Ausgabe 
9.3.1936
 
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Mnem Jleugeborenen bei der Taufe.

Von Hermann Claudius.

Was dir geschieht, du selber weißt es nicht. So grüßt die Knospe das Licht, und so die Blume erblüht. Aber alles geschieht in dem großen Geschehen, darinnen wir alle stehen und kommen und gehen, ein jeder zu seiner Frist. Doch ewig bleibet, was Gottes ist.

Das Märchen.

Eine Legende um den Freiherr» vom Stein.

Von Robert Hohlbaum.

Es war in jener allertrübsten Zeit, die das deutsche Volk erlebt hat, da nicht feindliche Gewalt von außen her es niederhielt, sondern dunkle Mächte des Innern alles Starke und Gute verfolgten, das sich ins Licht ringen wollte. Der alte Reichsfreiherr vom und auf dem Stein, der fein fruchtbares Leben lang bemüht gewesen war, am Bau eines großen Reiches zu wirken, sah den Traum dieses Baues in immer fahlerem Grau verblassen und endlich schwinden. Als man die besten Deutschen in Ijodp notpeinliche Prozesse verstrickte, der Jugend das Reden und Singen ver­bot, als die Kerker und Festungen, die früher von Lumpen besiedelt waren, mit den aufrechtesten Männern sich füllten, als Stein selbst einer Haussuchung nur mit genauer Rot entging, da begrub er seinen Üebens- traum im Grabe einer abgrundtiefen Verbitterung, verschloß sich allem äußeren Geschehen und verließ den Bannkreis seiner Felder und Ge­höfte nur mehr zu kurzen unaufschiebbaren Reisen.

So vereinsamte er langsam, denn auch die Anhänger und Bewun­derer, die sich vor Jahren noch in großer Zahl an jedem Tag eingestellt hatten, blieben zum größten Teile aus, die Schwachen getrauten sich nicht, und die Starken sahen entweder hinter Schloß und Riegel oder wurden so scharf bewacht, daß ihnen eine fo liebe Wallfahrt nicht mög­lich war.

So nahm es ihn fast wunder, daß eines Sommertags im letzten Abendlicht der alte Diener ihm zwei Herren meldete. Sie feien Hessen wie er, beflissen sich der Gelehrsamkeit und hießen Jakob und Wilhelm Grimm.

Der Reichsfreiherr saß im Schatten eines breitästigen Baumes in feinem Garten, das letzte Sonnenlicht spielte in den Zweigen, und so lag über der wuchtigen Gestalt ein Abglanz des großen Lebenslichtes, das dem herrlichen Manne geleuchtet hatte, und doch auch das Dunkel feines verbitterten Alters. Und dennoch fügte sich dies alles zum harmo­nischen ungetrübten Bilde.

Das empfanden auch die beiden jungen Männer, sie hielten in der Gartentür und nahmen das schöne Bild in sich auf mit einer stillen Ehr­furcht. Erst als der Hausherr ihrer ansichtig wurde, sich erhob und sie flehend erwartete, traten sie näher, verbeugten sich, nicht demütig, was dem Alten sogleich gefiel, und nahmen Platz auf den vom Diener be­reit gestellten Sesseln.

Der Freiherr sprach nicht; wie es seine Art war, sah er die beiden Besucher aus geweiteten Augen ohne Rückhalt an, aber diese Musterung hatte, nichts Verletzendes an sich, sie war so selbstverständlich, wie alles, was er tat.

Die beiden Brüder hielten der Prüfung freimütig stand, der ältere, mit dem ein wenig stärkeren klaren Männerblick, und der jüngere, in dessen Augen eine fast weibliche lächelnde Anmut lebte.

Was wünschen die Herren von mir? Ich sage Ihnen gleich vorne­weg, über die leidige Politik äußere ich mich nicht. Nein, davon will ich nichts hören!" Die große Hand machte eine abschließende starke Geste.

Wilhelm Grimm antwortete:Wir sind keine Politiker, und wir haben uns nie um die äußeren Geschehnisse dieser Welt gekümmert."

Nun regte sich Verdacht in Stein. Am Ende waren es Aestheten. Vor dieser Sorte hatte er zeitlebens einen argen Abscheu gehegt.

Ich muß Ihnen aber auch sagen, daß ich nicht willens bin, über eine Tiecksche Novelle oder die Hegelsche Philosophie zu disputieren. Papierene Dinge halte ich mir streng vom Leibe.

, sind wir in aller Ehrfurcht derselben Meinung wie Exzellenz." Aber was", er wurde ungeduldig,in Teufels Namen führt Sie ben: u mir?"

Wilhelm Grimm ließ sich nicht beirren. Er sprach ruhig weiter:Wir haben immer mehr die Gesellschaft der Handwerkshurschen, Köhler und alten Mütterchen, kurz des Volkes gesucht als die der sogenannten Ge­bildeten. Und haben so auf unserem bescheidenen Gebiete, wieder in aller Unterordnung gesagt, nach derselben Wurzel gegraben wie Eure Ex­zellenz, der Sie ja aus den Kräften des Volkes heraus den großen deutschen Staat schaffen wollten."

Den großen deutschen Staat", lachte Stein verbittert auf,ja, ich hatte einmal diesen sonderbaren Schwarm. Das hat man mir gründlich msgetrieben. Reden wir nicht mehr davon! Was bringen Sie also?"

Nun griff der Aeltere, Schweigsame in sein Felleisen und zog daraus mit gelehrter Umständlichkeit ein Buch.

Wir haben es uns zur Aufgabe gefetzt, die Märchen, die da in Unserer Heimat noch immer roeitum im Umlauf sind, zu sammeln, damit dieses kostbare Gut dem Volke nicht verlorengehe. Nun sind sie erschienen, «nd wir bitten Eure Exzellenz, ein Stück als ehrfurchtsvolle, bescheidene Huldigung anzunehmen."

Ein wenig zögernd nahm Stein das Buch entgegen, wog es zweifelnd in der starken Hand. _ , v

Märchen", fagte er kopfschüttelnd,Märchen, in dieser Zeit der

harten Tatsachen, da jeher sein Stärkstes und Bestes wirken soll gegen die Macht des Teufels? Märchen .. "

Belieben Eure Exzellenz", bat der Jüngere,nur einen Blick hin­einzuwerfen. Sollte es nicht den Beifall Eurer Exzellenz finden, so wollen wir es wieder mit uns nehmen. An unserer Verehrung wird dies nichts ändern."

Stein blätterte flüchtig in dem Buche, sah auf und wieder in das Buch hinein, las ein wenig, blätterte, las wieder, bis er endlich nicht mehr ausblickte, sondern sich immer tiefer in das Buch versenkte.

Die Sonne sank, der Diener stellte die Windlichter und eine Flasche Wein auf den Tisch, füllte die Gläser, daran die Brüder Grimm von Zeit zu Zeit nippten. Sie saßen ganz still, wagten kein Wort und sahen nur unverwandt in das wunderbare Antlitz dieses Mannes, der jahrelang, als alles wankte, allein Deutschland gewesen war. Und dieser Mann wurde nun eins mit ihrem Werk, nein nicht mit ihrem, mit dem Werk des Volkes, dessen Hüter sie waren, wurde eins mit der ganzen im Dunkel versinkenden, im Mondlicht wieder erstehenden Landschaft, die in ihrem Werke lebte. *

Endlich sah Stein auf, seine Hände hielten das Buch, indes er mit einem weiten Blick, das Land umfing.

Sie sind glücklich zu preisen, meine Herren, daß Sie fähig waren, durch den Schlackenwust der Zeit in diese Reinheit niederzusteigen. Nun, da ich wieder zur Erde zurück muß, fühle ich doppelt die Last. Mär­chen ..." sprach er vor sich hin,Märchen. Ja, Ich werde Ihnen einmal ein Märchen erzählen, das fängt an: es war einmal ein törichter Mann, der wollte ein großes Deutschland schassen. Schreiben Sie dass meine Herren! Nein, tun Sie's nicht. Sie würden Ihr reines Buch beschmutzen!"

Den Brüdern war es, als umzöge sich der Himmel mit trübem (Brau, als welkten die Bäume, als verblaßten die Sterne. So sehr waren für ihren inneren Blick schon der Mann und das Land verbunden. Aber allmählich erstarkte der Blick doch an der Kraft der herrlichen Nacht.

Eure Exzellenz, in unserer Sammlung ist auch ein Märchen ent­halten, darin der Prinz das Dornröschen wachküßt, das so lange ge­schlafen hat. Ich entblättere nicht gerne den Zauber dieser Blüte, aber wenn ich auf den sinnbildlichen Kern verweise, die ewige Wiederkehr von Winter und Frühling, von Tag und Nacht, so will ich damit nur sagen, daß diese Märchen so ganz aus der Natur und nicht aus der Phantasie irgendeines Dichters erwachsen sind. Alle Jahre, alle Tage erleben wir das Märchen vom Dornröschen. Exzellenz, auch Märchen werden wahr. Für den, der den Glauben trägt."

Der Reichsfreiherr vom Stein hebt das Haupt und lauscht dem Nach­hall der Stimme. Und ihm ist, sie käme nicht aus einem Menschen, son­dern aus dem unfaßbaren Dunkel und Licht der unendlichen Rächt.

Jagd auf den Bären.

Von Woldemar Graf von Schwerin.

Der Verfasser hat auf feinen Streifzügen im Nukon-Terri» torium in Kanada unvergeßliche Jagdfreuden erleben können, über die er in dem im Verlag Paul Parey, Berlin, erschie- nenen BuchBerge der Verheißung" berichtet.

Während Georg mit dem Glase nach dem Hirsch suchte, rief er plötz­lich:Ich sehe einen Bären!"

Ich lieh mir das Glas geben und fah tatsächlich auf demselben Hang wie die Caribous, leider nur doppelt so weit, über der Waldgrenze einen starken kohlfchwarzen Bären, der dort offenbar Moßbeeren äste, denn er bewegte sich kaum vom Fleck. Die Aussichten waren trotz der großen (Entfernung günstig, da nicht anzunehmen war, daß der Bär so spät am Abend noch einmal nach dem Wald zurückwechseln würde.

Georg fah mich zweifelnd an, da er meine Abneigung gegen lange und anstrengende Bergsteigereien kannte.

Wollen Sie wirklich bis dort hinüber zum Bären laufen? Selbst bei schnellstem Gehen wird es eine gute Stunde dauern, bis wir drüben sind." Aber die schwarze Decke drüben ließ mir keine Ruhe. Wir machten uns augenblicklich auf den Weg, und zwar talwärts in unserem be­währten Marathonlauf.

Unten im Tal ging es endlich wieder etwas im Schritt, und ich fing eben an, langsam wieder zu Atem zu kommen, da entdeckte Georg un­glücklicherweise über uns wieder den starken Hirsch.

Geben Sie mir die Büchse her! Wenn wir bis zum Büren einen Trab laufen, dann können wir vielleicht hinterher noch den Hirsch schießen!" Nun begann eine Raserei bergauf, daß mir Hören und Sehen verging. Dadurch aber, daß wir von Zeit zu Zeit immer wieder den Bären über uns sahen, und jedesmal deutlicher, wurde meine Passion so erhitzt, daß ich die wahnsinnige Anstrengung eigentlich gar nicht merkte.Nur oben fein, ehe er feinen freien Platz verläßt", das war mein einziger Gedanke. Endlich hatten wir die obere Waldgrenze er­reicht, und damit die ärgste Schinderei hinter uns. Mit größter Vorsicht ging es nun am Hang entlang der Stelle zu, wo wir den Bären zuletzt gesehen hatten. Das Gelände war hier ziemlich kupiert, Felsen, einzelne Fichten, kleine Sättel, die sich am Hang entlang zogen, man mußte mächtig aufpassen, um den Bären nicht zu übersetzen.

Wir kamen so schließlich an die Stelle, wo wir ihn zuletzt gesehen hatten, der Platz war aber leer.

Plötzlich flüsterte mir George zu:Er ist über uns hinter den zwei Fichten, streichen Sie schnell an der kleinen Fichte vor Ihnen an, er wird gleich rechts von den Fichten erscheinen".

Die Anstrichsichte war nur etwa anderthalb Meter hoch, ich kniete also rasch nieder und machte mich in Richtung auf die beiden Fichten, die etwa 100 Schritt entfernt waren, fertig. Es erschien aber kein Bär. Kommen Sie etwas weiter nach rechts und schießen Sie schnell, er hat uns weg", flüsterte George.

Ich rutschte aus den Knien etwa einen Meter weiter nach rechts und sah nun das Haupt des Bären, der mit gespitzten Lauschern nach uns herabäugte.