benft mit seinem ganzen Herzen. Viele schlichte Erzählungen von ein- iacken Leben, deren Inhalt Arbeit und Treue war, habe ich gehört, vrele brennende Wünsche nach der Hand des Vaterlandes, an der allein sie ihre Kinder durch die Zukunst gehen lassen wollen.
Auch in der Union habe ich gutes Deutschtum gefunden. Wohl sind die Deutschen dort nicht — und können nicht sein — was sie in Südwest sind. Während sie dort auf ihrem einstmals grunddeutfchen Böden sitzen, und ihr ganzes Bestreben dahm geht und gehen muß, die Ansprüche auf diesen Boden und ihre deutschen Rechte hochzuhalten, sind biß Scutichsn in bet Union ©äjtß im frcmbßn ßonb. SJlit um jo tieferer ffreube erfüllt es einen bann, hier beutschen (Siebtem zu begegnen, bte feit fünfzig Jahren im Lande sitzen, und deren Geist noch immer der alte stolze Bauerngeist ihrer Lüneburger Heimat ist: ich meine die deutschen Bauern in der Blakte.
Ihre Geschichte ist rasch und einfach erzählt. In den sechziger Jahren kamen auf Anforderung der Buren pommerfche und brandenburgifche Landarbeiter nach Südafrika, um auf burischen Farmen zu arbeiten. Freie Wohnung und Verpflegung und 15 bis 20 Mark Lohn im Monat waren die Bedingungen. Die Ueberfahrt mußte von den Deutschen abbezahlt werden. Jahre harter Arbeit und Entbehrungen folgten, aber zähe Bauernenergie hielt Stand. Als der Arbeitskontrakt abgelaufen war siedelte sich ein Teil dieser Deutschen mit kleinen Ersparnissen in Konstantia am Tafelberge als Weinbauern an und erregte die Aufmerksamkeit des Landes durch fleißige und gesegnete Arbeit.
Als im Parlament die Bewegung zur Besiedlung weiterer Strecken des Landes einsetzte, veranlaßte diese ehrliche Arbeit der Deutschen die Regierung, weitere deutsche Auswanderer anzufordern. Sie sollten die Vlakte, die Ebene zwischen dem Tafelgebirge und den Bergen von Stellenbosch, zur Besiedlung erhalten und daraus das Gemüseland für das immer mehr wachsende Kapstadt schaffen. Im Jahre 1877 langten die ersten Siedler an, zwischen 1883 und 1894 folgten die anderen, — größtenteils Leute aus der Lüneburger Heide. Was sie an Siedlungsland vorfanden, war eine baumlose unfruchtbare Sandsteppe, die sich zur Regenzeit in Sumpf und Morast verwandelte. Und während man seinerzeit anderen Siedlern Tiere und Geräte gegeben hatte, gab man ihnen nichts als diesen unwilligen Boden. Mittellos fingen sie an.
Was folgte, ist ein Hohelied auf die Treue der deutschen Arbeit. Unter Hunger und Entbehrungen ohnegleichen, in verbissener Arbeit, die auch die Kinder nicht ausschloß, haben sie in Jahren, die sie die beste Kraft ihres Lebens kostete, aus der Wüste ein fruchtbares Neuland geschaffen. Wege, Häuser, Felder, Gärten, Wälder entstanden, wo früher der tote Sand in Herbst- und Frühlingsstürmen wirbelte. Alles was das große Kapstadt an Gemüsen benötigt, kommt nun aus dieser einst so unwegsamen Steppe. — Aber die sie bebauten, haben lahme Hände und krumme Rücken bekommen über diesem Zuviel an Arbeit. Sie, die mit ganzer Zuversicht an die fremde Küste kamen, und geträumt hatten von sonnigen Sonntagmorgen auf der Bank vor dem Hause, die Kinder auf den Knien, — haben Frühling und Sommer und Herbst ihres Lebens hinschwinden sehen unter Hunger und Not und Arbeit und noch einmal Arbeit. Aber dann war es geschafft. Als stillgewordene Alte saßen sie endlich ausruhend auf der eigenen Schwelle. Und vor den staunenden Augen der Fremden lag, als Zeugnis deutscher Bauernkraft, ein blühendes Land.
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Es war ein Sonntagmorgen, als ich in der Vlakte eintraf. Die Gemeinde war in der Kirche, ich schob mich still in die Bank. Vorne am Altar prüfte ein alter Mann junge, blondhaarige Kinder für ihre Konfirmation. Ich sah mich in der hellen, hübschen, freundlichen Kirchs um: rings in den Bänken faßen lauter deutsche Bauern; die schwieligen Händer gefaltet, sahen sie ernst auf ihre Kinder, die nun ins Leben hinaustreten sollten. Nicht ein Hauch von fremder Art hatte diese Menschen gestreift in all den Jahren, die sie nun so ferne von der Heimat waren, sie waren so wunderbar einfältig, wie nur irgendein Bauer zu Haufe unterm Strohdach. Vor mir faß ein alter Mann, wie ich dann hörte, der Aelteste dieser Ansiedler. Sein weißes Haar leuchtete wie Schnee. Er war so klein, so faltig, so verschrumpft geworden vor lauter harter Arbeit, so ein demütiges kleines Menschenbild, aber es hätte mich nicht gewundert, wenn durch die offene, fonnenflimmernde Türe ein Engel Gottes getreten wäre, um vor diesem Alten das Knie zu beugen. Nahe vor seinem letzten großen Feierabend stand er an seinem Platze, ehrfürchtig das weiße Haupt gebeugt, während er das Gebet sprach in den Worten seiner Lüneburger Vorfahren. Die Kinder vorne am Altar antworteten mit heller Stimme auf die Frag« des Pastors, sie hatten gut gelernt und recht verstanden; die Eltern hörten zu, mit rührendem Stolz in den ernsten Gesichtern.
Später holte der Lehrer mich ab zu einem Gang in die Schule. Dieses einfache Haus, vor vielen Jahren aus Opfern und Not erbaut, um den Kindern Wissen und Art der Heimat zu erhalten, hat seine Bestimmung treu erfüllt. Aus den freundlich-dürftigen Räumen, von deren Wänden die fernen Landschaften der Heimat blicken, ging und geht eine Generation ins Leben, die für Ehre und Ansehen Deutschlands ihr ehrliches Teil still und treu gewirkt hat und weiterhin wirkt. Voller Stolz zeigte der Lehrer sein kleines Reich.
Ein Rundgang durch verschiedene Gemüsefarmen zeigte recht anschaulich den erstaunlichen Segen, der aus dem Schweiß und aus der Ar..it dieser Lüneburger Bauern erwachsen ist. Alle nur erdenklichen Gemüsesorten prangten in unglaublicher Größe und Vollkommenheit au den Feldern, wahre Ausstellungsstücke, herrliches Obst leuchtete aus dem dunklen Laub, und auf den freundlichen Höfen führten stolz die Hähne ihre schönen Hennenscharen. Ein paar der alten, ehrwürdigen Häuschen, m denen vor 50 Jahren das hoffnungslos scheinende Werk begonnen wurde, stehen noch: Lehmwände, mit Stroh gedeckt. Nun wohnen sie alle in sauberen Steinhäuschen mit sreundlichen Veranden, und Blumen blühen überall. Wo ich hinkam, wurde ich mit Fragen bestürmt nach der
Heimat, nach Deutschland; sie sind mit ihm verwürzest und verwachsen, ie, die das Land zum Teil nie gesehen haben, so daß man staunend und ehrfürchtig vor folcher Kraft des Biutes steht. — Deutschland hat aber viel Grund, diesen Vlaktebauern dafür zu danken, daß auch sie, an ihrer bescheidenen Stelle, die gern gebrauchte Unwahrheit von der Kolonisationsunsähigkeit der Deutschen [o schlicht und einfach widerlegt haben. *
Die Nordprovinz unserer ehemaligen Kolonie Deutsch-Ost ist wohl das Schönste von allem, was dies herrliche Land aufzuweifen hat: sie umfaßt das geheimnisvoll göttliche Gebiet des Kilimandscharo und des Meru, die ewigen Wälder um den Ngorongoro, die wunderbar freien und verlockenden Steppen um den Longido. Sie liegt zwischen dem dritten und dem vierten Breitengrad, also sehr äguatorial, aber die be- Kirchlichen Höhenlagen geben frischere Tage und oft recht kühle Nächte. Gesund und fieberfrei, fruchtbar und berückend schön ist sie ein Juwel unter den Provinzen unseres lieben alten Koloniallandes.
Rings um den Kilimandscharo und Meru und bis hinein in die Steppe dehnt sich das Siedlungsland. Viele Deutsche sitzen da, ältere Leute, die vor dem Kriege schon jahrelang in dem Land gearbeitet haben, die sich und ihrer Familie in Afrika eine Existenz aufbauen wollen. Menschen aller sozialen Schichten arbeiten hier in lebendigster „Gleich- chaltung". Arbeiter und Studierte, Adel und Bauern, alte Schutz- truppler und Jugend der Nachkriegszeit eint ein und dieselbe Hoffnung, ein und dieselbe Sorge: Kafseel
Und sie arbeiten nicht für den Tag und den raschen Erwerb, sie chauen auch in die Zukunft, sie forsten wieder auf, wo sie geschlagen haben. Es geht ihnen nicht besonders gut, den Deutschen hier, sie haben viele Sorgen, aber sie geben die Hoffnungen nicht auf und schlagen sich tapfer durch, zum Teil in Betätigungen, die ihnen nicht an der Wiege gefangen worden sind. So kenne ich zwei Mitglieder des deutschen Hochadles, die ihr Brot als Frachtfahrer verdienen; mit ihren Loren von 1,5 Tonnen fahren sie Tag für Tag über bie staubigen, glutenden Straßen, Meilen um Meilen, mit Zement, Kaffee, mit Sand, mit Kisten, was immer es ist, das man ihnen anvertraut, laden auf, laben ab von Sonnenaufgang bis oft in bie späte Nacht, müssen mit- nehmen, wer fahren will, weiß wie schwarz, müssen sich einen Schilling anbieten lassen ober Grobheiten, roie’s gerade kommt, und sind dennoch immer bereit, immer höflich, immer guten Mutes.
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Am Rande der Urwälder, an den Hängen eines gemaligen Vulkangebietes ist eine Siedlung von deutschen Kaffeepflanzern entstanden, die eine ganz vorbildliche Leistung kolonialer Arbeit darstellt. Im 3abre 1927 zwei Jahre, nachdem die Engländer dieses ehemals deutsche Land auch deutschen Siedlern wieder öffneten, drangen arbeitsfreutnge Kulturpioniere in die auffteigenben Urwälder am Oldiani, noch ohne Weg und Steg und rodeten aus den feuchten, grünverstrickten Schlupfwinkeln der Rhinozerosse und der Elefanten Hektar um Hektar in harter Arbeit zu Kaffee- und Maisland um.
Dieser Versuch erwies sich als sehr glücklich. Die nahrkraftige Lavaerbe ließ alles rasch unb gut emporwachsen; Wasser gab es oben im Urroalb genug, um es in schmalen Bewässerungsgraben auf bie Pflanzungen herabzuleiten, bie sehr nassen Nacht- unb Morgennebel sorgten für Luftfeuchtigkeit, auch wenn ber Regen ausblieb; bie als Sonnen- und Windschutz angepflanzten Schattenbäume schossen rasch in bie Hohe unb taten balbigft ihre Pflicht; so wuchs ein starker unb junger Kaffee heran, ber sich gegen Schüblinge zu behaupten wußte.
Cs ist eine wahre Freube, zur beginnenben Erntezeit biefe Psian- zunaen ZU besuchen, und weichin im dunklen ßaub die roten Aasseekirschen leuchten zu sehen. Die fröhlichen Geräusche einer Kaffee-Ernte, ber Gesang ber pslückenben Kinder, bie hellen Rufe ber in ber Pflanzung verstreuten Affenwächter, bas Surren ber Fabrikanlage, bas Tappen ber vielen nackten Sohlen unb ab unb zu ein schwäbischer ober bayerischer Krastausbruck bleiben einem noch lange heiter im Ohr. Die Farmhäuser am Dibiano finb nieder unb langgestreckt, mit dicken Strohdächern aus Bambus, die Wände aus einer Mischung von Lavaerde Nashorndung und gehäckseltem Bambus zusammengebacken, innen mit 'etwas Farbe bestrichen, die Möbel selbst gemacht aus den edlen Hölzern des Urwaldes. All die vielen Erinnerungen an die Heimat: das Bild eines Gutshofes irgendwo in der Mark, eine Ansicht von Goethes Gartenhäuschen, die Kameraden vom Regiment, ein paar deutsche Feldblumen, liebevoll getrocknet, wirken in solch exotischem Häuschen recht seltsam und ergreifend.
Als ich Südwest verließ, baten die Deutschen: vergessen Sie unser armes Sandland nicht über den Wäldern von Ost — unb es lag tn dieser Bitte schon ber Unterton: Sie werben es ja doch vergessen. Ms ich in Ost ankam, sagten bie Deutschen: „So, nun erholen Sie sich mal von bem Paviansland da drüben!" Und ich selbst, voll Hunger nach Laub und Gras unb etwas mehr Süße bes Lebens, stürzte mich froh in bie lleppigfeit ber ostafrikanischen Landschaft.
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Diese beiden Länder, so verschieden wie Tag und Nacht haben nur eines gemeinsam: bie Sonnei Sübwest, bas heißt: Sanb unb Stein unb Entbehren, bas heißt Herden, bie Nahrung suchenb burch kargen, unenblichen Busch ziehen, Land der Weiten über Menschenmaß unb ber Stille über Menschenmaß und der Einsamkeit über Menschenmaß.
Oft — das ist Afrika wie bas Herz es träumt: Urwälder, in denen Fruchtbarkeit seit tausenden von Jahren kocht, Steppen und Dickichte, in Denen die großen Wildrudel der Vorzeit leben, Berge, bie ihre Häupter aus Zedern unb Erikawölbem, aus lleppigfeit unb lebensvollem Geheimnis heben, Städte mit Sportplätzen und Villenvororten, Geselligkeit unb Frohsinn — pulsendes Leben, warmes Leben, freies Leben, hinreißendes Leben — unb dennoch — ich habe Heimweh nach Siid- westi Wieder einmal erweist sich das unbegreifliche Ratfel des menfch-


