nicht selber mithelfen konnte. Das ist aber auch wirklich eine Kreuz gewesen für diesen Mann. Jahrelang hat er sich geplagt und hat gehaust und hat nichts im Sinne gehabt als den Hausbau, und hat sich darauf gefreut wie ein kleines Kind, und nun, wie es endlich so weit war, mußte er daheim im Bett liegen und Schmerzen leiden. „Wenn sie erst fertig sind", hat er gemeint, „dann werde ich schon wieder gesund sein, aber bann ift’s zu spät." Aber er ist nicht roieber gesunb geworben, sondern von einem Tag zum andern ift’s ihm schlechter gegangen. Zuletzt hat er sich gar nimmer rühren können, und wir haben ihn füttern müssen, daß er nicht verhungert ist. Die Türstöcke wurden eingesetzt und die Fensterstöcke, das Balkenlager für den Boden wurde eingezogen und der Kniestock in der Höhe aufgemauert, und nun war alles fertig bis aufs Dach.
Wie nun mein Vater gehört hat, daß der Dachstuhl gehoben wirb, hat er so lange gejammert und gebettelt, wir sollen ihn hintragen dazu, daß roir’s zuletzt getan haben. Zwei Maurer packten die Bettstatt vorn an, und zwei Zimmerleute trugen sie hintennach. Es war ein wunderbarer Tag wie heute, die Bauern hatten schon den Hafer eingefahren, und das Grummet lag auf den Wiesen gehäufelt. Die Luft ging mild über die Stoppelfelder, und die Sonne schien warm, als sie meinen Vater nach seinem letzten Willen zum Bau brachten. Es war wie ein Leichenzug, und die Männer, die uns begegneten, blieben stehen und taten ihre Kappen ab. Unten in der Küche setzten sie bann bie Bettstatt nieber. ba konnte er jebes Wort hören und jeden Handgriff sehen, weil in der Höhe noch keine Bretter gelegt waren. Er hat die Hänbe gefaltet unb hat ben Hanbwerkern zugeschaut, wie sie bie Stellsäulen aufrichteten unb bie Stellbäume darüber legten. Daß er glücklich war, bas haben wir an [einen Augen gesehen: bie leuchteten wie zwei Sterne am Himmel. Wie aber bann der Zimmermeister auf ben Firstbaum hinaufstieg unb ben Bauherrn hochleben ließ, ba war er schon tot."
„Der Mann hat ein hartes Schicksal gehabt", seufzte bie Hausfrau, „aber wenigstens ist ihm eine schöne, glückliche Sterbestunbe vergönnt gewesen, und das ist auch etwas wert."
„Jawohl", nickte der alte Maurer, „bas weiß ich noch gut. Das war ein trauriger Hebeschmaus. Deine Mutter hat geweint, unb ihr Kinber habt geweint, unb bie Zimmerleute haben ein Totenbrett von ben Dielenpfosten abgeschnitten unb haben beinen Vater draufgelegt, und hernach haben wir erst einmal miteinander gebetet, unb wie wir bas gebebter tranken: immer lag ber tote Bauherr auf bem Brett zwischen uns. So etwas kommt alle hunbert Jahre einmal vor, bas vergißt man nicht leicht." , „„
„Das ist auch ein Glück", lachte der Bauherr, „daß es nicht öfter vorkommt, denn schließlich baut man sich doch fein Haus nicht nur zum Sterben, sondern auch zum Leben. Und nun trinkt Männer, unb feib luftig!*
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck unb Derlag: Drühl'sche Universitäts-Duch- unb Steinbruderei, R. Lange, Gießen.


