Ausgabe 
9.3.1936
 
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bergan; dabei stand et vor seiner offenen Grube. Ich habe einen Roman gelesen. Er erscheint in Fortsetzungsheften. Er hieß sie fand den Titel doch nicht. Da wischte sie etwas mit der flachen Hand vor den Augen weg; den Roman wahrscheinlich und die Meditation über das Sterben. Ich habe ihn gewarnt, hob sie wieder an, Auge um Auge, Bem um Bein.

Zahn um Zahn. , , ,

Ja, was habe ich gesagt? Erwin hat mich ausgelacht; aber das war falsch. Glauben Sie an Gott? Ich meine nur: es gibt da etwas. Einer agte mir mal oh, ich kenne feine Herren, studierte Leute, Sie müssen nicht denken, weil ich hier auf St. Pauli aber lassen wir das. Was wollte ich? Ja, einer hat mir gesagt, Gott ist Gerechtigkeit. Immer kommt ein Ausgleich. Er war Student, und er hat mich sehr geliebt; aber er fand, ich sei verkommen. Das war auch falsch. Sie sah tiefsinnig in ihr Glas. Ich winkte den Kellner heran und er füllte es nochmals.

Um auf Erwin zurückzukommen, Fräulein Olga, Sie wollten mir sagen, wovor Sie ihn warnten.

Vor Gott. Vor der Gerechtigkeit. Ich kann Ihnen die Geschichte heute ruhig erzählen. Erwin ist tot. Mir kann nichts geschehen, ich war bei dem Einbruch nicht beteiligt. Ich habe an der Straßenecke gewartet. Ich hätte ihn gewarnt, wenn eine Polizeistreife gekommen wäre. Ist das nicht Menschenpflicht? Aber es kam keine Patrouille. Es regnete zu sehr. Sie waren gewiß lieber auf den Wachen.

Und doch muß Verrat im Spiel gewesen sein. Die Bankfiliale war sonst nachts niemals bewacht gewesen. In der Nacht, als Erwin ein- stieg, überraschte ihn der Wächter. Erwin sagte mir, er sei angegriffen worden. Notwehr nannte er es. Gut, was geht es mich an. Das hat er mit sich selber abzumachen. Er hat den alten Mann niedergeschossen.

Von dem Geld habe ich keinen Pfennig gesehen. Auch Glaskarl nicht, der mit von der Partie war. Ich bin gewiß, mir hätte Erwin etwas gegeben. Er hat nur nicht mehr die Zeit gefunden. Er hatte es so sehr eilig, hier wegzukommen und das neue Leben anzufangen.

Sie rührte in ihrem Glas. Ihre Stirn war gefaltet in Nachdenklich­keit. Als sie dann wieder anhob zu reden, war sie in einem anderen Gedankengang.

Trotzdem glaube ich nicht, daß Glaskarl oder die anderen Freunde sich gerächt haben. Keiner wußte, wo Erwin geblieben war. Weder Glaskarl noch die Kollegen oder ein Mädchen ahnten, daß er in eine bürgerliche Existenz untergeschlüpft war. Nur ich wußte es. Ich war seine Vertraute, wahrhaftig.

Sie neigte sich zu mir. Ihre Stimme war heiser, Erregung oder Alkohol tönten sie so. Es gab nur eine Person, die unfern Erwin um die Ecke gebracht haben kann. Wissen Sie, wer es ist? Das Mädchen vom Gut in der Nähe seines Hotels. Glascha heißt sie. Ich habe sie einmal gesehen. Ihr Vater ist Professor oder so etwas. Er war bei mir, Sie wissen es. Ich habe lange gegrübelt, was der alte Mann hier wollte und warum er Erwin gerade hier suchte, den er jeden Tag im Hotel treffen konnte. Ich habe es nicht herausgefunden. Aber eines scheint mir sicher. Wenn Erwin ermordet wurde, hat es dies Fräulein, des Professors Tochter, getan!

Aber weshalb? Sagen Sie mir einen Grund!

Es gibt nur einen Grund, wenn eine Frau zu solcher Tat sich durch­ringt. Er bedrohte sie; er war gewiß ihr Liebhaber gewesen; er wurde ihr lästig und gefährlich.

Nein, Fräulein Olga, das Mädchen Glascha hat ihn geliebt.

Geliebt. Was sie Liebe nennen! Ich habe ihn geliebt! Ich war über­rascht. Man suchte Erwin. Nie wußte ich, wann er kommen würde. Aber einmal würde es gewiß sein.

Von welcher Zeit sprechen Sie?, warf ich ein.

Aber sie hörte mich nicht.

Ich wußte, er konnte nur kommen, wenn das Hotel schlief. Also mußte es mit dem letzten Zug sein. Er durfte nicht in mein Haus kommen, das war umstellt und Überwacht. So habe ich jede Nacht am Bahnhof auf ihn gewartet. Er kam nicht. Er konnte nicht mehr kommen.

Sie schluckte. Dann schrie, ja, schrie sie plötzlich nach dem Kellner und verlangte ein neues Glas. Ich lieh ihr einen Augenblick Zeit. Vorsichtig fragte ich bann:

Waren Sie auch in jener Nacht am Bahnhof, als er starb?

Natürlich. Ich sagte Ihnen: jede Nacht.

Haben Sie in der Nacht einen Mann den Zug verlassen sehen, der einen Büschel Heidekraut mitbrachte?

Sie sah mich verdutzt an.

Zufällig vielleicht?, schwächte ich die sonderbare Frage ab.

Sa, ja, sagte sie, alle bringen sie Heidekraut mit. Aber ich weiß schon, welchen Mann Sie meinen. Der Glatzkopf, nicht wahr, der ohnmächtig im Abteil lag? Der in der Heide die Sternschnuppe aus den Kops ge­kriegt haben will!

Hätte Olga mich mit der Faust zwischen die Augen geschlagen, meine Verblüffung hätte nicht größer sein können.

Erst ihre neuerliche Frage: Meinen Sie den Mann?, rief mich zu ihr zurück. Ich beeilte mich, zu nicken.

Den meine ich, gewiß. Karn er in ein Krankenhaus? Wo blieb er, wissen Sie es?

Man schaffte ihn ins Hafenkrankenhaus, sagte Olga.

Hier geschah eine Unterbrechung. Ein baumlanger Matrose betrat das Lokal. Er trug den Union Jack in Rot und Blau auf der nackten Brust. Er war sicherlich nicht mehr ganz nüchtern, aber auch noch nicht betrunken. Denn er machte eine grüßende Bewegung zu mir, als er an unjern Tisch trat.

Hallo, machte Olga, und lachte den Neuangekommenen an, how are you, old friend?

Der Engländer lachte mit einem Raubtiergebiß. Er legte statt aller Antwort die breite Rechte um Olga und zog das Mädchen zur Be­grüßung an sich.

Olga sträubte sich nicht mehr als durchaus notwendig. Der Engländer schien ein guter Bekannter, den es schon oft nach St. Pauli verschlagen

hatte; aber er mußte sie wohl ein bißchen zu herzlich gedrückt haben, oder sie fürchtete für ihr Seidenkleid, plötzlich stieß sie einen kleinen spitzen Schrei aus und wehrte den Seemann mit der Hand ab.

Und da geschah es.

Ich war nicht handgreiflich geworden; ich hatte offenkundig eine ernsthafte Besprechung mit Olga gehabt; ich war nicht Mann im Sinne von Nebenbuhler für die Holländer gewesen, die da zwei Tische entfernt saßen und deren Zigaretten Olga rauchte. Dieser Engländer aber war ihresgleichen. Er nahm sich hier Rechte heraus, die sie keineswegs gewillt waren, anzuerkennen. Der eine Mann aus Amsterdam oder Rotterdam erhob sich.

Let her go, Tommy! rief er bedächtig.

So warnt eine Mutter ihr Kind.

Der Engländer sah sich um, erkannte den Gegner und brüllte gereizt: Shut up!

Das hätte er nicht sagen dürfen. Auf so harte Art läßt sich kein fahrender Holländer den Mund verbieten.

Come on!, sagte der Rotterdamer nur noch. Und dann wirbelte ein gefülltes Glas durch die Luft und traf den Engländer genau vor die nackte Brust. Das Glas traf also auch feine tätowierte Fahne, oder der Grog war noch heiß gewesen.

Der Engländer sprang an wie ein gestochener Stier. Ein Tisch fiel um. Ein Halbkreis von Fachleuten umstand sofort die Fechter.

Ich nickte Olga zu. Sie sah nicht mehr zurück; sie war der Preis dieses Kampfes und wartete auf den Sieger.

Der Kellner nahm meinen Geldschein und vergaß in der Aufregung, die diese Schlacht schuf, das Wechselgeld herauszugeben. Ein Brüllen schwang in der Lust, eine grelle Pfeife rief nach der Polizeistreife. In der Minute, als die besternten, lackglänzenden Tschakos auftauchten, dar- runter die erregungslosen, sicheren Gesichter von Polizisten, die solchen Lagen seit Jahr und Tag gewachsen sind, gewann ich die Straße."

Frau v. Blinkburg lehnte sich aufatmend zurück.

Guter (Bott", sagte sie,wenn man Sie angegriffen hätte!"

Angegriffen, mich? Ich sagte Ihnen ja: ich kam nicht in Frage für die Leute. Denn ich stellte später fest, daß ich in der Eile ohne genügende Ausweise hier abgereist war. Man hätte mich unter Umständen eine Nacht auf der Wache behalten."

Wie gräßlich!"

Auch das ist nicht so schlimm", lachte Steyer.Ich habe das nach einer Reise über den HamburgerDom" als junger Mann erlebt. Es wurde fogar ganz nett. Wir spielten mit den dienstfreien Polizisten Skat. Ich gewann zwei Mark und achtzig. Ich weiß es noch ganz genau. Am Morgen, als mich mein alter Herr telephonisch auslöste, besorgten wir die Geschichte spielte vor dem Kriege, zur Zeit der alten Reichs­mark, einen kräftigen Abschiedstrunk für diesen Gewinn, und die ganze Wache konnte teilnehmen."

Erzählen Sie mir das genau, das ist ja eine reizende Geschichte." Später, gnädige Frau, wenn Sie erlauben. Darf ich Ihnen jetzt erst sagen, wie meine Nachforschungen gestern weiter verliefen?

Ich muhte versuchen, den Mann, den Wanderer aus der Heide, der In einem Krankenhaus lag ober gelegen hatte, ausfindig zu machen. Die Geschichte, die mir Olga aufgetischt hatte, war ja wahrhaftig zu merk­würdig gewesen. Man hat noch nie gehört, daß einem Menschen eine Sternschnuppe auf den Kops gefallen wäre."

Silvesternacht vielleicht einmal!"

Er lachte mit ihr.

Das dachte ich auch. Aber der Mann sollte ins Hafenkrankenhaus geschafft worden fein! Olga hatte das zudem alles völlig ernst vor­gebracht.

Ich nahm einen Taxi und fuhr in das Krankenhaus am Elbpark. Es gelang mir, in der Aufnahme aus den Einlieferungslisten jenes Tages den Mann festzustellen, der in Frage kommen mußte. Ich erfuhr, er iet noch immer Pattent und liege hier. Es war spät, man wollte mich natürlich nicht in den Saal lassen, aber ich kenne am Hafenkrankenhaus den kleinen Doktor Zurlacher, der ermöglichte mir eine kurze Unter­redung mit dem Mann.

Ich muhte leise sein. Er lag im großen Saal. Wir unterhielten uns flüsternd. Zurlacher blieb dabei. Er hatte mir noch zugeraunt: Gehirn­erschütterung gehabt; Loch im Kopf; nicht allzuviel sprechen lassen.

Der Patient war ein Schneidermeister; er hatte eine Heidetour ge­macht. Auf dem Wege zum Bahnhof er war querfeldein geschritten , fielen plötzlich Steine vom Himmel.

Herr, Sie mögen es mir glauben ober nicht, ich kann nichts anberes aussagen als biefe Wahrheit. Faustgroße Steine. Sie prasselten nieber in die Heibe aus wie soll ich es besser ausbrütfen? aus heiterem Himmel. Einer traf mich wuchtig am Kopf. Ich fiel hin. Sicherlich bin ich eine Welle bewußtlos liegen geblieben. Denn als ich erwachte und verstört, fassungslos zum Zug lief, immer dies Gefühl im Kopf, gleich fällst du um, gleich ist es wieder aus, kam ich gerade noch zur Abfahrt zurecht. Noch meiner Berechnung vorher hätte ich viel zu früh dort fein müssen.

Ich fragte, obgleich Doktor Zurlacher abwinkte:

Sie wissen nicht, woher die Steine kamen, aus welcher Richtung?

Vom Himmel, Herr, Meteorsteine. Ich habe Glück gehabt, ich konnte erschlagen werden.

Sahen Sie noch jemanden in der Heide zu der Zeit, als dies geschah? Der Schneider nickte.

Es ging da noch ein Mann, sagte er. Er kam auf dem Weg einher- gefchritten. Ich habe nicht auf ihn geachtet. Aber doch! Wenn Sie mich jetzt fragen: der Mann war weg, als ich wieder aufkam. Ist er auch getroffen worden und hingefallen, ober entging er bem Steinfall?

Es ist noch nicht sicher; ich banke Ihnen für bie Auskunft. Schlafen Sie sich gefunb. Gute Nacht.

Zurlacher geleitete mich roieber hinaus. Er fragte mich nichts, Ich war ihm sehr bankbar basür."

(Fortsetzung folgt.)